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Interventionen

Die Spendenaktion zur Rettung des Frauenhaus Wedel

15.09.2011, Kathrin Nordmann

Die ersten Frauenhäuser in der BRD wurden in den 1970er Jahren im Kontext der Autonomen Frauenbewegung gegründet. Bis heute sind sie zentraler Bestandteil des Schutz- und Beratungsangebots für von Gewalt betroffene Frauen. In Schleswig-Holstein wurde jedoch die Streichung der Finanzierung des „Autonomen Frauenhaus Wedel“ und des “AWO Frauenhaus Lübeck“ beschlossen und dies trotz hoher Auslastung. Die Begründung ist, dass dort Frauen aus anderen Bundesländern Schutz suchen. Die Sparmaßnahmen sind vor dem Hintergrund einer fehlenden bundesweiten Finanzierungssicherheit der Frauenhäuser zu sehen und folgen einer Politik, die zu Lasten der Opfer von Gewalt geht. Zur Rettung des Frauenhauses Wedel wurde deshalb eine Spendenaktion gestartet.

Insgesamt hat die CDU/FDP Landesregierung Schleswig-Holstein die Einsparung von 48 Frauenhausplätzen beschlossen. Ab Ende 2011 soll die Förderung wegfallen. Die Streichung geschieht ungeachtet der Tatsache, dass Frauenhäuser die einzigen Schutzeinrichtungen für von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder sind. Jährlich suchen in den ca. 380 Frauenhäusern bundesweit etwa 45.000 Frauen Schutz. Das von den Einsparungen betroffene Frauenhaus Wedel hat 15 Plätze. Pro Jahr werden dort etwa 100 Frauen und deren Kinder aufgenommen, durchschnittlich ist das Haus zu 85% belegt. Die Begründung für die Streichung der Finanzierung ist auch nicht, dass das Frauenhaus zu wenig ausgelastet sei. Die Landesregierung sagt vielmehr, dass in dem an der Grenze zu Hamburg gelegenen Frauenhaus zu viele Frauen aus anderen Bundesländern Schutz suchen und weigert sich, die Kosten für deren Unterbringung zu tragen. Darüber hinaus wird eine Zugangsbeschränkung für Frauen aus anderen Bundesländern in Schleswig-Holstein für die übrig bleibenden Frauenhäuser geplant.

Die Sparmaßnahmen der Landesregierung lässt die Situation der von Gewalt betroffenen Frauen völlig außer Acht. Oft können Frauen aufgrund der Bedrohung nicht in der Nähe ihres bisherigen Wohnortes ein Frauenhaus aufsuchen. Sie flüchten deshalb aus Sicherheitsgründen in Frauenhäuser, die z.T. sehr weit entfernt liegen. Mit der Streichung der Frauenhausplätze verbindet die Landesregierung die Hoffnung, dass mit weniger Plätzen auch weniger Frauen kommen. Doch nur weil Plätze gestrichen werden, wird die Gewalt nicht weniger und der Bedarf an Schutz und Unterstützung nicht geringer.

Fehlende bundesweite Finanzierung der Frauenhäuser

Die Diskussion um „zu viele“ Frauen aus anderen Bundesländern ist nicht nur zynisch, sondern auch vor dem Hintergrund einer fehlenden bundesweit einheitlichen, unbürokratischen Finanzierung der Frauenhäuser zu betrachten. In Schleswig-Holstein erhalten die Frauenhäuser über das Finanzausgleichsgesetz (FAG) ihre Zuwendungen aus dem Kommunalen Finanzausgleich. Dieses Modell gilt im Vergleich zu anderen Finanzierungsmodellen als vorbildlich, da es den Frauenhäusern durch eine pauschale Finanzierung Planungssicherheit garantiert und eine unbürokratische, anonyme und schnelle Aufnahme betroffener Frauen ermöglicht. Die Hilfe der Frauenhäuser kann unabhängig von der finanziellen Situation der betroffenen Frauen in Anspruch genommen werden; die ohnehin hohe Hürde ein Frauenhaus aufzusuchen wird niedrig gehalten und dadurch dieser Schritt vielen Frauen erleichtert und ermöglicht. Dies hat auch zur Folge, dass Schleswig-Holstein ein relativ gutes Netzwerk an Frauenhäusern im Vergleich zu reicheren Bundesländern wie etwa Bayern oder Baden Württemberg hat. In anderen Bundesländern basiert die Finanzierung von Frauenhäusern auf einzelfallabhängigen Tagessätzen. Die sogenannte Pro-Kopf-Finanzierung ist mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden. Die Opfer von Gewalt müssen individuell für die Kosten des Frauenhausaufenthalts aufkommen. Ist dies den Betroffenen nicht möglich, muss die Kostenübernahme beantragt und genehmigt werden und das bevor eine Frau ein Frauenhaus aufsucht. Dieser bürokratische Umgang bringt Frauen in lebensbedrohliche Situationen. Viele Frauen wie z.B. Studentinnen sind außerdem von der Beantragung der Gelder ausgeschlossen. Einige Frauenhäuser mussten auf Basis dieser Finanzierung trotz des hohen Bedarfes schließen, da sie über längere Zeit nicht voll belegt waren, denn die betroffenen Frauen sind in ihrer bedrohlichen Situation i.d.R. nicht in der Lage ein Antragsverfahren durchzustehen.

