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	<title>Feministisches Institut Hamburg</title>
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		<title>Missy. Popkultur von und f&#252;r Frauen</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Jul 2010 20:53:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefanie Lohaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Missy Magazine ist ein Popkulturmagazin für Frauen. Es m&#246;chte informieren und gleichzeitig unterhalten. Dabei zeichnet es sich durch eine dezidiert feministische Haltung aus. Anders als Publikationen wie die Emma oder die an.schl&#228;ge aus &#214;sterreich berichtet das Missy Magazine nicht nur über Feminismus. Es betreibt auch keine feministische Theoriebildung wie es in akademischen Publikationen &#252;blich ist. Stattdessen betreibt Missy „angewandten Feminismus“. Das bedeutet: Die Herausgeberinnen versuchen im Rahmen eines Frauen- und Popmagazines, eine feministische Haltung im Umgang mit Themen, Bildern und Sprache zu zeigen. Im Spektrum Zeitschriften sieht Missy sich zwischen Musik/Popkulturzeitschriften, klassischem Frauenmagazin und feministischen Zeitschriften ein. Salopp gesagt: zwischen Intro, Maxi und Emma. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Das <a title="Missy Magazine Homepage" href="http://www.missy-magazine.de">Missy Magazine</a> ist ein Popkulturmagazin für Frauen. Es m&#246;chte informieren und gleichzeitig unterhalten. Dabei zeichnet es sich durch eine dezidiert feministische Haltung aus. Anders als Publikationen wie die Emma oder die an.schl&#228;ge aus &#214;sterreich berichtet das Missy Magazine nicht nur über Feminismus. Es betreibt auch keine feministische Theoriebildung wie es in akademischen Publikationen &#252;blich ist. Stattdessen betreibt Missy „angewandten Feminismus“. Das bedeutet: Die Herausgeberinnen versuchen im Rahmen eines Frauen- und Popmagazines, eine feministische Haltung im Umgang mit Themen, Bildern und Sprache zu zeigen. Im Spektrum Zeitschriften sieht Missy sich zwischen Musik/Popkulturzeitschriften, klassischem Frauenmagazin und feministischen Zeitschriften ein. Salopp gesagt: zwischen Intro, Maxi und Emma. </strong></p>
<p class="bild-links"><img src="/wp-content/uploads/2010/07/missy_cover.jpg" alt="Cover Missy Magazine" /></p>
<p>Gegr&#252;ndet wurde das Missy Magazine Anfang 2008, als wir, das hei&#223;t Stefanie Lohaus, Chris K&#246;ver und Sonja Eismann uns entschlossen, den deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt um ein Heft zu erweitern, das gleichzeitig feministisch sein und junge Frauen ansprechen sollte, um sie eben nicht, wie sonst auf dem Frauenzeitschriftenmarkt &#252;blich, auf Schmink-, Di&#228;t- und Modetipps zu reduzieren.<br />
Nach einer halbj&#228;hrigen Planungsphase erschien die erste Ausgabe im Oktober 2008. Sie wurde mit den Geldern eines Kulturwettbewerbes finanziert. Gut anderthalb Jahre sp&#228;ter steht Missy auf eigenen Beinen und erscheint regelm&#228;&#223;ig: Viertelj&#228;hrlich im Eigenverlag und mit einer Druckauflage von ca. 20.000 Exemplaren. Die Finanzierung erfolgt aus einem Mix von Verkaufs- und Aboeinnahmen, sowie Anzeigen. W&#228;hrend Missy als Hochglanzmagazin erscheint, versteht sich das Magazin nach innen als Grassroots-Projekt. Die Redaktion und der Verlag werden in Eigenregie organisiert. Der Grund: Anders als ein Fanzine, das auch nach au&#223;en kosteng&#252;nstig kopiert und in kleinem Ma&#223;stab produziert wird, will Missy zug&#228;nglich sein f&#252;r LeserInnen, die nicht nur in feministischen Szenen zu Hause sind.</p>
<p>Das Herausgeberinnen- und Redaktionsteam besteht aus den drei Gr&#252;nderinnen. Ebenfalls im Team ist Margarita Tsomou, die auch Herausgeberin und Missy-Autorin ist und die Anzeigen- und Marketingabteilung leitet. Sie ist ebenfalls seit 2008 dabei. Die Art Direktion des Missy Magazines besteht aus zwei Frauen: Seit Mai 2010 sind das Daniela Burger und Hedi Lusser. Zus&#228;tzlich gibt es einen gro&#223;en Stamm freie AutorInnen, IllustratorInnen und FotografInnen. Der innere Kreis besteht zwar nur aus Frauen, im erweiterten Team sind aber auch M&#228;nner zu finden. Bei der Vergabe vor allem der gro&#223;en Themen schauen wir allerdings immer, ob wir zuerst eine Frau finden, die sich im Thema auskennt und erst im zweiten Schritt, ob es auch ein Mann machen kann. Mit dieser Vergabepraxis m&#246;chten wir einen Gegenpol zu den bekannten „Old Boys Netzwerken“ schaffen, denn auch der Journalismus, insbesondere der Musikjournalismus ist nach wie vor stark m&#228;nnlich gepr&#228;gt.</p>
<h2>Die Inhalte: Kultur, Musik, Politik, DIY, Mode und Sex</h2>
<p>Kultur spielt eine gro&#223;e Rolle in Missy: Vor allem Popkultur wie Musik, Film, TV, Fotografie, aber auch Kunst und Theater. Der Grund: Wir alle haben zuvor im Kulturbereich gearbeitet und dort den Eindruck gewonnen, dass über Frauen nicht genügend berichtet wird. In den Popcharts sind zwar immer mehr S&#228;ngerinnen vertreten, doch der Eindruck t&#228;uscht. Im Popbereich ist der Frauenanteil nach wie vor sehr niedrig, wie zum Beispiel eine Studie des Frauenmusikzentrums aus dem Jahr 2002 (<a href="http://archiv.hamburger-illustrierte.de/arc2002/hamburg/kultur/podiumsdiskussionfrauenindermusik.html">http://archiv.hamburger-illustrierte.de</a>) zeigt. Die vorgestellten MusikerInnen m&#252;ssen in erster Linie k&#252;nstlerisch &#252;berzeugen – besonders begr&#252;&#223;en wir es wenn sie sich au&#223;erdem mit Feminismus und Geschlechterrollen auseinandersetzen.</p>
<p class="bild-links"><img title="Young, Fat and Fabulous" src="/wp-content/uploads/2010/07/missy_youngfatfabulous.jpg" alt="Missy Beispielartikel" width="150" height="194" /></p>
<p>Bei der Berichterstattung gelten in Missy Genderbewusstsein und Sexismusfreiheit. Anders als in vielen Mainstream-Medien ist in Missy das Aussehen der K&#252;nstlerin kein ausuferndes Thema: S&#228;tze wie „die elfengleiche S&#228;ngerin mit den Rehaugen“ oder ein Erstaunen darüber, dass eine Musikerin ihr Instrument oder gar ein Mischpult beherrscht, kommen bei uns nicht vor. Im Sinne einer feministischen Wissenspolitik benutzen wir keinen insiderhaften Jargon und kein Namedropping. Bei der optischen Inszenierung freuen wir uns &#252;ber Frauenbilder, die etwas derangiert sind, d.h. mit g&#228;ngigen weiblichen Rollenkonventionen brechen oder sich über diese lustig machen. Die Frauen im Heft werden nicht digital aufgehübscht oder auf eine Weise nachbearbeitet, die unrealistisch ist. Und generell machen wir nichts, was die KünstlerInnen nicht wollen. Wir setzen uns kritisch mit Geschlechternormen und Produktionsbedingungen der Popindustrie auseinander, z.B. in Beitr&#228;gen wie „Frauen im Metal“ oder „Altern im Pop“ oder aber in unserem Dossier aus dem letzten Heft: Feminismus und TV, in dem wir schauen, ob, wo und wie im Fernsehen spannende feministische Rollen zu finden sind, und was Frauen auf und hinter dem Bildschirm über die Frauenrollen denken.</p>
<h2>Politik</h2>
<p>In Missy werden Reportagen und Nachrichten zu aktuellen frauenpolitischen Themen gedruckt, und wir setzten uns auf verschiedene Weisen mit Politik und historischen Figuren auseinander. Der Politikteil in Missy muss nicht immer „Pop“ sein, bewegt sich aber h&#228;ufig dort, wo Pop politisch wird. Zum Beispiel wenn historische FeministInnen zu Sammelkarten werden, oder im Finanzkrisen-Dossier eine kritisch-feminstische Prespektive&#252;ber die entkleidete entlassene Businessfrauen im Playboy“ zu lesen ist Wir besch&#228;ftigen uns mit aktuellen gender- und frauenpolitischen Themen, beobachten die momentane Gesetzeslage z.B. das Abtreibungsrecht oder Rechte f&#252;r Homosexuelle oder Transgender. Dabei geht es immer darum, Probleme als strukturelle Probleme zu begreifen. Wir sehen das gr&#246;&#223;te Problem der gesellschaftlichen Ungleichberechtigung in den gesellschaftliche Strukturen und Ansichten, die es nach wie vor zu bek&#228;mpfen gilt. In Rubriken wie „Vor uns“ bei der wir gro&#223;artige Frauen, die in der Geschichtsschreibung zu kurz gekommen vorstellen, betreiben wir alternative Geschichtsschreibung, stellen Bezug zu feministischen Traditionen her und arbeiten so auch gegen die Diffamierung des Feminismus vor unserer Zeit.</p>
<h2>Selbsterm&#228;chtigung durch selbst machen</h2>
<p>Der Teil „Mach es selbst“ umfasst Rubriken wie „1,2,3“ (Expertinnen erkl&#228;ren) und die „Mach es selbst &#8211; Bastelanleitungen“. Dabei haben wir sowohl klassisch „weiblich“ konnotierte T&#228;tigkeiten (Stricken, Handarbeit, Kochen) im Programm, als auch klassisch „m&#228;nnlich“ (M&#246;bel bauen, Platten auflegen, Skateboard fahren). W&#228;hrend es bei den „m&#228;nnlichen“ F&#228;higkeiten darum geht, Frauen und M&#228;dchen zu ermutigen, Bereiche zu erobern, von denen sie sich bisher aufgrund der geschlechtlichen Zuschreibung eher abgewendet haben, geht es bei den Anleitungen zum Stricken oder Kochen um die Strategie der Wiederaneignung. Diese weiblichen F&#228;higkeiten, die traditionellerweise unbezahlte Arbeit darstellen und somit nicht entlohnt, also nichts „wert“ sind, sollen im Zusammenhang mit Popkultur eine Aufwertung erfahren. Deswegen binden wir diese Rubriken in andere Zusammenh&#228;nge ein: In der Kochrubrik TV Dinner, werden Rezepte aus Fernsehserien nachgekocht oder wir zeigen wie man mit der eigentlich spie&#223;igen Stick-Technik einen schicken Graffiti-Wandbehang erstellt.</p>
<h2>Mode</h2>
<p class="bild-links"><img src="/wp-content/uploads/2010/07/missy_style.jpg" alt="Missy Magazine Style"></p>
<p>Mode bietet die M&#246;glichkeit Frauentypen abzubilden und zu inszenieren und mit dieser Art der Inszenierung vom Mainstream abzuweichen. Style und Mode ist eben identit&#228;tsstiftend. Uns ist es wichtig, nicht nur neue Trends vorzustellen, sondern mit Mode und Styling eine Geschichte zu erz&#228;hlen. Wir zeigen verschiedene K&#246;rperbilder/Formen/Altersstufen: Frauen sind keine genormten Wesen in Gr&#246;&#223;e 34. Deswegen ist in Missy Vielfalt die Norm.</p>
<h2>Sex</h2>
<p>Die generelle Haltung des Sexteils ist eine lustvolle und positive Auseinandersetzung mit K&#246;rper und Sexualit&#228;t. Im Gegensatz zu herk&#246;mmlichen Frauenmagazinen geht es nicht darum, „ihm die Nacht seines Lebens“,  sondern sich selbst eine gute Zeit im Bett zu bereiten. Die Rubrik soll zum Experimentieren anregen, beinhaltet Produkttests, Berichte über feministische „Sex Positive“ oder queere Themen. Wie im gesamten Heft bem&#252;hen wir uns darum, mit Heteronormativit&#228;t zu brechen.<br />
Neben diesen gro&#223;en Rubriken hat Missy nat&#252;rlich noch einiges mehr zu bieten. Ab dem n&#228;chsten Heft haben wir mit Claire Lenkova eine regelm&#228;&#223;ige Comiczeichnerin im Heft. Eine regelm&#228;&#223;ige Bildstrecke stellt eine  junge, talentierte Fotografin und ihre Arbeiten vor.</p>
<p>Allgemein versuchen wir uns in Missy an der Gestaltung einer feministischen Popkulturwelt, sowohl nach innen, in dem neue feministische Strukturen schaffen, als auch nach au&#223;en, in dem wir feministische Popkultur sichtbarmachen. Dar&#252;ber hinaus kritisieren wir aktuelle Popkultur mit feministischen Instrumentarien. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, weil Pop Teil der Alltagskultur und Sozialisation eines jeden Menschen ist. Deswegen muss Popmusik, Fernsehen, Netzkultur oder Werbung genauso mit feministischen Mitteln kritisiert werden, wie bspw. Gesetze. Wir hoffen es gelingt uns, denn: Es gibt noch viel zu tun.</p>
<p>Das Heft ist in Deutschland, &#214;sterreich und der Schweiz am Kiosk und im Bahnhofsbuchhandel erh&#228;ltlich sowie im Abonnement und über Bestellung im Internet natürlich auch überall sonst auf der Welt.</p>
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		<title>Web 2.0 = demokratische &#214;ffentlichkeit?  Einige (feministische) Anmerkungen zu einer erneuten Debatte</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/web_oeffentlichkeit/</link>
