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Interventionen

Populäre Lesarten des Feminismus als Chance für gesellschaftskritische Debatten nutzen!

11.10.2007, Gabriele Winker

Ist der Feminismus tot oder neu und anders lebendig? Diese Frage wird in den bundesrepublikanischen Massenmedien derzeit wieder verstärkt diskutiert. In die mediale Aufmerksamkeit kehren Feminismen zurück, die im neoliberalen Gewande nach dem Motto – jede ist ihres Glückes Schmiedin – die individuellen Leistungen und Karrieremöglichkeiten von Frauen als Unternehmerinnen ihrer selbst betonen oder im differenzfeministischen Gegenmodell auf die Fürsorgeverantwortung und -wünsche von Frauen verweisen. Ich sehe in diesen oft ärgerlichen und unfruchtbaren Debatten – beispielsweise in den Auseinandersetzungen mit Eva Herrmann, aber auch der F-Klasse von Thea Dorn – durchaus eine positive Herausforderung für ein verstärktes gesellschaftskritisches Engagement aus marxistisch-feministischen und queer-feministischen Perspektiven.

Bevor allerdings feministische Positionen neu bestimmt werden können, gilt es die Schwierigkeiten zu analysieren, in die feministische Politik in der BRD in den letzten zumindest 20 Jahren geraten ist. Vor allem gleichstellungspolitisch ausgerichtete liberalfeministische Ideen wurden wirtschaftspolitisch instrumentalisiert. Wie dies funktioniert, haben Boltanski/Chiapello (2003) an einem anderen Beispiel, nämlich der von ihnen so genannten Künstlerkritik der 1968er-Generation verdeutlicht. Das von Teilen dieser politischen Bewegung gesellschaftskritisch verstandene Ziel nach entfremdungsfreier Arbeit eignete sich gut für eine ideologische Rechtfertigung der neoliberalen Neuausrichtung. Die zunehmenden Anforderungen an Erwerbstätige, im Beruf eigenverantwortlich hoch effizient tätig zu sein, sich lebenslang zu bilden und ein an die Erwerbsarbeit flexibel angepasstes Leben zu führen, können als Befreiung von tayloristischen Entmündigungen und diskriminierenden Hierarchien verstanden werden. Die Künstlerkritik läuft seither ins Leere, soweit sie nicht mit einer grundlegenden Sozialkritik verbunden wird, die strukturelle Ungerechtigkeiten im Visier hat.

Nicht anders freilich ist es den feministischen Forderungen nach beruflichen Gleichstellungen zwischen den Geschlechtern ergangen, entsprechen doch auch sie den kapitalistischen Verwertungsanforderungen in neoliberalen Zeiten. Jeder und jede soll – unabhängig vom Geschlecht – eigenverantwortlich und ökonomisch selbstständig sein oder ihr Leben gestalten und für die eigene Reproduktion wie die der Kinder und pflegebedürftiger Verwandter Verantwortung übernehmen. So wird schrittweise, aber durchaus zügig – mit ideologischer Unterstützung feministischer Gleichstellungsansprüche – das Familienernährermodell abgebaut, da der dafür erforderliche Familienlohn für den Haupternährer sich im Sinne der kapitalistischen Akkumulationslogik als sehr teuer darstellt. Die Frage, wer dann die Betreuungsarbeit für Kinder und pflegebedürftige Menschen übernimmt, ist damit allerdings weiter umstritten. Familienpolitik wird unter Führung von Ursula von Leyen zur Wirtschaftspolitik. Staatliche Betreuungseinrichtungen erhalten nur unter Work-Life-Balance Gesichtspunkten ihre Berechtigung, also dort, wo ansonsten die Erwerbstätigkeit von Frauen in Gefahr ist. Primär für Personen mit hoher Fürsorgeverantwortung für Andere führt diese Politik zu unterschiedlichsten Problemlagen. Je nach finanziellen Ressourcen werden Fürsorgearbeiten im eigenen Haushalt oft über illegalisierte MigrantInnen ökonomisiert oder es kommt vor allem bei erwerbstätigen Frauen zu massiven Doppelbelastungen. In Bedarfsgemeinschaften lebende Personen leiden gleichzeitig unabhängig vom Geschlecht und ihren Fürsorgeverpflichtungen unter dem Zwang, jede nur denkbare Erwerbstätigkeit aufnehmen zu müssen (vgl. Winker 2007).

