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Feministische Theorien

Papst waren wir schon – sind wir jetzt schwul?

21.01.2014, Nina Degele

Das Outing von Thomas Hitzsperger im Januar 2014 hat ein Medienecho sondergleichen nach sich gezogen. Homophobie ist damit thematisiert, nicht aber verschwunden. Vielmehr liegen unter der Welle von Anerkennung und Respekt nach wie vor wirksame heteronormative Tiefenstrukturen, die medial in den Hintergrund gerückt sind, bei einer Analyse von Fußball als soziale Praxis und mediales Ereignis in den Blick kommen. Grundlage der folgenden Ausführungen ist eine abgeschlossene Untersuchung zu Sexismus, Rassismus und Homophobie im Fußball (Degele 2013).

Alles gut?

Papst sind wir seit der Bild-Schlagzeile vom 20.5.2005. Am 9.1.2014 sattelte selbige Zeitung ebenso wie die taz mit dem gleichen Aufmacher noch einen drauf: „Respekt!“ Mit einer solchen Wertschätzung überschütteten nicht nur sie Thomas Hitzlsperger, der sich als erster deutscher Fußballprofi als schwul geoutet hat. Auch weiteres klingt vielversprechend: In Deutschland ist die Verpartnerung gleichgeschlechtlicher Paare seit über einem Jahrzehnt gesetzlich geregelt, das Ehegattensplitting wird in absehbarer Zukunft auf Homosexuelle ausgeweitet und das auf Heterosexuelle begrenzte Adoptionsrecht demnächst ebenfalls gekippt werden. Schließlich fordert der Deutsche Ethikrat, (bislang gänzlich totgeschwiegene) intersexuelle Menschen in Deutschland müssten auch vor medizinischen Fehlentwicklungen, sprich den standardmäßigen geschlechtsvereindeutigenden Operationen nach der Geburt geschützt werden. Alles gut also?

Nein, und dafür muss man nicht auf vermeintliche Modernisierungsnachzügler zeigen wie etwa Russland und Katar – mit dem FIFA-Chef Joseph Blatter an der Spitze. Auf die Frage einer Journalistin, ob homosexuelle Fans auf die Reise zur Weltmeisterschaft 2022 verzichten müssten, weil in Katar gleichgeschlechtlicher Sex verboten sei, kalauerte er 2011: „Ich denke, dann sollten sie jegliche Sexualität unterlassen.“ In Frankreich machen Hunderttausende gegen die völlige rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben mobil, im bayerischen München rechtfertigt der russische Dirigent und designierte Chef der Münchner Philharmoniker Valery Gergiev das homophobe Gesetz Putins als Schutz für Kinder und in Baden-Württemberg hetzt ein Lehrer mit einer auf bedenkliche Resonanz stoßenden Petition gegen den geplanten Bildungsplan der grün-roten Regierung, der die Vermittlung von Toleranz gegenüber Homosexuellen festschreiben will: Kinder und Jugendliche dürften in dieser Frage nicht ideologisch beeinflusst werden.

Diese Fälle zeigen zweierlei: Erstens schickt es sich nicht mehr, Homosexuelle als krank und pervers zu brandmarken. Die Standards politischer Korrektheit haben sich gewandelt, legitimationsbedürftig ist nicht mehr Homosexualität, sondern Homophobie. Zweitens heißt das nicht, dass Homophobie deshalb nicht mehr existiert, sie äußert sich anders: Jetzt sind es Kinder, die geschützt, Familien, die erhalten und das deutsche Volk, das vor dem Aussterben gerettet werden muss.

Homophobe und sexistische Strukturen

Dass hinter politisch korrektem Homo-Frühling nach wie vor hartnäckige homophobe Strukturen stecken, wird spätestens im Fußball als dem (neben der katholischen Kirche) letzten Reservat kaum gebremster Homophobie und Sexismus deutlich: Fußball ist der deutsche Nationalsport schlechthin, ein Männersport par excellence, und auch wenn die Fußball-WM der Frauen 2011 in Deutschland medial gehypt wurde, sind Frauen im Fußball noch nicht wirklich angekommen. Die Bezeichnung Frauenfußball sagt schon alles, wer spricht dagegen von Männerfußball? Alles, was nicht 100-prozent männlich erscheint – und das sind nun mal Frauen und Schwule – gehört nicht in Fußball hinein und wird als Fremdkörper wahrgenommen.

So lässt sich bei Diskussionen von 22 Gruppen von Amateur- und FreizeitkickerInnen, Fans und Fußballinteressierten hinter zumeist eifrig beachteten Normen politischer Korrektheit eine ganze Bandbreite von Unsicherheiten, Ängsten, Verdrängungen und Feindseligkeiten beim Umgang mit Homosexualität rekonstruieren: Schweigen, Negieren, Umdefinieren, Verschieben (‚ich hab nix gegen Schwule, aber die Medien/Fans/Südländer würden sie fertig machen‘) bis hin zu blankem Hass: „Mit einem Analritter dusch ich nicht.“ Zusammengehalten werden diese Strategien über das Tabu der Körpernähe bei Männern. Was bei den meisten Frauen als eine selbstverständliche Berührung gilt, interpretieren viele Männer in dem hiesigen kulturellen Kontext als sexuell aufgeladen. Benannt werden darf die Kategorie Sexualität indes nicht – als würde dadurch die Büchse der Pandora geöffnet.

