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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Wibke Derboven</title>
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		<title>Differenzen zwischen Frauen im Kontext von Schule: M&#228;dchenm&#252;tter gegen Jungsm&#252;tter</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Apr 2008 11:10:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wibke Derboven</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Im postmodernen Feminismus werden Differenzen zwischen Frauen betont. Das es diese gibt, ist ohne jeden Zweifel. Doch die Differenzen, die von Frauen im Alltag konstruiert werden, muten zuweilen grotesk an und sind nicht immer f&#246;rderlich. Will man Strukturen und Systeme ver&#228;ndern, braucht es gelegentlich einen Blick auf das Gemeinsame, auch wenn es ein Blick ist, der vieles &#252;bersieht. So werden besonders im Kontext von Schule - ausgel&#246;st durch die PISA-Debatte und gerahmt von der vermeintlichen "Erkenntnis" &#252;ber die unterschiedlichen Schulleistungen und Arbeitshaltungen von Jungen und M&#228;dchen - Differenzen zwischen Frauen konstruiert, die letztendlich dazu beitragen, das vorhandene Schulsystem zu stabilisieren. Ich m&#246;chte nicht das normierende Wir-Gef&#252;hl der alten Frauenbewegung bem&#252;hen, um die Akteurinnen zu befrieden, aber auch nicht den postmodernen Blick auf die Differenzen einnehmen, um die Realit&#228;t beschreibend zu erfassen. Ich w&#252;nschte mir die Entwicklung eines partiellen Wir-Gef&#252;hls aller Schulakteure, um gegen die Eigendynamik eines Schulsystems anzutreten, das in der derzeitigen Erscheinung eigentlich niemand wollen kann...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Im postmodernen Feminismus werden Differenzen zwischen Frauen betont. Das es diese gibt, ist ohne jeden Zweifel. Doch die Differenzen, die von Frauen im Alltag konstruiert werden, muten zuweilen grotesk an und sind nicht immer f&#246;rderlich. Will man Strukturen und Systeme ver&#228;ndern, braucht es gelegentlich einen Blick auf das Gemeinsame, auch wenn es ein Blick ist, der vieles &#252;bersieht. So werden besonders im Kontext von Schule &#8211; ausgel&#246;st durch die PISA-Debatte und gerahmt von der vermeintlichen &#8220;Erkenntnis&#8221; &#252;ber die unterschiedlichen Schulleistungen und Arbeitshaltungen von Jungen und M&#228;dchen &#8211; Differenzen zwischen Frauen konstruiert, die letztendlich dazu beitragen, das vorhandene Schulsystem zu stabilisieren. Ich m&#246;chte nicht das normierende Wir-Gef&#252;hl der alten Frauenbewegung bem&#252;hen, um die Akteurinnen zu befrieden, aber auch nicht den postmodernen Blick auf die Differenzen einnehmen, um die Realit&#228;t beschreibend zu erfassen. Ich w&#252;nschte mir die Entwicklung eines partiellen Wir-Gef&#252;hls aller Schulakteure, um gegen die Eigendynamik eines Schulsystems anzutreten, das in der derzeitigen Erscheinung eigentlich niemand wollen kann.</strong></p>
