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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Sabine Ritter</title>
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		<title>&#8216;Hottentot Venus&#8217; oder: Fetischismus als Wissenschaftspraxis</title>
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		<comments>http://www.feministisches-institut.de/hottentotvenus/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 07:47:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sabine Ritter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gewalt]]></category>

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		<description><![CDATA[Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen 'race-and-gender-bias' erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten 'Hottentot Venus'  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen 'Hottentottenvenus' eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen &#8216;race-and-gender-bias&#8217; erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten &#8216;Hottentot Venus&#8217;  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen &#8216;Hottentottenvenus&#8217; eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t.</strong></p>
<p>Im Zentrum der stilbildenden »Steampunk Trilogy« des US-amerikanischen Science Fiction Autors Paul di Filippo aus dem Jahr 1995 steht eine Novelle, die mit »Hottentots« &#252;berschrieben ist. Die Erz&#228;hlung vermischt Historie und Fiktion, Rassismusgeschichte und Wissenschaftskritik, Abenteuerroman und Satire. Sie spielt im viktorianischen Zeitalter und beschreibt die abstrus-spektakul&#228;re Jagd nach einem Fetisch, n&#228;mlich den sezierten und eingelegten Genitalien der sogenannten &#8216;Hottentottenvenus&#8217;. Jener Figur liegt die Geschichte der realen Person Sarah Baartman zugrunde.</p>
<p>1810 reiste sie aus Kapstadt nach London und wurde dort ethnopornographisch zur Schau gestellt. Dabei stand ihr Hintern im Fokus der Werbeplakate, der Shows und der &#246;ffentlichen Aufmerksamkeit. Ein ausladendes Ges&#228;&#223;, diffamiert als &#8216;Fettstei&#223;&#8217;, geh&#246;rte wie auch &#8216;h&#228;ngende Br&#252;ste&#8217; und &#8216;&#252;bergro&#223;e Schamlippen&#8217; zu den stereotypisierenden Zuschreibungen, die die europ&#228;ische Welt seit vielen Jahrzehnten f&#252;r indigene S&#252;dafrikanerinnen bereithielt und mit deren Hilfe diese sowohl als monstr&#246;se Ungestalten wie auch als sexualisierte Attraktionen dargestellt wurden. Entsprechend zeigte man Sarah Baartman als dressiertes wildes Tier in einem K&#228;fig. Zugleich gab es aber auch die hocherotisierte, begehrende Sicht auf sie, wof&#252;r das Ges&#228;&#223; und die ihre Genitalien bedeckende Sch&#252;rze standen.</p>
<p>1814 kam Sarah Baartman nach Paris. Dort wurde sie nicht nur von zahlendem Publikum als &#8216;Vénus hottentote&#8217; bestaunt, sondern auch von den f&#252;hrenden Anthropologen begutachtet: Georges Cuvier, Begr&#252;nder der vergleichenden Anatomie, verma&#223; ihren lebendigen Leib als den einer &#8216;typischen Hottentottin&#8217;. Nach ihrem Tod 1815 wurde ihr Leichnam von ihm zum exemplarischen weiblichen Rassenk&#246;rper seziert. Bei dieser Gelegenheit entnahm Cuvier nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihr Geschlechtsteil, das seiner Meinung nach bewies, dass es die mysteri&#246;se &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217;, eine &#252;berm&#228;&#223;ige Vergr&#246;&#223;erung der inneren Schamlippen, als Zeichen minderwertiger Wildheit gebe. Nach der Sektion, die Cuvier in einem Bericht des Jahres 1817 minuti&#246;s dokumentiert hat, wurden ein kolorierter Gipsabdruck des toten K&#246;rpers sowie Sarah Baartmans Skelett bis 1982 im Pariser Musée de l&#8217;Homme ausgestellt und ihr Gehirn und ihre Genitalien im Magazin verwahrt. Diese k&#246;rperlichen &#220;berreste wurden am 9. August 2002 nach jahrelangem diplomatischem Tauziehen zwischen Frankreich und S&#252;dafrika in der N&#228;he von Kapstadt in einem Staatsakt beigesetzt.</p>
