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Gewalt

Gewalt gegen Frauen – Vom beherzten Eingreifen und seinen Folgen

09.07.2008, Melanie Groß

In der Nacht von Samstag auf Sonntag am vergangenen Wochenende griff ein Mann seine Freundin auf einer Straße in Hamburg an, würgte und schlug sie. Es eilten Menschen zu Hilfe und wehrten den Mann mit Reizgas ab. Dieser ging in seine Wohnung und bewaffnete sich mit zwei Messern. Als er mit diesen wieder auf der Straße erschien, riefen PassantInnen die Polizei. Zwei Funkstreifen kamen, um einzugreifen. Diese Geschichte könnte hier enden und das Gefühl hinterlassen, dass Menschen eingreifen, wenn Frauen von Lebensgefährten, Ex-Freunden oder Ehemännern angegriffen werden. Sie könnte Mut machen. Aber leider ist sie nur zur Hälfte erzählt, denn diese Szene spielte sich vor dem Autonomen Zentrum Rote Flora ab und die Eskalation nahm ihren Lauf. Es wurde eine Geschichte von Repression gegen ein linkes Zentrum und von Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen.

Die PolizeibeamtInnen wollten nämlich nicht nur den Angreifer mitnehmen, sondern auch einen derjenigen aus der Roten Flora, die der jungen Frau zu Hilfe geeilt waren. Da Reizgas verwendet wurde, wurde plötzlich einer der Helfenden als Täter eingeschätzt, der daraufhin festgenommen werden sollte. Dies wurde von den Umstehenden mit Unmut aufgenommen und es kam zu Auseinandersetzungen mit den PolizeibeamtInnen. Was genau geschah, ist schwer zu sagen, jedenfalls wurde der Helfer wohl befreit und das Polizeiauto beschädigt. Hierauf folgte eine massive Eskalation der Ereignisse: Mit der Begründung, diejenigen, die den Gefangenen befreit hatten, hätten sich in der Roten Flora verschanzt, wurde diese schließlich von Bereitschaftspolizei umstellt, ein Polizeihubschrauber kreiste über dem Gebäude und mehrere Wasserwerfer wurden aufgefahren – insgesamt waren 370 PolizeibeamtInnen im Einsatz. Gegen 11.30 Uhr am Sonntag wurde die Rote Flora schließlich gestürmt. Alle sich noch darin befindlichen Personen wurden u.a. mit den Vorwürfen des Landfriedenbruchs, Gefangenenbefreiung und Sachbeschädigung in Gewahrsam genommen.

Kurz darauf erschienen die ersten (Re)Konstruktionen in der Presse: Radio 90,3 beispielsweise spricht in einem kurzen Beitrag als Auslöser des Polizeieinsatzes schlicht von einem “Beziehungsstreit” (Radio 90,3 Beitrag vom 6.07.08 rechts im Kasten “Audio”). Der gewalttätige Angriff wird durch solche Berichterstattung völlig bagatellisiert – die Hamburger Morgenpost schreibt sogar von Pärchen-Zoff und meint dazu: “Ein Pärchen zankt sich lautstark. Nichts besonders in der Schanze.” (MoPo Artikel vom 07.07.08). So wird unter der Hand ein gewalttätiger Angriff eines Mannes auf seine Freundin normalisiert: Zum einen erscheint es als völlig normal, dass Frauen geschlagen und gewürgt werden, zum anderen wird Gewalt in Beziehungen hier als ein Privatproblem verharmlost und damit die gesellschaftlichte Bedingtheit dieser Gewalt völlig ausgeblendet.

Der NDR schreibt lediglich von “Personen, die in Streit geraten” seien (NDR Artikel vom 06.07.08) und verzichtet in einem weiteren Artikel gänzlich auf die Vorgeschichte der Ereignisse (NDR Artikel vom 07.07.08). Dies mag auch daran liegen, dass im zuerst veröffentlichten Polizeibericht, der scheinbar einfach übernommen wurde, keine Informationen zu dem Übegriff des Mannes auf seine Freundin standen. Der Bericht wurde wohl inzwischen überarbeitet und um die Vorgeschichte ergänzt (Pressebericht vom 06.07.08 16:42 Uhr).

Die Ereignisse vom Wochenende verweisen m.E. auf zweierlei: Erstens ist es ein unglaubliches Vorgehen, Personen, die in Gewaltakte eingreifen – auch wenn sie dies mit Reizgas tun, allein schon um sich selbst zu schützen – festnehmen zu wollen. Mit solchen Einsätzen straft die Polizei ihre eigenen Werbekampagnen lügen, die vom “Hinsehen”, “Eingreifen” und von “Zivilcourage” sprechen. Die Stürmung der Roten Flora, der Einsatz von 370 PolizistInnen, Wasserwerfern und einem Hubschrauber ist eine polizeiliche Eskalation der Ereignisse und nicht nachvollziehbar. Es wird sich zeigen, ob dies nun die neue Politik der Hamburger Polizei ist, auch unter Beteiligung der GAL in der Regierung regelmäßig mit Repression und Durchsuchungen gegen das linke Zentrum vorzugehen. Die taz berichtet in diesem Zusammenhang von Insider-Informationen, nach denen die Hamburger Polizei jeden Vorwand nutzen will, die Rote Flora zu durchsuchen (taz vom 08.07.08).

Zweitens ist es nicht hinnehmbar, wie in den genannten Presseberichten mit Gewalt in Beziehungen umgegangen wird. Sexistische gewalttätige Angriffe müssen als solche benannt werden, wenn wir uns nicht damit abfinden wollen, dass Gewalt gegen Frauen als alltäglich und normal eingeschätzt wird. Möglicherweise wäre es eine wichtige politische Strategie, die vielfältigen interaktiven Möglichkeiten, die die Presse im Internet anbietet – seien es Foren, Blogs oder email-Funktionen für LeserInnenbriefe – massiv zu nutzen, wenn wieder einmal gewalttätige Verhältnisse als Normalität dargestellt werden. Darüber hinaus ist und bleibt es ein Skandal, dass immer öfter komplette Polizeiberichte gedruckt werden, statt recherchierte Artikel zu veröffentlichen, in denen zumindest auch die Beschuldigten zu Wort kommen – in diesem Fall lag bereits am Sonntag Nachmittag eine Erklärung der Roten Flora zu den Ereignissen vor (Rote Flora Erklärung vom 06.07.08 15:16 Uhr).


2 Kommentare »

  1. Also, zum einen sind 2/3 der auserhäuslichen Gewaltopfer Männer, es verwundert daher also kaum, wenn in der Berichterstattung weniger Frauen auftauchen. Im Häuslichen Bereich werden 25% wer Gewalttaten von Männern begangen 25% von Frauen und bei 50% geht die Gewalt von beiden aus. Zweitens zeigt diese Geschichte ganz deutlich wie man es nicht macht. Hätte der Linke Helfer sich einfach mitnehmen lassen, wäre nichts passiert. Aber nein, scheiss Bullen schreien, die Beamten angreifen, ein Polizeiauto beschädigen und sich dann wundern, wenn die Polizei gegen einen vorgeht. Bescheuerter gehts nimmer.

    Comment by Talon — 07.05.2010 um 15:55

  2. Männer sind zwar wie du sagst öfter ausserhäuslicher Gewalt ausgesetzt. Das resultiert aber daher, dass Männer eher bereit sind Gewalt anzuwenden und diese wenden sie ausser häuslich an Männern. Also an ihrem eigenen Geschlecht. Dies hat schon L. Böhnisch in seiner kritichen Männerforschung festgestellt. Dieser Punkt ist also nicht relevant.

    Was die Gewalt in Partnerschaften angeht geht die UNO davon aus, dass ein drittel der Frauen in der Welt Gewalt erleiden muss. Sie beinhaltet psychische Gewalt wie Drohungen, Erniedrigung und Isolation ebenso wie körperliche Gewalt bis hin zum Mord sowie sexuelle Gewalt.

    Zudem sind Männer aufgrund ihres Körperbaus meist der Frau überlegen und so tragen Frauen wesentlich öfters Folgeschäden davon, als Männer die Opfer von Gewalt sind. Allerdings ist die Verteilung bundesweit, von wem die Gewalt in Partnerschaften ausgeht so gut wie ausgeglichen. Bei den Folgeschäden ist der Prozentsatz, aus den o. g. Gründen bei den Frauen wesentlich höher.

    Die Presse manipuliert uns jeden Tag, steuert den unrefletierten und ungebildeten Menschen, Tag ein Tag aus. Der Konsum des Fernsehens liegt im Durchschnitt bei ca. 3 Stunden pro Bundesbürger, bei Arbeitslosen über 5 Stunden. Dabei wird die Meinungsbildung den politischen Machstrukturen angepasst und hegemoniale Männlichkeitsstrukturen werden jeden Tag konstruiert.

    Wo Polizisten handgreiflich werden und übermässig Gewalt anwenden, wird der Mantel des Schweigens gehüllt oder verharmlost. Es liegt doch auf der Hand, dass der Staat seinen Vertretern von Recht und Ordnung mehr glaubt, als links kritisch eingestellten Menschen, die gegen Ungerechtigkeiten im System eine Haltung entwickelt haben. Sie sind zudem unbequem da sie auf soziale Ungerechtigkeiten hinweisen und sich für Minderheiten einsetzen.

    Comment by Jonas — 23.09.2010 um 21:06

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