<p>Die alte Frauenbewegung hatte es noch: das frauenumspannende Wir-Gef&#252;hl, die globale Schwesternschaft. Es reichte zur Solidarit&#228;t und damit zur politischen Handlungsf&#228;higkeit &#8211; aber auch zur kollektiven Unterwerfung vieler Subjekte unter das neu geschaffene Bild der modernen Frau. Der Schatten der Emanzipationsbewegung generierte gewaltige Normierungsprozesse, von denen sich immer mehr Frauen unterdr&#252;ckt f&#252;hlten. Die Frauenbewegung &#252;berwand nicht nur alte Zw&#228;nge sondern erschuf in gleichem Ma&#223;e Neue. Ein Kampf um kulturelle bzw. identit&#228;re Hegemonie begann und l&#246;ste den solidarischen &#8211; d.h. &#252;ber Differenzen hinweg sehenden und das Gemeinsame in den Vordergrund stellenden &#8211; Kampf um die Transformation ungleichheitsgenerierender Strukturen ab. Die Emanzipation von der Emanzipation nahm ihren Weg. An Stelle eines Diskurses, der das Ziel hat Interessen zu formulieren und durchzusetzen, trat ein Diskurs um Identit&#228;ten. Der Fokus verschob sich von Fragen der Gerechtigkeit zu Fragen der Anerkennung, von der Suche nach Gleichheit zur Suche nach Differenz. Ohne die Frage beantworten zu k&#246;nnen, zu wollen oder zu m&#252;ssen, ob Frauen nun verschieden oder gleich sind, ob ein Wir-Gef&#252;hl angemessen erscheint oder auch nicht, scheint mir die Frage wichtig, welche K&#228;mpfe und welche B&#252;ndnisse zwischen welchen Menschen in welchen Systemen ausgetragen werden. Dadurch k&#246;nnen spezifische Konfliktlinien erkannt werden, die zur strukturellen und identit&#228;ren Hierarchisierung in den jeweiligen Bezugssystemen f&#252;hren. Manchmal werden es Konfliktlinien zwischen und manchmal innerhalb der Geschlechter sein. Trotz postmoderner Debatte um die Differenz von Frauen scheinen generell die allt&#228;glichen Konfliktlinien innerhalb der Geschlechter zurzeit weniger erforscht. Hier scheint ein Blick auf die Alltagspraxen sehr aufschlussreich. Zur Zeit tobt in der Praxis in den verschiedensten Kontexten ein Kampf um den richtigen Lebensstil. Diese Kampfzonen des Alltags k&#246;nnen Aufschluss dar&#252;ber geben, wann die Perspektive der Gleichheit und wann die der Differenz eine Verst&#228;rkung braucht.</p>
<p>Eine lange Tradition der allt&#228;glichen Differenzerfahrung zwischen Frauen haben &#8211; speziell in Deutschland &#8211; die M&#252;tter. Dabei ging es immer um die Definitionsmacht &#252;ber das Konzept der richtigen Mutterschaft. Zun&#228;chst ging es um den Disput, ob eine Mutter berufst&#228;tig sein darf oder nicht. Im Zuge der Betreuungsdebatte wird gerade wieder intensiv und ideologisch aufgeladen dar&#252;ber diskutiert, &#8220;wie viel Mutter ein Kind braucht&#8221; und wie man als Mutter zu sein hat (1). Hinzu kamen weitere Konfliktlinien, die immer spezifischer wurden. Am Beispiel des Systems Mutterschaft l&#228;sst sich verdeutlichen, wie kleinteilig Differenzerfahrungen sein k&#246;nnen. Ein Artikel im Magazin der S&#252;ddeutschen Zeitung (02.08.2007) &#252;ber Kinder-Kriegerinnen fand f&#252;r diese Kleinteiligkeit humoristische Worte:</p>
<ul>
<li>&#8220;M&#252;tter, die nur an Elternabenden in die Schule gehen, verabscheuen M&#252;tter, die den Geburtstag der Lehrerin wissen und ihr                   auch noch einen Kuchen backen.</li>
<li>M&#252;tter mit p&#228;dagogischen Ratgebern verachten M&#252;tter, die sich mit Erziehung keine M&#252;he machen, da &#8220;alles eine Frage der Gene                   ist&#8221;.</li>
<li>M&#252;tter mit Kleidergr&#246;&#223;e 40 hassen M&#252;tter mit Gr&#246;&#223;e 34/36, die Kuchen essen und jammern, seit der Geburt w&#228;ren ihre H&#252;ften                   so breit.</li>