Gewalt gegen Frauen – die Gründung der ersten Autonomen Frauenhäuser

Gewalt gegen Frauen war lange ein Tabuthema und wurde als Privatsache angesehen. Erst in den 1970er Jahren hat die Autonome Frauenbewegung das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen öffentlich gemacht und sich für gesellschaftliche Veränderungen eingesetzt. Als politische Antwort darauf gründeten Frauengruppen nach dem Vorbild der Frauenhäuser in England 1976 die ersten Autonomen Frauenhäuser in Berlin und Köln. In deren Folge sind weitere Frauenhäuser als autonome feministische Projekte entstanden.

Nach wie vor ist der Bedarf an Frauenhäusern groß: In seinem Staatenbericht (2009) hat das CEDAW (Convention on the Elimination of all Forms of Diskrimination against Women) Komitee der Vereinten Nationen (UN) die Bundesregierung aufgefordert die Finanzierung der Frauenhäuser in Deutschland angemessen sicherzustellen. Die derzeitige Politik verstößt gegen die Menschenrechte und die Frauenrechtskonvention (CEDAW), die Deutschland selbst ratifiziert hat. Hinzu kommt, dass Schleswig-Holstein durch die Streichung der Plätze noch weiter hinter den vom Europarat empfohlenen Standard von einem Frauenhausplatz pro 7.500 Einwohner zurückfällt. Die Notwendigkeit von Frauenhäusern als Schutz- und Unterstützungseinrichtungen belegt eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend von 2004, nach der jede vierte Frau mindestens ein- oder auch mehrmals in ihrer Beziehung körperliche und sexuelle Gewalt erlebt. Häusliche Gewalt betrifft Frauen aus allen Schichten, jeden Alters und ist unabhängig von kulturellen Hintergrund, Religion oder Nationalität. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen erweist sich allein schon der vom Europarat empfohlene Standard von Frauenhausplätzen als verschwindend gering.

Frauenhausarbeit

Frauenhäuser verstehen sich nicht als betreuende soziale Einrichtungen, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe und als politische Projekte, da sie Gewalt gegen Frauen skandalisieren und gesellschaftliche Veränderungen anstreben. Teile dieses Selbstverständnisses zeigen sich auch heute in der Struktur und der alltäglichen Arbeit der Autonomen Frauenhäuser. Hierzu gehört z.B. der Anspruch von Hierarchiefreiheit, ein antirassistisches und feministisches Selbstverständnis und ein Verständnis von Frauenhausarbeit als politische Arbeit, in der Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit zu häuslicher Gewalt einen hohen Stellenwert haben. Darüber hinaus bieten Frauenhäuser Beratung Schutz und Unterstützung für Frauen und deren Kinder, die vor körperlicher, sexueller und/oder seelischer Gewalt fliehen. Die Adresse der Frauenhäuser ist aus Sicherheitsgründen geheim. Aufnahmen sind 24 Stunden am Tag möglich. Einige Frauen wenden sich selbst telefonisch an ein Frauenhaus. Andere kommen über eine Beratungsstelle oder die Polizei. Ist das Frauenhaus belegt, erfolgt eine Weitervermittlung. Frauenhäuser sind untereinander bundesweit vernetzt.

Die Mitarbeiterinnen arbeiten nach dem Bezugsfrauensystem, aufgeteilt in einen Frauen- und einen Kinderbereich, d.h. jede Frau und jedes Kind hat eine Mitarbeiterin, die hauptsächliche Ansprechpartnerin ist. Die Frauen bleiben aber für sich und ihre Kinder eigenverantwortlich. Die Mitarbeiterinnen begleiten und unterstützen bei psychischer Stabilisierung, Verarbeitung der erfahrenen Gewalt und Entwicklung neuer Perspektiven für ein gewaltfreies Leben. Viele Frauen kommen aufgrund einer überstürzten Flucht völlig ohne eigene Sachen und Unterlagen. Oft waren sie aufgrund der gewalttätigen Beziehung sozial isoliert. Im Frauenhaus erfahren sie Sicherheit und Selbstbestimmung. Die Frauen bleiben so lange, wie sie brauchen, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist drei Monate – eine sehr kurze Zeit, um sich ein neues Leben aufzubauen.

