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Interventionen

„Girl Gangs against Street Harassment“ – Feministische Street-Art als künstlerisch-interventionistische Raumaneignungspraxis

19.10.2015, Sarah Held

Die Girl Gangs against Street Harassment verstehen sich als feministische Kommunikationsguerilla die mittels leicht zugänglicher bzw. umsetzbarer Street Art Techniken Zeichen gegen Alltagssexismen im öffentlichen Raum setzt. Dezidiertes Ziel ist, mittels subversiv-künstlerischer Interventionen Street Harassment als soziales Problem zu kennzeichnen und dem entgegenzuwirken. Die öffentlich installierten Girl Gangs sollen sexualisierte Werbenarrative im urbanen Raum stören und versuchen Weiblichkeitsbilder zu diversifizieren.

Durchquert man den urbanen Raum, sind große Werbeflächen und Anzeigetafeln mit meist (halb)nackten Frauen von erotisch bis übersexualisiert inszeniert omnipräsent (1). Scheinbar warten fast überall (weiße) perfekte Frauenkörper auf Sex und/oder suggerieren ein nicht nur völlig unrealistisches, sondern auch stark limitiertes Frauenbild. In einer Lebenswelt in der Frauen* so stark objektiviert werden, ist es nicht verwunderlich, dass sie diversen Formen von sexueller Diskriminierung, die sich oft als Street Harassment äußern, ausgesetzt sind.

Das feministische Street Art-Projekt Girl Gang against Street Harassment versucht diesen misogynen Habitus mittels Cut-Up-Techniken (dabei handelt es sich um eine Collagentechnik auf Papierbasis) aus der stark männlich dominierten Street Art zu stören. Das Projekt ist eine visuelle Attacke gegen patriarchale Strukturen in postindustriellen westlichen Kulturen, innerhalb welcher Frauen* so häufig auf ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre sexuelle Attraktivität reduziert werden. Das Cut-Up wird genutzt, um eine gewaltbereit wirkende Girl Gang, bestehend aus lebensgroßen Fotoprints der *, im öffentlichen Raum aufzukleben. Die Girls lächeln die Betrachtenden nicht lasziv oder freundlich an, ganz im Gegenteil, sie sind bewaffnet mit Baseballschlägern, Äxten sowie anderen Waffen und starren die Betrachtenden bedrohlich an und erzeugen einen gegensätzlichen und unerwartet gewaltbereiten Entwurf von Weiblichkeit.

Im Folgenden wird das Projekt skizziert. Was sind die dezidierten Ziele und wie äußert sich ein subversiver Eingriff im öffentlichen Raum? Stehen die Girl Gangs in der Tradition des feministischen Habitus, wie er von der Riot Girl-Bewegung praktiziert wurde? Mit welchen Mitteln wird interveniert? Wie ist das Projekt konzipiert und auf welche Art kann partizipiert werden?

Zunächst gilt es zu klären, was unter Street Harassment verstanden wird. Im Begriff kumulieren diverse Formen von Alltagssexismen. Gemeint sind hiermit jegliche sexistische Belästigungen, denen Frauen* im öffentlichen Raum ausgesetzt sind. Das äußert sich von anzüglichen Blicken über Hinterherpfeifen bis hin zu Kommentaren oder gar Berührungen. Erzeugt wird Street Harassment fast ausschließlich von Männern und tritt besonders häufig im öffentlichen Raum auf. Street Harassment wird gesellschaftlich häufig als Kompliment assoziiert oder gar als schmeichelhaft deklariert, zudem geht damit oft eine Bagatellisierung einher. Dass für viele Frauen* aggressives Flirtverhalten und sexuell-konnotierte Bemerkungen das unbeschwerte Nutzen des öffentlichen öffentlichen Raums teilweise tabuisieren und somit den unbeschwerten Aufenthalt darin schmälern kann, wird im Mainstreamdiskurs oft außer Acht gelassen. Als feministische Street Art möchte das Girl Gang-Projekt diesen Diskurs stören und Street Harassment als ernstzunehmendes Problem auf künstlerisch-subversive Weise sichtbar machen. Neben der Kennzeichnung von Street Harassment als ernstzunehmendes Problem, gilt es, Frauenbilder in Werbenarrativen zu diversifizieren und im urbanen Raum zu intervenieren. Die Paper Girls suggerieren zudem ein visuelles Gemeinschaftsgefühl.