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		<pubDate>Mon, 21 Jun 2010 18:38:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tanja Carstensen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Technologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 27. April 2010 fand in Berlin, veranstaltet von der Heinrich-B&#246;ll-Stiftung, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Citizen 2.0. Wie beeinflusst das Netz die demokratische &#214;ffentlichkeit?“ statt. Anlass war das Erscheinen des Buches „Emergenz digitaler &#214;ffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0“ des Medienwissenschaftlers Stefan M&#252;nker. Er vertritt die These, dass mit dem Web 2.0 das Ideal demokratischer &#214;ffentlichkeit, wie es J&#252;rgen Habermas entwirft, Realit&#228;t geworden ist. Auf der Veranstaltung diskutierten Stefan M&#252;nker, Sophie Scholz (socialbar) und ich, Jan Engelmann (Heinrich-B&#246;ll-Stiftung) moderierte. Im Folgenden skizziere ich einige meiner Kommentare und Anmerkungen, insbesondere diejenigen, die aus feministischen und genderkritischen Perspektiven resultieren...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Am 27. April 2010 fand in Berlin, veranstaltet von der Heinrich-B&#246;ll-Stiftung, eine Podiumsdiskussion zum Thema „<a href="http://www.boell.de/demokratie/foerderung/demokratiefoerderung-citizen20-digitale-gesellschaft-demokratie-partizipation-9124.html">Citizen 2.0. Wie beeinflusst das Netz die demokratische &#214;ffentlichkeit</a>?“ statt. Anlass war das Erscheinen des Buches „<a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/emergenz_digitaler_oeffentlichkeiten-stefan_muenker_26026.html">Emergenz digitaler &#214;ffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0</a>“ des Medienwissenschaftlers Stefan M&#252;nker. Er vertritt die These, dass mit dem Web 2.0 das Ideal demokratischer &#214;ffentlichkeit, wie es J&#252;rgen Habermas entwirft, Realit&#228;t geworden ist. Auf der Veranstaltung diskutierten Stefan M&#252;nker, Sophie Scholz (<a href="http://www.socialbar.de/wiki/Hauptseite">socialbar</a>) und ich, Jan Engelmann (<a href="http://www.boell.de/">Heinrich-B&#246;ll-Stiftung</a>) moderierte. Im Folgenden skizziere ich einige meiner Kommentare und Anmerkungen, insbesondere diejenigen, die aus feministischen und genderkritischen Perspektiven resultieren.</strong></p>
<p>Die Verbreitung des Internets war von Anfang an begleitet von Hoffnungen auf Demokratisierung. Nachdem die erste Welle euphorischer Prognosen zum Jahrtausendwechsel durch die politische Realit&#228;t sowie durch empirische Forschungsergebnisse ern&#252;chtert war, bl&#252;ht diese nun – gekn&#252;pft an das Schlagwort Web 2.0 – in einer zweiten Welle auf. Sp&#228;testens seit dem Wahlkampf von US-Pr&#228;sident Obama und der Nutzung von Twitter f&#252;r die Protestaktionen der Opposition im Iran scheinen die politischen Potenziale des Internets offensichtlich, und die Erwartungen an Demokratisierung und Partizipation sind gro&#223;.</p>
<p>Tats&#228;chlich ist eine Eigenschaft des Web 2.0 bemerkenswert und in der Form neu: Die Inhalte des neuen Mediums werden entscheidend und weit reichend durch die Nutzer_innen mitgestaltet und produziert, sei es in Wikis, Weblogs, sozialen Netzwerkseiten, Foren, auf Foto-, Video- oder Musikportalen oder auch nur &#252;ber Bewertungen auf Shopping-Seiten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Medien ist eine massenhafte Nutzung gemeinschaftlich geteilter, interaktiver Medien nun wirklich m&#246;glich und bleibt nicht, wie beim Radio, Computer oder dem ‚alten’ Internet blo&#223;e Hoffnung.</p>
<p>Diese medienhistorische Z&#228;sur ist f&#252;r den Medienwissenschaftler Stefan M&#252;nker Anlass, das Web 2.0 als Verwirklichung demokratischer &#214;ffentlichkeit, wie J&#252;rgen Habermas sie idealtypisch entworfen hat, zu betrachten. Habermas’ vier Kriterien, n&#228;mlich die Unbeschr&#228;nktkeit des Zugangs, Gleichberechtigung unter den Mitgliedern, die Offenheit der Themen und die Unabgeschlossenheit der Teilnehmer_innen seien, so M&#252;nker, in den meisten Web 2.0-Angeboten kein fernes Ideal, sondern selbstverst&#228;ndlicher Teil der Spielregeln. Er sieht im Web 2.0 eine Bereicherung unserer Ausdrucks- und Handlungsm&#246;glichkeiten, betont aber auch, dass erst durch den Gebrauch, also durch soziale Praxen, die medientechnologischen Rahmenbedingungen zu M&#246;glichkeitsr&#228;umen werden.</p>
<p><strong>Von der Litfasss&#228;ule zu feministischer Netzkultur</strong></p>
<p>Auch feministische Projekte, Bewegungen und Organisationen haben viel gewonnen durch die Zunahme der technischen M&#246;glichkeiten von Weblogs, Wikis, Twitter und sozialen Netzwerkseiten. M&#252;nker vergleicht das alte Internet mit einer besseren Litfasss&#228;ule, das lediglich ein Medium der Verlautbarung und Ver&#246;ffentlichung von Informationen war. Das gleiche Bild zeigt eine Untersuchung der Nutzung und Gestaltung des Internets in frauen- und genderpolitischen Netzwerken, die wir 2002 bis 2005 durchgef&#252;hrt haben (<a href="http://www.frauenbewegung-online.de/">www.frauenbewegung-online.de</a>). Damals wurde das Internet tats&#228;chlich fast ausschlie&#223;lich zur Informationssuche und -bereitstellung genutzt, die feministische Netzszene bestand aus lauter mehr oder weniger starren Internetauftritten, auf denen die Akteur_innen sich vorstellten und Fachinformationen anboten. Diskussionen, Interaktionen, Meinungsbildung oder gar politische Aktionen fanden so gut wie gar nicht statt.</p>
<p>Zwar existieren viele Internetauftritte feministischer Projekte noch heute in dieser Form, aber daneben und verwoben damit ist eine lebhafte queer-feministische Netzkultur entstanden, die sich vor allem &#252;ber Weblogs sehr gut miteinander vernetzt, rege austauscht, aufeinander verweist, diskutiert und sich und andere kommentiert. Zum einen entwickeln und erproben sie damit neue Internetpraktiken, die f&#252;r feministische Anliegen genutzt werden k&#246;nnen, zum anderen haben sich die feministischen Weblogs wie <a href="http://maedchenblog.blogsport.de/">m&#228;dchenblog</a>, <a href="http://maedchenmannschaft.net/">M&#228;dchenmannschaft</a>, <a href="http://www.piratenweib.de/">piratenweib</a>, <a href="http://genderblog.de/">genderblog</a>, <a href="http://antjeschrupp.com/">Antje Schrupp</a>, <a href="http://www.iheartdigitallife.de/">i heart digital life</a>, aber auch der Zusammenschluss girls on web society auf facebook, das erste <a href="http://www.gendercamp.de/">gendercamp</a> im Mai 2010 oder das Vernetzungstreffen <a href="http://www.frauenim.net/">FrauenImNet</a> damit auch innerhalb der (ansonsten sehr m&#228;nnlich gepr&#228;gten) Netzsph&#228;re etabliert. Dies wurde auch auf der diesj&#228;hrigen re:publica deutlich, auf der mit immerhin zwei explizit genderrelevanten Veranstaltungen im Programm die feministischen Beitr&#228;ge zur Netzkultur nicht mehr zu &#252;bersehen sind (hierzu z.B. YouTube <a href="http://www.youtube.com/watch?v=YQSf8ORaMHY">http://www.youtube.com/watch?v=YQSf8ORaMHY</a>). Mit dem Web 2.0 sind Vernetzung, Austausch, Kooperation, Meinungsbildung, Diskussion und Kommentare untereinander, aber auch die Sichtbarkeit feministischer Inhalte nach au&#223;en gestiegen.</p>
<p><em> </em></p>
<p><strong>Unbeschr&#228;nkter Zugang?</strong></p>
<p>Dennoch kann aus feministischen Perspektiven kaum von einer Verwirklichung des demokratischen, aufkl&#228;rerischen Ideals von &#214;ffentlichkeit gesprochen werden. Manche m&#246;gen g&#228;hnen beim Stichwort digital divide, ist es doch so alt wie das Internet selbst und f&#252;r viele kein interessanter Punkt mehr. Doch in der Euphorie um die breiten Beteiligungsm&#246;glichkeiten ger&#228;t allzu oft aus dem Blick, dass die Frage nach Zugang und digitaler Spaltung nach wie vor relevant ist. Nicht nur, dass es nach wie vor allein in der Bundesrepublik Deutschland ca. 1/3 Offliner_innen gibt (<a href="http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/Gerhards_7_09.pdf">ARD/ZDF-Offlinestudie 2009</a>), unter denen nach wie vor &#252;berdurchschnittlich stark die &#252;ber 60-j&#228;hrigen Frauen zu finden sind; auch bleibt insbesondere die aktive Web 2.0 Nutzung sehr eingeschr&#228;nkt. Denn, so zeigt die <a href="http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online09/Busemann_7_09.pdf">ARD/ZDF-Online-Studie 2009</a>, nur 13% der Internetnutzer_innen sind &#252;berhaupt interessiert am aktiven Mitwirken, 2/3 hingegen sind nicht interessiert am Einstellen eigener Inhalte.</p>
<p><strong>Gleichberechtigte Teilnehmer_innen?</strong></p>
<p>Einmal abgesehen von diesen Beschr&#228;nkungen, ist es dennoch deutlich leichter als fr&#252;her m&#246;glich, dass viele an einem Thema mitdiskutieren, Weblogs einrichten, kommentieren, bewerten, Wikipedia Artikel einstellen, bearbeiten und vieles mehr k&#246;nnen. Dennoch sind die vielen schreibenden, editierenden, diskutierenden und kommentierenden Menschen nicht wirklich gleichberechtigt. Das zeigt sich unter anderem an den Blogcharts, die auswerten, welche Blogs am meisten gelesen werden. Hier haben sich l&#228;ngst Hierarchien der Aufmerksamkeit herausgebildet. Und, welch Wunder, obwohl viele Frauen bloggen, sind Blogs von Frauen hier wenig zu finden (vgl. u.a. die <a href="http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B1_2008_Hesse.pdf">Studie der Ruhr-Uni Bochum</a>). Auch das Thema Netzpolitik scheint ebenfalls von b&#252;rgerlichen wei&#223;en M&#228;nnern dominiert (vgl. auch den <a href="../netzpolitik/">Text den Kathrin Ganz auf den Seiten des Feministischen Instituts</a>).</p>
<p>Und nicht nur das Gelesenwerden ist ungleich verteilt, auch die M&#246;glichkeiten zu schreiben sind nicht immer und &#252;berall im Web 2.0 so gleich wie behauptet. Auch in Wikipedia haben sich l&#228;ngst Gatekeeper und Machtstrukturen herausgebildet (vgl. <a href="http://user.uni-frankfurt.de/%7Echris/DFG-Projekt/">DFG-Projekt zu Wikipedia</a>); Administrator_innen wachen und urteilen streng &#252;ber Relevanz von Themen und Eintr&#228;gen (<a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/26C3-Hitzige-Qualitaetsdebatte-zur-Wikipedia-893775.html">u.a. Heise</a>).</p>
<p>Besonders restriktiv und hierarchisch zeigt sich das „Mitmachnetz“ bei den Eingabeformularen der sozialen Netzwerkseiten (vgl. auch <a href="../web2/">mein Text auf den Seiten des Feministischen Instituts</a>), die oftmals eindeutige Angaben u.a. zu Geschlecht, aber auch zu anderen Identit&#228;tskategorien fordern. Trotz zahlreicher Diskussionen, Forderungen und Petitionen innerhalb der Netzwerke gegen diese Beschr&#228;nkungen konnten die User_innen keine &#196;nderungen der Pflichtfelder erreichen; die Vorschl&#228;ge, andere Auswahlm&#246;glichkeiten, offene Felder und mehr Ausdrucksm&#246;glichkeiten in den Formularen zu erm&#246;glichen, lie&#223;en sich nicht durchsetzen.</p>
<p><strong>Offenheit der Themen?</strong></p>
<p>Stefan M&#252;nker geht davon aus, dass es einfacher wird, sich in politische Debatten einzumischen, und dass das Web 2.0 prinzipiell f&#252;r alle Themen offen ist. Das stimmt. Aber das hat auch viele Kehrseiten. Nat&#252;rlich ist es fantastisch, welchen Raum und welche Ausdrucksm&#246;glichkeiten queer-feministische Diskussionen und Praxen mit dem Netz dazu gewonnen haben. Gleichzeitig sind gerade feministische Inhalte im Netz extrem von sexistischen, homophoben und antifeministischen Kommentaren und Angriffen betroffen. In gem&#228;&#223;igter Form sind dies die L&#246;schantr&#228;ge f&#252;r die feministischen Eintr&#228;ge Ladyfest und riotgrrrl in Wikipedia, die ich <a href="../web2/">an anderer Stelle</a> schon einmal thematisiert hatte. Aber auch pers&#246;nliche Angriffe, Beleidigungen, sexistische Anmache und sogar Morddrohungen sind auf feministischen Blogs keine Seltenheit. Diese Angriffe auf feministische Inhalte haben seit der re:publica 2010 <a href="http://www.piratenweib.de/?p=1341">einen neuen H&#246;hepunkt</a> erreicht. Auch wenn davon ausgegangen wird, dass diese Angriffe von einer kleinen Gruppe Maskulinisten ausgehen, und frau die Kommentare einfach l&#246;schen kann, binden sie Energie, es m&#252;ssen Umgangsweisen, Abwehrmechanismen und <a href="http://carta.info/26755/die-ressource-ignoranz/">Ignoranz</a> entwickelt werden. Zwar gibt es inzwischen auch <a href="http://gendercamp.posterous.com/umgang-mit-trollen-moglichst-ohne-hausrechtsa">kreative Ans&#228;tze, mit den Kommentaren offensiv umzugehen</a> bis hin zu der <a href="http://gendercamp.posterous.com/trolle-monetarisieren">Idee, &#252;ber Werbung Geld mit ihnen zu verdienen</a>. Offener und gleichberechtigter Diskurs aller im Netz sieht dennoch anders aus.</p>
<p>Das Web 2.0 bietet viele neue M&#246;glichkeiten, demokratische &#214;ffentlichkeiten zu entwickeln. Verwirklicht sind diese damit noch lange nicht. Und dies bleibt wohl eher eine politische als eine technische Aufgabe.</p>
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		<title>Vorsorgendes Wirtschaften – Zukunftsf&#228;higkeit jenseits der Krisen&#246;konomie</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/vorsorgendes-wirtschaften/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 21:01:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Adelheid Biesecker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Ma&#223;losigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen l&#228;sst sich die vorherrschende &#246;konomische Rationalit&#228;t, kennzeichnen. Ma&#223;losigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das m&#246;glichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Ma&#223;. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalit&#228;t k&#252;mmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und &#246;kologische Produktivit&#228;t –, sondern nutzen sie r&#252;cksichtslos aus. Das wirkt zerst&#246;rerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.
