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Zwischen Marginalisierung und Selbstermächtigung: Perspektiven auf Frauen-Migration am Beispiel indonesischer und koreanischer Krankenschwestern

10.06.2013, Laura-Solmaz Litschel

Der mehrheitsgesellschaftliche Diskurs um die sogenannte ‘Gastarbeiter-Ära’ der sechziger bis achtziger Jahre suggeriert eine patriarchal-strukturierte Migration: Männer migrieren, Frauen und Kinder folgen. Durch diese Konnotation wird die Selbstbestimmung vieler Frauen marginalisiert, da sie historisch als ‘Nachfolge-Migration’ stigmatisiert wird. Tatsächlich kamen aber viele qualifizierte Arbeitnehmerinnen aus eigenem Antrieb in die Bundesrepublik. Die Migration von Krankenschwestern aus Indonesien und Südkorea ist ein gutes Beispiel für die Tradition qualifizierter Frauen-Migration in die Bundesrepublik, eine Tatsache, der bislang kein Platz im historischen Gedächtnis des Landes zukommt.

Lange hat die Wissenschaft, genau wie die mediale und politische Öffentlichkeit der Bundesrepublik, den Einfluss von Geschlecht auf die Strategien der Migration und auf deren strukturellen Bedingungen unbeachtet gelassen. Es ist dringend nötig, die Heterogenität der Beweggründe in den Migrations-Biographien von Frauen aufzuzeigen und sie vom Stigma der ‘Anhängsel’- Positionierung zu befreien. In den letzten dreißig Jahren hat sich vieles verändert und die Migrationsmotive von Frauen werden differenzierter betrachtet und ihre Spezifika in die wissenschaftliche Theoriebildung eingebettet. Dennoch werden auch heute noch migrierende Frauen oft viktimisiert. Dass sich Migration auch männlichem Einfluss entziehen kann, und folglich unabhängig stattfindet, wird dabei ausgeblendet.

Dies verweist auf die immer noch patriarchal geprägten Strukturen des öffentlichen Migrationsdiskurses: Wenn über Frauenmigration diskutiert wird, dann wird beispielsweise das Bild der Sexarbeiterin produziert, die unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und dort strukturell entrechtet und objektiviert wird. Diese Art der Viktimisierung wird daraufhin in absurder Weise als politisches Argument gegen Migration von Frauen im Allgemeinen missbraucht: Aus scheinbar humanitären Gründen will man dem so genanntem ‘Menschenhandel’ vorbeugen. Dass diese Art von entrechteter Migration eine sehr beunruhigende Tatsache ist, und ein dringendes Anrecht auf Öffentlichkeit und Intervention hat, soll hier hingegen selbstverständlich nicht bestritten werden. Es wäre allerdings wünschenswert, dass, neben diesem ‘Opferdiskurs’, der Selbstermächtigung von migrantischen Frauen mehr öffentliche Aufmerksamkeit zukäme.

Besonders in der Wahrnehmung der Arbeitsmigration in der sogenannten ‘Gastarbeiter-Ära’ ist das nicht der Fall. Die Migrantin der sechziger bis achtziger Jahren wird damals wie heute oft stereotypisiert als eine Frau, die ihrem Ehemann gefolgt war, weil dieser für die Familie den Ortswechsel entschieden hatte. In beiden Fällen, der Viktimisierung und der „nachfolgenden Ehefrau“, wird eine ökonomische und soziale Abhängigkeit der Frauen von Männern vorausgesetzt. Dagegen ist das Beispiel der Migration der Krankenschwestern aus Indonesien und Südkorea nur eines von diversen Fällen qualifizierter Frauenmigration. Diese soll hier, anhand eines Rückblicks in die Oral History der Geschichte des Gastarbeitssystem exemplarisch dargestellt werden. Qualifizierte Migration von Frauen in dieser Zeit soll so auch außerhalb von universitären Diskursen stärker Beachtung finden:

Indonesische und südkoreanische Krankenschwestern als ‘Entwicklungshelferinnen’ in Deutschland

„Eine meiner Patientinnen war schon mal, in Dortmund gewesen und hatte mich gefragt ob ich nach Deutschland kommen will, weil die haben damals die Krankenschwestern sehr gebraucht. Ich hatte eigentlich keine Lust nach Deutschland zu gehen, ich wollte nach Amerika. Ich hatte mich schon beworben, in Houston und […] meine Bekannte hat gesagt: “Naja, gut wenn es dir in Deutschland nicht gefällt kannst du immer noch nach Amerika.” Und ich habe dann eine Bewerbung geschickt, hier nach Braunschweig und habe fünf Flugtickets gekriegt.“ [Interviewausschnitt aus dem Gespräch mit einer indonesischen Krankenschwester].

Die indonesischen und südkoreanischen Krankenschwestern kamen nach Deutschland, weil sie bereits in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik aufgrund des Pflegenotstandes dringend benötigt wurden. Speziell die Migration aus Südkorea gestaltete sich hierbei geschlechtsspezifisch, so kamen zwischen 1963- 1977 kamen etwa 20.000 Arbeitsmigrant_innen aus Südkorea in die Bundesrepublik: Frauen als Krankenschwestern und Männer als Bergarbeiter. Als konkretes Beispiel ließe sich die Arbeitsmigration an das Universitätsklinikum Mainz, die 1965 begann, nennen.