Vor allem der imaginierte Raum der Dusche bietet ‚optimale’ Bedingungen für homosexuelle Wünsche und Praktiken und macht sie deshalb so bedrohlich. Denn mit der körperlichen Nähe geht eine (physische und noch mehr psychische) Nacktheit einher, die es für viele offenbar schwierig macht, eine implizite Homoerotik auch tatsächlich implizit zu halten. Das macht Homophobie auch aus: die Ablehnung vor Schwulen, weil sie für die Angst vor einem abgespaltenen schwulen Anteil stehen könnten, der dann umso heftiger bekämpft wird. Schwul steht im Männerfußball also nicht nur für die Tabuisierung von Sexualität, sondern auch für die Angst vor einem Kontrollverlust. Frauenfußball dagegen hat seit jeher das Image, dass dort vor allem Lesben spielen. Das führt mitunter zu einer Vorwärts-Verteidigung. Bei der letzten Fußball WM der Frauen ließ sich gut beobachten, dass sich die Spielerinnen weiblich inszenieren mussten, um zu sagen: „Es können auch richtige Frauen Fußball spielen.“ Richtige Frauen, das heißt heterosexuelle Frauen.

Sexismus und Homophobie sind im Fußball damit funktional äquivalent, weil sie aufeinander verweisen und zirkulär funktionieren: Schwule Kicker als verweiblichte Männer und Fußballerinnen als vermännlichte Frauen haben die Funktion, Fußball als heteronormativ geschlossenes Gehege herzustellen, zu befestigen und nach außen abzusichern. Der eigentliche Tabubruch bei Frauen ist die Präsenz im Fußball, das ist als Angriff auf das klassisch männliche Territorium schlimm genug. Homosexualität bei Frauen ist nicht so dramatisch, weil sie ohnehin keine relevante Rolle (im Fußball) spielen. Die Diskriminierung beginnt bei ihnen früher als bei Männern und stellt eine massive Eintrittshürde dar: Sie tun etwas, das Frauen üblicherweise nicht tun (Fußball spielen) und sind damit keine richtigen Frauen. Bei Männern dagegen ist der Zugang zum Feld qua Geschlecht unproblematisch, dafür ein sexuelles Fehlverhalten umso gravierender. Das richtige Mannsein wird über Heterosexualität erworben, das richtige Frausein durch Nicht-Fußballspielen. Dahinter steht der Imperativ einer klaren Unterscheidung zweier Geschlechter. Das Entdramatisieren von Homosexualität hat in diesem Zusammenhang weniger mit Toleranz oder einer Liberalisierung zu tun, sondern mehr mit einer Verschiebung der Tabuisierung: Wenn Frauen ohnehin nichts auf dem Fußballplatz zu suchen haben, dann macht ihr Lesbischsein den Braten auch nicht mehr fett. Im Gegenteil: Erst die Homosexualität kann erklären, warum Frauen überhaupt Fußball spielen können – nämlich als Mannweiber – bzw. sich dafür interessieren. Dies bestätigt die Normalität von Männerfußball und die Nichtnormalität von Frauenfußball.

Oberflächentoleranz für Strukturveränderungen nutzen

Sich zumindest massenmedial durchsetzende Normen politischer Korrektheit und immer noch kaum sagbare Tiefenstrukturen wie eine Angst vor Verlust geschlechtlicher Eindeutigkeit bilden das Spannungsfeld von Toleranz und Homophobie. Dabei – und das ist die gute Nachricht – entpuppt sich die Verwandlung von political correctness in gesellschaftliche Toleranz- und Gleichbehandlungsstrukturen vor allem als eine Generationen- und damit demografische Frage. In einer mit offener Homophobie und Frauenfeindlichkeit sozialisierten Generation werden BefürworterInnen von Gleichstellung und Verselbstverständlichung geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen in der Minderheit bleiben – und aussterben. Dass so sozialer Wandel funktioniert, zeigt das Beispiel Rauchverbot aus dem Jahr 2007: Für viele der vor den 1990ern Geborenen war das Rauchverbot ein Kulturschock und von heftigen Widerständen begleitet, für die Jüngeren dagegen ist Nichtrauchen in öffentlichen Gebäuden und gastronomischen Betrieben normal geworden. Ähnlich wachsen junge Leute heute mit der Selbstverständlichkeit homosexueller Verpartnerung auf, und zukünftig sich outende schwule Fußballer werden kaum noch eine solche Medienpräsenz erfahren wir Thomas Hitzlsperger. Die nächsten „Respekt!“-Personen werden dann Trans* und Inter* sein.

Literatur

Degele, Nina (2013) Fußball verbindet – durch Ausgrenzung. Wiesbaden: Springer/VS-Verlag.


1 Kommentar »

  1. Traurig, dass es solcher “Respekt”-Bekundungen bedarf, aber solange sie nötig sind, sind sie zu begrüßen. Was mir auffällt, ist, dass Homophobie in unterschiedlichen sozialen Strukturen sehr unterschiedlich verbreitet ist. Während an der Universität in den Geisteswissenschaften Homosexualität als “interessant” oder “cool” gilt, ist sie in konservativen und religiösen Gefilden immer noch ein Tabu. Schön wäre es, wenn sie schlicht neutral wäre, ein deskriptiver Terminus, den man nutzt, um zu beschreiben und nicht, um auszugrenzen oder im Allgemeinen ab- oder kompensatorisch aufzuwerten. Dass das möglich ist, davon bin ich überzeugt. Und hier können gerade auch Naturwissenschaften einen Beitrag leisten. Evolutionspsychologie und Epigenetik als Antwort auf pseudowissenschaftliche Abwertungsstrategien.

    Comment by Mathias — 12.05.2014 um 13:09

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