Dieses &#246;konomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerst&#246;rung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsf&#228;hig. Zukunftsf&#228;hig ist nur eine &#214;konomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalit&#228;t geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Ma&#223;losigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen l&#228;sst sich die vorherrschende &#246;konomische Rationalit&#228;t, kennzeichnen. Ma&#223;losigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das m&#246;glichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Ma&#223;. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalit&#228;t k&#252;mmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und &#246;kologische Produktivit&#228;t –, sondern nutzen sie r&#252;cksichtslos aus. Das wirkt zerst&#246;rerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.<br />
Dieses &#246;konomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerst&#246;rung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsf&#228;hig. Zukunftsf&#228;hig ist nur eine &#214;konomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalit&#228;t geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.</strong></p>
<p>Das &#214;konomische muss also, wenn es als Grundlage f&#252;r ein dauerhaftes menschliches Leben auf der Erde dienen soll, neu gedacht und gestaltet werden. Und dazu m&#252;ssen keine Fantasien herhalten, sondern ein Blick in die allt&#228;gliche Praxis zeigt, dass vielf&#228;ltig schon sorgend gewirtschaftet wird: dazu geh&#246;ren z. B. die ganze Care-Arbeit in Familien und Nachbarschaften, Projekte solidarischer &#214;konomie auf lokaler oder regionaler Ebene, kooperative Stadtgartenprojekte, Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften in Form von Kommunen, Genossenschaften, Rekultivierungsprojekte und vieles mehr. Das Problem ist jedoch, dass all diese wirtschaftlichen T&#228;tigkeiten aus dem offiziellen Bild von &#214;konomie ausgegrenzt sind – sie produzieren nicht f&#252;r den Markt, der als &#246;konomisches Zentrum gilt. &#214;konomie ist in diesem Bild ausschlie&#223;lich Markt&#246;konomie – und Arbeit ist nur solche Arbeit, die Waren und Dienstleistungen f&#252;r M&#228;rkte herstellt. Dass &#214;konomie viel mehr ist als der Markt und dass Arbeit vielmehr ist als Erwerbsarbeit, kann infolge dieser Ein&#228;ugigkeit nicht gesehen werden.</p>
<p>Hier setzt das Konzept <a title="Link zur Website Vorsorgendes Wirtschaften" href="http://www.vorsorgendeswirtschaften.de">„Vorsorgendes Wirtschaften“</a> an. Es beginnt mit einem Perspektivenwechsel, es blickt von den bisher als „reproduktiv“ aus dem &#214;konomischen ausgegrenzten Bereichen auf die Markt&#246;konomie. So kommen nicht nur „das Ganze des Wirtschaftens“ und “das Ganze der Arbeit“ in den Blick, sondern auch deren geschlechtshierarchische (M&#228;nner managen oben, Frauen sorgen unten) und naturfeindliche Konstruktionen. Diese k&#246;nnen jetzt kritisiert und ver&#228;ndert werden. Und M&#228;rkte sind, so gesehen, nicht Selbstzweck, sondern Mittel f&#252;r Lebenszwecke. Welche M&#228;rkte (auch: welche Finanzm&#228;rkte?) tun den Menschen und der Natur gut? Diese Fragen k&#246;nnen jetzt gestellt und bearbeitet, aus (spekulierenden) Herren k&#246;nnen (sorgende und vorsorgende) Diener gemacht werden.</p>
<p>Gegen&#252;ber der bisherigen Trennung von Produktion und sog. Reproduktion wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ deren Einheit betont. Diese Einheit wird ausgedr&#252;ckt in einer neuen Kategorie – der Kategorie (Re)Produktivit&#228;t. Sie umfasst die Produktivit&#228;ten aller Arbeitsprozesse einschlie&#223;lich der Care-Arbeit sowie die Produktivit&#228;t der &#246;kologischen Natur und damit alle produktiven Prozesse des Herstellens und Wiederherstellens. Dieses (Re)Produktive muss bewusst gestaltet werden, wenn wir zukunftsf&#228;hig wirtschaften wollen, lautet eine Kernaussage im Rahmen dieses Konzeptes. Und deutlich wird: Menschliche Produktion als Prozess zwischen Mensch und Natur ver&#228;ndert auch die Natur selbst, stellt ein „gesellschaftliches Naturprodukt“ mit her (z. B. ver&#228;ndertes Klima, vergifteten Boden, Kulturw&#228;lder), welches jetzt bewusst erhaltend gestaltet werden kann.</p>
<p>Die theoretische Ausformulierung und die praktische Ausgestaltung von Vorsorgendem Wirtschaften st&#252;tzen sich auf drei Handlungsprinzipien: Vorsorge, Kooperation und Orientierung am f&#252;r ein gutes Leben Notwendigen:</p>
<p>Vorsorge: Die Menschen werden als in sozialen Beziehungen lebend betrachtet (anders als in der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft, die nur den isoliert seinen Nutzen maximierenden homo oeconomicus kennt), als f&#252;r sich und andere sorgend, wobei in dieses Sorgen die nat&#252;rliche Mitwelt und zuk&#252;nftige Generationen eingeschlossen sind. Vorsicht, Voraussicht, Umsicht, &#220;bersicht und R&#252;cksicht sind Charakteristika dieses Prinzips. Sorgen nimmt die Bed&#252;rfnisse aller Beteiligten zum Ausgangspunkt, es ist ein Prinzip, das auch asymmetrische Beziehungen in die &#214;konomie integriert. Solche Asymmetrien bestehen h&#228;ufig in Sorgebeziehungen, in denen die Umsorgten abh&#228;ngig sind von den sorgenden Menschen. Aus dem Sorgen um die Zukunft entsteht die Vorsorge in der Gegenwart. Dabei sind Schonung und Nicht-Handeln M&#246;glichkeiten effizienten &#246;konomischen Handelns. Dagegen ist heute Nachsorge vorherrschend, wie wir z. B. beim Umgang mit Atomm&#252;ll sehen oder bei der CCS-Technik (Carbon Capture and Storage), der Technik, CO2 in Kohlekraftwerken abzuscheiden und in der Erde zu speichern. Anstatt von vornherein auf riskante und die Umwelt zerst&#246;rende Techniken zu verzichten, wird auf technische L&#246;sungen beim Umgang mit den „Abf&#228;llen“ gehofft. Wie das systematisch misslingt, erfahren wir gerade bei der &#214;lkatastrophe im Golf von Mexiko.</p>
<p>Kooperation: Kooperieren ist ein altes Prinzip der Care-&#214;konomie und wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ im Sinne einer vorsorgend-verantwortlichen Kooperation weiterentwickelt. Gemeint ist damit ein kooperatives Wirtschaften, in dem im gemeinsamen Verst&#228;ndigungsprozess nach lebensfreundlichen und naturvertr&#228;glichen wirtschaftlichen Formen gesucht wird. Weil in diesem Verst&#228;ndigungsprozess als sprachlose KooperationspartnerInnen die nat&#252;rliche Mitwelt und zuk&#252;nftige Generationen einbezogen sind, kommt der Begriff „Verantwortung“ mit herein. Verantwortung bedeutet eben, diese KooperationspartnerInnen gleicherma&#223;en einzubeziehen. Diese Kooperation ist prozess-, nicht nur zielorientiert. Dagegen wird heute vor allem auf Konkurrenz gesetzt. Konkurrenzf&#228;hig zu sein wird zum Selbstzweck, dem Soziales und &#214;kologisches untergeordnet wird. Mit dem Hinweis auf die Gef&#228;hrdung der Konkurrenzf&#228;higkeit wird z. B. der Mindestlohn bek&#228;mpft und werden &#246;kologische Sch&#228;den f&#252;r industrielle Gro&#223;projekte wie das Vertiefen von Elbe und Ems in Kauf genommen.</p>
<p>Orientierung am f&#252;r das gute Leben Notwendigen: Vorsorgendes Wirtschaften orientiert sich nicht an der Maximierung individueller Profite und nicht an maximalen Wachstumsraten, sondern an der Gestaltung eines guten Lebens f&#252;r alle Beteiligten. Was dieses gute Leben ist, muss im gemeinsamen Diskurs immer wieder neu festgestellt und durch gesellschaftliche Regelungen erm&#246;glicht werden. Gesellschaftliche Wohlfahrt ist so nicht allein monet&#228;r bestimmt, ist nicht ein-dimensional kalkulierbar, sondern kann nur viel-dimensional und vielf&#228;ltig entwickelt werden. Dagegen wird heute auf das Sozialprodukt, die Summe aller f&#252;r den Markt hergestellten und in Geld bewerteten G&#252;ter und Dienstleistungen, gestarrt – dessen Wachstum gilt als Ausdruck von Wohlfahrt. Z&#246;ge man dagegen von diesem Wachstum dessen soziale und &#246;kologische Kosten ab (z. B. Kinderarmut, Versch&#228;rfung der Ungleichheit, Verkehrsunf&#228;lle, &#246;kologische Sch&#228;den), so w&#252;rde deutlich werden: Unsere Wirtschaft w&#228;chst schon lange nicht mehr, der durch die Wachstumsrate des Sozialprodukts ausgedr&#252;ckte Wohlstand ist ein Schein-Wohlstand!</p>
<p>Das Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ setzt f&#252;r die notwendige Ver&#228;nderung sowohl auf Verhaltens&#228;nderungen der einzelnen Menschen (Konsumkritik und neue Lebensstile), auf die gesellschaftliche Gestaltung neuer Institutionen (wie z. B. das bedingungslose Grundeinkommen) sowie auf den Staat. Es entwirft kein Wolkenkuckucksheim, keine Sozialutopie, sondern eine Wirtschaftsweise, die im Hier und Heute schon entsteht. Aus der Perspektive dieses Konzepts gilt es, diese Prozesse zu st&#228;rken und so eine sozial-&#246;kologische Transformation des &#214;konomischen hin zu einer zukunftsf&#228;higen Wirtschaftsweise zu st&#252;tzen und zu f&#246;rdern. Konkrete Forderungen sind z. B.:</p>
<ul>
<li>Der Ausbau der &#246;kologischen Land-, Fisch- und Forstwirtschaft</li>
<li>Die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare, insbesondere auf Solarenergie</li>
<li>Die Erm&#246;glichung &#246;konomischer Projekte jenseits des Marktes</li>
<li>Die Aufwertung von Care-Arbeit, z. B. &#252;ber fl&#228;chendeckende soziale Infrastrukturen wie Kinderkrippen und – g&#228;rten</li>
<li>Die Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern – M&#228;nner hinein in die Care-Arbeit, Frauen hinein in gute Erwerbsarbeit</li>
<li>Die radikale Verk&#252;rzung der Erwerbsarbeitszeit f&#252;r alle</li>
<li>Einkommensumverteilung von oben nach unten</li>
</ul>
<p>„Vorsorgendes Wirtschaften“ ist ein integrierendes Konzept, alle werden gebraucht, niemand ausgeschlossen. Und es ist ein geschlechtergerechtes Konzept. Niemand wei&#223; genau, wie eine zukunftsf&#228;hige Wirtschaftsweise einmal aussehen wird. F&#252;r den unbekannten Weg dorthin, f&#252;r den notwendigen Suchprozess sind gesellschaftliche Beratungen n&#246;tig. Daf&#252;r werden Gesellschaftsmitglieder ben&#246;tigt – Frauen und M&#228;nner –, die in allen Bereichen des Arbeitens und Wirtschaftens eigene Erfahrungen gesammelt haben. Wie sollen sie sich sonst verst&#228;ndigen? Nur auf der Basis gleicher Erfahrungen lassen sich gemeinsam neue Wirtschaftswege beschreiten. Geschlechtergerechtigkeit ist im Konzept des Vorsorgenden Wirtschaftens daher nicht nur ein moralisches Anliegen, sondern unmittelbar &#246;konomisches Interesse. Zugespitzt formuliert: Geschlechtergerechtigkeit wird zur Basisressource einer zukunftsf&#228;higen &#214;konomie – und damit zum Indikator des Neuen.</p>
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		<title>Geschlechtertheoretische Diskurse in den USA. Eine subjektive Situierung</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/feminismus_usa/</link>
		<comments>http://www.feministisches-institut.de/feminismus_usa/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 11 May 2010 12:09:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universit&#228;t Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven &#220;berblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren f&#252;hrte ich Gespr&#228;che, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen &#252;ber geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie "Klasse" im Zusammenhang mit der Kategorie "Geschlecht" besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalit&#228;t im allt&#228;glichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht? ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universit&#228;t Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven &#220;berblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren f&#252;hrte ich Gespr&#228;che, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen &#252;ber geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie &#8220;Klasse&#8221; im Zusammenhang mit der Kategorie &#8220;Geschlecht&#8221; besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalit&#228;t im allt&#228;glichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht?</strong></p>
<p>Die Debatte &#252;ber die Repr&#228;sentation von Geschlechterrollen scheint besonders wichtig zu sein. Feministische Aktivistinnen treten hier f&#252;r gesetzliche Frauenrechte, wie das Recht auf die k&#246;rperliche Integrit&#228;t und Autonomie sowie Abtreibungs- und Fortpflanzungsrechte ein. Laut Nancy Tripathi gibt es ein Defizit im Dialog zwischen der holistischen Natur der weiblichen Sexualit&#228;t und dem in den USA vorherrschenden hypersexualisierten, moralisierten und patriarchalen Modell einer Gesellschaft. Dementsprechend existieren kontroverse Diskurse in Bezug auf Sch&#246;nheitsideale, K&#246;rperbilder und Repr&#228;sentationen von Frauen sowie Abtreibungsdiskurse oder Richtungsstreits &#252;ber die sexuelle Aufkl&#228;rung von Jugendlichen. Ganz zu schweigen von den Materialisierungen von Fett- und Altersphobien, welche letztlich Brennstoff f&#252;r den kapitalistischen Selbstverwertungsmechanismus liefern, so Nancy Tripathi.</p>
<p>Ein weiteres wichtiges Diskursfragment sind die inhaltlichen &#220;berschneidungen und Verbindungen der amerikanisch-feministischen Bewegung mit LGBT-Rechten. BNOW (Berkeley National Organization for Woman) unterst&#252;tzt mit Kampagnen, wie “I Heart Consensual Sex”, die Selbstbestimmungsrechte von Frauen und zeigt mit Kampagnen wie „Wir nehmen uns die Nacht zur&#252;ck“ Solidarit&#228;t mit Opfern von sexueller und h&#228;uslicher Gewalt.</p>
<p>Diskurse &#252;ber die Geographie von Rasse und Geschlecht sind, im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, durchaus verbreitete Themen. In diesem Zusammenhang werden Forschungsfragen nach der historischen und kulturellen Geographie von „Rasse“ und Geschlecht in den USA und in Bezug auf andere Teile der Welt gestellt. Aber auch allgemeine Fragen zu den Alltagspraktiken insbesondere in r&#228;umlichen Kontexten oder der Untersuchungen von Architektur, k&#246;nnen das Verst&#228;ndnis von Geschlechterbeziehungen verdeutlichen und dazu beitragen die soziale und strukturelle Ungleichheit und Rassendiskriminierung in einer globalisierten Welt zu verstehen.</p>
<p>Der Diskurs um den Zusammenhang bzw. die Intersektion von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht wird in den Debatten wesentlich kontroverser ausgetragen, als ich vermutet hatte. Vor allem ein deutliches Gef&#228;lle zwischen materialistischen und poststrukturalistischen Ans&#228;tzen ist hier festzustellen. Der marxistische Ansatz von Amiko teilt die Gesellschaft in zwei Klassen (Proletariat/B&#252;rgertum) ein. Diese Analyse bezieht sich darauf, dass der amerikanische Kapitalismus auf der Sklaverei und der Festsetzung von Frauen in der „Kernfamilie“ aufgebaut ist, sowie durch moralische Gesetze und Regulierungen (Gesetze bez&#252;glich M&#252;ndigkeit, sexueller Orientierung, Abtreibung usw.) konzipiert wird. Folgerichtig m&#252;sste diese marxistische Ansicht zu dem Schluss kommen, dass der Kapitalismus durch die Reproduktion seiner Produktionsbedingungen aufrecht erhalten wird. Amikos Perspektive beschreibt aber die Existenz von sozialen Problemen, einschlie&#223;lich ungleicher Geschlechterverh&#228;ltnisse, als ein „notwendiges Nebenprodukt des Kapitalismus“. Mit dieser Haupt- und Nebenwiderspruchsargumentation ist der Kampf um die Emanzipation der Menschheit und die Errichtung einer egalit&#228;ren Gesellschaft meines Erachtens nicht zu erreichen. Bei den anderen Interviews wird die Klassenfrage nur implizit bzw. als „Add on“ behandelt. Das Addieren von Klassenverh&#228;ltnissen ohne explizite Bestimmung der Verwobenheit von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht habe ich auch bei verschiedenen anderen geschlechtertheoretischen Vorlesungen und Vortr&#228;gen festgestellt. Das fehlende Verst&#228;ndnis materialistischer Ans&#228;tze und das Fehlen einer fundierten geschlechtertheoretischen und diskurs&#252;bergreifenden &#214;konomiekritik scheint also nicht nur ein „deutsches“ Problem zu sein.</p>
