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„Homosexualität ist heilbar!“ – eine queere Perspektive auf Naturalisierungsstrategien in der Ex-Gay-Bewegung

29.03.2011, Hannah Mietke

Ausgehend von den USA haben sich mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Vereine, Institutionen und Selbsthilfegruppen etabliert, die annehmen, Homosexualität sei eine psychische Krankheit, die „geheilt“ werden kann und sollte. Sie bieten Therapien, Beratungen und Fortbildungen zu dem Thema an, es wird geforscht, publiziert und dieses spezifische Wissen wird u.a. auf Tagungen und Kongressen verbreitet. Hier sollen die Thesen der Bewegung kurz skizziert und anschließend kritisiert werden, indem aus einer queer-theoretisch inspirierten Perspektive heraus die Naturalisierungstechniken aufgezeigt werden, mit denen Heteronormativität stabilisiert wird.

Viele der Gruppen, die der Ex-Gay-Bewegung zuzuordnen sind, haben einen religiösen Hintergrund – dass der Diskurs um die Heilbarkeit von Homosexualität jedoch nicht nur in christlich-konservativen Kreisen zirkuliert, unterstreicht eine Studie aus dem Jahr 2009, in der 17% der 1328 befragten britischen Psychotherapeut_innen angaben, dass sie bereits mindestens ein Mal versucht haben, die Homosexualität ihrer Klient_innen zu vermindern oder zu ändern (vgl. Bartlett/Smith/King 2009). Deshalb weisen Wissenschaftler_innen in den USA bereits deutlich darauf hin, dass der Einfluss der Ex-Gay-Bewegung auf den Diskurs um die Problematisierung von Homosexualität nicht zu unterschätzen sei. So Robinson und Spivey: „[...] we [...] suggest that the movement´s potential to affect the social order through public policy and influencing the global culture should not be underestimated“ (2007: 665).

Queere Perspektiven ermöglichen eine Kritik an den Thesen der Ex-Gay-Bewegung, indem mit ihnen die Strukturen aufgedeckt werden können, die der Reproduktion von Heterosexualität als Normalität dienen.

Thesen der Bewegung: Definition und Ursachen von Homosexualität

Vertreter_innen der Bewegung zufolge ist Homosexualität ein unnatürliches und unnormales Phänomen, was oft mit der Fortpflanzung begründet wird – Homosexualität könne schließlich keine Kultur oder Gesellschaft am Leben erhalten. Männer und Frauen seien außerdem psychisch und physisch verschieden, was schon auf ihre gegenseitige Verwiesenheit hindeute. Eine Therapie sei aber auch für homosexuelle Personen selbst gewinnbringend, da Homosexualität mit bestimmten negativen Eigenschaften verbunden sei, wie z.B. einer übermäßigen Egozentrik, kaum Selbstdisziplin und Arroganz (vgl. Haley 2006).

Von Natur aus sei also jeder Mensch heterosexuell, eine bestimmte Konstellation von Faktoren könne aber dazu führen, dass manche Menschen mit einem homosexuellen „Problem“ zu kämpfen haben. Einige dieser Faktoren, so wird pauschalisierend argumentiert, seien sexueller Missbrauch, Kontakt mit Pornographie, der Einfluss der Medien, ein negatives Körperbild und als „geschlechtsuntypisch“ konstruiertes Verhalten in der Kindheit. Als wesentlicher Faktor gilt jedoch die nicht gelungene Identifikation mit der eigenen Männlichkeit bzw. Weiblichkeit, die auf eine misslungene Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zurückgeführt wird (vgl. Vonholdt 2006). Dies könne z.B. durch Zurückweisungserfahrungen geschehen, durch die die Heranwachsenden einen Geschlechtsminderwertigkeitskomplex ausbilden, sich also weniger weiblich bzw. männlich fühlen als „normal entwickelte“ Gleichaltrige. Hierdurch sollen dann „geschlechtsungemäße“ Gewohnheiten und Persönlichkeitsmerkmale entstehen. Der homosexuelle Akt stelle dann in der Konsequenz die nachträgliche Identifikation mit der eigenen Männlichkeit bzw. Weiblichkeit dar.