<p>Di Filippo hat aus dieser in Wissenschaft, Politik und Kunst stark ventilierten Geschichte eine R&#228;uberpistole gemacht, in der Cuvier als Schwarzmagier aus der &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217; einen Fetisch zaubert. Zauberk&#252;nste aber sind keineswegs n&#246;tig, um eine Person auf ihren K&#246;rper oder gar einen Teil davon zur&#252;ckzuschneiden; vielmehr handelt es sich bei solchen Operationen um sozial antrainierte Handlungen, die &#8216;die Anderen&#8217; zum Objekt degradieren: »Dieses Ersetzen des <em>Ganzen</em> durch ein <em>Teil</em>, eines <em>Subjekts</em> durch ein <em>Ding</em> &#8211; ein Objekt, ein Organ, ein K&#246;rperteil &#8211; ist der Effekt einer sehr wichtigen Repr&#228;sentationspraxis &#8211; <em>Fetischismus</em>«, schreibt Stuart Hall in »Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;«. Die Zerst&#252;ckelung Sarah Baartmans durch Cuvier, die Pr&#228;sentation ihres Sch&#228;dels und ihrer Knochen im Musée de l&#8217;Homme und die Pr&#228;paration ihres Hirns und ihrer Vulva, war ein entmenschlichender Sch&#228;ndungsakt, in dessen Mittelpunkt die Verifikation alter Zuschreibungen an weiblich-&#8217;hottentottische&#8217; Genitalien stand.</p>
<p>Initiiert durch Beitr&#228;ge des kritischen Biologen Stephen J. Gould und des Kulturwissenschaftlers Sander L. Gilman wurde &#8216;die Hottentottenvenus&#8217; seit den 1980er Jahren zum Standardbeispiel postkolonialer Theoriebildung. Auch Stuart Hall schilderte den Fall in seinen &#220;berlegungen zu Ideologie, Identit&#228;t und Repr&#228;sentation. Was ihm wie seinem Stichwortgeber Gilman nicht bewusst gewesen zu scheint ist, dass die Kritik selbst durch ihre Darstellungsweise der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; nicht nur Gefahr l&#228;uft, die Zurschaustellung Sarah Baartmans zu reproduzieren. Vielmehr beschr&#228;nkt sie sich in ihrem analytischen Bem&#252;hen auf die Explikation ihrer angeblich abnormen Geschlechtlichkeit. Gould, Gilman und Hall ignorieren, was den von ihnen herangezogenen Quellen m&#252;helos zu entnehmen ist: dass Cuvier durchaus auch Sarah Baartmans Gehirn seziert und eingelegt hat, dass ihr Sch&#228;del im anthropologischen Museum zu besichtigen war, dass beides f&#252;r die Anthropologie des 19. Jahrhundert bedeutsam gewesen ist und dass es zur Rede von abnorm-pathologisch-hypersexualisierten &#8216;Schwarzen&#8217; immer Gegendiskurse gab. Stattdessen schreibt Stuart Hall, dass Sarah Baartman auf ihren K&#246;rper »und ihr K&#246;rper wiederum [...] auf ihre Geschlechtsorgane reduziert« wurde. Eine Tafel aus einem Grundlagenwerk der Kriminalanthropologie, die sechs als deviant markierte Vulven zeigt, dient dieser Behauptung als  Illustration &#8211; ohne dass diese Abbildungen analytischen Surplus b&#246;ten oder mit der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; in direktem Zusammenhang st&#252;nden. Im von ihm selbst so definierten Sinne erscheint Fetischismus als ein wesentliches  Element seiner Vorstellung von Sarah Baartman, denn auch er repr&#228;sentiert sie in Text und Bild dezidiert durch ein Fragment, das obendrein  noch pornographisch ist.</p>
<p>Nach Hall bedeutet Fetischismus, »die Ersetzung einer [...] verbotenen Kraft durch ein &#8216;Objekt&#8217;«. Im Falle Sarah Baartmans wurde angeblich »der Blick des Betrachters von ihren Genitalien, dem Objekt seiner wirklichen sexuellen Obsession, auf ihr Hinterteil <em>verschoben.</em>« Diese Verschiebung aber ist das Werk derer, die sich eindimensional auf den Umgang mit den sezierten Genitalien kapriziert und s&#228;mtliche weiteren anthropologischen und allgemein kulturalistischen Operationen Cuviers und seiner Nachfolger ausgeblendet haben. Nur so konnte aus dem &#252;ppigen Hintern, der, wie viele zeitgen&#246;ssische Beispiele zeigen, dem herrschendem Begehren entsprochen hatte und zum »zeitgeist of the late Georgian Britain« wie zum modischen Cul de Paris geh&#246;rte, ein fetischisierter Signifikant f&#252;r abnorme weibliche Geschlechtsteile werden. Indem sie die Ergebnisse sozialer Zurichtung des K&#246;rpers unreflektiert gelassen hat und die kulturellen Dimensionen von K&#246;rperlichkeit ausgeklammert lie&#223;, hat die antirassistische Wissenschaft ungewollt rassistische Stereotype fortgeschrieben und einen neuen Fetisch kreiert, der f&#252;r eine Figur steht, die das 19. Jahrhundert so monochrom und eindimensional nie vor Augen hatte: die hypersexualisierte Hottentottin.</p>
<p><strong>Weiterf&#252;hrende Literatur:</strong></p>
<ul>
<li>Gilman, Sander L.: Hottentottin und Prostituierte. Zu einer Ikonographie der sexualisierten Frau. In: Ders.: Rasse, Sexualit&#228;t und Seuche. Reinbek 1992: Rowohlt, S. 119-154.</li>
<li></li>
<li>Hall, Stuart: Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;. In: Ders.: Ideologie &#8211; Identit&#228;t &#8211; Repr&#228;sentation. Ausgew&#228;hlte Schriften 4. Hamburg 2004: Argument, S. 108-166.</li>
<li></li>
<li>Magubane, Zine: Which Bodies Matter? Feminism, Poststructuralism, Race, and the Curious Theoretical Odyssey of the &#8216;Hottentot Venus&#8217;. In: Gender &amp; Society, 15, 2001, 6, S. 816-834.</li>
<li></li>
<li>Ritter, Sabine: &#8216;Présenter les organes génitaux&#8217;. Sarah Baartman und die Konstruktion der Hottentottenvenus. In: Wulf D. Hund (Hg.): Entfremdete K&#246;rper. Rassismus und Leichensch&#228;ndung. Bielefeld 2009: transcript, S. 117-163.</li>
<li></li>
</ul>
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		<title>&#8216;Hottentot Venus&#8217; oder: Fetischismus als Wissenschaftspraxis</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 07:18:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sabine Ritter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Emanzipatorische Wissenschaft hat die Aufgabe, soziale Verh&#228;ltnisse zu analysieren und zu dekonstruieren. Aber auch Gesellschaftskritik ist in historischen und aktuellen Diskursen verankert und bedarf, will sie ihr Potential aussch&#246;pfen, kontinuierlicher Reflexivit&#228;t. Deren Fehlen hat sich im Fall der postkolonialen Rekonstruktionen einer zum anthropologischen Forschungsobjekt des 19. Jahrhunderts diskriminierten Frau als Ausl&#246;ser eines veritablen &#8216;race-and-gender-bias&#8217; erwiesen: im Bem&#252;hen, die Geschichte der sogenannten &#8216;Hottentot Venus&#8217;  als Beispiel kolonialen Unrechts und Missbrauchs zu thematisieren, werden sexistische und rassistische Stereotype reproduziert. Dar&#252;ber hinaus erschafft die reduktionistische Sicht auf das Ph&#228;nomen &#8216;Hottentottenvenus&#8217; eine neuartig fetischisierende Eindimensionalit&#228;t.</strong></p>
<p>Im Zentrum der stilbildenden »Steampunk Trilogy« des US-amerikanischen Science Fiction Autors Paul di Filippo aus dem Jahr 1995 steht eine Novelle, die mit »Hottentots« &#252;berschrieben ist. Die Erz&#228;hlung vermischt Historie und Fiktion, Rassismusgeschichte und Wissenschaftskritik, Abenteuerroman und Satire. Sie spielt im viktorianischen Zeitalter und beschreibt die abstrus-spektakul&#228;re Jagd nach einem Fetisch, n&#228;mlich den sezierten und eingelegten Genitalien der sogenannten &#8216;Hottentottenvenus&#8217;. Jener Figur liegt die Geschichte der realen Person Sarah Baartman zugrunde.</p>