<p>F&#252;r Lorin K. Jackson ist der Ansatz der Intersektionalit&#228;t mehr als eine Theorie. F&#252;r sie als Schwarze|Queere|Frau mit einem „lower class“ Hintergrund sind diese Intersektionen st&#228;ndig pr&#228;sent und stellen gro&#223;e Hindernisse bzw. Unterdr&#252;ckungsmechanismen im Alltag, besonders im Umgang mit Institutionen, dar. Lorin empfindet h&#228;ufig das Bed&#252;rfnis, sich von den anscheinend un&#252;berwindlichen und gegen sie errichteten Hindernissen (seemingly insurmountable obstacles) zu trennen, wenn sie zum Beispiel bei ihrer Arbeit als Lehrerin aufgrund ihrer Selbstverh&#228;ltnisse getriggert wird. F&#252;r Lorin bedeutet die Erfahrung, dass sie keine Kontrolle &#252;ber die Diskriminierungslabels Schwarz|Queer|Frau|low class besitzt und dass sie diesen Diskriminierungslabels nur mit Stolz begegnen kann: „You cannot survive if you ascribe to lies that seek to maintain power structures or hierarchies of oppression“. Die Theorie der Intersektionalit&#228;t dient folglich auch dazu, Definitionsmacht zu schaffen und Unterdr&#252;ckungsmechanismen zu erkennen. F&#252;r Lorin bedeutet das auch, anderen Leuten, die an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchien leben, nicht zu erlauben, die Aspekte ihrer Pers&#246;nlichkeit zu definieren.</p>
<p>Auch f&#252;r Emma Shaw Crane ist die Theorie der Intersektionalit&#228;t eine ganz allt&#228;glicher Praxis. Emma hat die Theorie der Intersektionalit&#228;t geholfen, die „gegenderte“ Gewalt und die Klassenprivilegien zu verstehen, die sie als junge Mittelstandsuniversit&#228;tsstudentin an einer Eliteuniversit&#228;t erfahren hat. Die Theorie der Intersektionalit&#228;t hat ihr auch geholfen, die Beschimpfung „girly men“ zu verstehen, die zwei amerikanisch-asiatische Br&#252;der, auf dem selben Spielplatz auf dem Emma schikaniert worden ist, &#252;ber sich ergehen lassen mussten. Diese Erfahrungen der strukturellen und allt&#228;glichen Gewalt gegen Arme oder „People of Colour“ brachte sie dazu, die Widerspr&#252;che und M&#246;glichkeiten ihres eigenen Geschlechtes, Klassenhintergrunds, ihrer „mixed racial history“ und nonkonformistischer Sexualit&#228;t zu reflektieren. Wenn auch die Wege, so schreibt Emma, wie wir diese Gewalt erfahren, verschieden sind, erm&#246;glicht uns die Theorie der Intersektionalit&#228;t rassistische Kolonialpropaganda mit diskriminierenden Konstruktionen von Geschlecht zu sehen. F&#252;r Emma tr&#228;gt diese Beobachtung dazu bei, Unterdr&#252;ckungsmechanismen gemeinsam zu analysieren und gemeinsam Widerstand zu leisten.</p>
<p>Ihr Lieblingsdichter June Jordan schreibt: “It is against such sorrow, and against such suicide, and it is against such deliberated strangulation of the possible lives of women, of my sisters, and of powerless peoples – men and children – everywhere, that I work and live, now, as a feminist…” Diese Sichtweise hat auch Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem Gastvortrag zu “Situating Feminism“ an der UC Berkeley betont.(2) Es geht darum, dass Feminismus nicht ausschlie&#223;lich f&#252;r Frauen gemacht wird, sondern dass Feminismus auch f&#252;r M&#228;nner gemacht werden muss.</p>
<p>Diese kleine subjektive Darstellung und keinesfalls repr&#228;sentative Darstellung US-amerikanischer Debatten zeigt ansatzweise, wie die geschlechtertheoretischen Ans&#228;tze im US-amerikanischen Alltag pr&#228;sent sind. Im abschlie&#223;enden Videointerview mit Aina Aasland werden die geschlechtertheoretischen Diskurse, welche an der Universit&#228;t Berkeley gelehrt werden, reflektiert.<br />
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<p><strong>Fu&#223;noten</strong></p>
<p>(1) Hierf&#252;r danke ich ganz herzlich:</p>
<p>Emma Shaw Crane (24), Mitglied des “June Jordan&#8217;s Poetry for the People” des African American Studies Department der UC Berkeley. Emma arbeitet f&#252;r ein Gef&#228;ngnisradio, welches politischen Gefangenen eine Stimme nach drau&#223;en gibt.</p>
<p>Nancy Tripathi, (23), Mitglied  des BNOW – (Berkeley National Organization for Woman), siehe www.now.berkeley.edu</p>
<p>Amiko, Mitglied der International Communist League<strong> </strong></p>
<p>Lorin K. Jackson (24), African American woman, queer sexuality orientation (Selbstbeschreibung)</p>
<p>Aina Aasland (22), Austauschstudentin der Soziologie aus Norwegen, welche sich freundlicherweise bereiterkl&#228;rt hat das unten Angef&#252;hrte Videointerview zu machen.</p>
<p>(2) Gayatri Chakravorty Spivak on Situating Feminism, online verf&#252;gbar:</p>
<p><a href="http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&amp;p=1&amp;ipp=15&amp;category=" target="_blank">http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&amp;p=1&amp;ipp=15&amp;category=</a></p>
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		<title>Das Grauen vor der Prostitution, den Drogen … den Anderen</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/grauen/</link>
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		<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 12:57:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Schrader</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der deutsche Sozialstaat versuchte fr&#252;her den „Bed&#252;rftigen“ neben der Grundabsicherung ihres Lebensstandards durch Resozialisierungs- und Reintegrationsma&#223;nahmen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Mehrheit zu erm&#246;glichen. Dieser Ansatz wird heute mit dem Hinweis auf die „leeren Kassen“ und die angebliche Ineffizienz nicht mehr verfolgt und durch die &#252;bergeordnete Strategie des Gefahren- und Risikomanagements ersetzt. Im Zentrum der Aktivit&#228;ten steht jetzt die Gef&#228;hrlichkeit des Individuums. Erkennbar sind diese Tendenzen in Deutschland unter anderem an der Erh&#246;hung des Strafrahmens, der Absenkung der Strafm&#252;ndigkeit, den vereinfachten Voraussetzungen f&#252;r die U-Haft, der konsequenten Abschiebungspraxis und der Video&#252;berwachung &#246;ffentlicher Pl&#228;tze. ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Der deutsche Sozialstaat versuchte fr&#252;her den „Bed&#252;rftigen“ neben der Grundabsicherung ihres Lebensstandards durch Resozialisierungs- und Reintegrationsma&#223;nahmen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Mehrheit zu erm&#246;glichen. Dieser Ansatz wird heute mit dem Hinweis auf die „leeren Kassen“ und die angebliche Ineffizienz nicht mehr verfolgt und durch die &#252;bergeordnete Strategie des Gefahren- und Risikomanagements ersetzt. Im Zentrum der Aktivit&#228;ten steht jetzt die Gef&#228;hrlichkeit des Individuums. Erkennbar sind diese Tendenzen in Deutschland unter anderem an der Erh&#246;hung des Strafrahmens, der Absenkung der Strafm&#252;ndigkeit, den vereinfachten Voraussetzungen f&#252;r die U-Haft, der konsequenten Abschiebungspraxis und der Video&#252;berwachung &#246;ffentlicher Pl&#228;tze.</strong></p>
<p>Eine Gruppe, die im Fokus dieser Sicherheitsdispositive steht, das sind Menschen, die illegalisierte Drogen konsumieren. Drogenkonsum gilt in Deutschland nicht mehr grunds&#228;tzlich als moralisch verwerflich, da er zunehmend in der Mehrheitsgesellschaft und dort auch durch ihre Eliten praktiziert wird. Allerdings werden die Teile der Gesellschaft, die nicht verantwortlich, also nicht kontrolliert mit dem Konsum umgehen k&#246;nnen oder wollen, zu einer Risikopopulation erkl&#228;rt. Die Regulation der Risiken, welche dieser Gruppe zugeordnet werden &#8211; kombiniert mit einer dann doch oft moralisch unterf&#252;tterten Bewertung des Konsums &#8211; entscheidet &#252;ber den Zugang zu bestimmten R&#228;umen. So wurden zum Einen &#246;ffentliche R&#228;ume in Hamburg f&#252;r die Risikogruppe „der S&#252;chtigen“ geschlossen (Innenstadt, Hautbahnhof, Schanzenviertel) und zum Anderen klar umgrenzte Zug&#228;nge f&#252;r diese Gruppe (Drob Inn) oder f&#252;r spezifische Untergruppen (Frauen &#8211; ragazza e.V., minderj&#228;hrige M&#228;dchen – Cafè Sperrgebiet, Stricher &#8211; BASIS-Projekt, Stra&#223;enkinder &#8211; KIDS) er&#246;ffnet. Hier treffen die Betroffenen nur noch mit Angeh&#246;rigen der gleichen Risikogruppe zusammen. Fr&#252;her ging es in der akzeptierenden Drogenarbeit haupts&#228;chlich darum, einen weniger gesundheitssch&#228;dlichen Konsum zu erm&#246;glichen. Dieses Anliegen hat sich ge&#228;ndert, jetzt geht es in erster Linie um die Entlastung des &#246;ffentlichen Raumes durch die Schaffung eines Ortes des „Anderssein“, in dem aber gleichzeitig „die Anderen“ effizienter kontrolliert werden k&#246;nnen. Das ist &#252;brigens nicht neu, sondern erinnert an die gesellschaftliche Funktion von Bordellen. Dort kann „das Andere“ ungest&#246;rt „das Andere“ sein, aber es unterliegt in diesem Raum auch immer der Kontrolle (Schmidt-Semisch, Henning: Selber schuld. In: Krasmann, Susanne u.a. (Hg.), Gouvernementalit&#228;t der Gegenwart, 181). Der sichtbare Teil des Problems verschwindet aus der Wahrnehmung und kann so von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert und damit akzeptiert werden. Die Tr&#228;ger sozialer Einrichtungen passen sich oft gezwungenerma&#223;en, manchmal aber leider auch im Glauben an die gerade moderne Wettbewerbstheorie dieser Entwicklung, an. Die neuen Spielregeln bestimmen, dass sich nur die sozialen Einrichtungen behaupten k&#246;nnen, welche effizient die Entlastung des &#246;ffentlichen Raumes und die Kontrolle der Risikogruppe gew&#228;hrleisten.</p>
<p><strong>Wer sind „die Anderen“?</strong></p>
<p>Identit&#228;t konstruiert sich, so Stuart Hall, nur auf der Grundlage der Differenz, nur &#252;ber die Beziehung zum Anderen, in Beziehung zu dem, was sie nicht ist, zu gerade dem, was von ihr ausgelassen ist (Hall, Stuart 2004: Ideologie, Identit&#228;t, Repr&#228;sentation, Hamburg, 171). In Hamburg St. Georg sind „die Anderen“, die Nicht Gewollten, die &#220;berfl&#252;ssigen, die Anormalen – u. a. drogenkonsumierende Sexarbeiterinnen. Nach Angabe drogenkonsumierender Sexarbeiterinnen (Besucherinnen von ragazza e.V. Hamburg) belaufen sich die Kosten f&#252;r harte Drogen bei t&#228;glichem Konsum auf sch&#228;tzungsweise 100 bis 300 in Einzelf&#228;llen auch auf 500 EUR pro Tag. Wegen der hohen Kosten werden riskante Konsumformen (intraven&#246;s oder Crack) bevorzugt, um auch bei kleineren Mengen eine h&#246;here Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig entsteht ein enormer finanzieller Beschaffungsdruck. Die meisten drogengebrauchenden Frauen arbeiten im Hamburger Stadtteil St. Georg. Der Drogenstrich liegt im Sperrgebiet. Das bedeutet, dass die Frauen illegal arbeiten und ordnungswidrig handeln. Durch die Sperrgebietsverordnung werden die „Beschaffungsprostituierten“ zus&#228;tzlich kriminalisiert, da ihnen die lukrativen legalen Pl&#228;tze, die von „Profi“- Frauen genutzt werden, nicht zur Verf&#252;gung stehen. Drogengebrauchende Frauen versto&#223;en au&#223;erdem st&#228;ndig gegen das Bet&#228;ubungsmittelgesetz (BtMG) und begehen oft auch andere Straftaten (u.a. durch Dealen, das Bunkern von Drogen, Ladendiebstahl, nicht erf&#252;llte Auflagen der Staatsanwaltschaft, Erschleichung von Bef&#246;rderungsleistungen etc.).</p>
<p>Nach Sch&#228;tzungen der Polizei gehen in St. Georg ca. 450 Frauen der Stra&#223;enprostitution nach, viele von ihnen gebrauchen Drogen. Nach Angaben der Beratungs- und &#220;bernachtungsstellen in St. Georg arbeiten etwa 800 bis 1000 Frauen in der Prostitution. Sch&#228;tzungsweise 80% dieser Frauen sind Konsumentinnen von Drogen. Die Zahlen sind jedoch spekulativ, da es kein repr&#228;sentatives Zahlenmaterial gibt. Aus der Kombination von illegalisierter Prostitution und Drogenkonsum resultieren massive Folgesch&#228;den und eine psychosoziale Verelendung, was zur Folge hat, dass sich die Mehrzahl der Frauen nicht mit dieser Erwerbst&#228;tigkeit identifizieren kann. Sie profitieren nicht von den medizinischen Vorsorgeuntersuchungen und sind daher oft durch Krankheiten geschw&#228;cht. Da sie auch den Selbstschutz nicht wie die hauptberuflichen Sexarbeiterinnen organisieren k&#246;nnen, sind sie vielfach Misshandlungen und Vergewaltigungen ausgeliefert (Zurhold, Heike 1993: Drogenkarrieren von Frauen im Spiegel ihrer Lebensgeschichten, Berlin, 30/31). Drogenkonsumierende Sexarbeiterinnen sind zwar „die Anderen“, aber nicht die Einzigen, die dem Gefahren-, Risiko- oder Sicherheitsmanagement unterliegen!</p>
<p><strong>Die Rechte „Marginalisierter“ im b&#252;rgerlichen Staat, ein Widerspruch an sich?</strong></p>
<p>Junge dynamische leistungsf&#228;hige Menschen erobern „angesagte“ Stadtteile, wie St. Georg, kaufen Eigentumswohnungen und werben f&#252;r einen bunten Strau&#223; unterschiedlicher Kulturen, sexueller Orientierungen und Lebensformen. Die angepriesene Vielfalt entpuppt sich jedoch bei genauerer Analyse als ein Trugschluss. Der locker daher kommende Slogan von der Vielf&#228;ltigkeit im Stadtteil ist ein hegemonialer Diskurs der wei&#223;en finanziell potenten Mehrheitsdeutschen. So werden zwar nach jahrzehntelangen K&#228;mpfen endlich auch homosexuelle Lebensformen akzeptiert, aber umso st&#228;rker der „gewaltt&#228;tige Migrant“ zu einem neuen Feindbild stilisiert. Auch die Frauen, die seit Jahrzehnten in St. Georg arbeiten und ihre Existenz durch Sexarbeit sichern, passen nicht zu dieser scheinbaren Diversit&#228;t. Im Fokus der gesellschaftlichen &#196;chtung stehen zwar immer noch die „Junkiehuren“, jedoch f&#252;hlen sich die neuen b&#252;rgerlichen St. GeorgianerInnen eher durch die „Huren“ aus Bulgarien und Rum&#228;nien gest&#246;rt. Vor allem die m&#228;nnlichen Anwohner f&#252;hlen sich durch deren angeblich kulturell spezifisch aggressive Freieransprache bel&#228;stigt. So berichtet das PK 11, dass es bereits zu t&#228;tlichen &#220;bergriffen durch die Frauen gegen&#252;ber potentiellen Kunden gekommen sei, was aber eher in den Bereich einer modernen Stadteilsage geh&#246;rt. Um die AnwohnerInnen zu beruhigen, werden gouvernementale Regierungstechniken etabliert, die sich einen demokratischen Anstrich verleihen, indem sie vorgeben, die Stimmen aller Beteiligten aufzunehmen. F&#252;r Hamburg ist der „Runde Tisch“ mit seinen verschiedenen Arbeitsgruppen solch eine typisch gouvernementale Regierungstechnik. Hier sitzen Polizei, Wirtschaft und soziale Projekte an einem Tisch und debattieren &#252;ber die Steuerung und Regulierung der Prostitution. Obwohl die Ergebnisse noch nicht ver&#246;ffentlicht sind, kann jetzt bereits gesagt werden, dass die erarbeiteten Modelle keinesfalls den Bedarfen der betroffenen Frauen entsprechen. Es wird im Gegenteil in den meisten Bereichen zu einer Versch&#228;rfung der Situation durch weitere Repressionen gegen die Sexarbeiterinnen kommen. Das ist ein sehr trauriges Ergebnis, da Hamburg einst, verglichen mit anderen Bundesl&#228;ndern, eher eine  progressive innovative Politik auch f&#252;r „die Anderen“ unterst&#252;tzt hat. Es stellt sich ein ungutes Gef&#252;hl ein, wenn frau sich vorstellt, wo eine solche Politik endet. Wer geh&#246;rt zu einem Stadtteil, zu einer Stadt, zu einer Gesellschaft und wer nicht? Wer verf&#252;gt &#252;ber Mitsprache und wer erreicht nie die Position einer SprecherIn? Eine funktionierende Gesellschaft muss immer auch „das Andere“ tolerieren, denn heute sind „die Anderen“ in Hamburg St. Georg die „Drogenprostituierten“, die „Bulgarinnen und Rum&#228;ninnen“, oder die „gewaltt&#228;tigen Migranten“ und morgen k&#246;nnten es die „Alten“, die nicht Leistungsf&#228;higen oder erneut die nicht Heteronormativen sein.</p>
<p>Ich m&#246;chte mit einem Zitat von Jean Amèry aus dem Buch „Jenseits von Schuld und S&#252;hne“ enden, das zu denken geben sollte: „Ich war mein K&#246;rper und nichts sonst: im Hunger, im Schlag, den ich erlitt, den ich zuf&#252;gte. Mein K&#246;rper war ausgemergelt und schmutzverkrustet, war meine Misere. Mein K&#246;rper, wenn er sich zum Hieb anspannte, war meine physisch–metaphysische W&#252;rde. Die k&#246;rperliche Gewaltt&#228;tigkeit ist in Situationen wie der meinigen das einzige Mittel zur Wiederherstellung einer dislozierten Pers&#246;nlichkeit. Ich war ich als ein Schlag – f&#252;r mich selbst und f&#252;r den Gegner. Was ich sp&#228;ter in dem Buch von Frantz Fanon ‚Les damnès de la terre’ in einer Analyse des Verhaltens der Kolonialv&#246;lker theoretisch ausgef&#252;hrt gelesen hatte, nahm ich damals vorweg, als ich meine W&#252;rde sozial durch einen Faustschlage in ein Menschenantlitz verwirklichte.“</p>
