Navigation




Ökonomie

Care Revolution – ein Weg aus der Reproduktionskrise

16.12.2009, Gabriele Winker

Sorgearbeit für sich und Andere ist von enormer Bedeutung sowohl für das umsorgte Individuum als auch für eine menschenwürdige Gesellschaft – das ist allgemeiner Konsens. Auch dass die privat zu organisierende Sorgearbeit zunimmt, wenn wie derzeit die staatlich abgesicherte Versorgung aus Kostengründen eingespart wird, ist weitgehend unumstritten. Dennoch wird die Frage, wer Sorgearbeit in Zeiten allseits geforderter Erwerbstätigkeit übernehmen soll, im politischen Raum weder aufgeworfen noch beantwortet. Dies hat zur Folge, dass viele Menschen, insbesondere Frauen mit Sorgeverpflichtungen gegenüber Kindern, Pflegebedürftigen oder anderen unterstützungsbedürftigen Personen, gezwungen sind, Sorgearbeit oft am Rande der vollständigen Überbeanspruchung tagtäglich neben der eigenen Berufstätigkeit auszuführen. Mit einem Aufruf zur Care Revolution möchte ich das strategische Schweigen durchbrechen und dazu auffordern, Sorgearbeit in ihrer Bedeutung und Gestaltung gesellschaftlich neu zu diskutieren. Ziel soll es sein, gerade den Sorgearbeitenden Muße bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit zu ermöglichen, anstatt sie weiterhin einer Doppelbelastung und fehlender sozialer Absicherung auszusetzen.

Die individuellen Sorgeanforderungen für sich selbst und für andere nahe Personen wachsen in dem Maße, wie die gesellschaftliche Organisation von Arbeit die Wiederherstellung, sprich die Reproduktion der jeweils eigenen Arbeitskraft erschwert. Sorgearbeit ist in diesem Sinn als Reproduktionsarbeit zu verstehen, die nicht-warenförmig, sondern am Gebrauchswert orientiert in familiären Bereichen stattfindet und mit der die eigene oder die Arbeitskraft Anderer wiederhergestellt wird. Diese so verstandene Reproduktionsarbeit ist für die Verwirklichung menschlicher Lebensinteressen von grundlegender Bedeutung. Ohne die umfassende Sorgearbeit von Eltern oder anderen nahen Menschen kann kein Kind überleben. Ohne die individuelle Sorge um die eigene Gesundheit, Fort- und Weiterbildung sowie die Organisation alltäglicher Anforderungen im privaten Raum kann ein Erwachsener nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ohne die Sorgearbeit von Nahestehenden bei Krankheit oder im hohen Alter gibt es kein menschenwürdiges Leben. Die täglichen Reproduktionsarbeiten für Kinder und für unterstützungsbedürftige Erwachsene werden vor allem von Frauen erbracht. In ihrem Umfang überschreiten all die genannten Reproduktionsarbeiten in Deutschland die Erwerbsarbeit um mindestens ein Drittel. Allerdings gibt es im Gegensatz zur Erwerbsarbeit nach wie vor keinen politischen Diskurs dazu, wie und unter welchen Bedingungen Reproduktionsarbeit sinnvoll und Menschen angemessen ausgeführt werden kann.

Das alte Familienernährermodell, wie es in der BRD in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre gängig war, hat ausgedient. Damals übernahmen fast ausschließlich Ehefrauen alle Reproduktionsarbeiten und waren im Gegenzug über den Familienlohn und die Kranken-, Berufsunfähigkeits-, Renten- und Arbeitslosenversicherung des Familienernährers sozial abgesichert. Damit wurde allerdings gleichzeitig die patriarchale Abhängigkeit aufrechterhalten, gegen die sich nicht zuletzt die Frauenbewegung seit den 1970er Jahren massiv gewehrt hat. Mit den strukturellen und zyklischen Wirtschaftskrisen ab Mitte der 1970er Jahre wurde das Ernährermodell zusehends instabil. Reallohnsenkungen führten dazu, dass es bis weit in den Mittelstand hinein nicht mehr möglich war, mit einem Lohn eine Familie zu ernähren. Mit dem Verschwinden des Ernährerlohns, aber auch aus emanzipatorischen Gründen stieg die Frauenerwerbstätigkeit kontinuierlich an. Heute ist das neoliberale Konzept der Eigenverantwortung vorherrschend, wonach jeder und jede Einzelne durch Erwerbsarbeit für die eigene Existenzabsicherung verantwortlich ist. Allerdings ist damit bisher keine Umorganisation der Reproduktionsarbeiten verbunden, obwohl gleichzeitig die Anforderungen an die eigene Gesundheit und Bildung ebenso zugenommen haben wie die entsprechenden Anforderungen an die Kindererziehung.

