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Bildung

Heteronormativitätskritische Filmbildung – Plädoyer für queere Perspektiven in der Medienpädagogik

08.02.2011, Julia Bader

Medienpädagogische Filmbildung hat es bislang gänzlich versäumt queer-theoretische Ansätze in der Filmbildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufzugreifen. Darum schlage ich ein Konzept heteronormativitätskritischer Filmbildung vor, mit dem medienpädagogische Ansätze innerhalb der Filmbildungsarbeit für queer geöffnet werden, das sich insbesondere für subjektbezogene Konzepte von Filmbildung dringend empfiehlt. Heteronormativitätskritische Filmbildung stellt eine veränderte Möglichkeit der Herangehensweise an das Medium Film dar: Filmische Repräsentation wird als Ort der Reproduktion heteronormativer Strukturen fokussiert und gleichzeitig der Frage nachgegangen, inwiefern Interventionen in die symbolische Ordnung durch filmisch vermittelte Formen des Widerstandes aussehen können.

Medienpädagogische Filmbildung – queere Perspektiven
Medienpädagogische Filmbildung versteht Medien als Bildungsträger, denen eine sozialisationsrelevante Funktion zugeschrieben wird, sie gelten als Wissensvermittler, die Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zur Weltaneignung und Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen eröffnen (vgl. Demmler et al. 2009, S. 9). Politische Bildung als ein Zielwert medienpädagogischer Filmbildung fokussiert die Förderung kritischen Denkens, kritischer Reflexionen von Gesellschaft und politischem Verantwortungsgefühl (vgl. Maurer 2010, S. 292f). Aktuelle Filmbildungsprojekte sind z.B. die Schulkinowochen, die jährlich bundesweit von Vision Kino durchgeführt werden, Kinder- und Jugendfilmfestivals wie das Bielefelder Kinderfilmfest oder auf internationaler Ebene das Kinderfilmfestival Lucas in Frankfurt. Weitere wichtige Träger für Filmbildungsprojekte sind der Bundesverband Jugend und Film e.V. sowie das Institut für Kino und Filmkultur.

Für subjektbezogene Konzepte von Filmbildung liegt die Relevanz der Beschäftigung mit dem Medium Film darin, unterschiedliche Interpretationen und Bedeutungszuschreibungen durch die Rezipient_innen herauszuarbeiten (vgl. Maurer 2010, S. 38). Dies geschieht vor dem Hintergrund der jeweilig einzigartigen Biografien, Erfahrungswerte, Wissensstrukturen, Normen, Werte etc. Als geeignet werden daher Filme mit einem thematisch lebensnahen Bezug für diejenigen Personen eingestuft, die für einen Filmbildungsprozess gewonnen werden sollen (vgl. Niesyto 2007, S. 11).

Auffallend in gegenwärtiger Filmbildungsarbeit ist, dass zwar gender punktuell als Analysekategorie verwendet wird, um Reflexionen stereotypisierter Darstellungsweisen von Männern und Frauen anzuregen. Das Themenfeld Sexualität/sexuelle Orientierung als Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ist bisher jedoch kaum in der Filmbildungsarbeit berücksichtigt worden. Dies wird z.B. mit Blick auf kinofenster.de deutlich: ca. 200 Filme werden gelistet, die von unterschiedlichen Filmbildungsinitiativen eingesetzt werden. Der Anteil der Filme mit schwul/lesbischen Themen ist mehr als marginal. Queer-theoretische Ansätze bieten sich an, diese Lücke zu füllen, da sie über gender hinausgehen und vielmehr Sexualität als Untersuchungsgegenstand und politische Kategorie benennen (vgl. Genschel 1997). Diesen Fokus zu wählen, bedeutet Vorstellungen von Heterosexualität als Norm und „das Natürliche“ in Frage zu stellen. Queer nimmt die Formen von Sexualität in den Blick, die im öffentlichen Diskurs unsichtbar gemacht werden und/oder als Abweichung von der heterosexuellen Norm, als das erklärungsbedürftige sexuell Andere stigmatisiert und gebrandmarkt werden, wie z.B. Transsexualität, Intersexualität, lesbische und schwule Homosexualität, Bisexualität, Asexualität etc.

Heteronormativitätskritische Filmbildung
Queer-theoretisch inspirierte Filmbildung benennt als bildungspolitisches Moment die Reflexion von Gesellschaft aus einer heteronormativitätskritischen Perspektive. Dies bedeutet eine veränderte Herangehensweise zu bisherigen, nur sehr sporadisch vorhandenen Auseinandersetzungen um das Themenfeld Sexualität/sexuelle Orientierung: Rezeptive Filmarbeit bedeutet dann gerade nicht mehr eine stark personenbezogene Thematisierung von Homosexualität, die oft in einem problemzentrierten Kontext angesiedelt ist wie das Coming Out einer Figur (Raus aus Åmål, Lukas Moodysson 1998; Sommersturm, Marco Kreuzpaintner 2004) oder der Kampf gegen die Unterdrückung von Homosexuellen (Milk, Gus Van Sant 2008). Sie zeichnet sich nicht aus durch Fokussierung der Interaktionsebene (wie verhält sich Person X zu Person Y nach deren Coming Out etc.) und will auch nicht mit Hilfe des Mediums Film zu mehr Toleranz aufrufen gegenüber so genannten sexuellen Minderheiten. Heteronormativitätskritische Filmbildung verfolgt vielmehr das Ziel Heterosexualität als gesellschaftliches Machtverhältnis zu problematisieren. Es geht um die Frage, wie heterosexuelle Normalität immer wieder hergestellt wird – Queer beantwortet diese Frage mit dem Verweis auf gesellschaftliche Diskurse, die als Ort der Herstellung gesellschaftlicher und sozialer Wirklichkeit, wie z.B. heterosexueller Normalitätsverhältnisse, verstanden werden (vgl. Genschel 1997, S. 529). Heteronormativitätskritische Filmbildung versucht Kinder und Jugendliche für diskursive Herstellungsverfahren im Film zu sensibilisieren. Diese Konstruktionsprozesse geschehen vor allem im Mainstreamfilm (vgl. Brunner 2008, S. 342f.), in dem sehr häufig heterosexuelle Lebensentwürfe selbstverständlich als sexuelle Normalität inszeniert werden – nicht in erster Linie mittels konkreter, eindeutiger Verbalisierungen, sondern indem andere Lebensentwürfe gerade nicht vorkommen, ausgeblendet werden oder allenfalls als (karikierte) Nebenfiguren auftauchen in der Funktion, Heterosexualität als Normalität zu bestätigen.

Heteronormativität als zentrales Machtverhältnis, mit dem Gesellschaft organisiert wird (vgl. Genschel 1997, S. 528f.), in die Analyse von Filmen mit einfließen zu lassen, bedeutet auch danach zu fragen, welche Möglichkeiten in Bezug auf widerständige Inszenierungen für Filme existieren in einem heteronormativ geprägten gesellschaftlichen Raum (vgl. Engel 2001, S. 132f.). Fokussiert wird die Frage danach, inwiefern queere Repräsentationen eine Intervention darstellen in die symbolische Ordnung, wie filmisch vermittelte Formen des Widerstandes aussehen können und zu einer Entprivilegierung heterosexueller Normalitätsverhältnisse beitragen können. Daher bleibt es nicht bei einer Lokalisierung heteronormativer Strukturen im Film, gleichzeitig will heteronormativitätskritische Filmbildung Kinder und Jugendliche dazu befähigen, erkennen zu können, inwiefern Inszenierungsstrategien im Queer Cinema und New Queer Cinema mit der Herstellung eigener, selbstbestimmter Bilder und Artikulationen eigener Positionen (vgl. Brunner 2008, S. 343f.) zum subkulturellen Widerstand eingesetzt werden können (vgl. Aaron 2004, S. 5f.). Filme aus dem Queer Cinema und dem New Queer Cinema sind bisher nicht als bildunsgrelevante Filme eingestuft worden, bieten sich jedoch gerade durch ihre spezifische Art der Inszenierung gesellschaftlicher Realität an: Oftmals queer-theoretisch inspiriert, problematisieren sie heterosexuelle Normalitätsverhältnisse indem z.B. nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe als Normalität entworfen werden.

Wie bisher in Filmbildungsarbeit häufig praktiziert, kommt dem Entschlüsseln der Filmsprache durch die Rezipient_innen eine besondere Bedeutung zu. Zentral ist die Frage danach, warum spezifische film-ästhetische Mittel gewählt werden (Kamera, Ton, Schnitt, Montage, Licht, Figurenkonstellation etc.), um einen bestimmten Filminhalt zu transportieren (vgl. Volland 2008, S. 155ff.). Heteronormativitätskritische Filmanalysen untersuchen, welche Mittel Film zur Verfügung stehen, um nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe darzustellen und inwiefern heterosexuelle Normalitätsverhältnisse durch eine spezifische Art der Inszenierung (ein Stück weit) entprivilegiert und destabilisiert werden können. Die Analyse des Einsatzes der subjektiven Kamera bietet sich z.B. an, um Perspektiven queerer Protagonist_innen auf Gesellschaft und ihren Alltag wiederzugeben, sie als selbstbestimmt und selbstbewusst zu zeichnen (z.B. in Mein Freund aus Faro, Nana Neul 2007). Mit Fokus auf Stilmittel des Erzählens wie Satire oder Ironie kann herausgearbeitet werden, wie der kausallogische Zusammenhang „Frau – weibliches gender – heterosexuelle Orientierung“ karikiert und aufgebrochen wird (etwa in But I’m a Cheerleader, Jamie Babbit 1999).

Differenzerfahrung als Persönlichkeitsbildung
Filmbildung ermöglicht Differenzerfahrungen z.B. durch den Einbezug widerständiger Inszenierungen in Bezug auf gesellschaftlich verankerte heterosexuelle Normalitätsverhältnisse. „Bildung hat als Entwicklung von reflexiver Distanz zum Gegebenen und zunächst selbstverständlich Erscheinenden zunächst eine irritierende Funktion“ (vgl. Fromme 2009, S. 1045). Widerständige Inszenierungen können Bildungsprozesse anstoßen, da sie alternative Lebenswirklichkeiten und Lebensentwürfe jenseits von Heterosexualität als Normalität inszenieren und somit Differenzerfahrungen darstellen können, die irritieren. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen kann heteronormativitätskritische Filmbildung persönlichkeitsbildende Prozesse anregen, die bisher durch Filmbildungsarbeit nicht ermöglicht wurden: kritische Reflexionen und ggf. Modifikation eigener Positionen, normativer Denk- und Handlungsmuster, Reflexionen der Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie eigener Normen und gesellschaftlicher Prägungen. Einer queeren medienpädagogischen Filmanalyse kommt hierbei die Funktion der Schärfung des eigenen Blickes sowohl auf gesamtgesellschaftliche Prozesse als auch auf sich selbst zu.

Queer-theoretische Perspektiven sind in der Medienpädagogik bisher nicht vertreten. Der von mir skizzierte Entwurf einer heteronormativitätskritischen Filmbildung kann bisherige medienpädagogische Filmbildung insofern gewinnbringend ergänzen, als dass Heterosexualität als gesellschaftliches Machtverhältnis problematisiert, Herstellungsverfahren der Konstruktion heterosexueller Normalität aufgedeckt und Interventionsmöglichkeiten filmischer Repräsentation aufgespürt werden. Um Filmbildung mit diesem Fokus praktisch an Schulen in Form von Kinoseminaren etc. durchführen zu können, muss sich die Medienpädagogik zunächst für queer-theoretische Perspektiven öffnen, müssen entsprechende praxistaugliche Konzepte erstellt werden und Filme aus dem Queer Cinema und New Queer Cinema endlich in der Filmbildungsarbeit berücksichtigt werden.
Politische Bildung wird als ein Zielwert medienpädagogischer Filmbildung beschrieben (vgl. Maurer 2010, S. 292f.) – heteronormativitätskritische Filmbildung bietet die Möglichkeit queere Perspektiven in der Medienpädagogik zu verankern und dem Mangel an politischen Dimensionen innerhalb der Medienpädagogik entgegenzuwirken.

