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Bildung

Eine Sexualpädagogik der Vielfalt steht für die Rechte von Kindern

06.09.2016, Stefan Timmermanns

Rechtspopulistische Strömungen positionieren sich seit Anfang 2014 intensiv gegen sexuelle und reproduktive Rechte. Eines der Angriffsziele ist die ganzheitliche Sexualaufklärung: Mit der Behauptung, sie schade Kindern und Jugendlichen, werden Eltern und Lehrende verunsichert. Organisationen und Personen, die sich für das Recht auf sexuelle Bildung einsetzen, werden diffamiert.

Netzwerke und Strategien

Eine mediale Kritik an der (neo-)emanzipatorischen Sexualpädagogik lässt sich spätestens seit Beginn des Jahres 2014 feststellen, als die Debatte um den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg bundesweite Aufmerksamkeit fand. Durch bewusste Desinformation und Dekontextualisierung werden Ziele, Inhalte und Methoden von Sexualerziehung verzerrt und verfälscht wiedergegeben. Der Journalist Alexander von Beyme hat dies in seinem Blog beispielhaft aufgedeckt (vgl. von Beyme 2014). Im Sommer 2015 wurde des Weiteren vom Verein „Besorgte Eltern“ eine Broschüre mit dem Titel „Die verborgenen Wurzeln der ‚modernen’ Sexualaufklärung“ verteilt und im März 2016 erschien auf Junge Freiheit TV der Film „Porno, Peitsche, Pädophilie – Perversion im Klassenzimmer“. Darin werden Vorwürfe geäußert, die nicht nur einem homo- und transnegativen, sondern auch einem antifeministischen Muster folgen. Man entledigt sich einer differenzierten Auseinandersetzung durch die ständige Wiederholung der angeblich natürlichen oder gottgegebenen Geschlechterpolarität. Sexualerziehung in der Grundschule und Kita sei schädlich, da Kinder auf diese Weise ‚frühsexualisiert’ würden. Sexualpädagogik diene dazu, Kinder zu willigen Opfern pädosexueller Täter zu machen.

Wie Robert Claus herausgearbeitet hat, stehen hinter solchen Kommentaren oder der Beteiligung an den ‚Demos für alle’ neben Neuen Rechten und fundamentalistischen Christen unter anderem auch sog. Maskulisten und Anti-Feministen, die sich von der Männerbewegung in den 1980er/90er Jahren abgespalten haben (vgl. Claus 2014, 2015). Sie wollen ein Geschlechter- und Gemeinschaftsideal bewahren bzw. rekonstruieren, das auf biologistischen Vorstellungen von ‚natürlichen’ Geschlechtern beruht (vgl. Claus 2015). Andreas Kemper hat u. a. die neokonservativen Netzwerke um die EU-Parlamentsabgeordnete und stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD, Beatrix von Storch, untersucht. Hierzu gehören Vereinigungen wie die Zivile Koalition e.V., der Arbeitskreis ‚Christen in der AfD’, die konservativ katholische Gruppierung ‚Kirche in Not’ sowie die Online-Portale ‚Freie Welt’, und abgeordnetencheck.de. Ebenso sind die ‚Initiative Familienschutz’ und die sog. ‚Demos für alle’, die von CDU-Mitglied Hedwig Freifrau von Beverfoerde organisiert werden, sowie das Netzwerk der ‚Besorgten Eltern’ Teil der Vernetzung. Die AfD-Vizevorsitzende will die traditionelle Familie fördern und ist gegen die Öffnung der Ehe, gegen die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare sowie gegen Schwangerschaftsabbruch, gegen Sexualaufklärung in Kindergarten und Grundschule. Sie lehnt die „Mach’s mit“ Kampagne der BZgA ab, denn vor ungewollten Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten könne man sich ebenso durch Enthaltsamkeit schützen (vgl. Kemper 2014a, 38 ff). Seit einigen Jahren unterstützt auch die Journalistin Birgit Kelle Beatrix von Storch, z.B. bei den ‚Demos für alle’. Kelle, die Mitglied der CDU ist, steht den ‚Legionären Christi’ nahe, einem katholischen Orden, der jedoch beim Vatikan in Ungnade fiel, nachdem bekannt wurde, dass es auf sog. Knabenseminaren zu sexuellen Übergriffen gekommen war (vgl. Kemper 2014 b).

Strategisch richten sich diese zuvor beschriebenen neokonservativen Netzwerke gegen die herrschende politically correctness. Zur Anti-PC-Abwehrstrategie gehöre auch die Verdeckung eigener Interessen. Von Birgit Kelle und Beatrix von Storch sei in der Allgemeinheit nicht bekannt, „dass sie mit apostolischen Ultrakatholiken zusammenarbeiten, die mit Heiligenverehrung und katholischer Hierarchie genau das ‚Gutmenschentum’ und den ‚Korrektionismus’ einfordern, welches formal mit der Anti-PC-Strategie bekämpft wird“ (Kemper 2014c, 63). Andreas Kemper kommt in seiner Analyse der Familien- und Geschlechterpolitik der AfD zu der Einschätzung, dass die Partei ein „sehr eingeschränktes, bevölkerungsbiologisch-nationales und normatives Familienbild (hat)“ (Kemper 2014c, 61). Familien, die diesem Leitbild nicht entsprechen, würden bekämpft (vgl. ebd.). Die dahinterliegende Ideologie sei das Bild der Familie als ‚Keimzelle der Nation’, die gleichzeitig geschlechtliche und nationale Identität biete (vgl. ebd., 62).

Was kann eine rechtebasierte Sexualpädagogik dem entgegenhalten?

Neben Anerkennung, Selbstbestimmung und Gewaltfreiheit gehört zu den Hauptzielen einer kritisch-reflexiven wie rechtebasierten Sexualpädagogik, Menschen ganz unterschiedlichen Alters dazu zu befähigen und zu unterstützen, mit der existierenden Diversität umzugehen und selbstbestimmt zwischen verschiedenen Sexualitäts-, Beziehungs- und Familienentwürfen zu wählen. Kerngedanke der Menschenrechte ist die für alle gleichermaßen gültige ‚gleiche Freiheit‘. Danach sind gleiche Rechte für alle Menschen Voraussetzung von Pluralismus. Freiheit kann nur da existieren, wo sie nicht durch Hierarchien eingegrenzt wird. Vielfalt knüpft damit an die demokratietheoretischen Traditionen des Freiheitsbegriffs an. Die Denkfigur der egalitären Differenz bietet die Möglichkeit, Pluralität wertzuschätzen und das Eigene nicht durch Entwertung des Anderen zu legitimieren. Um dies zu erreichen, müssen Menschen lernen, Offenheit, Vielfältigkeit, Uneindeutigkeit und Irritationen, die das Leben mit sich bringt, zuzulassen, als Bereicherung zu verstehen, manchmal auch auszuhalten, vor allem aber damit umzugehen ohne anderen zu schaden (vgl. Timmermanns 2016).

Die oben vorgenommene Analyse macht deutlich, dass die Kritik an sexueller Vielfalt (die teilweise verknüpft wird mit einer Kritik an Gender) von einer Allianz sehr unterschiedlicher Gruppierungen geäußert wird. Ihre Stärke liegt vor allem in der Bündelung verschiedener Anti-Haltungen. Die heterogene Allianz, die aktuell von den Neuen Rechten angeführt und instrumentalisiert wird, ist aber nur stark, solange sie eine Gegenposition formuliert und ihr Protestpotential nutzen kann. In dem Moment, wo sie positiv formulieren muss, wofür sie eintritt bzw. kämpft, droht Dissens ihre Einigkeit zu zerstören. Zudem dürften Enthaltsamkeit als Präventionsstrategie von HIV und anderen STI (Sexually Transmitted Infections) oder das ausgesprochen konservative Frauen- und Familienbild in westeuropäischen Gesellschaften nicht mehrheitsfähig sein. Die Gegenseite muss dazu gedrängt werden sich zu ihren „Werten“ zu bekennen: z.B. zum exklusiven Schutz der Ehe zwischen Mann und Frau, zur klassischen Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, zur Diskriminierung von nicht-ehelichen und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, zum Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen und zur Enthaltsamkeit. Das kann die Mehrheit der Bevölkerung wachrütteln.

Als Antwort auf die oben beschriebenen Vorwürfe (die hier nicht in differenzierter Weise erfolgen kann) hat die Gesellschaft für Sexualpädagogik e.V. (gsp) als Berufsverband mit der Veröffentlichung mehrerer Pressemitteilungen sowie eines Frage-Antwort-Katalogs (FAQs) reagiert. Diese sind im Internet ebenso zugänglich wie eine Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats des Instituts für Sexualpädagogik (vgl. www.gsp-ev.de und www.isp-dortmund.de). Auch die GEW hat 2016 eine Argumentationshilfe gegen die Falschbehauptungen herausgegeben. Neben der „Aufklärung“ über die vermeintlichen Aufklärer*innen braucht es jedoch auch verständlich geschriebene Imagebroschüren, in denen Eltern über die Ziele und Arbeitsweisen heutiger Sexualpädagogik informiert werden. Denn zum großen Teil nutzt der Verein „Besorgte Eltern“ die Uninformiertheit anderer Eltern, um sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Auch Videoclips, in denen der Alltag von sexualpädagogisch Tätigen realistisch dargestellt wird, könnten der Desinformation etwas entgegensetzen. Ein erstes gelungenes Beispiel, das in die richtige Richtung weist, ist das Porträt von Youthwork NRW, in dem drei Sexualpädagog_innen ihre Arbeit vorstellen und erläutern (vgl. Youthwork NRW 2016). Von solchen Ideen und Beispielen braucht es mehr!

Literatur

von Beyme, Alexander (2014): Unter dem Deckmantel des Journalismus. Online: http://www.alexandervonbeyme.net/2014/10/16/unter-dem-deckmantel-des-journalismus/ (Abruf: 16.9.2015).
Claus, Robert (2014): Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
Claus, Robert (2015): Zwischen „Falschbeschuldigungen“ und „Zeugungsstreik“
Über die Sexualitätsdiskurse im Maskulismus. In: Sexualpädagogik kontrovers, hg. v. Anja
GEW (Hrsg.) (2016): Für eine Pädagogik der Vielfalt. Argumentationshilfe gegen ultrakonservative, neu-rechte und christlich-fundamentalische Behauptungen. Frankfurt: Hrsg.
Henningsen, Elisabeth Tuider und Stefan Timmermanns. Weinheim: Beltz Juventa.
Kemper, Andreas (2014a): Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD – eine Expertise, Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, URL: http://library.fes.de/pdf-files/dialog/10641.pdf
Kemper, Andreas (2014b): Christliche Aktivistin Birgit Kelle. Militante Feministin Gottes, in: taz vom 8.9.2014. Online: http://www.taz.de/!145569/ (Abruf 20.12.2015).
Kemper, Andreas (2014c): Keimzelle der Nation – Teil 2: Wie sich in Europa Parteien und Bewegungen gegen Toleranz, Vielfalt und eine progressive Geschlechter- und Familienpolitik radikalisieren, Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, URL: http://library.fes.de/pdf-files/dialog/11163.pdf
Timmermanns, Stefan (2016): Vielfalt erwächst aus Freiheit. Zur theoretischen Verortung einer Sexualpädagogik der Vielfalt. In: Henningsen et al.: Sexualpädagogik kontrovers. Weinheim: Beltz Juventa, 17-31.
Youthwork NRW (2016): Porträt Youthwork NRW. Online: https://www.youtube.com/watch?v=jhYYFGTGSdw (Abruf 17.6.2016)


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