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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Stefan Paulus</title>
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		<title>Geschlechtertheoretische Diskurse in den USA. Eine subjektive Situierung</title>
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		<pubDate>Tue, 11 May 2010 12:09:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universit&#228;t Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven &#220;berblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren f&#252;hrte ich Gespr&#228;che, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen &#252;ber geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie "Klasse" im Zusammenhang mit der Kategorie "Geschlecht" besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalit&#228;t im allt&#228;glichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht? ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Zurzeit bin ich Gastwissenschaftler an der Universit&#228;t Berkeley, USA, Department Gender and Women Studies. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch darauf, die US-amerikanischen Debatten im Ganzen darzustellen. Er soll vielmehr einen subjektiven &#220;berblick geben. Um dieses Vorhaben zu realisieren f&#252;hrte ich Gespr&#228;che, E-Mail- und Videointerviews mit Feministinnen &#252;ber geschlechtertheoretische Diskurse.(1) In den Interviews stellte ich folgende Fragen: Welche geschlechterrelevanten Debatten sind in den USA virulent? Wie wird die Kategorie &#8220;Klasse&#8221; im Zusammenhang mit der Kategorie &#8220;Geschlecht&#8221; besprochen? Wie artikuliert sich die Theorie der Intersektionalit&#228;t im allt&#228;glichen Leben im Zusammenhang von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht?</strong></p>
<p>Die Debatte &#252;ber die Repr&#228;sentation von Geschlechterrollen scheint besonders wichtig zu sein. Feministische Aktivistinnen treten hier f&#252;r gesetzliche Frauenrechte, wie das Recht auf die k&#246;rperliche Integrit&#228;t und Autonomie sowie Abtreibungs- und Fortpflanzungsrechte ein. Laut Nancy Tripathi gibt es ein Defizit im Dialog zwischen der holistischen Natur der weiblichen Sexualit&#228;t und dem in den USA vorherrschenden hypersexualisierten, moralisierten und patriarchalen Modell einer Gesellschaft. Dementsprechend existieren kontroverse Diskurse in Bezug auf Sch&#246;nheitsideale, K&#246;rperbilder und Repr&#228;sentationen von Frauen sowie Abtreibungsdiskurse oder Richtungsstreits &#252;ber die sexuelle Aufkl&#228;rung von Jugendlichen. Ganz zu schweigen von den Materialisierungen von Fett- und Altersphobien, welche letztlich Brennstoff f&#252;r den kapitalistischen Selbstverwertungsmechanismus liefern, so Nancy Tripathi.</p>
<p>Ein weiteres wichtiges Diskursfragment sind die inhaltlichen &#220;berschneidungen und Verbindungen der amerikanisch-feministischen Bewegung mit LGBT-Rechten. BNOW (Berkeley National Organization for Woman) unterst&#252;tzt mit Kampagnen, wie “I Heart Consensual Sex”, die Selbstbestimmungsrechte von Frauen und zeigt mit Kampagnen wie „Wir nehmen uns die Nacht zur&#252;ck“ Solidarit&#228;t mit Opfern von sexueller und h&#228;uslicher Gewalt.</p>
<p>Diskurse &#252;ber die Geographie von Rasse und Geschlecht sind, im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, durchaus verbreitete Themen. In diesem Zusammenhang werden Forschungsfragen nach der historischen und kulturellen Geographie von „Rasse“ und Geschlecht in den USA und in Bezug auf andere Teile der Welt gestellt. Aber auch allgemeine Fragen zu den Alltagspraktiken insbesondere in r&#228;umlichen Kontexten oder der Untersuchungen von Architektur, k&#246;nnen das Verst&#228;ndnis von Geschlechterbeziehungen verdeutlichen und dazu beitragen die soziale und strukturelle Ungleichheit und Rassendiskriminierung in einer globalisierten Welt zu verstehen.</p>