<p>1810 reiste sie aus Kapstadt nach London und wurde dort ethnopornographisch zur Schau gestellt. Dabei stand ihr Hintern im Fokus der Werbeplakate, der Shows und der &#246;ffentlichen Aufmerksamkeit. Ein ausladendes Ges&#228;&#223;, diffamiert als &#8216;Fettstei&#223;&#8217;, geh&#246;rte wie auch &#8216;h&#228;ngende Br&#252;ste&#8217; und &#8216;&#252;bergro&#223;e Schamlippen&#8217; zu den stereotypisierenden Zuschreibungen, die die europ&#228;ische Welt seit vielen Jahrzehnten f&#252;r indigene S&#252;dafrikanerinnen bereithielt und mit deren Hilfe diese sowohl als monstr&#246;se Ungestalten wie auch als sexualisierte Attraktionen dargestellt wurden. Entsprechend zeigte man Sarah Baartman als dressiertes wildes Tier in einem K&#228;fig. Zugleich gab es aber auch die hocherotisierte, begehrende Sicht auf sie, wof&#252;r das Ges&#228;&#223; und die ihre Genitalien bedeckende Sch&#252;rze standen.</p>
<p>1814 kam Sarah Baartman nach Paris. Dort wurde sie nicht nur von zahlendem Publikum als &#8216;Vénus hottentote&#8217; bestaunt, sondern auch von den f&#252;hrenden Anthropologen begutachtet: Georges Cuvier, Begr&#252;nder der vergleichenden Anatomie, verma&#223; ihren lebendigen Leib als den einer &#8216;typischen Hottentottin&#8217;. Nach ihrem Tod 1815 wurde ihr Leichnam von ihm zum exemplarischen weiblichen Rassenk&#246;rper seziert. Bei dieser Gelegenheit entnahm Cuvier nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihr Geschlechtsteil, das seiner Meinung nach bewies, dass es die mysteri&#246;se &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217;, eine &#252;berm&#228;&#223;ige Vergr&#246;&#223;erung der inneren Schamlippen, als Zeichen minderwertiger Wildheit gebe. Nach der Sektion, die Cuvier in einem Bericht des Jahres 1817 minuti&#246;s dokumentiert hat, wurden ein kolorierter Gipsabdruck des toten K&#246;rpers sowie Sarah Baartmans Skelett bis 1982 im Pariser Musée de l&#8217;Homme ausgestellt und ihr Gehirn und ihre Genitalien im Magazin verwahrt. Diese k&#246;rperlichen &#220;berreste wurden am 9. August 2002 nach jahrelangem diplomatischem Tauziehen zwischen Frankreich und S&#252;dafrika in der N&#228;he von Kapstadt in einem Staatsakt beigesetzt.</p>
<p>Di Filippo hat aus dieser in Wissenschaft, Politik und Kunst stark ventilierten Geschichte eine R&#228;uberpistole gemacht, in der Cuvier als Schwarzmagier aus der &#8216;Hottentottensch&#252;rze&#8217; einen Fetisch zaubert. Zauberk&#252;nste aber sind keineswegs n&#246;tig, um eine Person auf ihren K&#246;rper oder gar einen Teil davon zur&#252;ckzuschneiden; vielmehr handelt es sich bei solchen Operationen um sozial antrainierte Handlungen, die &#8216;die Anderen&#8217; zum Objekt degradieren: »Dieses Ersetzen des <em>Ganzen</em> durch ein <em>Teil</em>, eines <em>Subjekts</em> durch ein <em>Ding</em> &#8211; ein Objekt, ein Organ, ein K&#246;rperteil &#8211; ist der Effekt einer sehr wichtigen Repr&#228;sentationspraxis &#8211; <em>Fetischismus</em>«, schreibt Stuart Hall in »Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;«. Die Zerst&#252;ckelung Sarah Baartmans durch Cuvier, die Pr&#228;sentation ihres Sch&#228;dels und ihrer Knochen im Musée de l&#8217;Homme und die Pr&#228;paration ihres Hirns und ihrer Vulva, war ein entmenschlichender Sch&#228;ndungsakt, in dessen Mittelpunkt die Verifikation alter Zuschreibungen an weiblich-&#8217;hottentottische&#8217; Genitalien stand.</p>
