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Bildung

Hamburger Trauerspiel um erfolgreiche Gender und Queer Studies

03.07.2008, Gabriele Winker


Stellungnahme des Feministisches Instituts Hamburg anlässlich des Hamburger Frauen-Ratschlags der Partei DIE LINKE am 1. Juli 2008

Im Wintersemester 2002/2003 starteten an Hamburger Hochschulen zwei sehr ambitionierte Projekte, der Masterstudiengang Gender und Arbeit an der damaligen Hochschule für Wirtschaft und Politik sowie ein Magister- und Diplom-Nebenfachstudium Gender und Queer Studies an der Universität Hamburg. Beide Studiengänge sind hochschulübergreifend und interdisziplinär angelegt.
Zentrales Merkmal ist die Mitnutzung einer großen Zahl einschlägiger Lehrangebote insbesondere der TU Hamburg-Harburg, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, der Hochschule für bildende Kunst, der Hochschule für Musik und Theater und der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit. Auf diese Weise wurde es möglich, den Gender und Queer Studierenden jedes Semester trotz geringer eigener Kapazitäten der Studiengänge 80-100 Lehrveranstaltungen anzubieten. (vgl. Lehrangebot im Hamburger Genderportal) Die Konzeptionen dieser Studienprogramme stießen bei Studierenden auf reges Interesse. Ca. 180 Studierende studierten oder studieren im grundständigen universitären agister- und Diplom-Nebenfach. Weitere ca. 60 Studierende, darunter viele Teilzeitstudierende, durchliefen den bereits 2004 akkreditierten Master Gender und Arbeit.

Doch hier endet die Erfolgsgeschichte. Beide Studiengänge sind inzwischen von der Universität Hamburg mit einem Zulassungsstopp belegt und drohen eingestellt zu werden. Als Gründe werden vielfältige benannt wie z.B. die angeblich zu geringe Nachfrage im Masterstudiengang, der fehlende modulare Aufbau im Bachelor-Nebenfachstudiengang oder auch immer wieder das aufgrund der geringen Kapazitäten nicht hinreichende Lehrangebot. Doch anstatt bei Schwierigkeiten und Mängel nach Lösungen zu suchen, wird von der Universität ein mit Millionen vom Senat finanziertes Projekt gestoppt, in dem Hamburg Vorreiter war und das jetzt an vielen anderen Hochschulen wie Berlin, Bremen oder Bielefeld mit viel Elan und Erfolg fortgeführt wird.

Das Feministische Institut Hamburg ist der Meinung, dass es sich für die neu gewählte Bürgerschaft, seien es die VertreterInnen in der Opposition oder in der Regierung, lohnt, die Tradition der Hamburger Gender und Queer Studies wieder neu anzustoßen. Die Bürgerschaft könnte über Runde Tische, Hearings, finanzielle Anreize und konkrete Beschlüsse Anstöße geben, die Gender und Queer Studies Projekte weiterzuentwickeln und dafür Sorge zu tragen, es sicher in der Hamburger Hochschullandschaft zu verankern.

Fachinhaltliche Gründe dafür gibt es vielerlei, so sind z.B. die Hamburger Gender und Queer Studies gerade durch die Integration der Technischen und Künstlerischen Hochschulen sehr innovativ und tatsächlich interdisziplinär ausgerichtet, noch immer ist das Hamburger Konzept bundesweit führend in der Queer Theorie und es gibt breite Erfahrungen der hochschulübergreifenden Zusammenarbeit u.a. auch in einem Graduiertenkolleg. Auch wird in Hamburg derzeit der Ansatz der Intersektionalität vorangetrieben, mit dem Diskriminierungen und soziale Ungleichheiten auf der Grundlage von Geschlecht und Sexualität verknüpft werden mit anderen Herrschaftsverhältnissen, die mit den Differenzkategorien Klasse, Ethnie oder Alter einhergehen.

Darüber hinaus haben die Hamburger Gender und Queer Studies enorme positive Auswirkungen auf die Hamburger Zivilgesellschaft. Das Feministische Institut Hamburg kann als eine Art “Ausgründung” der Hamburger Gender und Queer Studies gesehen werden. Wir versuchen theoretische Erkenntnisse queer-feministischer Forschung in die politische Praxis zu tragen. Gleichzeitig gibt es kaum eine feministische Gruppe, gleichstellungsorientierte Arbeitsgruppe oder frauenpolitische Menschenrechtsorganisation in Hamburg, die nicht über einzelne ihrer Mitglieder direkt von dem Lehrangebot der Gender und Queer Studies oder den öffentlichen Vorträgen, Workshops, Diskussionszusammenhängen profitiert, die rund um diese Studienangebote in Hamburg entstanden sind. Alle in der Bürgerschaft vertretenen Parteien, die dieses zivilgesellschaftliche Engagement schätzen und voranbringen möchten und nicht bei einer sicherlich notwendigen, aber nicht ausreichenden Karriereförderung von Frauen stehen bleiben möchten, sollten deswegen ein eigenständiges Interesse an gesellschaftskritischen Studiengängen wie die der Gender und Queer Studies haben.

Derzeit bietet die Gemeinsamen Kommission für Frauenstudien, Frauen- und Geschlechterforschung, Gender und Queer Studies zur Überbrückung der Zeit des Zulassungsstopps ein Zertifikat Genderkompetenz an, das Studierende erhalten können, wenn sie aus den nach wie vor bestehenden Gender Lehrangebote mehrere Lehrveranstaltungen belegen. Mittelfristig muss es allerdings darum gehen, die vielfältigen Kompetenzen im Bereich der Gender und Queer Studies in Hamburg neu zu bündeln. Dazu bedarf es des Interesses und der Hilfe von außerhalb der Universität. Das Feministische Institut ist der Meinung, dass es sich auch für eine lebendige Zivilgesellschaft lohnt, mit einem attraktiven Angebot wiederum Studierende nach Hamburg zu holen, die sich interdisziplinär mit Gender und Queer Studies auseinandersetzen. Diese Studierenden sind mit ihrem kritischen und im Aufdecken von Machtmechanismen geschärften Denken nicht nur ein Gewinn für die Hamburger Hochschulen, sondern auch für einen Standort Hamburg, dem der Abbau von Diskriminierungen und die Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen ein Anliegen ist.


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