Getreu dem Motto „Bildet Banden gegen Alltagssexismen“ praktiziert das Girl Gang-Projekt eine subversive feministische Raumaneignung und versucht ironisch androzentristische Strukturen zu karikierten. Denn so wie die Girl Gangs den Passant_innen mit scheinbar brachialer Waffengewalt gegenüber treten, so nehmen Frauen* das offensive und störende Street Harassment wahr. Aufgeklebt werden die Girl Gangs an öffentlichen Unorten, wie beispielsweise dunklen Unterführungen, abgelegenen Wegen oder werden gezielt an Plätzen installiert an denen häufig Street Harassment praktiziert wird. So fungieren sie als Marker im öffentlichen Raum und machen diese Form des Alltagssexismus sichtbar.

Das Projekt verortet sich innerhalb der in den 1990er Jahren entstandenen Riot-Girl-Bewegung. Dabei handelt es sich um ein feministisches Subkulturphänomen, das seinen Ursprung in den USA hat und mit dem Ziel entstanden ist, in der männlich dominierten Hardcore- und Punkszene aktiv zu partizipieren. Die Anhänger_innen der Bewegung gründeten Bands, publizierten Zines und veranstalteten Konzerte mit feministischen Bezügen. Die Bewegung war signifikanter Teil des Third-Wave-Feminism und verband auf unprätentiöse Art die Punk- und Hardcoresubkultur mit einem feministischen Habitus. So wurden feministische Theorien vom trockenen Hörsaalcharakter entstaubt, auf die Straße getragen und somit einem Personenkreis zugänglich gemacht, der sonst möglicherweise keine Berührungspunkte mit feministisch-theoretischen Inhalten gehabt hätte. Ähnlich wie die Riot Girls subkulturellen Raum (zurück)eroberten, okkupieren die Girl Gangs mittels Papieravataren öffentlichen Raum und machen dabei nicht nur auf Street Harassment aufmerksam, sondern intervenieren gegen eindimensionale Weiblichkeitsinszenierungen im Kontext von Werbenarrativen. Die Girl Gangs setzen dabei auf eine radikale Bildsprache. Dabei gilt es hervorzuheben, dass das Projekt vom Exploitationkino der 1970er im Allgemeinen und vom B-Movie „Switchblade Sisters“ (2) im Besonderen inspiriert wurde. Es handelt sich um einen klassischen Genrefilm über eine Frauengang in der New Yorker Bronx. Hier findet keine Glorifizierung gewalttätiger Gruppierungen statt, sondern es wird ein subversiv-affirmativer Habitus praktiziert. So, wie Grindhouse-Filme mit einem Augenzwinkern gesehen werden können, sollte auch die Bewaffnung der Girl Gangs als ein symbolischer und nicht als tatsächlicher Aufruf zur Gewalt gelesen werden. Gerade das Spiel mit dem Radikalen einerseits und Stereotypen andererseits im Kontext sexistischer Werbung im Nexus des Stadtraums macht das Projekt auf der Metaebene besonders interessant. So entstehen unterschiedliche Korrelationen, wenn eine Frauengruppe im Plakatformat zur Abwechslung nicht zu einem so genannten „Frauenabend“ zusammen kommt oder nackte Frauen für Bodenbeläge werben, sondern als bewaffnete und kampflustige Einheit in Erscheinung tritt (3).