<li>Osteopathisch gebildete M&#252;tter finden M&#252;tter unm&#246;glich, die den fragilen Nacken ihres S&#228;uglings im Babyjogger herumschleudern und &#252;ber hohe Bordsteine rumpeln.&#8221;</li>
</ul>
<p>(<a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/index.php?id=110&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=3294&amp;tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=1&amp;cHash=35a450507f">Karina L&#252;bke in S&#252;ddeutsche Zeitung Magazin</a>)</p>
<p>Im Kontext der Schule gedeihen derzeit nicht weniger groteske Kampflinien. Ausgel&#246;st durch den erh&#246;hten Leistungsdruck werden verst&#246;rende Differenzen zwischen Frauen &#252;ber das Geschlecht ihrer Kinder konstruiert. Von der Forschung noch wenig beachtet, im Schulalltag jedoch schon allt&#228;glich, greift die Presse zunehmend das Thema auf. Der Beitrag &#8220;Jungsm&#252;tter-M&#228;dchenm&#252;tter. Warum gibt es immer Streit?&#8221; in Brigitte beschreibt z. B. die &#8220;herrschende Eiszeit&#8221; zwischen M&#252;ttern mit Kindern verschiedenen Geschlechts (<a href="http://www.brigitte.de/frau/familie/jungs-und-maedchenmuetter/index.html?p=2">Brigitte.de</a>). In einer neuen Variante des Geschlechterkampfes und vorwiegend im Kontext von Schulangelegenheiten werfen M&#252;tter von T&#246;chtern den M&#252;ttern von S&#246;hnen vor, diese h&#228;tten ihre S&#246;hne nicht im Griff und seien damit f&#252;r eine leistungsferne Lernatmosph&#228;re verantwortlich. M&#252;tter von S&#246;hnen werfen demgegen&#252;ber den M&#252;ttern von T&#246;chtern vor, dass das Perfektionismus- und Konkurrenzdenken ihrer T&#246;chter das Lernklima negativ pr&#228;ge.</p>
<p>Die Kampfzone M&#228;dchenm&#252;tter gegen Jungsm&#252;tter speist sich aus vielen Diskursen, Kategorien und Konfliktlinien. Dabei geht es nur vordergr&#252;ndig um Jungen und M&#228;dchen, sondern viel mehr um die Angst, das eigene Kind finde sp&#228;ter keinen Platz in der Gesellschaft. Und da vorrangig immer noch die M&#252;tter f&#252;r das m&#228;chtige und entgrenzte Erziehungspaket zur Anpassung ihrer Kinder an die Bedarfe einer globalisierten, kapitalistischen Gesellschaft zust&#228;ndig sind, sind ihre &#196;ngste und gleichzeitig Ohnmachtsgef&#252;hle so stark, dass groteske Differenzen untereinander konstruiert werden. Im Versuch der Durchsetzung bestimmter Leistungskulturen bedient man sich auf Elternabenden Kategorien, die als politisch korrekt gelten oder auch einfach nur modern sind. Denn die Leistungskategorie gilt eher als &#8220;Ellbogenkategorie&#8221; und damit als anr&#252;chig und wird auf Elternabenden nur selten genutzt. So wirkm&#228;chtig die Leistungskategorie die Konflikte in Schulen gestaltet so verschleiert tritt sie in Diskursen auf. Wer will anderen schon vorwerfen, ihr/sein Kind verlangsame den Unterricht. Da ist es doch moralisch viel korrekter sich auf die allgemein akzeptierte Wahrheit der Differenz von Jungen und M&#228;dchen zu st&#252;rzen und als Argumentationsfigur f&#252;r die Durchsetzung der eigenen Leistungsanspr&#252;che zu nutzen.</p>
<p>Im Kontext von Schule w&#252;nschte ich mir weniger Differenzempfinden und mehr Solidarit&#228;t unter den M&#252;ttern und aller anderen Schulakteure. Wie w&#228;re es mit einem partiellen Wir aller M&#228;dchenm&#252;tter, Jungsm&#252;tter, M&#228;dchenv&#228;ter, Jungsv&#228;ter, Lehrer, Lehrerinnen, Sch&#252;ler und Sch&#252;lerinnen? Dann g&#228;be es endlich eine Interessensgruppe, die sich trotz offensichtlicher Differenzen gemeinsam gegen ein Schulsystem wehrt, das eigentlich keiner will und keinem gut tut, aber eine Eigendynamik entwickelt hat, der man meiner Meinung nach nur mit der Konstruktion eines partiellen Wir-Gef&#252;hls aller Akteure entgegentreten kann.</p>