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		<title>Die Tomate weiter werfen… Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alpham&#228;dchen und F-Klasse</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 09:43:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Feministischer Arbeitskreis ‚Schöner leben‘</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Feminismus soll gerade f&#252;r junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Cool und l&#228;ssig soll Feminismus sein und das Leben f&#252;r Frauen sch&#246;ner machen, so das Credo vieler B&#252;cher. Ist damit Feminismus schon so salonf&#228;hig, dass man/Frau dar&#252;ber gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen m&#252;sste? Dass sich dieser „neue Feminismus“ nicht auf alle Frauen bezieht und sich oftmals nicht als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht, ist scharf zu kritisieren. Deshalb pl&#228;diert der „Feministische Arbeitskreis ‚Sch&#246;ner Leben‘“ aus M&#252;nster f&#252;r eine lokale feministisch gesellschaftskritische Bewusstseinsbildung. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen und &#246;konomische Ausbeutung, die insbesondere Frauen treffen, zeigen, dass es notwendig ist feministische Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen zu etablieren!...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Feminismus soll gerade f&#252;r junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Cool und l&#228;ssig soll Feminismus sein und das Leben f&#252;r Frauen sch&#246;ner machen, so das Credo vieler B&#252;cher. Ist damit Feminismus schon so salonf&#228;hig, dass man/Frau dar&#252;ber gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen m&#252;sste? Dass sich dieser „neue Feminismus“ nicht auf </strong><strong>alle Frauen bezieht und sich oftmals nicht als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht, ist scharf zu kritisieren. Deshalb pl&#228;diert der „Feministische Arbeitskreis ‚Sch&#246;ner Leben‘“ aus M&#252;nster f&#252;r eine lokale feministisch gesellschaftskritische Bewusstseinsbildung. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen und &#246;konomische Ausbeutung, die insbesondere Frauen treffen, zeigen, dass es notwendig ist feministische Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen zu etablieren!</strong></p>
<p>Debatten um Familienpolitik, Kinderbetreuung, Elterngeld und V&#228;terzeit ebenso wie der seit einiger Zeit in den Medien kursierende sogenannte „neue Feminismus“ scheinen auf den ersten Blick Diskussionen um Geschlechtergerechtigkeit wieder auf die politische Tagesordnung gebracht zu haben. So scheint der Feminismus in staatlichen Institutionen und in der b&#252;rgerlichen Mitte angekommen zu sein. Haben sich emanzipatorische Forderungen damit also erledigt?</p>
<p>Hervorgeholt aus der vermeintlichen Mottenkiste und befreit vom Mief der 70er Jahre soll Feminismus gerade f&#252;r junge Frauen wieder attraktiv gemacht werden. Feminismus kann cool und l&#228;ssig sein und soll das Leben sch&#246;ner machen, so Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl in ihrem Buch „Wir Alpha-M&#228;dchen“. Thea Dorn propagiert in Abgrenzung vom Feminismus der 70er Jahre die neue F-Klasse, erfolgreiche Individualistinnen, die es geschafft haben, „ihre Projekte trotz Anfechtungen durchzusetzen und dennoch keine schmallippigen Karrieremaschinen geworden sind.“ Ebenso verabschieden sich die „neuen deutschen M&#228;dchen“ Jana Hensel und Elisabeth Raether von einem Popul&#228;r-Feminismus à la Alice Schwarzer und konzentrieren sich stattdessen in autobiografischer Weise auf das, was ihrer Auffassung nach der Feminismus au&#223;en vor gelassen hat: die Probleme, W&#252;nsche und Sehns&#252;chte des privaten Lebens von Frauen.</p>
<p>So ist auf den ersten Blick zu meinen, dass im Namen des sogenannten „neuen Feminismus“ in Form von Literatur wie Wir Alpha-M&#228;dchen oder die Neue F-Klasse, aber auch der Familienpolitik der gro&#223;en Koalition doch eigentlich Feminismus schon zum Mainstream und so salonf&#228;hig geworden ist, dass man/Frau dar&#252;ber doch gar nicht mehr in gesellschaftskritischer Form sprechen m&#252;sste.</p>
<p>Zu fragen ist aber, ob sich dieser sogenannte „neue Feminismus“ auf <strong>alle</strong> Frauen bezieht und inwiefern sich dieser tats&#228;chlich als feministische Kritik an der gesamten Gesellschaft versteht?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Feministische Leerstellen</strong></p>
<p>Bei genauerem Hinsehen f&#228;llt n&#228;mlich auf, dass diese Art Post-Feminismus nichts gemeinsam hat mit einem gesellschaftskritischen Feminismus der sogenannten zweiten Frauenbewegung, die im Kontext der StudentInnenbewegung 1968 entstand. Ein Tomatenwurf w&#228;hrend der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes war 1968 einer der Startsch&#252;sse f&#252;r diese zweite deutsche Frauenbewegung. Damals kritisierten die Studentinnen, der SDS ignoriere die Diskriminierung von Frauen. Als Teil sozialer Bewegungen und K&#228;mpfe formulierte sie eine fundamentale Kritik an bestehenden kapitalistischen Verh&#228;ltnissen. Die Perspektive der Generation der Alpha-Feministinnen ist jedoch eine andere. Ihnen geht es vor allem um sich selbst: Um mittelst&#228;ndische, intellektuelle Frauen auf der Karriereleiter steil nach oben. Ihr „feministischer“ Anspruch ist begrenzt auf individuelle Selbstverwirklichung und beruflichen Erfolg.</p>
<p>Die Lebenssituation von Migrantinnen, Hartz IV-Empf&#228;ngerinnen, Alleinerziehenden, um nur einige zu nennen, kommen hingegen nicht vor, geschweige denn, dass ein Blick &#252;ber den eigenen bundesrepublikanischen Tellerrand hinaus gemacht wird. So scheint es der neuen feministischen Avantgarde noch nicht aufgefallen zu sein, dass globale (patriarchale) Unrechtsstrukturen besonders auch Frauen betreffen und unter den Frauen selbst gro&#223;e Ungleichheitsverh&#228;ltnisse existieren.</p>
<p>Mag der Anspruch dieses sogenannten „neuen Feminismus“ das Lebensgef&#252;hl einer bestimmten Gruppe von Frauen aufgreifen, angesichts der aktuellen sozialen und politischen Entwicklungen greift er jedenfalls viel zu kurz. Leerstellen wie Rassismus, soziale Spaltungen, &#246;konomische Ausbeutung, Elitenf&#246;rderung und Klassenverh&#228;ltnisse zeigen, dass es sich im Gegenteil lohnt die „Tomate weiterzuwerfen…“</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Lokale feministische Bewusstseinsbildung</strong></p>
<p>Um eine feministische gesellschaftskritische Diskussion gerade unter Einbeziehung dieser Leerstellen anzusto&#223;en, konstituierte sich unter dem Namen „Feministischer Arbeitskreis ‚Sch&#246;ner leben‘“ Ende 2007 eine Gruppe von sechs Frauen im Umfeld des Institut f&#252;r Theologie und Politik und der attac-Regionalgruppe in M&#252;nster. Im Gegensatz zum entsolidarisierten B&#252;cherfeminismus bestand das Hauptanliegen der Gruppe darin, sich an lokaler feministischer Bewusstseinsbildung zu beteiligen.</p>
<p>Zum einen sollte die Frage danach gestellt werden, wie sich Formen feministischer Politik ver&#228;ndert haben? Wo gibt es heute Protest und Widerstand gegen Frauendiskriminierung und Geschlechterhierarchie, ohne die kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren w&#252;rde? Wie kann es gelingen, gleichzeitig die Geschlechterrollen und ganz grunds&#228;tzlich die Einteilung in zwei Geschlechter selbst als hierarchisch und &#252;berholt zu entlarven und zu bek&#228;mpfen? Wie k&#246;nnen wir Ans&#228;tze grunds&#228;tzlicher feministischer Kritik sichtbarer machen, miteinander ins Gespr&#228;ch bringen und &#246;ffentliche Debatten ansto&#223;en?</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus ging es darum, die derzeit zum gr&#246;&#223;ten Teil fragmentierten lokalen feministischen Gruppen und Institutionen (z.B. die autonomen Frauenh&#228;user oder Frauenrechtsgruppen oder autonome Gruppen, die z.B. Ladyfeste organisieren, feministische Politik und Diskussionen an den Hochschulen oder in linken Gruppen organisieren) nicht nur sichtbarer werden zu lassen, sondern M&#246;glichkeiten st&#228;rkerer Vernetzung zu erschlie&#223;en.</p>
<p>Einige Monate traf sich die Gruppe, um sich &#252;ber aktuelle Debatten und Publikationen im Bereich ‚Feminismus‘ zu informieren. So diskutierten wir die oben genannten B&#252;cher und die Debatten um den daran anschlie&#223;enden ‚neuen Feminismus‘ in den Medien. Auf der anderen Seite diskutierten wir aber auch Publikationen z.B. des Feministischen Institut Hamburg (G. Winker, Melanie Gro&#223;: „Queer-/feministische Kritiken neoliberaler Verh&#228;ltnisse“, M&#252;nster 2007) oder von Frigga Haug (Die Vier-in-Einem-Perspektive, Hamburg 2008). Daraus entstand die Idee, eine Veranstaltungsreihe zum Thema „neuer Feminismus“ und m&#246;glicher Kritik daran zu initiieren. Klingt diese Vorstellung auch akademisch, ging es uns um sehr reale Alltagssituationen, die politisch eingesch&#228;tzt werden und in politische feministische Praxis umgesetzt sein wollen. Um die Fragestellungen in eine breitere &#214;ffentlichkeit zu tragen, haben wir im Fr&#252;hjahr 2009 eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Die Tomate weiterwerfen….Feministische Gesellschaftskritik jenseits von Alpha-M&#228;dchen und F-Klasse“ dazu durchgef&#252;hrt.</p>
<p><strong>„Die Tomate weiter werfen“ – Die Veranstaltungsreihe</strong></p>
<p>Mit dem Film „Bread and Roses“ von Ken Loach wurde die dreiteilige Veranstaltungsreihe er&#246;ffnet. Der im Jahr 2000 entstandene Film zeigt das Schicksal der illegalisierten mexikanischen Migrantin Maya, die in Los Angeles in einer Putzkolonne arbeitet und sich nach und nach politisiert und gewerkschaftlich organisiert, gleichzeitig aber dadurch auch in massiven Konflikt mit ihrer Schwester ger&#228;t. Der Film basiert auf den Erfahrungen der Gewerkschafts-Kampagne „Justice for Janitors“ in den USA und zeigt deutlich die Verquickung von sexistischer, rassistischer und sozialer Diskriminierung auf. Dies war uns ein besonderes Anliegen angesichts des neuen „Eliten-Feminismus“. Au&#223;erdem machte er die internationale Dimension des Themas deutlich.</p>
<p>Auf die Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung in Deutschland seit 1968 konzentrierte sich die Politologin Stefanie Ehmsen (Berlin) mit ihrem Vortrag unter dem Titel „Ausverkauf des Feminismus? Von der Revolution&#228;rin 1968 zur Gleichstellungsbeauftragten“. Im Anschluss daran entstand eine rege Diskussion unter den Teilnehmenden und mit der Referentin &#252;ber Chancen und Grenzen von aktueller Gleichstellungspolitik, &#252;ber Geschlechterverh&#228;ltnisse und – rechtm&#228;&#223;ig oder unrechtm&#228;&#223;ig – verloren gegangene Anspr&#252;che von Gesellschaftskritik aus feministischer Perspektive. Ganz grunds&#228;tzlich wurde &#252;ber die Definition von „Feminismus“ oder „Frauenbewegung“ und ihre Aktualit&#228;t diskutiert. Dabei wurden sehr kontroverse Positionen deutlich, die aber gut nebeneinander stehen gelassen werden konnten. Trotzdem konnte insgesamt unter den Beteiligten Konsens dar&#252;ber festgestellt werden, dass es notwendig ist, Diskriminierung und immer noch verfestigte Rollenbilder sowohl &#246;ffentlich als auch innerhalb von Beziehungen zu thematisieren.</p>
<p>Vor welche Herausforderungen feministische Gesellschaftskritik in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise gestellt ist, analysierte die Soziologin Gabriele Winker (Hamburg). Ihr Vortrag nahm die Wirtschaftskrise als Ausgangspunkt, um den Ansatz der Intersektionalit&#228;t, der von Gabriele Winker und ihren Kolleginnen zurzeit entwickelt wird, vorzustellen. Dieser ber&#252;cksichtigt vier Kategorien – Geschlecht, K&#246;rper, ‚Rasse‘ und Klasse, um Unterdr&#252;ckung und Herrschaft auf drei Ebenen, n&#228;mlich Struktur, Repr&#228;sentation und Identit&#228;t, zu beschreiben. An der TU Hamburg, an der die Referentin lehrt, wird dieses Modell anhand einer Studie zu Erwerbslosigkeit von einem Forscherinnenteam zur Zeit getestet.</p>
<p>Die anschlie&#223;ende Diskussion drehte sich viel um die Verbindung des theoretischen Anspruchs des Modells ‚Intersektionalit&#228;t‘ mit konkreten politischen Notwendigkeiten, z.B. der Organisierung von feministischen Anliegen in Gruppen, B&#252;ndnisbildung und politischer Wirksamkeit. Angesichts der dominanten Interpretationen der Wirtschaftskrise und entsprechend konservativen Handlungsstrategien scheint zurzeit wenig Spielraum f&#252;r emanzipatorische Gesellschaftsver&#228;nderung zu existieren. Die Frage, wie konkret ein Aufbrechen dieser Dominanzen zurzeit m&#246;glich ist, musste offen bleiben. Die Betrachtungsweise des intersektionalen Ansatzes, unterschiedliche Herrschaftsformen zusammen zu denken und doch als eigenst&#228;ndige zu verstehen, wurde jedoch von der Mehrheit als sehr n&#252;tzlich f&#252;r Perspektiven von Ver&#228;nderung und neuen Strategien angesehen.</p>
<p><strong>Perspektiven und Potenziale feministischer Widerstandspraxen vor Ort</strong></p>
<p>Von mehreren Seiten bekamen wir Anerkennung daf&#252;r, das Thema aufgegriffen und in M&#252;nster &#246;ffentlich diskutierbar gemacht zu haben, da es kaum kritische Veranstaltungen dazu gibt. Durch die Suche nach Mitveranstaltenden ergaben oder vertieften sich Kontakte und es besteht das Interesse, weitere Veranstaltungen gemeinsam zu organisieren. Leider sind wir in M&#252;nster weit davon entfernt, (wieder!?) ein handlungsf&#228;higes feministisch-politisches B&#252;ndnis auf die Beine zu stellen &#8211; die letzte spektren&#252;bergreifende Vorbereitung des Internationalen Frauentags mit aussagekr&#228;ftigen Protest-Aktionen fand 2005 statt. Von daher muss es im Moment bei solchen kleinen Projekten und Anst&#246;&#223;en bleiben. Dennoch k&#246;nnen die verschiedenen feministischen Widerstandspraxen innerhalb breiter sozialer Bewegungen dazu beitragen, dass eine andere Welt denkbar wird, in der ein menschenw&#252;rdiges Leben f&#252;r alle selbstverst&#228;ndlich ist. So wollen wir weiterhin Ans&#228;tze feministischer Gesellschaftskritik sichtbar machen, Impulse und Ideen anzusto&#223;en und nach Handlungsm&#246;glichkeiten feministischen Widerstands f&#252;r eine gerechtere und solidarischere Welt zu suchen.</p>
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		<title>Netzpolitik und soziale Gerechtigkeit. Ein queer-feministisch-intersektional inspirierter Blick auf die Themen der digitalen B&#252;rgerrechtsbewegung</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/netzpolitik/</link>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 21:02:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Ganz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Technologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Netzpolitische Themen wie die Vorratsdatenspeicherung oder Internetsperren haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Mobilisierungsf&#228;higkeit bewiesen. Dies hat nicht zuletzt der Achtungserfolg der Piratenpartei bei der letzten Bundestagswahl gezeigt. Die Debatten um staatliche und privatwirtschaftliche Eingriffe in das Internet und den Schutz der Privatsph&#228;re im digitalen Zeitalter werden in der &#214;ffentlichkeit als Themen wahrgenommen, mit denen sich vor allem technisch versierte und meist m&#228;nnliche Internetnutzer_innen besch&#228;ftigen. Anhand des Themas Netzneutralit&#228;t und zwei Beispielen aus dem Bereich Datenschutz m&#246;chte ich zeigen, was Netzpolitik aus einer queer-feministisch-intersektionalen Sicht bedeutet, die vielf&#228;ltigen sozialen Positionierungen entlang komplexer Verh&#228;ltnisse sozialer Ungleichheit Rechnung tr&#228;gt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Netzpolitische Themen wie die Vorratsdatenspeicherung oder Internetsperren haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Mobilisierungsf&#228;higkeit bewiesen. Dies hat nicht zuletzt der Achtungserfolg der Piratenpartei bei der letzten Bundestagswahl gezeigt. Die Debatten um staatliche und privatwirtschaftliche Eingriffe in das Internet und den Schutz der Privatsph&#228;re im digitalen Zeitalter werden in der &#214;ffentlichkeit als Themen wahrgenommen, mit denen sich vor allem technisch versierte und meist m&#228;nnliche Internetnutzer_innen besch&#228;ftigen. Anhand des Themas Netzneutralit&#228;t und zwei Beispielen aus dem Bereich Datenschutz m&#246;chte ich zeigen, was Netzpolitik aus einer queer-feministisch-intersektionalen Sicht bedeutet, die vielf&#228;ltigen sozialen Positionierungen entlang komplexer Verh&#228;ltnisse sozialer Ungleichheit Rechnung tr&#228;gt.</strong></p>
