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Zweiundvierzig oder von falschen Fragen und richtigen Antworten. Dem biologischen Determinismus auf der Spur

24.05.2012, Simon Schmiederer

In dem Roman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams berechnet der größte Computer der Galaxie die Frage „nach dem Leben, dem Universum und allem“. Nach 7,5 Millionen Jahren spuckt er die Antwort aus: 42. Der Enttäuschung über diese Antwort entgegnet der Computer, dass die Frage falsch gestellt wurde, da sie zu ungenau formuliert sei. Im Folgenden möchte ich mich einem Thema zuwenden, bei dem die Fragen auch grundfalsch gestellt werden (mit der Konsequenz der richtig falschen Antworten): der biologistischen Begründung der Geschlechterunterschiede. Dies möchte ich anhand einer Studie über den Zusammenhang von unterschiedlichen Berufsinteressen und dem pränatalen (vorgeburtlichen) Testosteronspiegel diskutieren.

Die Suche nach einem biologisch begründeten Unterschied zwischen den Geschlechtern existiert seit der Entzauberung von Gott durch die Aufklärung und seine Ersetzung durch die (Natur-)Wissenschaft. So wird beispielsweise seit über 100 Jahren nach Geschlechterunterschieden im Gehirn gesucht. Ein weiterer Bereich, der öfter zur Aufrechterhaltung einer natürlichen zweigeschlechtlichen Ordnung herhalten muss, ist der der Hormone. Speziell das so genannte männliche Hormon Testosteron wird gerne zur Begründung von Geschlechterunterschieden herangezogen. Das Fingerlängenverhältnis wird von Forscher_innen als Indikator für den pränatalen Testosteronspiegel angesehen und für soziales Verhalten und Geschlechterunterschiede verantwortlich gemacht: für Aggression, Leadership, reduzierte Spermienzahl oder unterschiedliches Verhalten der Geschlechter beim Hochfrequenzhandel an der Börse.

„Das Berufsinteresse mit in die Wiege gelegt“

In einer Pressemitteilung der Universität Konstanz vom 15.07.2011 heißt es in der Überschrift: „Das Berufsinteresse mit in die Wiege gelegt – Psychologen der Universität Konstanz belegen einen Zusammenhang zwischen pränatalem Hormonspiegel und beruflichen Interessen.“ Sie untersuchen den Zusammenhang zwischen dem pränatalen Testosteronspiegel und der Ausbildung von beruflichen Interessen getrennt nach Geschlecht. Sie meinen einen statistisch signifikanten Zusammenhang gefunden zu haben. Signifikanz bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Zusammenhang zufällig besteht, nur gering ist. Männer seien aufgrund ihres hohen pränatalen Testosteronspiegels eher technisch und Frauen aufgrund ihres niedrigen eher sozial ausgerichtet. Benedikt Hell, Mitautor der Studie, schließt daraus, dass wir keine Gleichverteilung der Geschlechter in den unterschiedlichen Berufsfeldern erwarten oder gar fordern sollten. Dies ist eine klare Absage an Frauenförderung und an Programme, die das Interesse von Mädchen und jungen Frauen an technischen Berufen und Studiengängen erhöhen wollen. Diese werden obsolet, da ja Hormone, auf ganz natürliche Weise, steuern, was wir werden. Die sozialen Bedingungen und gesellschaftlichen Ursachen für eine ungleiche Verteilung von Lebenschancen werden mit solchen Aussagen naturalisiert. Mehr noch: Wenn wir diese Bedingungen verändern wollten, handelten wir gegen die Natur. Solche Biologismen sind wenig neu. Damit sie nicht unwidersprochen die Deutungshoheit für sich beanspruchen können, ist eine Kritik daran, wie ich sie im Folgenden entlang von vier Ebenen übe, immer wieder wichtig.