Eine so konsequent brachiale bis martialische Inszenierung von Frauen* im öffentlichen Raum konterkariert das klischeebeladene Frauenbild aus Werbenarrativen. Es werden scheinbar zementierte Rollenbilder temporär aufgebrochen. Ein markanter Unterschied zur herkömmlichen Mode- und Werbeikonografie ist die selbstbestimmte Inszenierungspraxis der Girl Gangs. Die Frauen* wählten Pose, Outfit und Waffe aktiv, fungierten als Subjekte und waren nicht, wie genretypisch, passive Objekte, die nach Wünschen der Auftraggebenden parieren müssen. Als urbane Interventionen gegen den Nexus von Werbebildern und utopischen bzw. künstlichen Körperbildern leisten die Paper Girl Gangs einen (kleinen) Beitrag gegen allgegenwärtige Normierungseffekte.

Das Girl Gang-Projekt lässt sich theoretisch als Urban Hacking-Phänomen einerseits und andererseits als politisch motivierte Street Art kategorisieren. Die unter dem Dachbegriff der Kommunikationsguerilla zusammengefasst werden können. Der Grundgedanke ist dem Prinzip der Graswurzelrevolution entnommen; die Kampagne stellt online Ressourcen zur Verfügung. Das ermöglicht interessierten Personen eine aktive Partizipation, indem Girl Gangs ausgedruckt und aufgeklebt werden können. Auf diese Weise kann nach individuellen Bedürfnissen im eigenen (urbanen) Umfeld interveniert werden. Dadurch wird eine visuelle Aneignung von (Un)Orten, praktiziert, die weit über den Aktionsradius der Kampagnenintitiator_innen hinausgeht. Die dunkle Unterführung wird zwar de facto nicht weniger gefährlich, allerdings suggerieren die Paper Gangs gemeinschaftlich „Du bist nicht allein!“ und tragen so dazu bei, das vom Ort verursachte Unbehagen zu verringern.

(1) Im folgenden Text wird das „*“ verwendet, um die Vielzahl sowie die Fluidität von Geschlechtsidentitäten zu kennzeichnen. An den Stellen wo ohne Sternchen gearbeitet wird, ist die gesellschaftlich wirkmächtige heterosexuelle Norm des entsprechenden Geschlechts gemeint.
(2) Switchblade Sisters. Regie: Jack Hill. USA, 1975.
(3) https://werbung.pinkstinks.de/wp-content/uploads/2014/06/geile-Bodenbel%C3%A4ge.jpg (aufgerufen am 23.09.15)

Weiterführende Quellen

  • Downes, Julia: DIY Queer Feminist (Sub)cultural Resistance in the UK. Dissertationsschrift (Onlineressource) Vorgelegt 2010.
  • Groß, Melanie: Geschlecht und Widerstand. Post / queer / linksradikal. Ulrike Helmer. Sulzbach/Taunus. 2008.
  • Reineke, Katrin: Street Art – Ein Subkultur zwischen Kunst und Kommerz. Transcript. Bielefeld. 2007.
  • Schade, Sigrid; Wenk, Silke: Studien zur visuellen Kultur. Eine Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld. Transcript. Bielefeld. 2011.

Web

Aktuelle Projektreferenzen

Girl Gangs, Kopenhagen, Ungdomshuset (Foto: Sarah Held)

Girl Gangs, Kopenhagen, Ungdomshuset (Foto: Sarah Held)

Girl Gangs, Brooklyn, New York (Foto: Sarah Held)

Girl Gangs, Brooklyn, New York (Foto: Sarah Held)

Girl Gangs, Mannheim, Jungbuschbrücke (Foto: Sarah Held)

Mannheim, Jungbuschbrücke (Foto: Sarah Held)


1 Kommentar »

  1. [...] —>>> zum Artikel “Girl Gangs against Street Harassment – Feministische St… des Feministischen Instituts Hamburg [...]

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