<p>Mit dem Begriff Netzpolitik bezeichne ich das Politikfeld der Regulierung digitaler Kommunikation. Drei wichtige Themen in diesem Zusammenhang sind derzeit die Vorratsdatenspeicherung, das Zugangserschwerungsgesetz und Netzneutralit&#228;t. Die Verfassungsm&#228;&#223;igkeit der Vorratsdatenspeicherung wird derzeit in Karlsruhe vom Bundesverfassungsgericht &#252;berpr&#252;ft. Das Urteil Aufzeichnung und Auswertung von Verbindungsdaten elektronischer Kommunikation via Internet und Mobilfunk wird f&#252;r den 2. M&#228;rz 2010 mit Spannung erwartet. Das Zugangserschwerungsgesetz, mit dem Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten per Stoppschild unsichtbar gemacht werden sollten, wurde zum Ende der letzten Legislaturperiode vom Bundestag verabschiedet. Obschon seine Umsetzung von der schwarz-gelben Regierungskoalition zun&#228;chst ausgesetzt wurde, trat es am 23. Februar 2010 in Kraft. Bei der Anh&#246;rung &#252;ber die Petition gegen das Gesetz zur Zugangserschwerung vor dem Petitionsausschuss des Bundestages zeigte sich jedoch erneut, dass diesem nicht nur die 135 000 Unterzeichner_innen der Petition, vertreten durch die Initiatorin der Petition, Franziska Heine, sondern auch alle im Bundestag vertretenen Parteien mittlerweile kritisch gegen&#252;ber stehen. Neben verfassungsrechtlichen Bedenken gegen&#252;ber dem Gesetz wird argumentiert, dass Internetsperren technisch leicht zu umgehen sind. Dar&#252;ber hinaus ist der Aufbau einer demokratisch nicht kontrollierbaren Zensurinfrastruktur zu bef&#252;rchten. Nun bleibt abzuwarten, ob die Regierungskoalition wie angek&#252;ndigt ein „L&#246;schgesetz“ vorlegt und ob der Bundestag das Zugangserschwerungsgesetz aufheben wird. Die Vorratsdatenspeicherung und das Zugangserschwerungsgesetz zeigen deutlich, wie umk&#228;mpft netzpolitische Themen in Deutschland zurzeit sind und welche Handlungsmacht die „digitale B&#252;rgerrechtsbewegung“ hat. Die geplante &#196;nderung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages wird voraussichtlich das n&#228;chste Konfliktfeld dieser Art.</p>
<p>W&#228;hrend sich diese Debatten jeweils an bundesdeutschen Gesetzesinitiativen entsponnen haben, ist Netzneutralit&#228;t ein Thema, dass in den letzten Monaten vor allem auf EU-Ebene verhandelt worden ist. Netzneutralit&#228;t bedeutet, dass Internetprovider Datenpakete unabh&#228;ngig davon, woher diese stammen, welche Anwendungen sie generiert haben und welche Inhalte sie transportieren unver&#228;ndert und gleichberechtigt &#252;bertragen. Vergleichbar mit der Briefpost, bei der alle Briefe mit der gleichen Geschwindigkeit bei der Empf&#228;ngerin ankommen sollten, bedeutet Netzneutralit&#228;t also, dass Internetprovider beim &#220;bermitteln von Daten neutral bleiben. Im Sinne der Profitmaximierung haben Telekommunikationsunternehmen jedoch ein wirtschaftliches Interesse daran bestimmten Daten bevorzugte &#220;bertragung zu gew&#228;hren und die &#220;bertragung von Daten zu verhindern, obwohl dies technisch ohne weiteres m&#246;glich ist. Beispielsweise schlie&#223;en viele Mobilfunkprovider es aus, mit internetf&#228;higen Handys &#252;ber Dienste wie Skype zu telefonieren, um die Telefongeb&#252;hren zu umgehen. Provider k&#246;nnten aber auch bestimmten Serviceanbietern vertraglich zusichern, deren Inhalte zuk&#252;nftig schneller oder gar exklusiv ihren Kund_innen zur Verf&#252;gung zu stellen, w&#228;hrend andere Seiten nicht mehr oder langsamer erreichbar sind. So lie&#223;en sich differenziertere Angebote zusammenstellen. Denkbar w&#228;re beispielsweise ein Internetzugang &#8220;basic&#8221;, der f&#252;r wenig Geld nur ausgew&#228;hlte Services wie Shoppingportale und die Seiten gro&#223;er Medienkonzerne bietet, w&#228;hrend f&#252;r das ganze Internet und die Nutzung von Protokollen aller Art monatlich viel Geld hingebl&#228;ttert werden muss. Im vergangenen Jahr wurde auf EU-Ebene das Telekom-Paket zur Schaffung einer europ&#228;ischen Telekommunikationsrahmengesetzgebung verabschiedet. In der ersten Lesung hatte sich das EU-Parlament noch f&#252;r klare Regeln zur Netzneutralit&#228;t ausgesprochen. In der schlie&#223;lich verabschiedeten Version jedoch einigte man sich darauf, Netzneutralit&#228;t hier nicht normativ festzuschreiben.</p>
<p>Wenn sich Provider zunehmend nicht mehr als Mittler_innen, sondern Gestalter_innen des Internets sehen, die aus kommerziellen oder politischen Interessen in die Inhalte eingreifen, hat das weitreichende Konsequenzen die freie Meinungs&#228;u&#223;erung im Netz. Es gibt unz&#228;hlige Seiten, Weblogs, Foren, Mailinglisten und Podcasts, die von Menschen aus unterschiedlichen marginalisierten Positionen heraus betrieben werden. Diese Tools dienen zur Vernetzung und politischen Organisation im Kampf gegen Unterdr&#252;ckung und Ausgrenzung und werden durch Eingriffe in die Netzneutralit&#228;t gef&#228;hrdet. Denn wer garantiert, dass ein &#8220;basic&#8221; Angebot auch das rassismuskritsche Weblog oder den feministischen Podcast beinhaltet? Wer kann sich in diesem Szenario einen Internetzugang leisten, der nicht nur zahlungskr&#228;ftige Mainstreammedien und Shoppingportale umfasst?</p>
<p>Der Traum von einem globalen virtuellen Raum, in dem Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse keine Rolle spielen, ist wahrscheinlich unerreichbar. Im Sinne der von Jacques Derrida formulierten Demokratie &#8220;à venir&#8221;, die stets im Kommen ist, w&#228;re es trotzdem ein Fehler, diese mit dem Internet verbundenen Hoffnungen zu verwerfen und den Profitinteressen der Telekommunikationsindustrie nachzugeben. Netzpolitik ist mit ihren verschiedenen nationalen und internationalen Ebenen und Akteur_innen ein sehr vielschichtiger und manchmal un&#252;bersichtlicher Politikbereich. Aus queer-feministisch-intersektionaler Perspektive halte ich es f&#252;r n&#246;tig, die meist technisch oder aber abstrakt-b&#252;rgerrechtlich formulierten Problemstellungen der Netzpolitik auf Fragen sozialer Gerechtigkeit hin zu untersuchen und sich nicht dem Gef&#252;hl der Paranoia gegen&#252;ber technischer &#220;berwachung und Machtlosigkeit hinzugeben. Das bedeutet, sich immer wieder zu fragen, was technische und politische Entwicklungen rund um das Internet f&#252;r Menschen bedeuten, die gesellschaftlich marginalisiert sind und vor diesem Hintergrund zum Teil spezifische Erfahrungen und soziale Praxen entwickeln. Zwei weitere Beispiele aus dem Bereich Datenschutz sollen dies verdeutlichen.</p>
<p>Die Website Netzpolitik.org machte vor einiger Zeit auf ein <a href="http://www.netzpolitik.org/2009/datenleck-bei-der-berliner-online-gewerbeauskunft/">Datenleck in Berlin</a> aufmerksam. Das online einsehbare Handelsregister der Stadt konnte nach Branchen sortiert ausgegeben werden. Dies wirkt auf den ersten Blick unproblematisch, doch dadurch konnten Interessierte mit grundlegenden Datenbankkenntnissen eine Liste mit allen als Gewerbe angemeldeten Sexarbeiter_innen generieren. Sexarbeit ist gesellschaftlich noch immer tabuisiert, so dass in diesem Bereich vermutlich von einem gr&#246;&#223;eren Bed&#252;rfnis nach Datenschutz ausgegangen werden muss als beispielsweise bei Handwerksbetrieben. Entsprechend m&#252;ssen solche eGovernmentprojekte mit Blick Diskriminierung und gesellschaftliche Machtverh&#228;ltnisse kritisch beobachtet werden.</p>
<p>Ein viel diskutiertes Thema ist der Schutz der Privatsph&#228;re auf Sozialen Netzwerken wie StudiVZ, „Wer kennt wen?“ oder Facebook. F&#252;r gew&#246;hnlich haben Nutzer_innen auf diesen Seiten die M&#246;glichkeit, innerhalb des von den Seitenbetreiber_innen vorgegeben Rahmen einzustellen, f&#252;r wen welche Daten und Fotos sichtbar sein sollen. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch, welche Einstellungen von Betreiber_innen voreingestellt sind. Was passiert also, wenn ich mich um nichts k&#252;mmere? Eine <a href="http://blogs.law.harvard.edu/niftyc/archives/192">Studie</a> &#252;ber die Umgangsweisen von Nutzer_innen mit den Voreinstellungen von Routern zeigt, dass wohlhabende, gut ausgebildete und &#252;ber Zeit bzw. die M&#246;glichkeit, sich professionelle Hilfe zu leisten verf&#252;gende Menschen h&#228;ufiger von der M&#246;glichkeit profitieren, die Einstellungen an ihren Ger&#228;ten zugunsten eines verbesserten Schutzes ihrer Privatsph&#228;re zu ver&#228;ndern. Enger gefasste Privacy(vor)einstellungen, wie von Datensch&#252;tzer_innen gefordert, vorzuschreiben, w&#252;rde es auch Nutzer_innen ohne entsprechende Ressourcen erm&#246;glichen, ihre Daten vor ungewollten Zugriffen durch andere Nutzer_innen oder Unternehmen zu sch&#252;tzen.</p>
<p>Das Internet ist Gegenstand sozialer und politisch umk&#228;mpfter Gestaltungsprozesse, in den sich zunehmend Menschen einmischen, die das Netz in seiner heutigen Form als Teil ihres Lebensraums verstehen. Die Netzbewegung interveniert gegen staatliche Regulationen, hinter denen sicherheitspolitische &#220;berlegungen ebenso wie privatwirtschaftliche Interessen stehen. Als im September 2009 in Berlin rund 20 000 Menschen unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ demonstrierten, zeigte sich, wie heterogen diese Bewegung ist. Selbstverst&#228;ndlich waren Gruppen wie der Chaos Computer Club und die Arbeitskreise Vorratsdatenspeicherung und Zensur vertreten. Neben unz&#228;hliger Pirat_innen reichte das parteipolitische Spektrum von der Linken &#252;ber die Gr&#252;nen bis hin zur Liberalen Jugend, die mit ihren Polohemden nur wenige Demonstrationsbl&#246;cke hinter den in Schwarz gekleideten antikapitalistischen, autonomen Gruppen liefen. Berufsverb&#228;nde und Gewerkschaften hatten ebenso zum Protest gegen die Beschneidung von B&#252;rgerrechten im Zuge von staatlichen und privatwirtschaftlichen Sicherheitspolitiken aufgefordert wie PRO ASYL, der Berliner Fl&#252;chtlingsrat, der LSVD und die Deutsche AIDS Hilfe. Auch Trotz Allem e.V., eine Beratungsstelle f&#252;r Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, findet sich auf der Liste der Unterst&#252;tzer_innen. Sie hatte bereits in der Auseinandersetzung um Internetsperren Position gegen den Aufbau einer Zensurinfrastruktur eingenommen. In den aktuellen netz- und sicherheitspolitischen Diskursen verbindet bereits eine Reihe von Organisationen die b&#252;rgerrechtliche Perspektive mit den Interessen spezifisch positionierter, gesellschaftlich minorisierter Gruppen. Aus queer-feministisch-intersektionaler Perspektive halte ich es f&#252;r entscheidend, dass gesellschaftliche Herrschaftsverh&#228;ltnisse, wie sie sich beispielsweise entlang von Rassialisierung, der Kategorie K&#246;rper, Klassen und der heterosexuellen Geschlechterordnung reproduzieren, nicht v&#246;llig hinter der Figur des um „seine“ Rechte k&#228;mpfenden „B&#252;rgers“ verschwinden, damit Fragen sozialer Gerechtigkeit in netzpolitischen Debatten verhandelt werden k&#246;nnen.</p>
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		<title>„Ich bin nicht arbeitslos.“ Aktivierung? Nein danke!  ALG II-beziehende Ehefrauen mit Kinderbetreuungsverpflichtungen im Widerstand?</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 19:53:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Englert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit der Einf&#252;hrung der Hartz IV-Gesetzgebung (SGB II) werden Ehefrauen als Aktivierungskundinnen entdeckt. Als solche erfahren sie eine Nicht-(mehr)-Duldung ihrer Mutterrolle im Rahmen des Ern&#228;hrermodells und werden stattdessen zu einer Erwerbsarbeitsaufnahme mobilisiert. Damit greift das SGB II die zentrale feministische Forderung nach einer gleichberechtigten Erwerbsintegration von Frauen auf. Doch kann dies angesichts der gro&#223;en Zumutungen und strengen Verhaltensnormen, die mit dem ALG II-Bezug verbunden sind, aus einer feministischen Sicht positiv bewertet werden? Und ist dann eine Verweigerung der Erwerbsaufnahme von Seiten der Ehefrauen aus feministischer Sicht zu kritisieren oder als eine Form von Widerstand zu begr&#252;&#223;en?..]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Mit der Einf&#252;hrung der Hartz IV-Gesetzgebung (SGB II) werden Ehefrauen als Aktivierungskundinnen entdeckt. Als solche erfahren sie eine Nicht-(mehr)-Duldung ihrer Mutterrolle im Rahmen des Ern&#228;hrermodells und werden stattdessen zu einer Erwerbsarbeitsaufnahme mobilisiert. Damit greift das SGB II die zentrale feministische Forderung nach einer gleichberechtigten Erwerbsintegration von Frauen auf. Doch kann dies angesichts der gro&#223;en Zumutungen und strengen Verhaltensnormen, die mit dem ALG II-Bezug verbunden sind, aus einer feministischen Sicht positiv bewertet werden? Und ist dann eine Verweigerung der Erwerbsaufnahme von Seiten der Ehefrauen aus feministischer Sicht zu kritisieren oder als eine Form von Widerstand zu begr&#252;&#223;en?</strong></p>
<p>Mit der Einf&#252;hrung des SGB II kommt es zu einer Abkehr vom Prinzip der Sicherung des Lebensstandards, das der Arbeitslosenhilfe zu Grunde lag. Gew&#228;hrt wird nun lediglich eine Existenzsicherung. Gleichzeitig wird die Eigenverantwortung bei der &#220;berwindung von Erwerbslosigkeit betont und eine verst&#228;rkte Verf&#252;gbarkeit auf dem Arbeitsmarkt mit entsprechend versch&#228;rften Zumutbarkeitsregelungen gefordert. Die Leistungen nach SGB II werden nicht mehr nach dem fr&#252;heren Einkommen des Ern&#228;hrers berechnet, sondern nach Gr&#246;&#223;e und Zusammensetzung der Bedarfsgemeinschaft. Bestand vor Einf&#252;hrung der Hartz IV-Gesetzgebung f&#252;r Ehefrauen die M&#246;glichkeit, sich freiwillig erwerbslos zu melden, so wird diese Freiwilligkeit nun durch eine Pflicht ersetzt: Sobald der Ehemann in den ALG II-Bezug ger&#228;t, wird die Ehefrau als Mitglied der Bedarfsgemeinschaft f&#252;r die Finanzierung der Bedarfsgemeinschaft mitverantwortlich und befindet sich somit im Geltungsbereich der SGB II-Tr&#228;ger. Hier werden erwerbslose Ehefrauen mit der Aktivierungspolitik und dem Zwang zur Arbeit konfrontiert und sollen als Aktivierungskundinnen der Norm universeller Erwerbsb&#252;rgerschaft entsprechend vergesellschaftet werden. Dabei ist jede Arbeit zumutbar, und die Nichterf&#252;llung von Forderungen wird sanktioniert. Von der Erwerbspflicht ausgenommen sind die Frauen nur dann, wenn sie Kinder unter drei Jahren betreuen oder pflegebed&#252;rftige Familienmitglieder versorgen.</p>
<p>Zu gewinnen haben die Ehefrauen durch die Entdeckung als Erwerbslose nicht viel, denn die SGB II-Tr&#228;ger fordern viel und f&#246;rdern wenig. Qualitativ hochwertige Ma&#223;nahmen und Qualifizierungsangebote gibt es kaum. F&#252;r die Ehefrauen ist zudem von Nachteil, dass Berufsr&#252;ckkehrerinnen im SGB II keine spezielle, f&#246;rderungsw&#252;rdige Personengruppe mehr darstellen. Auch erhalten sie kaum Unterst&#252;tzung von den SGB II-Tr&#228;gern bei der Organisation der Kinderbetreuung. Problematisch ist zudem, dass die Erwerbsintegration vor allem &#252;ber eine Besch&#228;ftigungsaufnahme im Niedriglohnsektor erreicht werden soll (siehe Englert 2008).</p>
