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Feminismus is en vogue! Aber welcher Feminismus?

17.12.2007, Birgit Riegraf

Jahrelang galt Feminismus in Deutschland als Schimpfwort. Seit einiger Zeit entdecken die Medien das Label “Feminismus” für ihre Titelseiten. “Wir brauchen einen neuen Feminismus” forderte unlängst die “Zeit”. Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin fühlt sich berufen, eine “Streitschrift für einen neuen Feminismus” zu verfassen. Ursula von der Leyen findet in einer Ausgabe der FAZ von 2007 “Konservativer Feminismus” eine spannende Wortprägung. Die Forderung nach einem “neuen” Feminismus wird diskussions- und salonfähig. Einen Vorwand und den Kontrapunkt dafür liefert Eva Herman, die penetrant verkündet, dass die Frau ins Heim zu Kind und Mann gehört.

In der Diskussion über den “neuen” Feminismus findet eine Auseinandersetzung um die Definition des Begriffs statt. Das Zerrbild eines “alten” Feminismus wird gezeichnet, der als Abgrenzungsfolie herhalten muss, um die Konturen des “neuen” Feminismus zeichnen zu können. Das Bild des “alten” Feminismus wird wie folgt gemalt: Er sei eng verwoben mit einer radikalen Frauenbewegung, deren Forderungen und Strategien als überholt gelten und schon allein aus diesem Grunde abzulehnen sind. Im “alten” Feminismus hätten Männer generell als Aggressoren gegolten, Heterosexualität sei als das grundlegende Übel aller Diskriminierung identifiziert worden und Frauen, die den Lippenstift aus der Tasche holten, seien als Teil des Patriarchats diskreditiert worden (Dorn 2006, S. 36f). Eines haben alle die aufgeführten Beiträge über einen “neuen” Feminismus gemeinsam: Zu Eva Hermans rückwärtsgewandter Vision von Weiblichkeit will keine der Vertreterinnen zurück. Aber auch keine der Protagonistinnen will Teil einer Frauenbewegung sein, als deren abschreckende Vertreterin immer wieder Alice Schwarzer zitiert wird.

Aber was zeichnet nun den proklamierten “neuen” Feminismus aus, der sich jenseits traditioneller Geschlechterbilder und der Frauenbewegung verorten möchte? Worin genau unterscheidet er sich vom “alten” Feminismus? Zunächst einmal zeigt die gegenwärtige Diskussion um den Feminismus, dass einige Themen der Frauenbewegung in der breiten Gesellschaft angekommen sind. Forderungen, wie die nach mehr Krippenplätze für Kinder oder die Aufhebung der Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen finden sich in den Programmen von Parteien und Gewerkschaften wieder und werden in der politischen Sphäre verhandelt. Die Diskussion zeigt aber auch, dass die Ungleichheiten innerhalb der Gruppe der Frauen durch die Eroberung neuer gesellschaftlicher Räume und Positionen noch größer geworden sind. Die Interessen sind heute so vielfältig geworden, dass nicht nur ein gemeinsames “Wir” abhanden gekommen ist oder sich zumindest nicht mehr einfach finden lässt, sondern dass auch Koalitionen jenseits der Geschlechtergrenzen gewählt werden und Abgrenzungen deutlich gezogen werden, um eigene Karriereninteressen in Parteien oder Medien nicht zu gefährden.

Die öffentliche und medienwirksame Diskussion über den “neuen” Feminismus” wird von erfolgreichen Politikerinnen, Schriftstellerinnen oder Managerinnen und nicht von Migrantinnen, Hartz IV Empfängerinnen oder von Beschäftigten auf schlecht bezahlten Erwerbsarbeitsplätzen im Dienstleistungssektor dominiert. Politikerinnen, Schriftstellerinnen oder Managerinnen sind darin geübt, ihre Interessen in einer breiten Öffentlichkeit rhetorisch geschickt zu vertreten und sie sind aus diesem Grunde in der Lage den Begriff des Feminismus in eine breite Öffentlichkeit zu tragen und ganz in ihrem Interesse inhaltlich (neu) zu definieren. Themen dieses “neuen” Feminismus sind die Vereinbarkeit zwischen Karriere und Beruf oder Karrierebarrieren, wie Seilschaften und Feierabendbündnisse zwischen Männern. Sie sind Ausdruck der Lebenssituation und der Interessen dieser vergleichsweise privilegierten Gruppen, die nichts zu tun haben möchten mit einer Frauenbewegung, die mit “.verbrannten BHs und Frauen-Lesben-Referaten und der Verteufelung der Heterosexualität” (Dorn 2006) in Verbindung gebracht wird. Dass es sich hierbei keineswegs um eine angemessene Beschreibung der Frauenbewegung handelt und dass diese Bewegung die Grundlage für die Erfolge derjenigen Frauen legte, die sich nun medienwirksam zu Wort melden, scheint dabei nicht zu stören.

Die FDP-Politikerinnen Silvana Koch-Mehrin möchte für einen Feminismus einstehen, der sich “nicht gegen die Herrschaft des Mannes” wendet, sondern “die Freiheit der Frau” fordert. Aus ihrer Sicht verlaufen “die Konfliktlinien unabhängig vom Geschlecht zwischen denjenigen, die eine Gesellschaft wollen, in denen sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen, und denen, die an vorgefertigten Rollenbildern kleben”. Sie grenzt sich gegen einen “alten” Feminismus ab, der angeblich jeden Mann als Aggressor betrachtet. Sie versteht sich auch nicht als Mitglied der Frauenbewegung, der sie zuschreibt, dass sie sich vorwiegend über einen Opferstatus definiert (Oestreich/ Schmitt 2007). Als Opfer will sich Silvana Koch-Mehrin auf keinen Fall verstehen (Hark/ Kerner 2007). Feminismus heißt in ihrer Version, Frauen über mehr Krippenplätze Wahlfreiheiten in Bezug auf Kinder und Karriere zu bietet, ohne dass berufstätige Frauen stigmatisiert werden. Ganz im Sinne des liberalen Parteiprogramms wünscht sie sich auch, dass das Leistungsprinzip durch das männliche Kungelprinzip ersetzt werden soll, um Frauen echte Karrierenmöglichkeiten zu bieten.

Themen jenseits der Vereinbarkeitsproblematik und Fragen des beruflichen Aufstiegs, wie sexuelle Ausbeutung, Migration, prekäre Arbeitsverhältnisse oder Gewaltverhältnisse bleiben im Forderungskatalog des “neuen” Feminismus bislang Leerstellen. Wer diese Themen dennoch entschlossen auf die Tagesordnung setzt, als Bestandteil feministischer Forderungen sehen möchte und sie gegebenenfalls in einer Frauenbewegung mit Mitteln jenseits traditioneller partei- oder unternehmenspolitischer Strategien durchsetzen möchte, läuft schnell Gefahr eben von den “neuen” Feministinnen als Vertreterin des “alten” Feminismus diskreditiert zu werden, dessen Errungenschaften in der Vergangenheit fallweise zwar durchaus gewürdigt werden, aber dessen inhaltliche Forderungen und politische Strategien als verstaubt und antiquiert hingestellt werden.

Literatur

  • Oestreich, Heide/ Schmitt, Cosima (2007): Uäh, die ist Feministin!, TAZ 08.03. 2007
  • Thea Dorn (Hg.) (2006): Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird, München
  • Hark, Sabine/ Kerner, Ina (2007) Der Feminismus ist tot? Es lebe der Feminismus! Das “False Feminist Death-Syndrome”, http://www.querelles-net.de/forum/forum21/harkkerner.shtml
  • Silvana Koch-Mehrin (2007). Schwestern – Streitschrift für einen neuen Feminismus, Berlin

1 Kommentar »

  1. [...] Quelle: feministisches Institut [...]

    Pingback by Die Geschichte der vertauschten Rollen von Sonne und Mond | Alduras Gedankenwelten — 13.07.2011 um 06:58

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