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Gender@Wiki – ein Fachwiki für die deutschsprachige Frauen- und Geschlechterforschung

16.03.2007, Melanie Groß und Tanja Carstensen

Am 09.02.2007 ging das Gender@Wiki unter www.genderwiki.de online. Mit diesem Projekt, das aus einem studentischen Projekttutorium heraus entwickelt wurde, entsteht ein Informations- und Vernetzungsangebot für die Frauen- und Geschlechterforschung, mit dem sich aus feministischer und wissenschaftspolitischer Sicht sowie für die Internetforschung und -gestaltung verschiedene interessante Chancen, Herausforderungen und Fragen ergeben.

Am 09.02.2007 ging das Gender@Wiki unter www.genderwiki.de offiziell online. Das Wiki soll für die Frauen- und Geschlechterforschung ein “kollaboratives Informations- und Vernetzungsangebot” sein. Studierende und Lehrende sind eingeladen, das Gender@Wiki aktiv mitzugestalten. Es soll als “ein virtueller Diskussionsraum bzw. als Onlineplattform eines Kommunikationsnetzwerkes genutzt werden, in dem der Austausch von Fachinformationen unter Berücksichtigung der für die Geschlechterforschung zentralen Kennzeichen (Kategorie Geschlecht, Inter- bzw. Transdisziplinarität, Wissenschaftskritik, Wissenstransfer in die Praxis) möglich ist” (Gender@Wiki). Dieses ambitionierte Projekt entstand im Rahmen eines studentischen Projekttutoriums an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die beteiligten Studierenden aus Fächern wie Bibliothekswissenschaften und Gender Studies haben mittlerweile den Verein “Gender@Wiki – Gesellschaft zur Förderung von frei zugänglichem Fachwissen der Frauen- und Geschlechterstudien e.V.” (Bild der Gruendungsgruppe) gegründet. Seit der Eröffnung steigt die Zahl der Artikel kontinuierlich. Dabei finden sich dort nicht nur Artikel zu Begriffen und Themen, sondern auch zu AkteurInnen und Institutionen der Frauen- und Geschlechterforschung wie Forschungseinrichtungen, Bibliotheken, Stiftungen und Arbeitskreise.

Ähnlich wie bei der populären Online-Enzyklopädie Wikipedia liegt die Idee dieses Projekts darin, dass Interessierte schnell Informationen und Entwicklungen in das Wiki einarbeiten und ändern können. Das Gender@Wiki bietet Studierenden und Lehrenden gleichzeitig eine Möglichkeit, ihre Schwerpunkte und Thesen an einem zentralen Ort abzubilden. Recherchierende haben dadurch die Möglichkeit, sich einfach einen Überblick zu verschaffen, welche Personen zu welchen Themen forschen. Zu jeder erstellten Seite gehört eine Diskussionsseite, so dass strittige Punkte öffentlich diskutiert werden können. Veränderungen, die an einzelnen Beiträgen vorgenommen wurden, können durch die Versionsgeschichte nachvollzogen werden. “Gemeinsames Arbeiten an einem Text führt zur Verwischung der Grenzen zwischen passivem Lesen und aktivem Erstellen und somit zu einem neuen Verständnis von Texten”, so die Projektgruppe (Gender@Wiki: Portal). Die Texte werden als kontinuierlich im Wandel und als unfertig und veränderbar begriffen. Damit wird anerkannt, dass Wissen nichts Objektives, sondern Ergebnis umkämpfter Positionen und verhandelbar ist. Das Gender@Wiki stellt sich dadurch in die Tradition feministischer Erkenntniskritik.

Das Gender@Wiki ist aus unserer Sicht ein spannendes und unterstützenswertes Projekt, da es verschiedene Chancen beinhaltet und interessante Fragen aufwirft. Zum Beispiel stellt es die zurzeit in der Wissenschaft übliche Publikationspraxis in Frage. Der wissenschaftliche Alltag ist geprägt von der Notwendigkeit langer Publikationslisten, von Zeitknappheit und der Abgrenzung der eigenen Themen von denen anderer. Texte zu schreiben und bereitzustellen, die andere verändern können, passt nicht wirklich in diese Logik. Spannend wird also sein zu beobachten, mit wie viel Engagement sich Studierende und Lehrende an der Mitgestaltung des Gender@Wiki beteiligen.

Interessant ist auch die Frage, inwiefern mit dem Gender@Wiki ein Raum entsteht, in dem es gelingt, Hierarchien des Wissenschaftssystems außer Kraft zu setzen. Es wird sich zeigen, ob es denkbar und möglich wird, dass Studierende Artikel von Lehrenden korrigieren, kritisieren und überarbeiten.

Zudem ist das Gender@Wiki ein viel versprechender Versuch der Bündelung, Strukturierung und Vernetzung frauen- und geschlechterpolitischer Informationen im Internet. Die vorfindbare Fülle an Informationen im Internet ist größtenteils unverbunden und dadurch sehr unübersichtlich. Informationen sind oft nicht leicht zu finden. Damit bleiben viele Websites lose Punkte ohne Netz. Mit dem Gender@Wiki kann es gelingen, die verstreuten Informationen und die zergliederte und vielfältige Hochschul- und Universitätslandschaft im Feld der Frauen- und Geschlechterforschung zu vernetzen, transparenter und besser findbar zu machen. Gleichzeitig kann eine erfolgreiche Vernetzung zu einer Stärkung der AkteurInnen nach außen führen, was vor dem Hintergrund der vielerorts zu beobachtenden finanziellen Kürzungen im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung nicht unwichtig ist.

Mit dem Gender@Wiki wird auch die Forderung nach feministischer Mitgestaltung von Technik umgesetzt. Neben vielen androzentrischen und sexistischen Inhalten entsteht damit ein Ort für frauen- und geschlechterpolitische Themen im Internet. Gleichzeitig muss darüber nachgedacht werden, inwiefern es sinnvoll ist, ein eigenes, separates Wiki für die Frauen- und Geschlechterforschung zu eröffnen oder ob es nicht genauso wichtig wäre, Mainstream-Angebote wie Wikipedia mit Inhalten der Frauen- und Geschlechterforschung zu füllen. Dass es ein solches Bedürfnis zu geben scheint, zeigt die schnelle Übertragung einzelner Artikel von Gender@Wiki nach Wikipedia, die bereits kurz nach deren Veröffentlichung erfolgte. Das Interessante am Internet ist, dass beides relativ unkompliziert gleichzeitig verwirklicht werden kann.

Dass es auf diese Fragen und Herausforderungen keine eindeutigen und klaren Antworten gibt, macht das Gender@Wiki zu einem spannenden und viel versprechenden Projekt für die Frauen- und Geschlechter- sowie auch für die Internetforschung. Bleibt zu hoffen, dass sich viele Studierende, Forschende und Lehrende an der Mitgestaltung beteiligen!


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