<p>F&#252;r viele Frauen wird also die Abh&#228;ngigkeit vom Familienern&#228;hrer ersetzt durch die Pflicht zur Vermarktung der eigenen Arbeitskraft unter prek&#228;ren Bedingungen und durch ein Leben unter den rigiden Einschr&#228;nkungen und Zw&#228;ngen von ALG II (Winker 2007). Das Risiko Erwerbslosigkeit soll individuell und marktvermittelt bew&#228;ltigt werden. Der Lebensentwurf Ern&#228;hrermodell wird arbeitsmarktpolitisch nicht mehr geduldet, beide PartnerInnen werden als Erwerbspersonen angesprochen und damit wird der famili&#228;re Rollentausch gefordert. Dieses sozialrechtliche Prinzip kommt in der Geschichte der bundesrepublikanischen Arbeitsverwaltung erstmalig im SGB II zur Umsetzung und markiert auf normativer Ebene ein qualitativ neues Niveau der Abkehr vom Ern&#228;hrermodell. Deutlich wird aber, dass das Ern&#228;hrermodell schichtspezifisch verunm&#246;glicht und tendenziell von unten aufgek&#252;ndigt wird (Knuth 2007). Zu einer Abkehr vom Ern&#228;hrermodell kommt es n&#228;mlich nur, wenn das Prinzip der ehelichen Einstandspflicht &#252;ber die versch&#228;rften Regelungen zur Anrechnung von Partnereinkommen nicht greift, kurz: wenn der Ehemann zu wenig verdient. Wenn der Partner &#252;ber einen ausreichenden Lohn verf&#252;gt, erhalten die anderen Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft keine ALG II-Leistungen und werden zu sogenannten Nichtleistungsbeziehenden. In diesem Fall kommt es zu einer Konservierung des Ern&#228;hrermodells und zu einer Familialisierung des Risikos Erwerbslosigkeit, indem die finanziellen Folgen vom Ern&#228;hrer getragen werden.</p>
<p>Aus einer feministischen Perspektive ist die Konservierung des Ern&#228;hermodells &#252;ber die versch&#228;rfte Anrechnung von Partnereinkommen zu kritisieren. Gefordert werden muss eine Individualisierung der sozialen Sicherung, so dass familiale Einstandspflichten und private Abh&#228;ngigkeiten reduziert werden (Berghahn u.a. 2007). Aber auch die Abkehr vom Ern&#228;hrermodell im SGB II erscheint aus feministischer Perspektive problematisch, weil die Verteilung und Anerkennung von Sorgearbeit sowie das Anliegen von „guter Erwerbsarbeit“ (Kurz-Scherf u.a. 2005) ausgeblendet werden. Der Aktivierungsansatz richtet sich am „m&#228;nnlichen“ Modell einer Vollzeitverf&#252;gbarkeit aller erwerbsf&#228;higen Erwachsenen aus. Durch die geschlechtsneutralen Formulierungen bleiben die Rahmenbedingungen, in denen die Aktivierung stattfindet, ausgeblendet. Die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitssituationen von Frauen werden nicht ber&#252;cksichtigt. Dazu z&#228;hlt insbesondere die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwischen Erwerbsarbeit und familialer Sorgearbeit. Sorgearbeit erscheint in der Logik des SGB II lediglich als lebensweltliches Vermittlungshemmnis, gilt als privates Problem hinsichtlich der Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und wird nicht als gesellschaftlich notwendige Arbeit anerkannt. Desweiteren ist die Ausblendung der Segmentierung der Arbeitsm&#228;rkte zu problematisieren. Frauen haben schlechtere berufliche Positionen, werden niedriger entlohnt und sind durchschnittlich l&#228;nger erwerbslos. Es ist somit fraglich, inwiefern aktivierte Frauen &#252;berhaupt einen existenzsichernden Lohn mit ihrer Erwerbst&#228;tigkeit erwirtschaften k&#246;nnen – zumal sie aufgrund der neuen Zumutbarkeitsregelungen gezwungen sind, eine wie auch immer geartete Erwerbsarbeit anzunehmen, und ihre Arbeitsmarktposition nicht mit qualifizierenden Ma&#223;nahmen verbessert wird.</p>
<p>Die Forderung nach eigenst&#228;ndiger Existenzsicherung von Frauen wird im SGB II somit nicht mit der urspr&#252;nglich emanzipatorischen Intention einer Gleichstellung, Unabh&#228;ngigkeit und Selbstbestimmung der Individuen aufgegriffen, sondern um die nach neoliberalem Credo existierende Finanzkrise des Wohlfahrtsstaats zu beheben und so die angeblich staatlich nicht mehr finanzierbare Verantwortung f&#252;r das Risiko Erwerbslosigkeit neu zu verteilen. Vor diesem Hintergrund erscheint die gleichzeitige Abl&#246;sung und Konservierung des Ern&#228;hrermodells im SGB II weder als „geschlechterpolitisch konzeptionslos“ (Knapp 2004) noch als widerspr&#252;chlich. Vielmehr erm&#246;glichen sowohl die Modernisierung als auch die Reproduktion der Geschlechterverh&#228;ltnisse eine Reduzierung der &#246;ffentlichen Verantwortung f&#252;r das Risiko Erwerbslosigkeit, indem es vermarktlicht oder familialisiert wird. Somit erweisen sich sowohl modernisierte als auch traditionelle Geschlechterverh&#228;ltnisse als durchaus funktional hinsichtlich der Entlastung staatlicher Sicherungssysteme. Das feministische Ziel einer gleichberechtigten Erwerbsteilhabe von M&#228;nnern und Frauen wird folglich durch die Hartz IV-Gesetzgebung vereinnahmt.</p>
<p>Somit kann das Festhalten erwerbsloser Ehefrauen am Lebensentwurf Ern&#228;hrermodell unter den spezifischen historischen Bedingungen als Widerstand gelesen werden. Die Frauen verweigern sich den von der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik an sie gestellten Anforderungen: Sie werden weder zu einer „Unternehmerin ihrer Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit“ (Bescherer u.a. 2008) noch zu einer „Arbeitskraftmanagerin“ (Winker/Carstensen 2007), die verschiedenste Anforderungen aus Erwerbs- und Sorgearbeit flexibel in den Tagesplan integriert. Vielmehr bestehen sie auf der mit dem Ern&#228;hrermodell etablierten gesellschaftlichen Organisation von Erwerbs- und Sorgearbeit und verweigern sich somit der geforderten Verf&#252;gbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und der angestrebten Vermarktlichung des Risikos Erwerbslosigkeit.</p>
<p>Es stellt sich f&#252;r eine kritische Geschlechterforschung die Aufgabe, die herrschaftsf&#246;rmige Vereinnahmung der feministischen Forderung nach gleichberechtigter Erwerbsteilhabe im Rahmen des SGB II weiter zu analysieren und feministische Forderungen hinsichtlich der Arbeitsmarktreform entsprechend zu reflektieren. Aus einer kritischen feministischen Perspektive m&#252;ssen nicht nur partnerschaftliche Abh&#228;ngigkeit, sondern auch die Abh&#228;ngigkeit von marktvermittelter Erwerbsarbeit und die Abh&#228;ngigkeit von staatlichen Transferleistungen, die an die Einhaltung bestimmter Verhaltensnormen gekoppelt sind, vermieden werden. Diese Ziele k&#246;nnten mit einem bedingungslosen, existenzsichernden Grundeinkommen erreicht werden. Damit w&#228;re eine sozial inklusive Staatsb&#252;rgerschaft m&#246;glich, die soziale Rechte nicht an eine Erwerbspflicht koppelt, sondern ein Recht auf Erwerbsarbeit und ein Recht auf Sorgearbeit vorsieht (Lister 2007). Ein bedingungsloses Grundeinkommen w&#228;re auch angesichts der strukturell bedingten Erwerbslosigkeit eine sinnvolle Alternative zur derzeitigen Aktivierungspolitik.</p>
<p><strong>Literatur</strong></p>
<p align="left">Berghahn, Sabine; K&#252;nzel, Annegret; Rostock, Petra; Wersig, Maria; Asmus, Antje; Reinelt, Julia; Liebscher, Doris; Schneider, Julia (2007): Forschungsprojekt Ehegattenunterhalt und sozialrechtliches Subsidiarit&#228;tsprinzip als Hindernis f&#252;r eine konsequente Gleichstellung von Frauen in der Existenzsicherung. Projektbericht, Berlin, http://web.fu-berlin.de/ernaehrermodell/mediumfassung.pdf [27.11.08].</p>
<p>Bescherer, Peter; R&#246;benack, Silke; Schierhorn, Karen (2008): Nach Hartz IV: Erwerbsorientierungen von Arbeitslosen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 33-34/ 2008, 19-24.</p>
<p>Englert, Kathrin (2008): Das Ern&#228;hrermodell unter neoliberalem Druck: Die Entdeckung von ALG II-beziehenden Ehefrauen als Aktivierungskundinnen. (Unver&#246;ffentlichte Master Thesis, Universit&#228;t Hamburg).</p>
<p>Knapp, Ulla (2004): Besch&#228;ftigungs- und Arbeitsmarktpolitik. Diskussionsbeitr&#228;ge aus dem Fachgebiet Volkswirtschaftlehre an der HWP, http://www.wiso.uni-hamburg.de/fileadmin/wiso_dwp_vwl/Diskussionspapiere/Knapp/ArbMPol.pdf [27.11.08].</p>
<p>Knuth, Matthias (2007): Zwischen Arbeitsmarktpolitik und Armenf&#252;rsorge. Spannungsverh&#228;ltnisse und m&#246;gliche Entwicklungen der „Grundsicherung f&#252;r Arbeitssuchende“. In: Rudolph, Clarissa; Niekant, Renate (Hg.): Hartz IV – Zwischenbilanz und Perspektiven. M&#252;nster, 66-91.</p>
<p>Kurz-Scherf, Ingrid; Lepperhoff, Julia; Scheele, Alexandra (2005): Modernisierung jenseits von Traditionalismus und Neoliberalismus? Die aktuelle Arbeitsmarktpolitik als Ausdruck eines verk&#252;rzten Modernisierungskonzeptes. In: femina politica, Jg.14, Nr. 2/2005, 62-95.</p>
<p>Lister, Ruth (2007): Inclusive citizenship: Realizing the Potential. In: Citizenship Studies , Vol. 11, No. 1, 49-61.</p>
<p>Winker, Gabriele (2007): Traditionelle Geschlechterordnung unter neoliberalem Druck. Ver&#228;nderte Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft. In: Gro&#223;, Melanie; Winker, Gabriele (Hg.): Queer-feministische Kritiken neoliberaler Verh&#228;ltnisse. M&#252;nster, 15-49.</p>
<p>Winker, Gabriele; Carstensen, Tanja (2007): Eigenverantwortung in Beruf und Familie – vom Arbeitskraftunternehmer zur ArbeitskraftmanagerIn. In: Feministische Studien, Jg. 25, Nr. 2/2007, 277-288.</p>
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		<title>Care Revolution – ein Weg aus der Reproduktionskrise</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 14:24:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gabriele Winker</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sorgearbeit f&#252;r sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl f&#252;r das umsorgte Individuum als auch f&#252;r eine menschenw&#252;rdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengr&#252;nden eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbst&#228;tigkeit &#252;bernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegen&#252;ber Kindern, Pflegebed&#252;rftigen oder anderen unterst&#252;tzungsbed&#252;rftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollst&#228;ndigen &#220;berbeanspruchung tagt&#228;glich neben der eigenen Berufst&#228;tigkeit auszuf&#252;hren. Mit einem Aufruf zur Care Revolution m&#246;chte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Mu&#223;e bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu erm&#246;glichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen. ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Sorgearbeit f&#252;r sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl f&#252;r das umsorgte Individuum als auch f&#252;r eine menschenw&#252;rdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengr&#252;nden eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbst&#228;tigkeit &#252;bernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegen&#252;ber Kindern, Pflegebed&#252;rftigen oder anderen unterst&#252;tzungsbed&#252;rftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollst&#228;ndigen &#220;berbeanspruchung tagt&#228;glich neben der eigenen Berufst&#228;tigkeit auszuf&#252;hren. Mit einem Aufruf zur Care Revolution m&#246;chte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Mu&#223;e bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu erm&#246;glichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen.</strong></p>
<p>Die individuellen Sorgeanforderungen f&#252;r sich selbst und f&#252;r andere nahe Personen wachsen in dem Ma&#223;e, wie die gesellschaftliche Organisation von Arbeit die Wiederherstellung, sprich die Reproduktion der jeweils eigenen Arbeitskraft erschwert. Sorgearbeit ist in diesem Sinn als Reproduktionsarbeit zu verstehen, die nicht-warenf&#246;rmig, sondern am Gebrauchswert orientiert in famili&#228;ren Bereichen stattfindet und mit der die eigene oder die Arbeitskraft Anderer wiederhergestellt wird. Diese so verstandene Reproduktionsarbeit ist f&#252;r die Verwirklichung menschlicher Lebensinteressen von grundlegender Bedeutung. Ohne die umfassende Sorgearbeit von Eltern oder anderen nahen Menschen kann kein Kind &#252;berleben. Ohne die individuelle Sorge um die eigene Gesundheit, Fort- und Weiterbildung sowie die Organisation allt&#228;glicher Anforderungen im privaten Raum kann ein Erwachsener nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ohne die Sorgearbeit von Nahestehenden bei Krankheit oder im hohen Alter gibt es kein menschenw&#252;rdiges Leben. Die t&#228;glichen Reproduktionsarbeiten f&#252;r Kinder und f&#252;r unterst&#252;tzungsbed&#252;rftige Erwachsene werden vor allem von Frauen erbracht. In ihrem Umfang &#252;berschreiten all die genannten Reproduktionsarbeiten in Deutschland die Erwerbsarbeit um mindestens ein Drittel. Allerdings gibt es im Gegensatz zur Erwerbsarbeit nach wie vor keinen politischen Diskurs dazu, wie und unter welchen Bedingungen Reproduktionsarbeit sinnvoll und Menschen angemessen ausgef&#252;hrt werden kann.</p>
<p>Das alte Familienern&#228;hrermodell, wie es in der BRD in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre g&#228;ngig war, hat ausgedient. Damals &#252;bernahmen fast ausschlie&#223;lich Ehefrauen alle Reproduktionsarbeiten und waren im Gegenzug &#252;ber den Familienlohn und die Kranken-, Berufsunf&#228;higkeits-, Renten- und Arbeitslosenversicherung des Familienern&#228;hrers sozial abgesichert. Damit wurde allerdings gleichzeitig die patriarchale Abh&#228;ngigkeit aufrechterhalten, gegen die sich nicht zuletzt die Frauenbewegung seit den 1970er Jahren massiv gewehrt hat. Mit den strukturellen und zyklischen Wirtschaftskrisen ab Mitte der 1970er Jahre wurde das Ern&#228;hrermodell zusehends instabil. Reallohnsenkungen f&#252;hrten dazu, dass es bis weit in den Mittelstand hinein nicht mehr m&#246;glich war, mit einem Lohn eine Familie zu ern&#228;hren. Mit dem Verschwinden des Ern&#228;hrerlohns, aber auch aus emanzipatorischen Gr&#252;nden stieg die Frauenerwerbst&#228;tigkeit kontinuierlich an. Heute ist das neoliberale Konzept der Eigenverantwortung vorherrschend, wonach jeder und jede Einzelne durch Erwerbsarbeit f&#252;r die eigene Existenzabsicherung verantwortlich ist. Allerdings ist damit bisher keine Umorganisation der Reproduktionsarbeiten verbunden, obwohl gleichzeitig die Anforderungen an die eigene Gesundheit und Bildung ebenso zugenommen haben wie die entsprechenden Anforderungen an die Kindererziehung.</p>
<p>Reproduktionsarbeit in der Krise</p>
<p>Die Konsequenz: Viele Frauen finden sich heute in einer Art Reproduktionsfalle wieder. Zwar sind sie – wie durchaus gew&#252;nscht – erwerbst&#228;tig, werden dabei aber mit zunehmenden Flexibilit&#228;tsanspr&#252;chen der Unternehmen, kontinuierlich steigendem Leistungsdruck, Arbeitszeitverl&#228;ngerung durch &#220;berstunden und Wochenendarbeit konfrontiert. In einer Art Spagat setzen sie gleichzeitig – entsprechend des neoliberalen Credos der Eigenverantwortung – alles daran, diese beruflichen Anforderungen mit den zunehmenden Aufgaben der Selbstorganisation und den gestiegenen Leistungsanspr&#252;chen in der Reproduktionsarbeit zu vereinbaren. In aller Regel f&#252;hrt dies zu &#220;berbeanspruchung und &#220;berlastung. Nur wenige k&#246;nnen es sich leisten, diese Doppelbelastung dadurch zu vermindern, dass sie eine Hilfskraft, oft eine schlecht bezahlte Migrantin, f&#252;r Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pfleget&#228;tigkeiten besch&#228;ftigen. Andere wiederum reduzieren ihre berufliche Arbeitszeit, was die Karrierem&#246;glichkeiten extrem einschr&#228;nkt und im Falle einer Trennung vom Ehepartner oder Ehepartnerin dazu f&#252;hrt, dass sie, zumal mit der neuen Unterhaltsreform, ihre soziale Absicherung verlieren. Da es f&#252;r viele Menschen mit hohen Sorgeverpflichtungen keine zufriedenstellenden Auswege aus dem geschilderten Dilemma gibt, spreche ich von einer Krise der Reproduktionsarbeit.</p>
<p>Im Gegensatz zur Lohnarbeit spielt die Reproduktionsarbeit im politischen Handeln bislang keine Rolle. Die derzeitige politische Regulierung ist beinahe ausschlie&#223;lich darauf ausgerichtet, mit Wachstum welcher Art auch immer die Profitmaschine wieder flott zu machen, die Lebensinteressen vieler B&#252;rgerInnen werden nicht ernst genommen. Im Sinne der Aufwertung von Reproduktionsarbeit m&#252;ssten Programme aufgelegt werden, um insbesondere Sorgearbeitende durch den Ausbau staatlicher Sozialprogramme und durch Arbeitszeitverk&#252;rzungen bei vollem Lohnausgleich zu entlasten und sie sozial abzusichern. Aber das Gegenteil ist heute Realit&#228;t: Die neue Bundesregierung reduziert weiter die soziale Absicherung, um durch die eingesparten Kosten verbesserte Rahmenbedingungen f&#252;r eine hohe Profitabilit&#228;t des Kapitals zu schaffen. Nachdem die vorletzte Rot-Gr&#252;ne Regierung mit Hartz IV das Fundament der Arbeitslosenversicherung zerschlagen hat und die letzte Schwarz-Rote Regierung mit dem Ausbau des Niedriglohnbereichs und einer Rente ab 67 die Rentenversicherung durchl&#246;chert hat, macht sich jetzt die Schwarz-Gelbe Regierung daran die Krankenversicherung auf Kosten der Versicherten zu sanieren mit dem Ergebnis, dass der schleichende Leistungsabbau beschleunigt wird.</p>
