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Interventionen

Feministisches Pamphlet zur Sexarbeit in Hamburg

10.02.2012, Tina Habermann

Eine Mischung aus dem Wunsch, die Frage nach „dem Feministischen“ in der Thematisierung von Sexarbeit zu beantworten, aus der Notwendigkeit, die Verquickung von Herrschaftsverhältnissen auch gegen konservativ-feministische und hegemoniale Deutungsweisen aufzuzeigen und aus schlichter Wut über derzeitige stadtpolitische Argumentationen und Praxen innerhalb des konkreten Konflikts um Sexarbeit in St. Georg brachte dieses Pamphlet hervor, dass es sich zur Aufgabe macht, kurz und knapp Gedanken zusammen und auf den Punkt zu bringen.

Zunächst stellt es sieben Punkte vorweg, die im Folgenden ausgeführt werden.
1. Sexarbeit ist Teil der kapitalistischen Lohnarbeitsverhältnisse, ebenso wie vergeschlechtlichter Logiken über „verfügbare Körper“.
2. Sexarbeit ist darin der selbstbewusste Einsatz des sexuellen Kapitals innerhalb von rassistischen Verhältnissen globaler und vergeschlechtlichter Arbeitsteilung.
3. Innerhalb kapitalistischer Verhältnisse wird Sexarbeit hier als Form von Inwertsetzung betrachtet und steht unter anderem Vorstellungen von Eheverhältnissen, in denen der Anspruch auf Verfügbarkeit von dem „Ernährer“ erkauft wird, als selbstbewusste Entscheidung gegenüber.
4. Die_der Sexarbeitende entscheidet über Preis, Art und Ort der sexuellen Dienstleistungen.
5. Diese Bedingungen gilt es zu stärken und durchzusetzen.
6. Darum heißt hiernach eine feministische Position: Für die Selbstbestimmung und deren Absicherung zu kämpfen.
7. PS: Repression, Spaltung und Verdrängung sind schlicht Akte der Gewalt.
Diese Auflistung von Punkten entspringt der Zielsetzung, die Essenzen der Kritik runterzubrechen und benennbar zu machen. Ihre Ausführung ist ein Eingeständnis, dass Einiges der Erläuterung und Verfestigung bedarf.
Spätestens seit Entstehung der bürgerlich-männlich-nationalen Gesellschaft wird Sexarbeit als Infragestellung der hinter diesem System stehenden dichotomen Logiken gesehen und bekämpft, bzw. zu regulieren versucht. Die „Hure“/Sexarbeiter_in stellt die Logik von Produktion/Reproduktion, geschlechtlicher Arbeitsteilung und Entlohnungshierarchien in Frage. Die_der Sexarbeiter_in verkehrt innerhalb aller Klassen, der Verdienst ermöglicht das Anlegen eines wohlhabenden Habitus, die Arbeit ist nicht an nationale Begrenzungen gebunden und kann selbstständig jederzeit verlegt werden. Auch Geschlechterrollen können – entsprechend der Nachfrage – kreativ angeeignet, performt, verqueert werden. Zudem bricht das selbstbewusste Einsetzen der Sexualität mit der Rolle passiver (kostenloser!) weiblicher Verfügbarkeit und dreht die Ordnung um, indem der Mann angelockt wird, der Sexarbeiter_in dann aber die Entscheidung obliegt, das Erwünschte zu versagen oder einen Preis dafür festzulegen.
Die Sexarbeitenden stellen so für bestehende Ordnungen eine Bedrohung, aus feministisch-dekonstruktiver Perspektive aber ein Aufbrechen, dar. Die „Hure“ ist ein_e Grenzgänger_in zwischen den Geschlechtern, zwischen nationalen und Klassengrenzen; sie verweist auf die Durchlässigkeit dieser Grenzen selbst. Diese Unterwanderungen von sich immer wieder scheinbar natürlich reproduzierenden Logiken und besonders die (Wieder-)Aneignung der Selbstbestimmung über den sexualisierten Körper verweist aus queerer Sicht auf ein selbstermächtigendes Moment und stellt sich gegen Viktimisierungen von (migrierten) Frauen – in ihren differenten Subjektivitäten und sozialen Positionen.
Die Undurchsichtigkeit, das Chaos der Sexarbeit (sowie die Gefahr des unkontrollierbaren Durchdringens der bürgerlichen Gesellschaft mit Krankheiten) spielten auch historisch für die Aushandlung und Durchsetzung gesellschaftlicher Normen eine wichtige Rolle. Mitte des 19. Jahrhunderts brachten nationale Innenpolitiken in Europa Regulierungen der Prostitution hervor. Ergänzt von moralischen Bildern und ihren praktischen Konsequenzen wie den „gefallenen Mädchen“, der Bekämpfung von „Herumtreiberei“ und mangelnder „Sesshaftigkeit“ wurden Zwangsuntersuchungen, Meldeauflagen, zeitliche und räumliche Begrenzungen sowie kontrollierte Bordelle anstelle von Straßenprostitution eingeführt. Der Großteil dieser Maßnahmen hat die Zeit überdauert und besteht fort. Damit „wurde der Hure die Verfügungsgewalt über den eigenen Körper entzogen und dieser unter staatliche Aufsicht und Verwaltung gestellt“(1). Die Regulierung und gleichzeitige Repression – damals wie heute – entziehen den Frauen/Sexarbeitenden das Selbstbestimmungsrecht.
Dieser Punkt ist aus (queer-) feministischer Perspektive fundamental. Der (meist verweiblichte) Körper wird unter ein männliches System der Ordnung und Verwaltung gestellt. Die Disziplinierung stellt zudem durch die männliche Regulierung die Grundlage dar, auf der männliche Kunden der Arbeit sich im Glauben wähnen können, Teil des Systems derjenigen zu sein, das über die sich Anbietenden zu entscheiden und verwalten vermag. Bestehende Risiken in der Arbeit werden so verstärkt. Grenzüberschreitungen und Übergriffe werden so im Vorhinein durch Instanzen von Repression und Moral quasi legitimiert. Dagegen ist es einzig die Unterstützung in dem Moment der Selbstbestimmung der Sexarbeiter_in, mit der dieses Verhältnis wieder umzudrehen ist und in dem die Arbeitende die Macht über ihre Produktionsmittel zu erhalten vermag.
Ein weiterer Punkt in der geschlechtlichen Ordnung ist die Aufspaltung in die „Hure“ und die „Heilige“. Sexarbeit soll mittels von Repressionen in der bürgerlichen Gesellschaft unsichtbar gemacht werden. Die „Heilige“, die (bürgerliche-weiße) Frau soll vor vermeintlicher Verwechselungsgefahr mit der „Hure“ geschützt werden. Sie soll sich auf den häuslichen Raum beschränken, sich dem öffentlichen fern halten und letzterer soll die sexuellen Dienste zwar weiterhin ermöglichen, aber unsichtbar sein.
In diesem Denken mag auch die Begründung der momentan für St. Georg beschlossenen „Freierbestrafung“(2) liegen. Denn diese dient nicht der Ermahnung der Männer, prekäre Verhältnisse in kapitalistischen Hierarchien nicht auszunutzen und auch nicht dem Schutz der Sexarbeitenden vor unangenehmen Kunden. Sie ist vielmehr Ausdruck eines patriarchalen Machtbestrebens oder maximal eines daraus hervorgehend motivierten Schutzbedürfnisses gegenüber den „Heiligen“ – umgesetzt durch die „Schutzmänner“/Ordnungshüter. Hiermit ist auch die Setzung einer räumlichen Ordnung vollzogen: Der private Raum ist der „Schutzraum“ der „heiligen bürgerlichen Weißen“. Wie Sexualität in diesem gelebt wird, ist nicht Teil öffentlicher Auseinandersetzungen. Die Sexualität der öffentlichen Räume soll (ebenfalls) in männlichen Regulierungen aufgehen und dabei auch unsichtbar und so dethematisiert werden. Die Berechtigung darüber, wer angesprochen, begehrt, angefasst werden darf, soll in patriarchaler Deutungshoheit liegen. Die Regulierung der Sexarbeit dient dieser Selbstversicherung männlicher Logiken. Frauen/Sexarbeiter_innen, die selbst über ihre Sexualität und den Zugang dazu bestimmen, kann es in diesem (bürgerlich-national-weiß-hetero-männlichen-*) Ordnungssystem nicht geben, sie werden der Repression ausgesetzt.
Die Freierbestrafung ist also nicht Ergebnis feministischer Forderungen nach Einbezug einer kritischen männlichen Position, sondern ein disziplinierendes Mittel mit dem Resultat der gnadenlosen Prekarisierung der Sexarbeiter_innen, denen so die Grundlage zur Lebensfinanzierung entzogen, deren Konkurrenzdruck verschärft und deren Basis für selbstbestimmte Wahl der Arbeit minimiert wird. Eine Spaltung in „gute“ (Steuern erbringende) und „zu verdrängende“ (rassifizierte, drogengebrauchende) Sexarbeiter_innen gilt es abzuwehren. Dagegen dient aus queer-feministischer Sicht die Forderung nach Rechten, ebenso wie eine Solidarisierung und Stärkung gegen rassistische Abgrenzungen. Eine feministische Position innerhalb dieses Konfliktes muss in einer Fokussierung auf Selbstbestimmung liegen. Hierzu bedarf es der Intervention in Diskurse, um Selbstbestimmung als Wert stark zu machen, ebenso wie einer rechtlichen Absicherung für ALLE Sexarbeitenden. Also: Stärkung der Arbeitsrechte für alle, Recht auf soziale Leistungen für alle, Abschaffung von Einschränkungen durch Aufenthalts- und Arbeitsgesetz, Abschaffung des Betäubungsmittelgesetzes, der Sperr-/Gefahrengebiete sowie des Zwangs zur Lohnarbeit.