„Therapie“ von Homosexualität

Neben Ratschlägen für Eltern, wie sie einer „homosexuellen Karriere“ ihrer Kinder vorbeugen können, wurde eine Fülle an Therapieformen erarbeitet, die der Umwandlung von Homo- in Heterosexualität (oder „notfalls“ in Asexualität) dienen soll. Eine der Gruppen in Deutschland, die solche Therapien bzw. Beratungen anbietet, ist wuestenstrom e.V. mit Sitz in Tamm nahe Stuttgart. Wuestenstrom beschäftigt nach eigenen Angaben heute 15 haupt- und über 400 ehrenamtliche Mitarbeiter_innen.

Neben seiner therapeutischen bzw. beratenden Arbeit führt der Verein regelmäßig Seminare und Fortbildungen für Seelsorger_innen und Berater_innen zum Thema Homosexualität durch und benennt „Öffentlichkeitsarbeit“ – also die Verbreitung von Informationen und die Teilnahme am öffentlichen Diskurs über Homosexualität – als ein wichtiges Ziel ihrer Arbeit.

In den Therapien bzw. Beratungsangeboten von wuestenstrom soll, wie der Leiter des Vereins Markus Hoffmann auf dem 5. internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge 2006 in Marburg erklärte, zunächst nach den persönlichen Gründen für die Homosexualität gesucht werden, da davon ausgegangen wird, dass Homosexualität immer auf tiefer liegende Bedürfnisse hindeute (vgl. Hoffmann 2006).

Da Homosexualität aber auch als ein Problem der Geschlechtsidentifikation gesehen wird, sollen in vielen solcher „Konversionstherapien“ nicht nur die Folgen der Traumatisierung (z.B. durch die Zurückweisung durch das gleichgeschlechtliche Elternteil) verarbeitet, sondern ebenso die „geschlechtsuntypischen“ Verhaltensweisen (wieder) abgelegt werden, um somit nachträglich für eine Identifikation mit der „natürlichen“ Geschlechtsidentität zu sorgen (vgl. Aardweg 1999: 185 ff.). Dies soll durch die Imitation „traditioneller“ Geschlechterrollen geschehen, indem auf entsprechende Stereotype zurückgegriffen wird: Homosexuelle Frauen sollen sich schminken, sich eine „feminine“ Frisur zulegen und ihre Ablehnung gegen Tätigkeiten, die ihrem Geschlecht entsprechen (wie z.B. sich um Gäste zu kümmern oder auf Männer zu hören) ablegen. Für Männer gilt: Sie sollen besonders auf ihre Stimme, ihre Handbewegungen und ihren Gang achten, außerdem können sie durch Erlebnisse wie Holz hacken oder Fußball spielen ihre Männlichkeit erfahren. Wichtig sei auch, dass sich der angehende heterosexuelle Mann darüber bewusst werde, dass er (s)einer Frau gegenüber Verantwortung zu übernehmen habe und auch für sie Entscheidungen treffen müsse.

Zwei Ebenen von Naturalisierung

Die Argumentation der Ex-Gay-Bewegung kann als machtvoll beschrieben werden, da sie Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit naturalisiert und somit alles Nicht-heterosexuelle als krankhaft und untersuchenswert markiert. Diese Naturalisierungen funktionieren hier auf zwei Ebenen:

Auf einer Makroebene wird das „Phänomen“ Homosexualität untersucht, das unnatürlich sein muss, da Heterosexualität natürlich ist.

Da Homo- und Heterosexualität als sich diametral gegenüberstehend konstruiert werden, verweist die Natürlichkeit von Heterosexualität immer schon auf die Unnatürlichkeit von Homosexualität. Diese Natürlichkeit von Heterosexualität muss jedoch immer wieder hergestellt werden – dies geschieht durch die ständige Bezugnahme auf die Abweichung, die aber sofort wieder abgewertet wird, indem sie als psychische Krankheit, die es zu heilen gilt, konstruiert wird.

Die Ex-Gay-Bewegung versucht durch ihre „Umpolungsversuche“ scheinbar Homosexualität auszulöschen, jedoch wird deutlich, dass Homosexualität als Abweichung bestehen muss, um die Norm zu stabilisieren (vgl. Butler 1996). So versichert sich die Norm ihrer eigenen (höherwertigen) Identität. Das Verhältnis von Homo- zu Heterosexualität wird somit als Machtverhältnis reproduziert, da von heterosexueller Seite aus bestimmt wird, was und wie Homosexuelle sind und dass „sie“ überhaupt eine homogene Gruppe darstellen.

Die Natürlichkeit von Heterosexualität wird mit der Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit begründet, indem Männer und Frauen in eine Opposition zueinander gesetzt und als einzige natürliche Geschlechter konstruiert werden, die sich so zwangsläufig sexuell aufeinander beziehen müssen.

Auf einer Mikroebene der Naturalisierung wird nicht Homosexualität, sondern werden homosexuelle Menschen selbst pathologisiert, weil sie persönlich mit der vermeintlich natürlichen Kohärenz zwischen sex, gender und Begehren brechen. Dies geschieht durch die Konstruktion geschlechtsungemäßen Verhaltens, indem davon ausgegangen wird, es gebe „von Natur aus“ spezifisch „männliche“ und spezifisch „weibliche“ Verhaltensweisen und jede Abweichung hiervon müsse psychologische Ursachen haben. Folglich soll nicht nur das Begehren durch die genannten Therapien heterosexualisiert werden, sondern auch die Kohärenz zwischen dem biologischen Geschlecht, der Geschlechtsidentität und dem Begehren hergestellt werden, um „traditionelle“ Geschlechterrollen und ein entsprechendes Geschlechterverhältnis zu reproduzieren (vgl. Hark 2008).

Naturalisierungen aufdecken und angreifen

Die nähere Betrachtung der Thesen der Ex-Gay-Bewegung zeigt, wie hier Naturalisierungen gezielt eingesetzt werden, um nicht-heterosexuelle Lebensweisen zu pathologisieren. Diese Naturalisierungen sind zugleich Grundlage und Ergebnis der Argumentation, die durch die Kombination einer Mikro- und einer Makroebene besonders wirkungsvoll wird.

Queere Perspektiven ermöglichen eine heteronormativitätskritische Betrachtung der Ex-Gay-Bewegung, indem eine dezidiert gegenteilige Position zu der der Bewegung eingenommen wird: Nicht die Abweichung Homosexualität wird untersucht, sondern die diskursive Herstellung bzw. Aufrechterhaltung der Norm durch die Bewegung selbst. Durch diesen Blickwechsel wird deutlich, dass die Pathologisierungen vornehmlich der Reproduktion von Heteronormativität dienen und nicht etwa der Unterstützung der „Betroffenen“. Erst das Aufdecken bzw. Sichtbarmachen dieser genannten Ebenen macht sie angreifbar.

Literatur:

Aardweg, Gerard J. M. van den (1999): Selbsttherapie von Homosexualität. Leitfaden für Betroffene und Berater. 2. Aufl. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler

Butler, Judith (1996): Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität. In: Hark, Sabine (Hrsg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Berlin: Quer

Bartlett, Annie/Smith, Glenn/King, Michael (2009): The response of mental health professionals to clients seeking help to change or redirect same-sex sexual orientation. http://www.biomedcentral.com/1471-244X/9/11

Haley, Mike (2006): Homosexualität. Fragen und Antworten. Bielefeld: CLV

Hark, Sabine (2008): Lesbenforschung und Queer Theorie: Theoretische Konzepte, Entwicklungen und Korrespondenzen. In: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 2. Aufl. Wiesbaden: VS

Hoffmann, Markus (2006): Konzept und Begleitung homosexueller Menschen. http://akademieps.de/download/8429-Hoffmann-Konzept%20und%20Begleitung%20homosexueller%20Menschen.doc

Robinson, Christine/Spivey, Sue (2007): The politics of masculinity and the ex-gay movement. In: Gender and Society 2007, 21, 650-675

Vonholdt, Christl Ruth (2006): Homosexualität verstehen. In: Bulletin. Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft, Sonderdruck 2006, 1-12


3 Kommentare »

  1. Ich denke sie bauen da einen Strohmann auf. Dass „Homosexualität ein unnatürliches und unnormales Phänomen“sei, weil sie „keine Kultur oder Gesellschaft am Leben erhalten“ kann, ist barer Unsinn, der nichts mit Biologie (oder gar „Naturalsierung“, was immer das sein soll), zu tun hat. Wenn Homosexualität unnatürlich wäre, wäre sie schon längst durch natürliche Auslese verschwunden. Die bloße Fortexistenz des Phänomens zeigt also, dass es evolutionär stabil ist und offenbar unter bestimmten Bedingungen einen Selektionsvorteil bietet. Biologie hat mit Homosexualität kein Problem.

    Dass „die Pathologisierungen vornehmlich der Reproduktion von Heteronormativität dienen“, ist allerdings auch kein überzeugender Standpunkt. Heteronormativität ist normativ nur in sofern, als sexuelle Fortpflanzung bei biologischen Wesen wie Menschen, die ihre Gene weitergeben wollen, „normal“ ist. Dies lediglich im Sinne einer höheren Wahrscheinlichkeit ihres Vorkommens, nicht im Sinne einer ethischen Norm, die einzuhalten wäre. Diesen Fehlschluss begehen sowohl sie wie auch die Ex-Gay-Bewegung.

    Comment by Fritz — 13.04.2011 um 15:58

  2. Lieber Fritz,

    danke für Ihren Kommentar! Ich möchte versuchen, die Intention des Textes noch einmal zu verdeutlichen:
    Ihrem ersten Punkt stimme ich zu: Ich denke ebenfalls, dass die Auffassung, Homosexualität sei unnatürlich, nichts mit Biologie zu tun hat. In dem Teil des Textes, auf den Sie sich beziehen, habe ich lediglich die Position der Ex-Gay-Bewegung dargestellt, um anschließend genau diesen Zusammenhang zu problematisieren: Ich kritisiere also, dass die Bewegung sich hier auf die „Biologie“ bezieht.
    Mit „Naturalisierung“ meine ich dementsprechend nicht „Biologie“ oder „Natur“, sondern die Strategie, Heterosexualität als „natürlich“ oder „naturgegeben“ darzustellen oder vorauszusetzen und somit auf die „Natur“ als Argument für die Unnatürlichkeit von Homosexualität zurückzugreifen.

    Zu Ihrem zweiten Kritikpunkt:
    Der Text betrachtet Heteronormativität nicht aus einer naturwissenschaftlichen, sondern aus einer soziologischen (bzw. genauer: aus einer queer-theoretischen) Perspektive.
    Der Kern des soziologischen Konzepts von Heteronormativität ist gerade, dass sie sich nicht nur auf die rein zahlenmäßige Überlegenheit heterosexueller Menschen bezieht, sondern dass es sich hierbei auch um eine soziale Norm handelt (um dies hier nicht näher ausführen zu müssen, verweise ich Sie bei Interesse gerne auf folgenden Artikel: http://www.genderwiki.de/index.php/Heteronormativit%C3%A4t ).
    Welche Perspektive überzeugender erscheint, ist m.E. jede_m selbst überlassen, ich habe jedoch am Anfang des Textes ausdrücklich auf meine Perspektive hingewiesen und würde meine Interpretation von Heteronormativität deshalb nicht als „Fehlschluss“ bezeichnen.
    Eine Kritik an der Argumentation der Bewegung aus naturwissenschaftlicher Perspektive fände ich aber durchaus auch sehr interessant!

    Ich hoffe, dass ich durch meine Ausführungen die Argumentation des Textes nun etwas verständlicher machen konnte.

    Comment by Hannah Mietke — 19.04.2011 um 13:23

  3. Macht es denn Sinn, zwischen Menschen als biologischen und Menschen als sozialen Wesen zu unterscheiden? Grade die Sexualität macht doch klar, wie willkürlich diese Unterscheidung ist, schließlich sind Menschen immer Teil der Natur, auch wenn sie in Gesellschaften zusammenleben. Solange sich Menschen sexuell fortpflanzen, wird Heterosexualität Norm sein, von der auch Abweichungen vorkommen. Wie anders? Diese Norm ist Ergebnis der Evolution, nicht eines “Systems normalisierender Diskurse” . Wo kommen denn die Sprecher, die diese Diskurse betreiben her, wen nicht aus der Natur?

    Comment by Fritz — 29.04.2011 um 13:26

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