<p>All die damit verbundenen neuen Problematiken der Armut, der fehlenden sozialen Absicherungen, der Ungewissheit, der gesundheitlichen Beeintr&#228;chtigungen fallen als neue Anforderungen auf die Reproduktionsarbeitenden zur&#252;ck. Mit den seit Jahren sinkenden Reall&#246;hnen steht vielen Familien immer weniger Geld zur Verf&#252;gung. Durch die zus&#228;tzliche schrittweise Abkehr von einer grundlegenden Absicherung bei Krankheit, Erwerbslosigkeit und im Alter wird auch die Reproduktionsarbeit immer weiter prekarisiert. Unterst&#252;tzungsbed&#252;rftige m&#252;ssen nicht nur umsorgt, sondern mit den wenigen ihnen zur Verf&#252;gung stehenden finanziellen Mitteln ern&#228;hrt und gepflegt werden. Die Kranken erhalten nicht mehr die umfassende Vorsorgung im Gesundheitssystem, die L&#252;cken sollen von pflegenden Familienmitgliedern ausgef&#252;llt werden. Die Lernprozesse von Kindern sind in &#252;berf&#252;llten Klassen mit &#252;berforderten Lehrpersonen nicht mehr zu realisieren und Familien werden zu Nachhilfebetrieben. Sorgearbeitende ben&#246;tigen ein ausgekl&#252;geltes System des Zeitmanagements, um die vielf&#228;ltigen Aufgaben &#252;berhaupt realisieren zu k&#246;nnen, nicht selten bricht ein solch prek&#228;res System zusammen.</p>
<p>Zeit f&#252;r Mu&#223;e und Sorgearbeit in sozialer Sicherheit</p>
<p>Umso dringlicher pl&#228;diere ich f&#252;r einen Ausstieg aus Wachstumsfetischismus und Leistungswahn und fordere eine Care Revolution. Dabei geht es um nicht weniger als die Forderung, dass nicht Profitmaximierung, sondern die Erf&#252;llung menschlicher Lebensbed&#252;rfnisse wie Mu&#223;e f&#252;r sich und Zeit f&#252;r Sorgearbeit, bei gleichzeitiger sozialer Absicherung, das Ziel gesellschaftlicher Transformationen sein sollte.</p>
<p>Dazu ist erstens eine radikale Erwerbsarbeitszeitverk&#252;rzung mit Lohn- und Personalausgleich, die Realisierung eines Mindestlohns sowie ein bedingungsloses, die Existenz sicherndes Grundeinkommen notwendig. Zweitens ist der Ausbau &#246;ffentlicher Bereiche zur Unterst&#252;tzung famili&#228;rer Reproduktionsarbeit unerl&#228;sslich. Es geht um den Ausbau staatlicher oder vergesellschafteter Dienstleistungen in Bildung, Gesundheit, Soziale Dienste und Pflege bei gleichzeitiger Demokratisierung dieser Bereiche und der finanziellen und normativen Aufwertung personennaher Dienstleistungen. Denn es gibt viele T&#228;tigkeiten, die derzeit im Bereich der individuellen Sorgearbeit oder im Bereich des Ehrenamtes ausgef&#252;hrt werden, die gemeinschaftlich allerdings sinnvoller und mit h&#246;herer Qualit&#228;t organisiert werden k&#246;nnen.</p>
<p>Im Rahmen konkreter Realpolitik geht es also zum einen darum, einen Ausbau von personennahen Dienstleistungen zu realisieren, die zeitliche Reduktionen von Erwerbsarbeit durchzusetzen und damit Arbeit im ganz umfassenden Sinne umzuverteilen bei gleichzeitiger sozialer Absicherung. Eine solche Politik w&#252;rde es auch Personen mit hohen Sorgeverpflichtungen erm&#246;glichen, Mu&#223;e neu zu erleben und oft schon gar nicht mehr wahrgenommene W&#252;nsche zu realisieren. Zum anderen kann ein konsequentes politisches Argumentieren im Sinne der Care Revolution dar&#252;ber hinaus zur Verbreiterung der radikalen Erkenntnis beitragen, dass menschliche Lebensinteressen nicht &#252;ber profitorientierte Kapitalakkumulation, sondern nur durch gemeinschaftliches Handeln und demokratisch organisierte Institutionen und Angebote zu verwirklichen sind. In diesem Sinn kann ein an Reproduktionsarbeit orientiertes feministisches Denken und Handeln zu einer Unterst&#252;tzung revolution&#228;rer Realpolitik im Sinne von Rosa Luxemburg beitragen. Eine politische Auseinandersetzung mit Care Revolution k&#246;nnte eine neu gewendete Debatte um sozialistische Visionen er&#246;ffnen. W&#252;nschenswert w&#228;re dies!</p>
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		<title>Care Revolution – ein Weg aus der Reproduktionskrise</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 08:39:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gabriele Winker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Sorgearbeit f&#252;r sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl f&#252;r das umsorgte Individuum als auch f&#252;r eine menschenw&#252;rdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengr&#252;nden eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbst&#228;tigkeit &#252;bernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegen&#252;ber Kindern, Pflegebed&#252;rftigen oder anderen unterst&#252;tzungsbed&#252;rftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollst&#228;ndigen &#220;berbeanspruchung tagt&#228;glich neben der eigenen Berufst&#228;tigkeit auszuf&#252;hren. Mit einem Aufruf zur Care Revolution m&#246;chte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Mu&#223;e bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu erm&#246;glichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen. ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Sorgearbeit f&#252;r sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl f&#252;r das umsorgte Individuum als auch f&#252;r eine menschenw&#252;rdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengr&#252;nden eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbst&#228;tigkeit &#252;bernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegen&#252;ber Kindern, Pflegebed&#252;rftigen oder anderen unterst&#252;tzungsbed&#252;rftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollst&#228;ndigen &#220;berbeanspruchung tagt&#228;glich neben der eigenen Berufst&#228;tigkeit auszuf&#252;hren. Mit einem Aufruf zur Care Revolution m&#246;chte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Mu&#223;e bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu erm&#246;glichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen.</strong></p>
<p>Die individuellen Sorgeanforderungen f&#252;r sich selbst und f&#252;r andere nahe Personen wachsen in dem Ma&#223;e, wie die gesellschaftliche Organisation von Arbeit die Wiederherstellung, sprich die Reproduktion der jeweils eigenen Arbeitskraft erschwert. Sorgearbeit ist in diesem Sinn als Reproduktionsarbeit zu verstehen, die nicht-warenf&#246;rmig, sondern am Gebrauchswert orientiert in famili&#228;ren Bereichen stattfindet und mit der die eigene oder die Arbeitskraft Anderer wiederhergestellt wird. Diese so verstandene Reproduktionsarbeit ist f&#252;r die Verwirklichung menschlicher Lebensinteressen von grundlegender Bedeutung. Ohne die umfassende Sorgearbeit von Eltern oder anderen nahen Menschen kann kein Kind &#252;berleben. Ohne die individuelle Sorge um die eigene Gesundheit, Fort- und Weiterbildung sowie die Organisation allt&#228;glicher Anforderungen im privaten Raum kann ein Erwachsener nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ohne die Sorgearbeit von Nahestehenden bei Krankheit oder im hohen Alter gibt es kein menschenw&#252;rdiges Leben. Die t&#228;glichen Reproduktionsarbeiten f&#252;r Kinder und f&#252;r unterst&#252;tzungsbed&#252;rftige Erwachsene werden vor allem von Frauen erbracht. In ihrem Umfang &#252;berschreiten all die genannten Reproduktionsarbeiten in Deutschland die Erwerbsarbeit um mindestens ein Drittel. Allerdings gibt es im Gegensatz zur Erwerbsarbeit nach wie vor keinen politischen Diskurs dazu, wie und unter welchen Bedingungen Reproduktionsarbeit sinnvoll und Menschen angemessen ausgef&#252;hrt werden kann.</p>
<p>Das alte Familienern&#228;hrermodell, wie es in der BRD in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre g&#228;ngig war, hat ausgedient. Damals &#252;bernahmen fast ausschlie&#223;lich Ehefrauen alle Reproduktionsarbeiten und waren im Gegenzug &#252;ber den Familienlohn und die Kranken-, Berufsunf&#228;higkeits-, Renten- und Arbeitslosenversicherung des Familienern&#228;hrers sozial abgesichert. Damit wurde allerdings gleichzeitig die patriarchale Abh&#228;ngigkeit aufrechterhalten, gegen die sich nicht zuletzt die Frauenbewegung seit den 1970er Jahren massiv gewehrt hat. Mit den strukturellen und zyklischen Wirtschaftskrisen ab Mitte der 1970er Jahre wurde das Ern&#228;hrermodell zusehends instabil. Reallohnsenkungen f&#252;hrten dazu, dass es bis weit in den Mittelstand hinein nicht mehr m&#246;glich war, mit einem Lohn eine Familie zu ern&#228;hren. Mit dem Verschwinden des Ern&#228;hrerlohns, aber auch aus emanzipatorischen Gr&#252;nden stieg die Frauenerwerbst&#228;tigkeit kontinuierlich an. Heute ist das neoliberale Konzept der Eigenverantwortung vorherrschend, wonach jeder und jede Einzelne durch Erwerbsarbeit f&#252;r die eigene Existenzabsicherung verantwortlich ist. Allerdings ist damit bisher keine Umorganisation der Reproduktionsarbeiten verbunden, obwohl gleichzeitig die Anforderungen an die eigene Gesundheit und Bildung ebenso zugenommen haben wie die entsprechenden Anforderungen an die Kindererziehung.</p>
<p><strong>Reproduktionsarbeit in der Krise</strong></p>
<p>Die Konsequenz: Viele Frauen finden sich heute in einer Art Reproduktionsfalle wieder. Zwar sind sie – wie durchaus gew&#252;nscht – erwerbst&#228;tig, werden dabei aber mit zunehmenden Flexibilit&#228;tsanspr&#252;chen der Unternehmen, kontinuierlich steigendem Leistungsdruck, Arbeitszeitverl&#228;ngerung durch &#220;berstunden und Wochenendarbeit konfrontiert. In einer Art Spagat setzen sie gleichzeitig – entsprechend des neoliberalen Credos der Eigenverantwortung – alles daran, diese beruflichen Anforderungen mit den zunehmenden Aufgaben der Selbstorganisation und den gestiegenen Leistungsanspr&#252;chen in der Reproduktionsarbeit zu vereinbaren. In aller Regel f&#252;hrt dies zu &#220;berbeanspruchung und &#220;berlastung. Nur wenige k&#246;nnen es sich leisten, diese Doppelbelastung dadurch zu vermindern, dass sie eine Hilfskraft, oft eine schlecht bezahlte Migrantin, f&#252;r Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pfleget&#228;tigkeiten besch&#228;ftigen. Andere wiederum reduzieren ihre berufliche Arbeitszeit, was die Karrierem&#246;glichkeiten extrem einschr&#228;nkt und im Falle einer Trennung vom Ehepartner oder Ehepartnerin dazu f&#252;hrt, dass sie, zumal mit der neuen Unterhaltsreform, ihre soziale Absicherung verlieren. Da es f&#252;r viele Menschen mit hohen Sorgeverpflichtungen keine zufriedenstellenden Auswege aus dem geschilderten Dilemma gibt, spreche ich von einer Krise der Reproduktionsarbeit.</p>
<p>Im Gegensatz zur Lohnarbeit spielt die Reproduktionsarbeit im politischen Handeln bislang keine Rolle. Die derzeitige politische Regulierung ist beinahe ausschlie&#223;lich darauf ausgerichtet, mit Wachstum welcher Art auch immer die Profitmaschine wieder flott zu machen, die Lebensinteressen vieler B&#252;rgerInnen werden nicht ernst genommen. Im Sinne der Aufwertung von Reproduktionsarbeit m&#252;ssten Programme aufgelegt werden, um insbesondere Sorgearbeitende durch den Ausbau staatlicher Sozialprogramme und durch Arbeitszeitverk&#252;rzungen bei vollem Lohnausgleich zu entlasten und sie sozial abzusichern. Aber das Gegenteil ist heute Realit&#228;t: Die neue Bundesregierung reduziert weiter die soziale Absicherung, um durch die eingesparten Kosten verbesserte Rahmenbedingungen f&#252;r eine hohe Profitabilit&#228;t des Kapitals zu schaffen. Nachdem die vorletzte Rot-Gr&#252;ne Regierung mit Hartz IV das Fundament der Arbeitslosenversicherung zerschlagen hat und die letzte Schwarz-Rote Regierung mit dem Ausbau des Niedriglohnbereichs und einer Rente ab 67 die Rentenversicherung durchl&#246;chert hat, macht sich jetzt die Schwarz-Gelbe Regierung daran die Krankenversicherung auf Kosten der Versicherten zu sanieren mit dem Ergebnis, dass der schleichende Leistungsabbau beschleunigt wird.</p>
<p>All die damit verbundenen neuen Problematiken der Armut, der fehlenden sozialen Absicherungen, der Ungewissheit, der gesundheitlichen Beeintr&#228;chtigungen fallen als neue Anforderungen auf die Reproduktionsarbeitenden zur&#252;ck. Mit den seit Jahren sinkenden Reall&#246;hnen steht vielen Familien immer weniger Geld zur Verf&#252;gung. Durch die zus&#228;tzliche schrittweise Abkehr von einer grundlegenden Absicherung bei Krankheit, Erwerbslosigkeit und im Alter wird auch die Reproduktionsarbeit immer weiter prekarisiert. Unterst&#252;tzungsbed&#252;rftige m&#252;ssen nicht nur umsorgt, sondern mit den wenigen ihnen zur Verf&#252;gung stehenden finanziellen Mitteln ern&#228;hrt und gepflegt werden. Die Kranken erhalten nicht mehr die umfassende Vorsorgung im Gesundheitssystem, die L&#252;cken sollen von pflegenden Familienmitgliedern ausgef&#252;llt werden. Die Lernprozesse von Kindern sind in &#252;berf&#252;llten Klassen mit &#252;berforderten Lehrpersonen nicht mehr zu realisieren und Familien werden zu Nachhilfebetrieben. Sorgearbeitende ben&#246;tigen ein ausgekl&#252;geltes System des Zeitmanagements, um die vielf&#228;ltigen Aufgaben &#252;berhaupt realisieren zu k&#246;nnen, nicht selten bricht ein solch prek&#228;res System zusammen.</p>
<p><strong>Zeit f&#252;r Mu&#223;e und Sorgearbeit in sozialer Sicherheit</strong></p>
<p>Umso dringlicher pl&#228;diere ich f&#252;r einen Ausstieg aus Wachstumsfetischismus und Leistungswahn und fordere eine Care Revolution. Dabei geht es um nicht weniger als die Forderung, dass nicht Profitmaximierung, sondern die Erf&#252;llung menschlicher Lebensbed&#252;rfnisse wie Mu&#223;e f&#252;r sich und Zeit f&#252;r Sorgearbeit, bei gleichzeitiger sozialer Absicherung, das Ziel gesellschaftlicher Transformationen sein sollte.</p>
<p>Dazu ist erstens eine radikale Erwerbsarbeitszeitverk&#252;rzung mit Lohn- und Personalausgleich, die Realisierung eines Mindestlohns sowie ein bedingungsloses, die Existenz sicherndes Grundeinkommen notwendig. Zweitens ist der Ausbau &#246;ffentlicher Bereiche zur Unterst&#252;tzung famili&#228;rer Reproduktionsarbeit unerl&#228;sslich. Es geht um den Ausbau staatlicher oder vergesellschafteter Dienstleistungen in Bildung, Gesundheit, Soziale Dienste und Pflege bei gleichzeitiger Demokratisierung dieser Bereiche und der finanziellen und normativen Aufwertung personennaher Dienstleistungen. Denn es gibt viele T&#228;tigkeiten, die derzeit im Bereich der individuellen Sorgearbeit oder im Bereich des Ehrenamtes ausgef&#252;hrt werden, die gemeinschaftlich allerdings sinnvoller und mit h&#246;herer Qualit&#228;t organisiert werden k&#246;nnen.</p>
<p>Im Rahmen konkreter Realpolitik geht es also zum einen darum, einen Ausbau von personennahen Dienstleistungen zu realisieren, die zeitliche Reduktionen von Erwerbsarbeit durchzusetzen und damit Arbeit im ganz umfassenden Sinne umzuverteilen bei gleichzeitiger sozialer Absicherung. Eine solche Politik w&#252;rde es auch Personen mit hohen Sorgeverpflichtungen erm&#246;glichen, Mu&#223;e neu zu erleben und oft schon gar nicht mehr wahrgenommene W&#252;nsche zu realisieren. Zum anderen kann ein konsequentes politisches Argumentieren im Sinne der Care Revolution dar&#252;ber hinaus zur Verbreiterung der radikalen Erkenntnis beitragen, dass menschliche Lebensinteressen nicht &#252;ber profitorientierte Kapitalakkumulation, sondern nur durch gemeinschaftliches Handeln und demokratisch organisierte Institutionen und Angebote zu verwirklichen sind. In diesem Sinn kann ein an Reproduktionsarbeit orientiertes feministisches Denken und Handeln zu einer Unterst&#252;tzung revolution&#228;rer Realpolitik im Sinne von Rosa Luxemburg beitragen. Eine politische Auseinandersetzung mit Care Revolution k&#246;nnte eine neu gewendete Debatte um sozialistische Visionen er&#246;ffnen. W&#252;nschenswert w&#228;re dies!</p>
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