Der Betrieb vieler Krankenhäuser drohte zusammenzubrechen, und so gab es eine große Nachfrage nach ausländischem Pflegepersonal. Die Frauen kamen zu dieser Zeit meist aus eigenem Antrieb und waren oft besser qualifiziert als ihre deutschen Kolleginnen: viele hatten Abitur und mehr Praxiserfahrung aufgrund der Vorerfahrung in ihren Herkunftsländern, in denen sie oft größere Verantwortungsbereiche hatten. So konnten Krankenschwestern in Indonesien z.B. mit ihrem Abschluss eine kleine Praxis eröffnen und in Korea eigenverantwortlich Patient_innen betreuen. Die Beweggründe aufgrund derer sich die Frauen für die Arbeitsmigration entschieden waren natürlich heterogen, ergaben sie sich schließlich aus unterschiedlichsten Biographien der Krankenschwestern. Zu nennende allgemeine Gründe wären: Die Hoffnung auf eine höhere Lebensqualität, mehr Chancen zur Weiterbildung und Karriere sowie die Gewährleistung der persönliche Sicherheit. Bei den südkoreanischen Krankenschwestern kamen, durch die Altersbeschränkung auf 35 Jahre, die Jahrgänge der 1940- 1955 geborenen. Sie hatten nationale Teilung, Diktatur und Krieg erlebt und gehörten zur Generation der postkolonialen Ära. So ergab sich bei ihnen der Wunsch der politischen Instabilität, der Perspektivlosigkeit und der Nachkriegszeit Südkoreas zu entfliehen. Einige begannen nach ihrer Beschäftigungszeit in der Bundesrepublik ein Studium oder bildeten auf andere Weise akademisch fort.
Im Unterschied zur Regulationsidee des „Gastarbeitssystems“ schien bei den Krankenschwestern eine ‘Rückführung’ in die Heimatländer, die eine so genannte ‘zirkuläre Migration’ gewährleistet hätte, nicht angedacht. Das zeigt sich daran, dass ihre Arbeitsverträge zunächst unbefristet waren. Offiziell waren die Krankenschwestern anfangs in der deutschen Migrationspolitik gar nicht vorhanden. So wurden zunächst nach Göttingen Krankenschwestern über private Kontakte angeworben. Ab dem 26. Juli 1971 gab es dann, nachfolgend auf das 1963 geschlossenen Anwerbeabkommen für südkoreanischen Bergarbeiter, ein Abkommen für die Anwerbung der Krankenschwestern, das die ‘irreguläre’ Anwerbung beendete. Die Krankenschwestern sollten jetzt für drei Jahre befristet nach Deutschland kommen. Die Politik der Bundesrepublik begann, auch in diesen Zweig der Migration regulierend einzugreifen. Auf diese Weise konnte verhindert werden, dass die Frauen über ihre Beschäftigungszeit hinaus in der Bundesrepublik blieben und auf diese Weise wie die deutschen Arbeitskräfte am Sozialsystem partizipieren konnten. Insgesamt kamen über 10.000 südkoreanische Krankenschwestern nach Deutschland von denen etwa 5.000 bis heute geblieben sind. Die Krankenschwestern stützten damals das deutsche Gesundheitssystem massiv und nur mit ihrer Hilfe ließ sich eine qualifizierte Betreuung von Patient_innen gewährleisten. Es ließe sich hier also von einer asiatischen Entwicklungshilfe für Deutschland sprechen, oder, wie die Migrationsforscherin Sun- Ju Choi hierzu anmerkt, von einer ‘umgekehrte Entwicklungshilfe’. So halfen sie also Deutschland sich zu „entwickeln“, während gleichzeitig in ihren Herkunftsländern durch die Abwanderung der qualifizierten Kräfte ein Mangel entstand. Die Problemlage löste sich also nicht, sondern verschob sich lediglich zu Gunsten der Bundesrepublik. Dennoch greift die Übertragung des Konzeptes der „Entwicklungshilfe“ nur bedingt, handelten die Krankenschwestern natürlich nicht aus derselben privilegierten Stellung heraus wie beispielsweise westeuropäische Entwicklungshelfer_innen, da sie sich in einer anderen ökonomischen Situation als diese befanden und ein Gesundheitssystem unterstützten, was ihnen selbst erst einmal keine Absicherung gewährleistete.

Eine feministische Perspektive auf Migrationspraktiken ermöglicht es, Kritik an der einseitigen Historisierung, und der daraus resultierenden Konstruktion des männlichen ‘Gastarbeiters’ zu formulieren. So reicht eine bloße Wahrnehmung der Frauen in der Migration dieser Zeit nicht aus. Sie müssen von der einseitigen Betrachtung als entrechtete und durch patriarchale Strukturen zum Ortswechsel gezwungenen Frauen mit homogenen Migrationsbiographien befreit, und als Subjekte mit bestimmten Handlungsoptionen anerkannt werden.

Literatur

  • Choi, Sun- Ju /Lee, You- Jae: Umgekehrte Entwicklungshilfe. Die koreanische Arbeitsmigration in Deutschland. In: Aytaç, Eryilmaz: Projekt Migration. Köln: DuMont 2005.
  • Lee, You Jae: Von der Homogenität zur Vielfalt? 50 Jahre koreanische MigrantInnen in Deutschland und deren Selbstorganisation. In: Kultur Korea Ausgabe 2./2013.
  • Lutz, Helma: Migrations- und Geschlechterforschung. Zur Genese einer komplizierten Beziehung. In: Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorien, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS-Verlag 2004.
  • Nghi Ha, Kien: Ethnizität, Differenz und Hybridität in der Migration: Eine postkoloniale Perspektive. In: Prokla. Heft 120. Ethnisierung und Ökonomie. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Berlin: Westphälischer Dampfbootverlag. September 2000.
  • Scheibelhofer, Paul: Intersektionalität, Männlichkeit und Migration – Wege zur Analyse eines komplizierten Verhältnisses. In: Hess, Sabine/Langreiter, Nicola (Hg.): Intersektionalität revisited. Bielefeld 2011.

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