Fußnoten
(1) Frank, Susanne (2003): Stadtplanung im Geschlechterkampf. Stadt und Geschlecht in der Großstadtentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts. S. 154
(2) Hiermit ist die aktuell für Hamburg St. Georg diskutierte „Kontaktverbots-Verordnung“ gemeint, die es Kunden unter Strafe von bis zu 5000 Euro untersagt, von Sexarbeiter_innen ihre Dienstleistung zu erfragen.


2 Kommentare »

  1. Liebe Frau Habermann,
    vielen Dank für Ihre Analyse und Verständnis von agency, Opferrollen, und race, class, citizenship intersectionality. Sehr hilfreiches Pamphlet und Stellungnahme. Es wäre gut, dies mehrsprachig anzufertigen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Mechthild Nagel, PhD
    Editor, Wagadu, wagadu.org, open access journal

    Comment by Mechthild Nagel — 02.05.2012 um 20:57

  2. Sehr geehrte Frau Habermann,

    vielen Dank für Ihre treffende Analyse, die angesichts der momentanen Medien-Kampagne aktueller denn je ist. Wie Sie mit ihrem Artikel beweisen ist die Gesamt-Thematik sehr komplex, und damit tragischerweise auch zu anspruchsvoll für die meisten Medien, um sich damit auseinanderzusetzen. Mögen Artikel wie diese das allgemeine Bewußtsein für eine differenziertere Betrachtungsweise schärfen.

    Herzliche Grüße,
    Laura (Callgirl, Sex-Worker)

    Comment by Laura — 02.11.2013 um 01:21

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