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		<title>Teilhabende und Ausgegrenzte in der Schule: Was macht den Unterschied?</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jun 2007 18:02:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wibke Derboven</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Momentan gibt es eine breite Debatte &#252;ber unterschiedliche Leistungen von Jungen und M&#228;dchen in unserer Schule. Jungen gelten als weniger flei&#223;ig, weniger zielstrebig, weniger angepasst, etc.. L&#228;ngst ist es eine soziale Tatsache, dass Schulversagen m&#228;nnlich ist. Eine Reformierung des deutschen Schulsystems scheint diese Debatte aber nicht zur Folge zu haben, eine Zementierung von Geschlechterdifferenzen dagegen schon. Deshalb ist es dringend notwendig, die Kategorie Geschlecht mit feldspezifischen Differenzlinien zu verzahnen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Momentan gibt es eine breite Debatte &#252;ber unterschiedliche Leistungen von Jungen und M&#228;dchen in unserer Schule. Jungen gelten als weniger flei&#223;ig, weniger zielstrebig, weniger angepasst, etc.. L&#228;ngst ist es eine soziale Tatsache, dass Schulversagen m&#228;nnlich ist. Eine Reformierung des deutschen Schulsystems scheint diese Debatte aber nicht zur Folge zu haben, eine Zementierung von Geschlechterdifferenzen dagegen schon. Deshalb ist es dringend notwendig, die Kategorie Geschlecht mit feldspezifischen Differenzlinien zu verzahnen.</strong></p>
<p>Am Anfang waren es Statistiken. So bewegten 2002 z. B. Zahlen, die belegten, dass 65% der Schulabg&#228;nger/innen ohne Schulabschluss und 64% der Sch&#252;ler/innen an Sonder &#8211; und F&#246;rderschulen m&#228;nnlich waren, die gesellschaftliche Debatte &#252;ber bundesdeutsche Schulwelten (Dannenb&#246;ck/Meidinger 2003). Dann wurde eine soziale Tatsache geschaffen: Schulversagen ist m&#228;nnlich. Der Zeitgeist gab dem Schulversagen ein Geschlecht. Der Spiegel Artikel &#8220;Schlaue M&#228;dchen, Dumme Jungen &#8211; Sieger und Verlierer in der Schule&#8221; (Der Spiegel, 21/2004) war Ausdruck dieser gesellschaftlichen, bin&#228;ren Wahrnehmung. Schlaue Jungs schienen die Konsequenzen zu ahnen und werten sich postum. &#8220;Ich bin sieben Jahre alt und gehe in die zweite Klasse. Ich bin nicht dumm und auch kein Verlierer&#8221;, begann ein Leserbrief (Der Spiegel, 22/2004) zu diesem Artikel. Von solchen Leserbriefen sichtlich unber&#252;hrt mehren sich seit dieser Zeit Artikel &#252;ber m&#228;nnliche Schulversager und auch in meinem Bekanntenkreis ist es l&#228;ngst eine Selbstverst&#228;ndlichkeit, dass Jungen mehr Probleme in der Schule haben als M&#228;dchen. In der Fachliteratur ist von &#8220;Boy Crisis&#8221; und &#8220;Jungenkatastrophe&#8221; die Rede. Dieser Botschaft etwas &#252;berdr&#252;ssig und zur&#252;ckgreifend auf Batesons ber&#252;hmte Sprachfigur frage ich mich schon seit l&#228;ngerem, ob Geschlecht im Kontext von Schule wirklich der Unterschied ist, der einen Unterschied macht. Und ich frage mich weiter, ob diese Unterscheidung geeignet ist, Gestaltungsma&#223;nahmen abzuleiten, die auf weniger Ausschl&#252;sse und mehr Engagement und Lernfreude in den Schulen fokussieren.</p>