Auch wenn klar ist, dass die Lösung dieser Probleme nicht im Zurück zum Familienernährermodell liegen kann, bleibt die Frage, wo in diesen Zeiten die herrschaftskritische Stoßrichtung von feministischen Aktivitäten zu suchen ist. Ich sehe derzeit zwei vordringliche feministische Herausforderungen, die es in vielfältigen Öffentlichkeiten zu debattieren gilt. Feministische Politik sollte sich auf der Strukturebene aus marxistisch-feministischen Perspektiven mit der Gestaltung von Reproduktionsarbeit und auf der Identitätsebene aus queer-feministischen Perspektiven mit dem Ausschluss der jeweils Anderen auseinandersetzen

Zur Politisierung der Reproduktionsarbeit: Feministische Einsprüche müssen sich auf der sozio-ökonomischen Ebene verstärkt auf die ungerechte Verteilung von Reproduktionsarbeit und Fürsorgeverantwortung beziehen. Dies ist ein Themenbereich, der auch heute noch bei gesellschaftskritischen Positionen außerhalb des Feminismus eine viel zu geringe Berücksichtigung findet. Schon Marx hat deutlich gemacht, dass der Wert der Ware Arbeitskraft, der im Lohn ausgezahlt wird, im Durchschnitt aus den Kosten für die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft und die ihrer Kinder besteht. Die günstige Variante, um diesen Lohn zu drücken, besteht darin, dass Reproduktionsarbeiten von Erwerbstätigen zusätzlich zur Berufsarbeit getätigt werden. Damit entfallen teure Ernährerlöhne und Kosten für staatliche Transferzahlungen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass derzeit rund um die früher vernachlässtigte Familienpolitik große gesellschafts- und wirtschaftspolitische Debatten stattfinden. Hier haben sich aus meiner Sicht FeministInnen einzumischen. Dabei geht es nicht darum, rückwärtsgewandt für den alten Wohlfahrtsstaat zu plädieren, der noch immer durchwoben von der androzentrischen Orientierung am Familienernährer ist. Stattdessen gilt es sich um vielfältige Formen staatlich oder genossenschaftlich organisierter kostenloser Betreuungseinrichtungen für Kinder sowie für pflegebedürftige Menschen einzusetzen sowie für ein allen Menschen gleichermaßen zugängliches Bildungs- und Gesundheitswesen. Ferner muss wieder verstärkt auf radikale Arbeitszeitverkürzungen fokussiert werden – verbunden mit Mindestlöhnen und einem bedingungslosen, die Existenz sichernden Grundeinkommen. Dies sind alles Ziele, die auch für Menschen mit hoher Fürsorgeverantwortung soziale Teilhabe ermöglichen.

Zur öffentlicher Infragestellung vielfältiger Abgrenzungen: Gleichzeitig gilt es in neoliberalen Zeiten, in denen alle primär damit beschäftigt sind, für sich selbst eigenständig einen lebenswerten Weg zu finden, der weiteren Individualisierung zu begegnen, die mit der Ausgrenzung Anderer einher geht. Dort gilt es noch viel konsequenter von Queer Theory und Queer Politics zu lernen (vgl. Wehr 2007). Auch wenn wir zu eigenen Subjektwerdung gezwungen sind, uns von Anderen abzugrenzen, sind Menschen in der Lage darüber zu reflektieren und die Grenzziehungen zwischen Eltern und Personen ohne Kinder, zwischen heterosexuell und homosexuell orientierten Personen, zwischen Menschen ohne Migrationshintergrund und MigrantInnen immer wieder neu infrage zu stellen. Dazu sind neue Formen der Einübung in solidarisches Handeln von enormer Bedeutung. Differenzierungskategorien dienen der Aufrechterhaltung menschenunwürdiger Herrschaftsverhältnisse, stellen aber gleichzeitig auch tagtägliche Angriffe gegen die Würde anderer Menschen dar.

Zusammenfassend: Gefragt sind leidenschaftliche Analysen im Erkennen der Zusammenhänge von Unterdrückung und Diskriminierung im Produktions- wie im Reproduktionsbereich in ihrer Verwobenheit entlang unterschiedlicher Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Rasse und auch Körper (vgl. Intersektionalitätsansatz) sowie politischer Widerstand gegen die Ausgrenzung und Marginalisierung bestimmter Personengruppen. Die feministischen Analysen können sich dabei mit den Erkenntnissen vieler anderer sozialen Bewegungen inhaltlich treffen. Die feministische Aufgabe besteht dabei einerseits bei der Verwobenheit verschiedener Differenzierungskategorien immer wieder auf Geschlechterkonstruktionen – verstanden als Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit und der Heteronormativität – hinzuweisen. Gleichzeitig gilt es der Verschleierung vielfältiger Reproduktionsarbeiten im so genannten Privaten entgegenzuwirken. Damit werden Gewalt und Unterdrückung innerhalb familiärer Konstruktionen deutlich, gleichzeitig wird aber auch aufgezeigt, dass das kapitalistische Gesamtsystem auf dem Rücken derer funktioniert, die zusätzlich zur Aufgabe und Pflicht sich selbst zu ernähren vielfältige Erziehungs- und Pflegearbeiten übernehmen. Aus diesen Perspektiven entsteht eine nicht nur nationale, sondern auch globale Gesellschaftskritik, die sich im ganz umfassenden Sinne gegen bestehende Herrschaftsstrukturen ebenso wendet wie gegen die verkürzte gleichstellungspolitische Forderung nach Teilhabe am System.

Damit ist der Feminismus alles andere als tot, sondern knüpft an alte Traditionen an, in denen kritische Debatten, soziale Kämpfe und emanzipatorischen Bewegungen mit einem Fokus auf die Kategorie Geschlecht die Aufhebung von Unterdrückungsstrukturen und von Marginalisierungsmechanismen zum Ziel haben (vgl. Hennessy 2003). Gleichzeitig ist es notwendig, feministische Positionen an die jeweiligen gesellschaftspolitischen Widersprüchlichkeiten anzupassen, insofern kann auch von neuen erweiterten feministischen Ansätzen gesprochen werden. Systemische Widersprüchlichkeiten bestehen heute im Gegensatz zwischen weltweitem kapitalistischem Profitstreben und dem Wunsch vieler Menschen nach hoher Qualität von Dienstleistungen, gerade im Bereich der Fürsorge. Gleichzeitig gibt es aufgrund von Individualisierungstendenzen auch deutliche Widersprüche zwischen unserer eigenen Verwobenheit in Abgrenzungen von den jeweils Anderen, die darüber marginalisiert und bedroht werden, und dem Wunsch nach Solidarität – auch mit den Ausgegrenzten. Entlang dieser Widersprüchlichkeiten lassen sich Auseinandersetzungen auch im Rahmen hegemonialer Feminismusdebatten führen und verschiedenartigste Widerstandspraxen verbreitern (vgl. Groß 2007): Es muss wieder verstärkt deutlich werden, dass eine andere Welt möglich ist, in der ein menschenwürdiges Leben für alle selbstverständlich ist.

Literatur:

  • Boltanski, Luc; Chiapello, Ève (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz
  • Groß, Melanie (2007): Feministischer Widerstand aus post-/queer-/linksradikal-feministischer Perspektive. In: Melanie Groß; Gabriele Winker (Hg.): Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster, 169-189
  • Hennessy, Rosemary (2003): Feminismus. In: Frigga Haug (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Feminismus, Band 1, Hamburg, 155-170
  • Wehr, Christiane (2007): Queer und seine Anderen. Zu den Schwierigkeiten und Möglichkeiten queerer Bündnispolitik zwischen Pluralismusansprüchen und Dominanzeffekten. In: Melanie Groß; Gabriele Winker (Hg.): Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster, 149-168
  • Winker, Gabriele (2007): Traditionelle Geschlechterarrangements unter neoliberalem Druck. Veränderte Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft. In: Melanie Groß/Gabriele Winker (Hg.): Queer-|Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Münster, 15-49

1 Kommentar »

  1. Der Artikel ist sehr interessant. Allerdings bin ich etwas erstaunt, dass in diesem Kontext gar keine Auseinandersetzung mit den Feministinnen stattfindet, die Patriarchatskritik mit bezug auf matriarchale Gesellschaften (in der Vergangenheit und heute) und den daraus abgeleiteten Erkenntnissen über egalitäre Gesellschaftsorganisation üben und den damit verwobenen Kongressen und Veröffentlichungen über feministische Utopien auf der Basis von Patriarchatskritik und einer Orientierung an matrilinearen, matrifokalen Lebensformen. Es wäre interessant für mich, zu erfahren, warum nicht. Es gibt mittlerweile eine Fülle von Literatur zu diesen Ansätzen. Wo liegt das Problem?

    Herzliche Grüße,
    Daphne Wurzbacher

    Comment by Daphne Wurzbacher — 17.08.2009 um 13:14

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