<p>Initiiert durch Beitr&#228;ge des kritischen Biologen Stephen J. Gould und des Kulturwissenschaftlers Sander L. Gilman wurde &#8216;die Hottentottenvenus&#8217; seit den 1980er Jahren zum Standardbeispiel postkolonialer Theoriebildung. Auch Stuart Hall schilderte den Fall in seinen &#220;berlegungen zu Ideologie, Identit&#228;t und Repr&#228;sentation. Was ihm wie seinem Stichwortgeber Gilman nicht bewusst gewesen zu scheint ist, dass die Kritik selbst durch ihre Darstellungsweise der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; nicht nur Gefahr l&#228;uft, die Zurschaustellung Sarah Baartmans zu reproduzieren. Vielmehr beschr&#228;nkt sie sich in ihrem analytischen Bem&#252;hen auf die Explikation ihrer angeblich abnormen Geschlechtlichkeit. Gould, Gilman und Hall ignorieren, was den von ihnen herangezogenen Quellen m&#252;helos zu entnehmen ist: dass Cuvier durchaus auch Sarah Baartmans Gehirn seziert und eingelegt hat, dass ihr Sch&#228;del im anthropologischen Museum zu besichtigen war, dass beides f&#252;r die Anthropologie des 19. Jahrhundert bedeutsam gewesen ist und dass es zur Rede von abnorm-pathologisch-hypersexualisierten &#8216;Schwarzen&#8217; immer Gegendiskurse gab. Stattdessen schreibt Stuart Hall, dass Sarah Baartman auf ihren K&#246;rper »und ihr K&#246;rper wiederum [...] auf ihre Geschlechtsorgane reduziert« wurde. Eine Tafel aus einem Grundlagenwerk der Kriminalanthropologie, die sechs als deviant markierte Vulven zeigt, dient dieser Behauptung als  Illustration &#8211; ohne dass diese Abbildungen analytischen Surplus b&#246;ten oder mit der &#8216;Hottentottenvenus&#8217; in direktem Zusammenhang st&#252;nden. Im von ihm selbst so definierten Sinne erscheint Fetischismus als ein wesentliches  Element seiner Vorstellung von Sarah Baartman, denn auch er repr&#228;sentiert sie in Text und Bild dezidiert durch ein Fragment, das obendrein  noch pornographisch ist.</p>
<p>Nach Hall bedeutet Fetischismus, »die Ersetzung einer [...] verbotenen Kraft durch ein &#8216;Objekt&#8217;«. Im Falle Sarah Baartmans wurde angeblich »der Blick des Betrachters von ihren Genitalien, dem Objekt seiner wirklichen sexuellen Obsession, auf ihr Hinterteil <em>verschoben.</em>« Diese Verschiebung aber ist das Werk derer, die sich eindimensional auf den Umgang mit den sezierten Genitalien kapriziert und s&#228;mtliche weiteren anthropologischen und allgemein kulturalistischen Operationen Cuviers und seiner Nachfolger ausgeblendet haben. Nur so konnte aus dem &#252;ppigen Hintern, der, wie viele zeitgen&#246;ssische Beispiele zeigen, dem herrschendem Begehren entsprochen hatte und zum »zeitgeist of the late Georgian Britain« wie zum modischen Cul de Paris geh&#246;rte, ein fetischisierter Signifikant f&#252;r abnorme weibliche Geschlechtsteile werden. Indem sie die Ergebnisse sozialer Zurichtung des K&#246;rpers unreflektiert gelassen hat und die kulturellen Dimensionen von K&#246;rperlichkeit ausgeklammert lie&#223;, hat die antirassistische Wissenschaft ungewollt rassistische Stereotype fortgeschrieben und einen neuen Fetisch kreiert, der f&#252;r eine Figur steht, die das 19. Jahrhundert so monochrom und eindimensional nie vor Augen hatte: die hypersexualisierte Hottentottin.</p>
<p><strong>Weiterf&#252;hrende Literatur:</strong></p>
<ul>
<li>Gilman, Sander L.: Hottentottin und Prostituierte. Zu einer Ikonographie der sexualisierten Frau. In: Ders.: Rasse, Sexualit&#228;t und Seuche. Reinbek 1992: Rowohlt, S. 119-154.</li>
<li>Hall, Stuart: Das Spektakel des &#8216;Anderen&#8217;. In: Ders.: Ideologie &#8211; Identit&#228;t &#8211; Repr&#228;sentation. Ausgew&#228;hlte Schriften 4. Hamburg 2004: Argument, S. 108-166.</li>
<li>Magubane, Zine: Which Bodies Matter? Feminism, Poststructuralism, Race, and the Curious Theoretical Odyssey of the &#8216;Hottentot Venus&#8217;. In: Gender &amp; Society, 15, 2001, 6, S. 816-834.</li>
<li>Ritter, Sabine: &#8216;Présenter les organes génitaux&#8217;. Sarah Baartman und die Konstruktion der Hottentottenvenus. In: Wulf D. Hund (Hg.): Entfremdete K&#246;rper. Rassismus und Leichensch&#228;ndung. Bielefeld 2009: transcript, S. 117-163.</li>
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