Literatur

Brunner, Philipp (2008): Queer Cinema: Schwul-lesbisches Filmschaffen seit den Achtzigern. In: Christen, Thomas/Blanchet, Robert (Hrsg.) (2008): New Hollywood bis Dogma 95. Einführung in die Filmgeschichte. Marburg: Schüren, S. 339 – 354

Demmler, Kathrin et al. (2009): Medien bilden – aber wie? Grundlagen für eine nachhaltige medienpädagogische Praxis. München: kopaed

Fromme, Johannes (2009): Mediale Bildung. In: Mertens, Gerhard et al. (2009): Handbuch der Erziehungswissenschaft. Paderborn: Ferdinand Schöningh, S. 1043 – 1054
Genschel, Corinna (1996): Fear of a Queer Planet: Dimensionen lesbisch-schwuler Gesellschaftskritik. In: Das Argument, Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften. Jg. 38, Nr. 216, S. 525 – 537

Maurer, Björn (2010): Subjektorientierte Filmbildung in der Hauptschule. Theoretische Grundlegungen und pädagogische Konzepte für die Unterrichtspraxis. München: kopaed

Niesyto, Horst (2007): Filmbildung, Situation und Perspektiven. In: KinoKompetenz – der Bundeskongress „KinoKompetenz 24 mal Bildung pro Sekunde, 11. – 13 Mai 2007, Kommunales Kino Stuttgart

Volland, Kerstin (2008): Zeitspieler: Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch. Wiesbaden: VS


4 Kommentare »

  1. [...] Heteronormativitätskritische Filmbildung – Plädoyer für queere Perspektiven in der Medienpädag… Medienpädagogische Filmbildung hat es bislang gänzlich versäumt queer-theoretische Ansätze in der Filmbildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufzugreifen. Darum schlage ich ein Konzept heteronormativitätskritischer Filmbildung vor, mit dem medienpädagogische Ansätze innerhalb der Filmbildungsarbeit für queer geöffnet werden, das sich insbesondere für subjektbezogene Konzepte von Filmbildung dringend empfiehlt. Heteronormativitätskritische Filmbildung stellt eine veränderte Möglichkeit der Herangehensweise an das Medium Film dar: Filmische Repräsentation wird als Ort der Reproduktion heteronormativer Strukturen fokussiert und gleichzeitig der Frage nachgegangen, inwiefern Interventionen in die symbolische Ordnung durch filmisch vermittelte Formen des Widerstandes aussehen können. (Feministisches Institut Hamburg / von Julia Bader) (tags: film bildung filmbildung queer heteronormativitaet heterosexualitaet kinder feminismus genderblog gender) [...]

    Pingback by [i:rrhoblog] » links for 2011-02-14 — 14.02.2011 um 11:20

  2. Hallo, in den Literaturangaben fehlt ein Titel, bzw. zu folgendem Zitat kann ich keinen zugehörigen Titel in den Literaturangaben finden: “bedeutet auch danach zu fragen, welche Möglichkeiten in Bezug auf widerständige Inszenierungen für Filme existieren in einem heteronormativ geprägten gesellschaftlichen Raum (vgl. Engel 2001, S. 132f.)”
    Könnten Sie mir mit dem Titel helfen? Mit freundlichen Grüßen, Lisa

    Comment by Lisa Steck — 20.03.2017 um 12:22

  3. Ebenso dieser Verweis: zum subkulturellen Widerstand eingesetzt werden können (vgl. Aaron 2004, S. 5f.). Wie heißt das Werk?

    Comment by Lisa Steck — 20.03.2017 um 12:32

  4. Hallo Lisa, danke für deinen Hinweis! Hier die Quellen:

    Engel, Antke (2001): Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Campus

    Aaron, Michele (2004): New Queer Cinema. A Critical Reader. Rutgers University Press

    Viele Grüße!
    Julia

    Comment by Julia Bader — 12.04.2017 um 13:11

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