Spendenaktion 2012

Das Autonome Frauenhaus Wedel ist aus einem Frauentreff heraus entstanden und existiert seit 25 Jahren. Es hat 15 Plätze und bietet externe Beratung für von Gewalt betroffene Frauen. Fünf qualifizierte Mitarbeiterinnen arbeiten dort in Teilzeit.

Das Frauenhaus hat einen Trägerverein mit über 60 Mitfrauen, sowie einen Förderverein. Das Frauenhaus Wedel ist Teil der sozialen Einrichtungen vor Ort und einzige Ansprechstelle zu häuslicher Gewalt in Wedel. Als bekannt wurde, dass das Frauenhaus ab Ende 2011 keine Gelder mehr bekommen soll, war die Unterstützung sehr groß. Es wurden über 5000 Unterschriften gesammelt, um die anstehenden Sparmaßnahmen zu verhindern. Ungeachtet dessen wurde mit nur einer Stimme Mehrheit das Sparpaket und somit auch die Streichung der Finanzierung des Frauenhauses beschlossen.

Daraufhin starteten die Vereinsfrauen und Mitarbeiterinnen eine Spendenaktion zur Rettung des Frauenhauses. Ziel ist mit Hilfe von Spenden das Jahr 2012 zu überbrücken und über Verhandlungen auf allen politischen Ebenen wieder in die institutionelle Förderung zu kommen.

In nur vier Monaten wurden über 100.000 Euro gespendet. Der aktuelle Stand der Spendenaktion liegt bei einer gesicherten Finanzierung von zehn Plätzen. Ein Platz wird derzeit gefördert mit 10.500 Euro pro Jahr. Das heißt, das Frauenhaus setzt seine Arbeit im nächsten Jahr fort, in welcher Form ist noch unklar. Offen bleibt auch die Frage, wie es nach dem Jahr 2012 weiter geht. Alle Parteien haben ihre Unterstützung zugesagt, ob diesen Worten auch nach der Wahl im Jahr 2012 in Schleswig-Holstein Taten folgen? Die Vereinsfrauen und Mitarbeiterinnen sind skeptisch, da bisher politische Entscheidungen getroffen wurden, die nicht die Schutzbedürfnisse der Opfer von Gewalt in den Vordergrund stellen, sondern eine ökonomische Perspektive, die auf sehr kurzfristige Spareffekte zielt und deren langfristige Auswirkungen ignoriert.

Finanzierungssicherheit für Frauenhäuser

Im November feiert das Autonome Frauenhaus Wedel sein 25jähriges Bestehen. Seine weitere Zukunft bleibt ungeachtet der offensichtlichen Notwendigkeit ungewiss. Trotz einer Enttabuisierung der Thematisierung von Gewalt gegen Frauen durch feministische queere Bewegungen, gibt es kein Anzeichen für ihre Abnahme. Frauenhäuser leisten überlebenswichtige Unterstützungsarbeit für von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder, sowie unverzichtbare Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Finanzierungssicherheit ist die Basis für diese Arbeit und zeigt die Anerkennung des politischen Konsenses, dass Gewalt gegen Frauen ein gesellschaftliches Problem ist.

Frauenhäuser folgen dem Prinzip, dass Frauen, die von Gewalt betroffen sind, aufgenommen werden – egal woher sie kommen. Die Finanzierungsfrage von Frauenhausplätzen kann nicht zu Lasten der Opfer von Gewalt gehen, deren Entscheidungsfreiheit beschränken und finanzielle und bürokratische Barrieren aufbauen. Es müssen politische Antworten und Maßnahmen folgen, die grundlegende Menschenrechte anerkennen.

Die Spendenaktion zur Rettung des Frauenhauses Wedel läuft weiter, in der Hoffnung im Jahr 2012 alle Plätze und die Arbeitsstellen aller Mitarbeiterinnen erhalten zu können.

Zur Unterstützung der Spendenaktion zur Rettung des Frauenhaus Wedel:

Förderverein Frauenhaus Wedel
Konto: 95303
Stadtsparkasse Wedel
BLZ 2211730

http://www.frauenhaus-wedel.de
info[at]frauenhaus-wedel[dot]de


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