Ausgangsfrage der Konstanzer Untersuchung ist, ob die beruflichen Interessen von Männern und Frauen tatsächlich nur der Erziehung geschuldet sind oder ob nicht doch genetische oder evolutionäre Mechanismen eine Rolle spielen. Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen dem Fingerlängenverhältnis, der absoluten Fingerlänge und den Berufsinteressen zu klären. In einem Selbsttest zur Studienorientierung wurde eine Abfrage nach der Fingerlänge eingebaut, welche die Befragten selbst messen und dann online eintragen sollten. In die Auswertung gingen 6935 Fälle ein, davon 35,1% Männer.

Die Vorannahmen der Studie

Die erste Kritikebene ist erkenntnistheoretisch. Zur Klärung der Forschungsfrage operieren die Autor_innen mit drei Vorannahmen. Erstens gehen sie davon aus, dass es zwei Geschlechter gibt, Männer und Frauen, und dass diese beiden sich unterscheiden. Es ist jedoch nicht einsichtig, warum untersucht werden sollte, dass es biologisch begründete Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ihrer Berufswahl gibt. Eine Forschung, die beständig nach Unterschieden zwischen den Geschlechtern sucht, wird auch welche finden bzw. die Ergebnisse dahin gehend interpretieren. Die Forschenden arbeiten mit fragwürdigen Vorannahmen und setzen die Geschlechterdichotomie voraus. Sie versuchen beständig, einen Unterschied aus der Biologie zu generieren und gesellschaftliche Ungleichheit zu naturalisieren.

Sie gehen des Weiteren davon aus, dass das Verhältnis des Zeige- und des Ringfingers mit dem pränatalen Testosterongehalt einhergeht und dieser mit biologischen und psychischen Merkmalen. Wenn der Unterschied zwischen Zeige- und Ringfinger groß ist, ergibt sich ein geringerer Indexwert, was, so die Annahme, ein Indiz für einen hohen pränatalen Testosteronspiegel ist. Begründet wird dieses Vorgehen damit, dass die beiden Phänomene durch dieselbe Gensequenz gesteuert würden. Allerdings wird diese Annahme selbst von Psycholog_innen zurückgewiesen, die von einer biologischen Geschlechterdifferenz ausgehen (vgl. Asendorpf 2012). Grund dafür ist die ihrer Meinung nach uneindeutige Befundlage.

Eine weitere Voraussetzung, die sie treffen, ist die des RIASEC-Modells. Demzufolge gibt es sechs verschiedene Berufsinteressengruppen: Realistic (realistisch/technisch), Investigative, Artistic, Social, Enterprising und Conventional. Die Zuordnung zu diesen Gruppen geschieht mittels eines quantitativen Fragebogens, mit dem die Befragten nach Persönlichkeitsmerkmalen kategorisiert werden (http://www.was-studiere-ich.de). Die Testgestalter_innen versprechen, dass mit dem Test herausgefunden werden kann, welches Studium am besten zu den Befragten passt. Problematisch hieran ist, dass durch dieses Modell Rückschlüsse über ein weitestgehend unveränderliches Wesen der Befragten gezogen werden.

Der diskrete Charme der Zahlen

Zweitens ist der Verwendungszusammenhang statistischer Methoden zu kritisieren. Die Autor_innen der Studie betreiben die Psychologie als eine Naturwissenschaft. Diese ist jedoch nicht objektiver als andere Wissenschaften, nur weil sie quantitativ arbeitet. Quantitative Forschung hat den diskreten Charme der Evidenz. Mittels Hypothesen und Zahlen sollen die Welt und individuelles Verhalten erklärt werden. Eigentümlicherweise wird dem Rechnen, wie bei der 42, und den Zahlen oftmals mehr Glauben geschenkt als qualitativer Forschung oder gesellschaftstheoretischen Überlegungen. Auch ein quantitatives Design ist, wie oben beschrieben, von bestimmten theoretischen Vorannahmen geleitet, welche die Erhebung und Auswahl der Daten, ihre Einschlüsse und Auslassungen und die Interpretationen beeinflussen. In einer Gesellschaft, die von Geschlechterkonstruktionen grundlegend geprägt ist, wirkt Geschlecht somit auch auf Erkenntnis- und Gestaltungsprozesse in den vermeintlich neutralen Naturwissenschaften.

Was nicht sein darf, kann auch nicht sein

Die dritte Kritikebene betrifft die Methodik. Die Autor_innen führen eine bivariate Korrelation durch, die den Zusammenhang zwischen zwei oder mehreren Variablen abbildet. Sie errechnen, getrennt nach Geschlecht, mathematische Zusammenhänge zwischen dem Fingerlängenverhältnis bzw. der absoluten Fingerlänge und den Berufsinteressen in Form der realistischen und der sozialen Ausprägung. Der Wertebereich einer Korrelation reicht von -1 (negativer Zusammenhang) über 0 (kein Zusammenhang) bis zu +1 (positiver Zusammenhang). Bei naturwissenschaftlichen Fragestellungen gilt 0,8 als ausreichender Wert für einen starken Zusammenhang, bei sozialwissenschaftlichen Fragestellungen kann 0,5 schon als recht guter Wert angesehen werden. Die Ergebnisse der Konstanzer Studie jedoch belegen nur einen sehr geringen Zusammenhang, da die Werte der Korrelation sich immer unter 0,1 bewegen. Allerdings, so die Autor_innen, gibt es signifikante Unterschiede innerhalb der Gruppe der Männer. Hier konnte bestätigt werden, dass eine realistische Orientierung statistisch signifikant negativ mit dem Fingerlängenverhältnis verbunden ist, was bedeutet, dass ein höheres Interesse an Dingen besteht. Unter Frauen konnten hingegen keine statistisch signifikanten Unterschiede gefunden werden.

Neben der Korrelation verwenden die Verfasser_innen eine moderierte Regression, die dann eingesetzt wird, wenn es keinen linearen Zusammenhang gibt, sondern eine bestimmte Kombination von unabhängigen Variablen die abhängige Variable erklärt. Die moderierte Regression wird verwendet, um zu untersuchen, ob es Interaktionen zwischen dem Fingerlängenverhältnis und der absoluten Fingerlänge gibt, die zur weitern Erklärung der Streuung des Datensatzes bei den Berufsinteressen beiträgt. Auch hier sind die mathematischen Werte der Regressionsanalyse sehr gering. Die Werte für Frauen sind wiederum nicht signifikant. Lediglich für Männer gibt es ein statistisch signifikantes Ergebnis, wonach das Fingerlängenverhältnis und die absolute Fingerlänge einen Einfluss auf die Ausbildung einer realistischen Orientierung haben.

Seltsamerweise halten die Autor_innen an ihrer These eines Zusammenhanges zwischen dem pränatalen Testosteronspiegel und beruflichen Interessen fest, obwohl sie dafür keine oder nur sehr schwache statistische Belege finden. Am Ende ihres Artikels merken die Verfasser_innen selbstkritisch an, dass die Schwäche der Studie in dem korrelativen Forschungsdesign besteht. Denn aus dieser kann keine Kausalität, kein ursächlicher Zusammenhang, abgeleitet werden. Dies hindert die Autor_innen jedoch nicht daran, weiterhin davon auszugehen, dass der pränatale Testosteronspiegel die Berufsinteressen beeinflusst und zu geschlechtsspezifischen Interessensprofilen führt. Allerdings sind diese Effekte ihrer Meinung nach so gering, dass andere Einflussgrößen eine Rolle spielen, wie bspw. andere Hormone, Fähigkeitsunterschiede, Persönlichkeitsmerkmale oder soziale Einflüsse. Meiner Meinung nach wäre es bei den dargestellten Ergebnissen angebracht, von keinem Zusammenhang zwischen pränatalem Testosteronspiegel und Berufsinteressen auszugehen. Denn auch die signifikanten Unterschiede helfen den Autor_innen hier nicht weiter. Aus der Signifikanz ergibt sich ebenso wenig ein kausaler Zusammenhang wie durch eine Korrelation. Ein schönes Beispiel, das zeigt, dass statistische Ergebnisse auch immer theoretisch rückgebunden und vorsichtig interpretiert werden müssen, ist dasjenige der Störche und der Kinder. In einer Beispielrechnung gibt es eine hoch-signifikante statistische Korrelation zwischen der Zahl der Storchenpaare und der Geburtenrate. Dennoch ist das Ergebnis offenkundiger Unsinn.

Hauptsache Unterschied

Meine abschließende Kritik bezieht sich auf die wissenschaftliche Publikationspraxis. Ganz allgemein gilt, dass Unterschiede berichtenswerter sind als keine Unterschiede. Weiterhin wird durch die Bevorzugung der Darstellung von signifikanten Ergebnissen, die an sich noch nicht viel erklären, der Fokus eben auf diese Ergebnisse gelegt und in diesem Fall unzulässig überzeichnet. Ein weiterer Kritikpunkt an der Studie ist der eklatante Unterschied zwischen dem Ende des Artikels, an dem die Autor_innen vorsichtig argumentieren und der eingangs erwähnten Pressemitteilung. In dieser ist jegliche Differenzierung verschwunden und damit die Ergebnisse noch einmal verflacht und vereindeutigt. So wird Wissenschaft falsch verallgemeinert und publik gemacht. Auf diese Weise werden die fest im Alltagsverstand verankerten vermeintlich biologisch begründeten Unterschiede zwischen den Geschlechtern weiter bestätigt und reproduziert, obwohl auch die empirische Forschung allen Grund gibt, diese zu dekonstruieren.

Potenziale quantitativer Forschung

Welche Schlüsse lassen sich aus dem Gesagten ziehen? Erstens, dass sich Forschung die richtigen Fragen stellen sollte. Das bedeutet, dass sie zum einen nicht ohne einen gesellschaftstheoretischen Bezug auskommt und diesen auch benennen sollte und zum anderen, dass sie ihre Voraussetzungen kritisch reflektieren sollte. Zweitens, dass Forschung nicht unreflektiert nach Geschlechterunterschieden suchen sollte. Denn wer Unterschiede sucht, wird Unterschiede finden. Das heißt jedoch nicht, dass das Geschlecht keinen Stellenwert in empirischer Forschung haben kann. Denn auch wenn das Geschlecht konstruiert ist, so hat es im Hier und Jetzt eine enorme Wirkmächtigkeit und fungiert als sozialer Platzanweiser, der einen Einfluss auf die unterschiedlichen Lebenschancen hat. Forschung muss sich des konstruierten Charakters des Geschlechts bewusst sein, aber gleichzeitig Geschlecht als Kategorie sozialer Ungleichheit ernst nehmen. Mit einer solchen Perspektive wird es möglich, die bestehenden Verhältnisse auch mit quantitativer Sozialforschung zu kritisieren. Etwa indem aufgezeigt wird, um beim Beispiel der technischen Berufe zu bleiben, dass Ingenieurinnen immer noch weniger verdienen als Ingenieure und dass sie in den Ingenieurberufen überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zudem wenden Frauen immer noch, auch bei Hochqualifizierten, durchschnittlich mehr Zeit für Sorge- und Hausarbeit auf. Wichtig hierbei ist, dass diese Phänomene nicht durch einen plumpen Biologismus erklärt werden, sondern dass die gesellschaftlichen Verhältnisse und mit ihnen die unterschiedliche Verteilung der Geschlechter auf bestimmte Berufs- und Arbeitsfelder von Menschen gemachte und damit auch veränderbare Verhältnisse sind.

Asendorpf, Jens B. (2012): Persönlichkeitspsychologie für Bachelor. Online Ausgabe. Für Personen mit Springerlinkzugang, abzurufen unter: http://www.springerlink.com/content/uqnl0pt453515216/fulltext.pdf


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