<p>Die Zahlen, die aufzeigen, dass Jungen h&#228;ufiger als M&#228;dchen ausgegrenzt werden und sich ausgrenzen lassen, gibt es und sie sollten auch nicht ignoriert werden. Sie sollten aber auch nicht in den Dienst einer unreflektierten Zementierung von Geschlechterdifferenzen gestellt werden. Die wesentlichen und vor allem gestaltungsrelevanten Unterscheidungen, die &#252;ber Erfolg und Misserfolg in der Schule entscheiden, liegen immer noch im Verborgenen und werden eher verschleiert als in den &#246;ffentlichen Raum getragen, wenn man zu sehr auf die Kategorie Geschlecht fokussiert. So leicht die Kategorie Geschlecht auch zu operationalisieren ist &#8211; was ihrer Beliebtheit in den Sozialwissenschaften sicherlich zu Gute kommt-, so sperrig geb&#228;rt sie sich, wenn es um die Gestaltung unserer Welt geht. Die Gefahr der Reifizierung immer im Gep&#228;ck kann unsensibler Aktionismus die Geschlechterdifferenzen eher verst&#228;rken denn abbauen. Ich m&#246;chte genauer hinschauen und die kategoriale Brille meiner Wahrnehmung und Deutung um andere Kategorien erweitern. Es geht in erster Linie weniger um die Unterscheidung &#8220;Junge &#8211; M&#228;dchen&#8221; im Schulsystem, sondern um die Unterscheidung &#8220;erfolgreiche Akteur/innen &#8211; erfolglose Akteur/innen&#8221;. Was sind aber die wirkm&#228;chtigen Differenzen, die im Kampf um Schulerfolg und Schulversagen, im Kampf um Teilhabe und Ausgrenzung wirken? Mit welchen Unterscheidungen m&#252;ssen wir in die Analyse gehen, um daraus Konzepte zu entwickeln, die mehr Lernende zu Teilhabenden in der Schule und damit sp&#228;ter auch in der Gesellschaft werden lassen? Es ist an der Zeit die Kategorie Geschlecht mit feldspezifischen Kategorien der Differenz zu verzahnen, damit sich in unserer Gesellschaft nicht das materialisiert, was man verhindern m&#246;chte &#8211; n&#228;mlich Geschlechterdifferenz. Die Geschlechterforschung hat &#8211; ausgel&#246;st durch die Debatte um die Reifizierung &#8211; neue Wege der Kategorisierung in der wissenschaftlichen Forschung und f&#252;r gesellschaftliche Debatten vor- und eingeschlagen und verschiedene Konzepte f&#252;r eine komplexere Analyse entwickelt. Die Aussagen &#252;ber Jungen in der Schule sollten nicht hinter diese Debatte zur&#252;ckfallen. Vor diesem Hintergrund ist die Sichtbarmachung vielf&#228;ltigster Kapitalien und Differenzlinien in der Lebenswelt &#8220;Schule&#8221; mehr als &#252;berf&#228;llig. In j&#252;ngster Zeit kann man zwar eine Verkn&#252;pfung der Kategorie &#8220;Geschlecht&#8221; mit der Kategorie &#8220;Schicht&#8221; und der Kategorie &#8220;Ethnie&#8221; beobachten, die unter bestimmten Rahmungen zu begr&#252;&#223;en w&#228;re, derzeit aber eher Zuschreibungen und Vorurteile produziert. Der Trend zeichnet sich ab, dass Schulversager ein neues Label bekommen: m&#228;nnlich, aus der Unterschicht und mit Migrationshintergrund. Stereotypisierungseffekte sind vorprogrammiert, wenn man diese neue Differenzierung nicht in die Rahmung von struktureller Ausgrenzung, sondern in die Rahmung von elterlichen Erziehungsdefiziten stellt. Ein Blick auf feldspezifische Differenzlinien ist nach wie vor dringend notwendig.</p>
