Navigation




Interventionen

Was haben Kopenhagener “Krawalle” mit dem 8. März zu tun? Ein Nachruf

08.03.2007, Melanie Groß

Am 5. März wurde in Kopenhagen im Stadtteil Norrebrø in der Jagtvej 69 das Ungdomshuset abgerissen. Nach dem Beginn der Räumung des besetzten Hauses am 1. März kam es zu mehrtägigen Protesten und insgesamt etwa 700 Festnahmen. Das Ungdomshuset war ein Haus mit Geschichte: Unter anderem beschloss hier die II. Internationale Frauenkonferenz am 27. August 1910 die Einführung eines Internationalen Frauentages.

Die II. Internationale Konferenz sozialistischer Frauen, an der 100 Delegierte aus 17 Ländern teilnahmen, beschloss auf Initiative von Clara Zetkin am 27. August 1910 in der Jagtvej 69 die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages. An diesem Tag sollte gemeinsam gegen Unterdrückung und Ausbeutung und für das Frauenwahlrecht gekämpft werden. Unter den Besucherinnen der Konferenz waren auch Rosa Luxemburg und die Sozialdemokratin Nina Bang, die als erste Ministerin der Welt im Jahre 1924 dänische Erziehungsministerin wurde. In den Leitanträgen zur Konferenz schreibt Clara Zetkin:

“Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muß in ihrem Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.” (Leitanträge und Tagesordnung, PDF, Seite 3)

Die EuropäerInnen waren mit diesem Vorhaben nicht allein, denn auch nordamerikanische Sozialistinnen führten 1909 erstmals einen nationalen Frauenkampftag durch, um für die Ideen des Sozialismus zu werben und das Frauenwahlrecht zu propagieren.

Mit dem Abriss des seit 1897 als “Arbejderpalads” bekannten Hauses in der Jagtvej 69 verliert nicht nur Dänemark, sondern auch die feministische Bewegung ein geschichtsträchtiges Haus. Das erklärt auch die vielen spontanen Solidaritätsaktionen und Demonstrationen, die in der vergangenen Woche in Helsinki, London, Istanbul, Warschau, Bern, Hamburg und anderen Städten stattgefunden haben.

Der Abriss ist von der religiösen Vereinigung “Faderhuset” durchgesetzt worden, in deren Besitz das Haus seit dem Jahre 2001 ist. Faderhuset ist eine als Sekte eingestufte Gruppe, die – ähnlich wie andere religiöse Gruppierungen – unter anderem gegen Homosexualität, Abtreibung und Sex vor der Ehe mobil macht. Das Recht auf Abtreibung und der Kampf um sexuelle Selbstbestimmung sind genau die Themen, die neben den Forderungen nach Gleichberechtigung und dem Frauenwahlrecht für die Frauenbewegung zentral waren und sind.

Dieser 8. März muss ohne das Ungdomshuset bestritten werden.

Weiterführende Links:


Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

Sexarbeit – das Tabu des konservativen Feminismus

Am 5. März wurde in Kopenhagen im Stadtteil Norrebrø in der Jagtvej 69 das Ungdomshuset abgerissen. Nach dem Beginn der Räumung des besetzten Hauses am 1. März kam es zu mehrtägigen Protesten und insgesamt etwa 700 Festnahmen. Das... mehr

Zur Situation von Arbeitsmigrantinnen in Südspanien. Am Beispiel marokkanischer Frauen in der Erdbeerernte in Huelva.

Es ist kein Novum, dass die Situation der Arbeitsmigrantinnen in der Gemüseproduktion Südspaniens katastrophal ist. Die in den letzten Jahren betriebene Politik der Legalisierung hat die Situation zwar verändert, jedoch nicht zum Guten. Die Erdbeerernte in Huelva ist... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg