Navigation




Feministische Theorien

Geschlechtertheoretische Diskurse in den USA. Eine subjektive Situierung

11.05.2010, Stefan Paulus

Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universität Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven Überblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren führte ich Gespräche, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen über geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie “Klasse” im Zusammenhang mit der Kategorie “Geschlecht” besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalität im alltäglichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht?

Die Debatte über die Repräsentation von Geschlechterrollen scheint besonders wichtig zu sein. Feministische Aktivistinnen treten hier für gesetzliche Frauenrechte, wie das Recht auf die körperliche Integrität und Autonomie sowie Abtreibungs- und Fortpflanzungsrechte ein. Laut Nancy Tripathi gibt es ein Defizit im Dialog zwischen der holistischen Natur der weiblichen Sexualität und dem in den USA vorherrschenden hypersexualisierten, moralisierten und patriarchalen Modell einer Gesellschaft. Dementsprechend existieren kontroverse Diskurse in Bezug auf Schönheitsideale, Körperbilder und Repräsentationen von Frauen sowie Abtreibungsdiskurse oder Richtungsstreits über die sexuelle Aufklärung von Jugendlichen. Ganz zu schweigen von den Materialisierungen von Fett- und Altersphobien, welche letztlich Brennstoff für den kapitalistischen Selbstverwertungsmechanismus liefern, so Nancy Tripathi.

Ein weiteres wichtiges Diskursfragment sind die inhaltlichen Überschneidungen und Verbindungen der amerikanisch-feministischen Bewegung mit LGBT-Rechten. BNOW (Berkeley National Organization for Woman) unterstützt mit Kampagnen, wie “I Heart Consensual Sex”, die Selbstbestimmungsrechte von Frauen und zeigt mit Kampagnen wie „Wir nehmen uns die Nacht zurück“ Solidarität mit Opfern von sexueller und häuslicher Gewalt.

Diskurse über die Geographie von Rasse und Geschlecht sind, im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, durchaus verbreitete Themen. In diesem Zusammenhang werden Forschungsfragen nach der historischen und kulturellen Geographie von „Rasse“ und Geschlecht in den USA und in Bezug auf andere Teile der Welt gestellt. Aber auch allgemeine Fragen zu den Alltagspraktiken insbesondere in räumlichen Kontexten oder der Untersuchungen von Architektur, können das Verständnis von Geschlechterbeziehungen verdeutlichen und dazu beitragen die soziale und strukturelle Ungleichheit und Rassendiskriminierung in einer globalisierten Welt zu verstehen.

Der Diskurs um den Zusammenhang bzw. die Intersektion von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht wird in den Debatten wesentlich kontroverser ausgetragen, als ich vermutet hatte. Vor allem ein deutliches Gefälle zwischen materialistischen und poststrukturalistischen Ansätzen ist hier festzustellen. Der marxistische Ansatz von Amiko teilt die Gesellschaft in zwei Klassen (Proletariat/Bürgertum) ein. Diese Analyse bezieht sich darauf, dass der amerikanische Kapitalismus auf der Sklaverei und der Festsetzung von Frauen in der „Kernfamilie“ aufgebaut ist, sowie durch moralische Gesetze und Regulierungen (Gesetze bezüglich Mündigkeit, sexueller Orientierung, Abtreibung usw.) konzipiert wird. Folgerichtig müsste diese marxistische Ansicht zu dem Schluss kommen, dass der Kapitalismus durch die Reproduktion seiner Produktionsbedingungen aufrecht erhalten wird. Amikos Perspektive beschreibt aber die Existenz von sozialen Problemen, einschließlich ungleicher Geschlechterverhältnisse, als ein „notwendiges Nebenprodukt des Kapitalismus“. Mit dieser Haupt- und Nebenwiderspruchsargumentation ist der Kampf um die Emanzipation der Menschheit und die Errichtung einer egalitären Gesellschaft meines Erachtens nicht zu erreichen. Bei den anderen Interviews wird die Klassenfrage nur implizit bzw. als „Add on“ behandelt. Das Addieren von Klassenverhältnissen ohne explizite Bestimmung der Verwobenheit von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht habe ich auch bei verschiedenen anderen geschlechtertheoretischen Vorlesungen und Vorträgen festgestellt. Das fehlende Verständnis materialistischer Ansätze und das Fehlen einer fundierten geschlechtertheoretischen und diskursübergreifenden Ökonomiekritik scheint also nicht nur ein „deutsches“ Problem zu sein.

Für Lorin K. Jackson ist der Ansatz der Intersektionalität mehr als eine Theorie. Für sie als Schwarze|Queere|Frau mit einem „lower class“ Hintergrund sind diese Intersektionen ständig präsent und stellen große Hindernisse bzw. Unterdrückungsmechanismen im Alltag, besonders im Umgang mit Institutionen, dar. Lorin empfindet häufig das Bedürfnis, sich von den anscheinend unüberwindlichen und gegen sie errichteten Hindernissen (seemingly insurmountable obstacles) zu trennen, wenn sie zum Beispiel bei ihrer Arbeit als Lehrerin aufgrund ihrer Selbstverhältnisse getriggert wird. Für Lorin bedeutet die Erfahrung, dass sie keine Kontrolle über die Diskriminierungslabels Schwarz|Queer|Frau|low class besitzt und dass sie diesen Diskriminierungslabels nur mit Stolz begegnen kann: „You cannot survive if you ascribe to lies that seek to maintain power structures or hierarchies of oppression“. Die Theorie der Intersektionalität dient folglich auch dazu, Definitionsmacht zu schaffen und Unterdrückungsmechanismen zu erkennen. Für Lorin bedeutet das auch, anderen Leuten, die an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchien leben, nicht zu erlauben, die Aspekte ihrer Persönlichkeit zu definieren.

Auch für Emma Shaw Crane ist die Theorie der Intersektionalität eine ganz alltäglicher Praxis. Emma hat die Theorie der Intersektionalität geholfen, die „gegenderte“ Gewalt und die Klassenprivilegien zu verstehen, die sie als junge Mittelstandsuniversitätsstudentin an einer Eliteuniversität erfahren hat. Die Theorie der Intersektionalität hat ihr auch geholfen, die Beschimpfung „girly men“ zu verstehen, die zwei amerikanisch-asiatische Brüder, auf dem selben Spielplatz auf dem Emma schikaniert worden ist, über sich ergehen lassen mussten. Diese Erfahrungen der strukturellen und alltäglichen Gewalt gegen Arme oder „People of Colour“ brachte sie dazu, die Widersprüche und Möglichkeiten ihres eigenen Geschlechtes, Klassenhintergrunds, ihrer „mixed racial history“ und nonkonformistischer Sexualität zu reflektieren. Wenn auch die Wege, so schreibt Emma, wie wir diese Gewalt erfahren, verschieden sind, ermöglicht uns die Theorie der Intersektionalität rassistische Kolonialpropaganda mit diskriminierenden Konstruktionen von Geschlecht zu sehen. Für Emma trägt diese Beobachtung dazu bei, Unterdrückungsmechanismen gemeinsam zu analysieren und gemeinsam Widerstand zu leisten.

Ihr Lieblingsdichter June Jordan schreibt: “It is against such sorrow, and against such suicide, and it is against such deliberated strangulation of the possible lives of women, of my sisters, and of powerless peoples – men and children – everywhere, that I work and live, now, as a feminist…” Diese Sichtweise hat auch Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem Gastvortrag zu “Situating Feminism“ an der UC Berkeley betont.(2) Es geht darum, dass Feminismus nicht ausschließlich für Frauen gemacht wird, sondern dass Feminismus auch für Männer gemacht werden muss.

Diese kleine subjektive Darstellung und keinesfalls repräsentative Darstellung US-amerikanischer Debatten zeigt ansatzweise, wie die geschlechtertheoretischen Ansätze im US-amerikanischen Alltag präsent sind. Im abschließenden Videointerview mit Aina Aasland werden die geschlechtertheoretischen Diskurse, welche an der Universität Berkeley gelehrt werden, reflektiert.

Fußnoten

(1) Hierfür danke ich ganz herzlich:

Emma Shaw Crane (24), Mitglied des “June Jordan’s Poetry for the People” des African American Studies Department der UC Berkeley. Emma arbeitet für ein Gefängnisradio, welches politischen Gefangenen eine Stimme nach draußen gibt.

Nancy Tripathi, (23), Mitglied  des BNOW – (Berkeley National Organization for Woman), siehe www.now.berkeley.edu

Amiko, Mitglied der International Communist League

Lorin K. Jackson (24), African American woman, queer sexuality orientation (Selbstbeschreibung)

Aina Aasland (22), Austauschstudentin der Soziologie aus Norwegen, welche sich freundlicherweise bereiterklärt hat das unten Angeführte Videointerview zu machen.

(2) Gayatri Chakravorty Spivak on Situating Feminism, online verfügbar:

http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&p=1&ipp=15&category=


Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

Frauenrechte in der Bundesrepublik Deutschland durchsetzen – die Frauenrechtskonvention der Vereinten Nationen CEDAW

Das rechtsverbindliche, internationale Übereinkommen CEDAW bietet im Vergleich mit anderen Antidiskriminierungsinstrumenten mehrere Vorteile: es erlaubt zeitweilige Sondermaßnahmen zu Gunsten von Frauen, es ist frauenspezifisch, inhaltlich umfassend und so formuliert, dass auch neu entstehende Diskriminierungstatbestände geahndet werden können. Anlässlich... mehr

Menschenwürde statt Profitmaximierung. Zur sozialen Reproduktion in der Krise und einer Care Revolution als Perspektive

Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universität Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven Überblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg