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Arbeit

Mit Smartphone und Tablet auf dem Spielplatz – wird Care-Arbeit durch die Digitalisierung (un-)sichtbarer?

13.01.2018, Tanja Carstensen

Die Digitalisierung ist ohne Zweifel eine die Gesellschaft gegenwärtig massiv prägende Entwicklung. Insbesondere die Veränderungen im Bereich der Erwerbsarbeit stehen dabei im Zentrum des öffentlichen, medialen, ökonomischen und politischen Interesses. Digitale und mobile Technologien prägen die Arbeitsbedingungen und verändern u.a. die Grundlagen für die Gestaltung von Arbeitszeiten, Arbeitsorten, Arbeitsformen und Arbeitsorganisation. Neue Technologien bieten zudem immer auch Möglichkeiten, Geschlechterverhältnisse neu zu verhandeln. Bietet die Digitalisierung damit auch neue Möglichkeiten, Erwerbsarbeitsanforderungen und Sorgeverpflichtungen besser zu vereinbaren?

Unter anderem geht es bei der Digitalisierung der Arbeit um folgende Phänomene: (1) den Einsatz digitaler, vernetzter, „smarter“ bzw. „intelligenter“ Technologien im Produktionsbereich, diskutiert unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ und verbunden mit verschiedensten Automatisierungsszenarien; (2) den Einsatz von Social-Media-Technologien (soziale Netzwerke, Wikis und Weblogs) in der internen Zusammenarbeit, Kommunikation und Projektarbeit, auch als „Enterprise 2.0“ oder „Social Collaboration“ bezeichnet; (3) „Crowdwork“ als Vergabe und teilweise auch Erledigung kleinteiliger, oftmals gering bezahlter Aufträge über Internetplattformen (z.B. Amazon Mechanical Turk), die bisher vor allem hinsichtlich ihrer prekären Arbeitsbedingungen kritisiert werden; (4) und schließlich digitale und mobile Informations- und Kommunikationstechnologien, insbesondere Laptops, Smartphones, Tablets, Internet und Apps und ihre Konsequenzen für zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten, Entgrenzung und Erreichbarkeit.

Die Veränderungen sind damit weitreichend. Gleichzeitig ist Arbeit bis heute hochgradig vergeschlechtlicht: Es finden sich mehr Männer als Frauen in hochbezahlten Arbeitsverhältnissen und Führungspositionen; zudem teilt sich der Arbeitsmarkt in Männer- und Frauenberufe, ebenfalls mit ungleicher Bewertung. Darüber hinaus ist die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hinsichtlich bezahlter und unbezahlter Arbeit immer noch ungleich, nach wie vor sind mehr Frauen mit Sorgearbeiten, beispielsweise Kinderbetreuung, und vor allem Hausarbeit beschäftigt. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dementsprechend noch immer eher eine Aufgabe, die Frauen zu bewältigen haben.

Geschlechterverhältnisse in Bewegung?

Neue Technologien bieten aber immer auch Möglichkeiten, Geschlechterverhältnisse neu zu verhandeln, Instabilitäten in Machtverhältnisse zu bringen und beispielsweise Rollenzuschreibungen und Arbeitsteilungen in Frage zu stellen (Wajcman 1994; Huws 2014; Carstensen 2015; 2016).(1) Mit der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft und der Arbeit ist demnach denkbar, dass sich auch geschlechterpolitisch relevante Veränderungen vollziehen. Öffentlich diskutiert werden diesbezüglich bisher folgende Aspekte: Hinsichtlich der Automatisierung geht es vor allem um die Frage, wie sich die Digitalisierung auf die Frauenerwerbstätigkeit auswirken wird. Erste Prognosen gehen unter anderem davon aus, dass insbesondere die – von Frauen dominierten – personennahen Dienstleistungen wie Erziehung und Bildung vergleichsweise wenig betroffen sein werden. Daneben könnten, so die Erwartung, durch die steigende Bedeutung digitaler Kommunikationsräume neue betriebsinterne Profilierungsmöglichkeiten jenseits von Präsenzkulturen (die oftmals weit in den Abend hineinreichen) entstehen, die Frauen mit Sorgeverpflichtungen zu gute kommen könnten. Crowdwork, mobile Arbeit und Homeoffice werden vor allem hinsichtlich ihrer zeitlichen und räumlichen Flexibilität und den damit verbundenen Möglichkeiten einer besseren, flexibleren Vereinbarkeit von Job und Sorgeverpflichtungen diskutiert. Ich möchte im Folgenden vor allem den letzten Punkt etwas weiterverfolgen und prüfen, inwiefern die Digitalisierung der Arbeit tatsächlich neue Möglichkeiten bietet, Erwerbsarbeitsanforderungen und Sorgeverpflichtungen besser zu vereinbaren.

Digitales Arbeiten souverän und zwischendurch

Diese Fragen sind alles andere als neu. Bereits Telearbeit wurden seit den 1980er Jahren Chancen für Verschiebungen der Arbeitsteilungen zwischen den Geschlechtern zugeschrieben (Winker 2001). Statt der Möglichkeit, einzelne Tage von zu Hause aus zu arbeiten, erleben wir mittlerweile allerdings eine schleichende Entwicklung, bei der es immer normaler wird, per Smartphone und Tablet zuhause, in der Bahn, in Hotelzimmern, in Cafés, nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub zu arbeiten oder zumindest für Arbeitsanfragen erreichbar zu sein. Es geht nicht mehr um die Standleitung vom Büro nach Hause; inzwischen tragen wir das Büro in der Hosentasche mit uns herum und arbeiten auch „zwischendurch“, an Bushaltestellen und auf Spielplätzen, letztlich „immer und überall“.

Über digitale Technologien mit der Arbeit vernetzt zu sein, kann die Zeit für Arbeitswege reduzieren und eine flexiblere Zeit- und Alltagsgestaltung ermöglichen. Auf diese Weise wird eine souveränere Gestaltung des Alltags möglich; außerdem kommen diese Möglichkeiten den gestiegenen Ansprüchen an selbstbestimmtes Arbeiten entgegen. Mit der Möglichkeit, flexibel jederzeit und von überall zu arbeiten, könnten auch für Menschen mit Sorgeverpflichtungen – nach wie vor mehrheitlich Frauen – neue Freiräume der Alltagsgestaltung entstehen, die ermöglichen, Erwerbsarbeitszeiten und -orte an die Anforderungen der Sorgearbeit anzupassen. Aufgaben können jenseits des Büros erledigt werden, mit nach Hause genommen oder unterwegs erledigt werden. Die eingeschränkte Anwesenheit im Büro, z.B. wegen der begrenzten Öffnungszeiten der Kita, können um weitere Arbeitszeiten jenseits des offiziellen Arbeitsplatzes ergänzt werden. Ohne Zweifel eröffnen die digitalen Technologien also Möglichkeiten, die Erwerbsarbeitszeiten besser mit anderen Lebensbereichen abzustimmen.

Die Forschungsergebnisse hierzu sind zurzeit allerdings noch widersprüchlich. Laut dem DGB-Index Gute Arbeit (2016: 11) stellen 68% der Beschäftigten keinen Effekt auf die Work-Life-Balance durch Digitalisierung fest. Wajcman et al. (2010) kommen hingegen zu dem positiven Ergebnis, dass eher private Nutzungen der Technologien in die Erwerbsarbeit hineinreichen als umgekehrt und dass das kurze Erledigen von außerberuflichen Aufgaben zu einer besseren Vereinbarkeit der Anforderungen in beiden Bereichen führen kann. Mit der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsorten gehen aber auch Belastungen einher. So sind mit den digitalen Technologien die Erwartungen gestiegen, permanent erreichbar zu sein. Eine Untersuchung aus Island liefert zudem Hinweise, dass digitale und mobile Arbeit lediglich dazu führen, dass mehr Tätigkeiten gleichzeitig ausgeführt werden, z.B. am Wochenende im Wohnzimmer beruflich gearbeitet wird, während gleichzeitig die Kinder spielen (Rafnsdóttir 2014).

Unsichtbare Unvereinbarkeit

Hier zeigen sich verschiedene Aspekte, die ich für eine Diskussion um genderrelevante Aspekte der Digitalisierung hervorheben möchte: Mittlerweile kann beinahe jede Situation als Erwerbsarbeitszeit genutzt werden. Dadurch kann in der Tat mehr Arbeit erledigt und so der Alltag optimiert werden. Weiter gedacht kann dies zu einer Normalisierung der gleichzeitigen Erfüllung von Erwerbsarbeits- und Sorgearbeiten führen. Digitale Technologien erweisen sich vor allem als Hilfsmittel, die gestiegenen Anforderungen in allen Bereichen besser zu bewältigen und über Multitasking, permanente Erreichbarkeit und das ständige Erledigen von Erwerbsarbeitsaufgaben zwischendurch mehr schaffen zu können. Zudem ist zu vermuten, dass diese Möglichkeiten den Einzelnen das gute Gefühl vermitteln, sich als engagiert zeigen bzw. inszenieren zu können. Das würde allerdings bedeuten, dass mit digitalen Technologien und den dadurch veränderten Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit zwar Menschen mit Sorgeverpflichtungen einerseits in die Lage versetzt werden, mehr Erwerbsarbeitsaufgaben erledigen zu können, dass sich dadurch allerdings andererseits die geschlechterdifferenzierende Arbeitsteilung und die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit keinesfalls verändern. Probleme der Vereinbarkeit bzw. die Unvereinbarkeit von Erwerbsarbeitsansprüchen mit anderen Lebensbereichen würden noch stärker als bisher individualisiert gelöst – weil es technisch jetzt möglich ist – und damit noch weniger als gesellschaftlich und betrieblich zu lösende Probleme verhandelt. Der Preis wären eine Normalisierung von entgrenzter Arbeit, Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten und die steigende Doppelbelastung. In der Konsequenz könnte es sein, – und diesen Punkt möchte ich betonen – dass Vereinbarkeitsprobleme und die Belastungen immer mehr verdeckt und aus betrieblicher Sicht immer unsichtbarer werden. Von Seiten der Unternehmen könnten dadurch die Erwartungen an die bewältigbare Arbeitsmenge noch weiter steigen, weil alles so gut schaffbar scheint – und Sorgearbeit als gesellschaftlich relevante und notwendige Arbeit sowie die Bedingungen, unter denen sie geleistet wird, noch mehr aus der Öffentlichkeit verschwinden.

So gibt es nur bedingt Anlass, davon auszugehen, dass sich mit der Digitalisierung Geschlechterverhältnisse und Arbeitsteilungen zwischen den Geschlechtern grundlegend ändern, auch wenn das Potenzial dazu durchaus besteht. Vieles spricht dafür, dass digitale Technologien lediglich die idealen Hilfsmittel zur Optimierung des Alltags darstellen. Die digitalisierte „ArbeitskraftmanagerIn“ (Winker/Carstensen 2007) kriegt vielleicht vieles besser hin als früher. Mit einer gerechteren Arbeitsteilung und einer besseren Lebensqualität hat das aber wenig zu tun. Im Gegenteil: Internet, Social Media und Handy sorgen vielleicht sogar erst recht dafür, die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit oder die Erwerbsarbeitszentrierung nicht infrage zu stellen, da sie die Unvereinbarkeit unsichtbarer machen. Was oberflächlich als Freiraum erscheint, verdeckt lediglich die Anforderung, noch mehr (bezahlte und unbezahlte) Arbeit gleichzeitig zu schaffen.

Im politischen Getöse um die digitale Revolution, Transformation oder Disruption entsteht zurzeit der Eindruck, dass sich vieles grundlegend ändern wird. Genauso gut könnte es aber auch passieren, dass sich eher alte Muster und Ungleichheitsstrukturen (noch mehr) verfestigen.

Fußnote

(1) Dieses Thema untersuche ich ausführlicher im Rahmen des Forschungsprojekts „Wandel der Geschlechterverhältnisse durch Digitalisierung”, LMU München, Institut für Soziologie, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung.

 

Literatur

Carstensen, Tanja (2015): Im WWW nichts Neues. Warum die Digitalisierung der Arbeit Geschlechterverhältnisse kaum berührt, in: luXemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, 3/2015, 38-43 http://www.zeitschrift-luxemburg.de/im-www-nichts-neues/

Carstensen, Tanja (2016): Von der ‘Informationsgesellschaft’ zur ‘Digitalisierung’ – und keine neuen Geschlechterarrangements in Sicht? Ein kleiner Rückblick auf 20 Jahre Internet, Arbeit und Geschlechterverhältnisse, in: Carstensen, Tanja/Groß, Melanie/Schrader, Kathrin (Hg.): care | sex | net | work. Feministische Kämpfe und Kritiken der Gegenwart, Münster, 140-146.

DGB-Index Gute Arbeit (2016): Der Report 2016. Wie Beschäftigte die Arbeitsbedingungen in Deutschland beurteilen, Berlin.

Huws, Ursula (2014): Shifting boundaries: gender, labor, and new information and communication technology, in: Carter, Cynthia/Steiner, Linda/Mclaughlin, Lisa (Hg.): The Routledge Companion of Media & Gender, London, 147-156.

Rafnsdóttir, Linda (2014): Time, Space and Gender, presented at: Gender Perspectives in the Analysis of Virtual Work, Barcelona, 10-12 November 2014, http://dynamicsofvirtualwork.com/wp-content/uploads/2014/11/Rafnsdottir-small.pdf.

Wajcman, Judy (1994): Technik und Geschlecht, Frankfurt/New York.

Wajcman, Judy/Rose, Emily/Brown, Judith E./Bittman, Michael (2010): Enacting virtual connections between work and home, in: Journal of Sociology 46 (3), 257-275.

Winker, Gabriele (Hg.) (2001): Telearbeit und Lebensqualität, Frankfurt/New York.

Winker, Gabriele/Carstensen, Tanja (2007): Eigenverantwortung in Beruf und Familie – vom Arbeitskraftunternehmer zur ArbeitskraftmanagerIn, in: Feministische Studien, Nr.2, 277-288.

Videos zum Thema

re:publica 2017 – Starten Frauen im Zuge der Digitalisierung besser durch?, Berlin, 9. Mai 2017 – Interview

re:publica 2017 – Starten Frauen im Zuge der Digitalisierung besser durch? – Paneldiskussion


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