<p>Schaut man in den <a title="Bildungsbericht des Konsortium Bildungsberichterstattung als PDF" href="http://www.bildungsbericht.de/daten/gesamtbericht.pdf">Bildungsbericht          2006</a> so lassen sich gestaltungsm&#228;chtige Differenzlinien jenseits des Geschlechts erkennen, wenn auch manchmal erst auf den zweiten Blick. So wird z. B. in dem Kapitel &#8220;Unterschiede nach Geschlecht&#8221; vor allem auf die h&#246;heren Sprachkompetenzen der M&#228;dchen hingewiesen. Sprachkompetenzen scheinen ein Kapital darzustellen, welches nicht innerhalb des Systems angesammelt werden kann, aber f&#252;r die Schullaufbahn von entscheidender Bedeutung ist und damit eine entscheidende Differenzlinie darstellt. Ebenso Geschlechter different aber weit weniger schulrelevant sind computerbezogene Kompetenzen. Im Bildungsbericht wird fest gehalten, dass Jungen insgesamt besser mit dem Computer umgehen als M&#228;dchen. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Umgang mit dem Computer weitgehend au&#223;erhalb der Schule erlernt wird und dass diese Kompetenz &#8211; obwohl in au&#223;erschulischen Lebenswelten &#228;u&#223;erst wichtig &#8211; keine entscheidende Kapitalie und damit Differenzlinie f&#252;r einen generellen Schulerfolg darstellt. Will man Teilhabe gerechter gestalten, darf Schule bei schulischen Kernkompetenzen weder auf den Lernort &#8220;Freizeit&#8221; vertrauen noch wesentliche gesellschaftliche Kompetenzen komplett aus der Bewertungslogik ausblenden.</p>
<p>Insgesamt scheint unser Schulsystem offensichtlich besonders ungeeignet zu sein, mit Differenz umzugehen. In der Schule haben sprechende, schreibende und lesende T&#228;tigkeiten Vorrang vor allen anderen. Der Umgang mit zeitgem&#228;&#223;en Werkzeugen f&#252;hrt ein Schattendasein. Damit wird vorherrschend auf b&#252;rokratische Lebenswelten vorbereitet und damit einhergehend werden &#8220;b&#252;rokratische Lernstile&#8221; stark beg&#252;nstigt und einseitig gefestigt. Und dies obwohl in der Lernforschung seit langem bekannt ist, dass diese Art des Lerners eher passives Wissen erzeugt und wenig geeignet ist &#8220;Selbstwirksamkeit&#8221; zu konstruieren. Und was ist mit Kindern, die andere Lernstile in ihrer Lebenswelt ausgebildet haben? Kinder, die eher einen praktischen denn einen theoretischen Sinnhorizont entwickelt haben. Diese Kinder werden stark benachteiligt, egal ob Junge oder M&#228;dchen, und dies obwohl gerade praktisches und weniger theoretisches Handeln in vielen Lebensbereichen die Expertin/den Experten ausmacht. Vor dem Hintergrund von gleichwertiger Verschiedenartigkeit und struktureller Ungleichstellung, gibt es jenseits vom Geschlecht wirkm&#228;chtige Dimensionen, die helfen, sowohl die Inhalte, die Didaktik als auch die Bewertungslogiken neu zu beleuchten. Diese Dimensionen m&#252;ssen in ihrer Vielfalt und relationalen Bedingtheit diskutiert und in entsprechende Strukturen und vor allem soziale Praktiken transformiert werden. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Selektionslogik in unserem Schulsystem eine wirkliche Herausforderung!</p>
<h3>Literatur:</h3>
<p>Dannenb&#246;ck, Kornelia &amp; Meidinger, Heinz-Peter (2003): Geraten Jungen in unserem Bildungssystem immer mehr ins Abseits? In: Das Magazin f&#252;r Gymnasium und Gesellschaft, 3, S. 8-14.</p>
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