Reproduktionsarbeit in der Krise

Die Konsequenz: Viele Frauen finden sich heute in einer Art Reproduktionsfalle wieder. Zwar sind sie – wie durchaus gewünscht – erwerbstätig, werden dabei aber mit zunehmenden Flexibilitätsansprüchen der Unternehmen, kontinuierlich steigendem Leistungsdruck, Arbeitszeitverlängerung durch Überstunden und Wochenendarbeit konfrontiert. In einer Art Spagat setzen sie gleichzeitig – entsprechend des neoliberalen Credos der Eigenverantwortung – alles daran, diese beruflichen Anforderungen mit den zunehmenden Aufgaben der Selbstorganisation und den gestiegenen Leistungsansprüchen in der Reproduktionsarbeit zu vereinbaren. In aller Regel führt dies zu Überbeanspruchung und Überlastung. Nur wenige können es sich leisten, diese Doppelbelastung dadurch zu vermindern, dass sie eine Hilfskraft, oft eine schlecht bezahlte Migrantin, für Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflegetätigkeiten beschäftigen. Andere wiederum reduzieren ihre berufliche Arbeitszeit, was die Karrieremöglichkeiten extrem einschränkt und im Falle einer Trennung vom Ehepartner oder Ehepartnerin dazu führt, dass sie, zumal mit der neuen Unterhaltsreform, ihre soziale Absicherung verlieren. Da es für viele Menschen mit hohen Sorgeverpflichtungen keine zufriedenstellenden Auswege aus dem geschilderten Dilemma gibt, spreche ich von einer Krise der Reproduktionsarbeit.

Im Gegensatz zur Lohnarbeit spielt die Reproduktionsarbeit im politischen Handeln bislang keine Rolle. Die derzeitige politische Regulierung ist beinahe ausschließlich darauf ausgerichtet, mit Wachstum welcher Art auch immer die Profitmaschine wieder flott zu machen, die Lebensinteressen vieler BürgerInnen werden nicht ernst genommen. Im Sinne der Aufwertung von Reproduktionsarbeit müssten Programme aufgelegt werden, um insbesondere Sorgearbeitende durch den Ausbau staatlicher Sozialprogramme und durch Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich zu entlasten und sie sozial abzusichern. Aber das Gegenteil ist heute Realität: Die neue Bundesregierung reduziert weiter die soziale Absicherung, um durch die eingesparten Kosten verbesserte Rahmenbedingungen für eine hohe Profitabilität des Kapitals zu schaffen. Nachdem die vorletzte Rot-Grüne Regierung mit Hartz IV das Fundament der Arbeitslosenversicherung zerschlagen hat und die letzte Schwarz-Rote Regierung mit dem Ausbau des Niedriglohnbereichs und einer Rente ab 67 die Rentenversicherung durchlöchert hat, macht sich jetzt die Schwarz-Gelbe Regierung daran die Krankenversicherung auf Kosten der Versicherten zu sanieren mit dem Ergebnis, dass der schleichende Leistungsabbau beschleunigt wird.

All die damit verbundenen neuen Problematiken der Armut, der fehlenden sozialen Absicherungen, der Ungewissheit, der gesundheitlichen Beeinträchtigungen fallen als neue Anforderungen auf die Reproduktionsarbeitenden zurück. Mit den seit Jahren sinkenden Reallöhnen steht vielen Familien immer weniger Geld zur Verfügung. Durch die zusätzliche schrittweise Abkehr von einer grundlegenden Absicherung bei Krankheit, Erwerbslosigkeit und im Alter wird auch die Reproduktionsarbeit immer weiter prekarisiert. Unterstützungsbedürftige müssen nicht nur umsorgt, sondern mit den wenigen ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln ernährt und gepflegt werden. Die Kranken erhalten nicht mehr die umfassende Vorsorgung im Gesundheitssystem, die Lücken sollen von pflegenden Familienmitgliedern ausgefüllt werden. Die Lernprozesse von Kindern sind in überfüllten Klassen mit überforderten Lehrpersonen nicht mehr zu realisieren und Familien werden zu Nachhilfebetrieben. Sorgearbeitende benötigen ein ausgeklügeltes System des Zeitmanagements, um die vielfältigen Aufgaben überhaupt realisieren zu können, nicht selten bricht ein solch prekäres System zusammen.

Zeit für Muße und Sorgearbeit in sozialer Sicherheit

Umso dringlicher plädiere ich für einen Ausstieg aus Wachstumsfetischismus und Leistungswahn und fordere eine Care Revolution. Dabei geht es um nicht weniger als die Forderung, dass nicht Profitmaximierung, sondern die Erfüllung menschlicher Lebensbedürfnisse wie Muße für sich und Zeit für Sorgearbeit, bei gleichzeitiger sozialer Absicherung, das Ziel gesellschaftlicher Transformationen sein sollte.

Dazu ist erstens eine radikale Erwerbsarbeitszeitverkürzung mit Lohn- und Personalausgleich, die Realisierung eines Mindestlohns sowie ein bedingungsloses, die Existenz sicherndes Grundeinkommen notwendig. Zweitens ist der Ausbau öffentlicher Bereiche zur Unterstützung familiärer Reproduktionsarbeit unerlässlich. Es geht um den Ausbau staatlicher oder vergesellschafteter Dienstleistungen in Bildung, Gesundheit, Soziale Dienste und Pflege bei gleichzeitiger Demokratisierung dieser Bereiche und der finanziellen und normativen Aufwertung personennaher Dienstleistungen. Denn es gibt viele Tätigkeiten, die derzeit im Bereich der individuellen Sorgearbeit oder im Bereich des Ehrenamtes ausgeführt werden, die gemeinschaftlich allerdings sinnvoller und mit höherer Qualität organisiert werden können.

Im Rahmen konkreter Realpolitik geht es also zum einen darum, einen Ausbau von personennahen Dienstleistungen zu realisieren, die zeitliche Reduktionen von Erwerbsarbeit durchzusetzen und damit Arbeit im ganz umfassenden Sinne umzuverteilen bei gleichzeitiger sozialer Absicherung. Eine solche Politik würde es auch Personen mit hohen Sorgeverpflichtungen ermöglichen, Muße neu zu erleben und oft schon gar nicht mehr wahrgenommene Wünsche zu realisieren. Zum anderen kann ein konsequentes politisches Argumentieren im Sinne der Care Revolution darüber hinaus zur Verbreiterung der radikalen Erkenntnis beitragen, dass menschliche Lebensinteressen nicht über profitorientierte Kapitalakkumulation, sondern nur durch gemeinschaftliches Handeln und demokratisch organisierte Institutionen und Angebote zu verwirklichen sind. In diesem Sinn kann ein an Reproduktionsarbeit orientiertes feministisches Denken und Handeln zu einer Unterstützung revolutionärer Realpolitik im Sinne von Rosa Luxemburg beitragen. Eine politische Auseinandersetzung mit Care Revolution könnte eine neu gewendete Debatte um sozialistische Visionen eröffnen. Wünschenswert wäre dies!


7 Kommentare »

  1. [...] von der TU Hamburg-Harburg und vom Feministischen Institut Hamburg haben einen Aufruf verfasst, der die Folgen dieser Veränderungen mit einem Begriff zusammenfasst, der ihr [...]

    Pingback by beziehungsweise – weiterdenken : Care-Krise und Care-Revolution — 01.02.2014 um 20:22

  2. Als berufstätige Frau, die zusammen mit ihrem Mann dessen Mutter, die demenzkrank ist, pflegt, kann ich den Ausführungen im Artikel aus eigener Erfahrung nur recht geben. Noch gelingt es zwar meinem Mann und mir, die Situation zu bewältigen, ohne dabei auf die eine oder andere Weise unterzugehen, allerdings nicht zuletzt deshalb, weil wir selbst keine Kinder haben.

    Comment by Birgit Habetz — 02.02.2014 um 02:58

  3. Solange die Sorgetätigkeit zu Hause nicht genauso bezahlt wird wie die Fremdbetreuung, existiert keine Gleichberechtigung. Es wird immer mehr Frauen als Männer geben, die sich kümmern und sorgen, weil es – Gender zum Trotz – meist in ihrem Wesen liegt.
    Die Hauptleidtragenden bei mangelnder Fürsorge sind die Kinder. An den stark zunehmenden Folgen, weil sich dies eben auch gesundheitlich niederschlägt, leidet letztendlich die ganze Gesellschaft!
    Es muss ein Erziehungsgehalt her, ein erster guter Schritt wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen.

    Comment by S. Bürger-Kühn — 06.02.2014 um 20:55

  4. [...] uns in den gemeinsamen Prozess einzubringen. Wir fanden die Idee, sich am 30.4. mit der “Krise der sozialen Reproduktion” auseinanderzusetzen gut, wollten aber erst noch schauen, wohin das Ganze inhaltlich geht. Wir haben [...]

    Pingback by Interview mit Demo-Bündnis "Etwas besser ist nicht gut": Gegen das kapitalistische Korsett - MONSTERS OF GÖTTINGEN — 03.05.2014 um 09:44

  5. [...] Selbstorganisation und Interessenvertretung unterstützen und in größere Kämpfe im Sinne einer Care-Revolution einbinden. Denn Solidarität und das gemeinsame Streiten für eine gerechte Verteilung von [...]

    Pingback by Solidarität mit Care-Migrantinnen | Mareike Engels — 01.09.2014 um 21:21

  6. Absolute Zustimmung zu der Kernaussage des Artikels, allerdings bleibt rätselhaft, warum ein Bedingungsloses Grundeinkommen mit einer staatlich organisierten Arbeitszeitverkürzung und Mindestlöhnen einhergehen soll.
    Zumindest letztere werten doch wieder die Erwerbsarbeit als besonders erstrebens- und schützenswert auf, immerhin kann es für (unbezahlte) Sorgearbeit sowieso keine Mindestlöhne geben.
    Siehe auch:
    https://www.grundeinkommen.de/05/07/2013/warum-ein-allgemeiner-gesetzlicher-mindestlohn-nichts-mit-einem-bedingungslosen-grundeinkommen-zu-tun-hat-und-auch-sonst-nicht-unterstuetzenswert-ist.html

    Comment by Eric Manneschmidt — 06.12.2014 um 01:53

  7. [...] habe ich aber ein Problem, weil dort das Sorgen für andere Menschen mit dem Begriff „Reproduktionsarbeit“ gleichgesetzt wird. Die Unterscheidung der Produktion von Gütern und der Reproduktion der Arbeitskraft hat Karl Marx [...]

    Pingback by beziehungsweise – weiterdenken : „Reproduktion“ passt nicht zur Care-Revolution — 29.09.2015 um 15:49

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar


Weitere Themen

Digitale Spaltung per Gesetz – Das Internet zwischen Produktion und Kompensation sozialer Ungleichheit im Alltag von Erwerbslosen

Hartz IV-Empfangende brauchen keine internetfähigen Computer, weil sie Fernseher haben. Dieser Ansicht sind deutsche Sozialgerichte und forcieren damit eine digitale Spaltung per Gesetz. Im Zeitalter der digitalen Informations- und Kommunikationsgesellschaft mutet dieser Umstand absurd an, aber eine breite... mehr

Wenn unser starker Arm es will…? Einige Gedanken zu Widersprüchen und Solidaritäten im Feld bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit

In diesem Jahr haben die Tarifauseinandersetzung in den Sozial- und Erziehungsdiensten, der Streik im Berliner Charité-Krankenhaus, aber auch eher unbemerkte Konflikte, wie die Auseinandersetzungen um einen besseren Tarifvertrag der Hamburger Assistenz Genossenschaft (HAG), gezeigt, dass sich Arbeitskämpfe im... mehr

Über Anregungen, Kritiken und andere Positionen freuen wir uns jederzeit: info[at]feministisches-institut.de


Feministisches Institut Hamburg