<p>Der Diskurs um den Zusammenhang bzw. die Intersektion von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht wird in den Debatten wesentlich kontroverser ausgetragen, als ich vermutet hatte. Vor allem ein deutliches Gef&#228;lle zwischen materialistischen und poststrukturalistischen Ans&#228;tzen ist hier festzustellen. Der marxistische Ansatz von Amiko teilt die Gesellschaft in zwei Klassen (Proletariat/B&#252;rgertum) ein. Diese Analyse bezieht sich darauf, dass der amerikanische Kapitalismus auf der Sklaverei und der Festsetzung von Frauen in der „Kernfamilie“ aufgebaut ist, sowie durch moralische Gesetze und Regulierungen (Gesetze bez&#252;glich M&#252;ndigkeit, sexueller Orientierung, Abtreibung usw.) konzipiert wird. Folgerichtig m&#252;sste diese marxistische Ansicht zu dem Schluss kommen, dass der Kapitalismus durch die Reproduktion seiner Produktionsbedingungen aufrecht erhalten wird. Amikos Perspektive beschreibt aber die Existenz von sozialen Problemen, einschlie&#223;lich ungleicher Geschlechterverh&#228;ltnisse, als ein „notwendiges Nebenprodukt des Kapitalismus“. Mit dieser Haupt- und Nebenwiderspruchsargumentation ist der Kampf um die Emanzipation der Menschheit und die Errichtung einer egalit&#228;ren Gesellschaft meines Erachtens nicht zu erreichen. Bei den anderen Interviews wird die Klassenfrage nur implizit bzw. als „Add on“ behandelt. Das Addieren von Klassenverh&#228;ltnissen ohne explizite Bestimmung der Verwobenheit von Klasse, „Rasse“ und Geschlecht habe ich auch bei verschiedenen anderen geschlechtertheoretischen Vorlesungen und Vortr&#228;gen festgestellt. Das fehlende Verst&#228;ndnis materialistischer Ans&#228;tze und das Fehlen einer fundierten geschlechtertheoretischen und diskurs&#252;bergreifenden &#214;konomiekritik scheint also nicht nur ein „deutsches“ Problem zu sein.</p>
<p>F&#252;r Lorin K. Jackson ist der Ansatz der Intersektionalit&#228;t mehr als eine Theorie. F&#252;r sie als Schwarze|Queere|Frau mit einem „lower class“ Hintergrund sind diese Intersektionen st&#228;ndig pr&#228;sent und stellen gro&#223;e Hindernisse bzw. Unterdr&#252;ckungsmechanismen im Alltag, besonders im Umgang mit Institutionen, dar. Lorin empfindet h&#228;ufig das Bed&#252;rfnis, sich von den anscheinend un&#252;berwindlichen und gegen sie errichteten Hindernissen (seemingly insurmountable obstacles) zu trennen, wenn sie zum Beispiel bei ihrer Arbeit als Lehrerin aufgrund ihrer Selbstverh&#228;ltnisse getriggert wird. F&#252;r Lorin bedeutet die Erfahrung, dass sie keine Kontrolle &#252;ber die Diskriminierungslabels Schwarz|Queer|Frau|low class besitzt und dass sie diesen Diskriminierungslabels nur mit Stolz begegnen kann: „You cannot survive if you ascribe to lies that seek to maintain power structures or hierarchies of oppression“. Die Theorie der Intersektionalit&#228;t dient folglich auch dazu, Definitionsmacht zu schaffen und Unterdr&#252;ckungsmechanismen zu erkennen. F&#252;r Lorin bedeutet das auch, anderen Leuten, die an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchien leben, nicht zu erlauben, die Aspekte ihrer Pers&#246;nlichkeit zu definieren.</p>
<p>Auch f&#252;r Emma Shaw Crane ist die Theorie der Intersektionalit&#228;t eine ganz allt&#228;glicher Praxis. Emma hat die Theorie der Intersektionalit&#228;t geholfen, die „gegenderte“ Gewalt und die Klassenprivilegien zu verstehen, die sie als junge Mittelstandsuniversit&#228;tsstudentin an einer Eliteuniversit&#228;t erfahren hat. Die Theorie der Intersektionalit&#228;t hat ihr auch geholfen, die Beschimpfung „girly men“ zu verstehen, die zwei amerikanisch-asiatische Br&#252;der, auf dem selben Spielplatz auf dem Emma schikaniert worden ist, &#252;ber sich ergehen lassen mussten. Diese Erfahrungen der strukturellen und allt&#228;glichen Gewalt gegen Arme oder „People of Colour“ brachte sie dazu, die Widerspr&#252;che und M&#246;glichkeiten ihres eigenen Geschlechtes, Klassenhintergrunds, ihrer „mixed racial history“ und nonkonformistischer Sexualit&#228;t zu reflektieren. Wenn auch die Wege, so schreibt Emma, wie wir diese Gewalt erfahren, verschieden sind, erm&#246;glicht uns die Theorie der Intersektionalit&#228;t rassistische Kolonialpropaganda mit diskriminierenden Konstruktionen von Geschlecht zu sehen. F&#252;r Emma tr&#228;gt diese Beobachtung dazu bei, Unterdr&#252;ckungsmechanismen gemeinsam zu analysieren und gemeinsam Widerstand zu leisten.</p>
<p>Ihr Lieblingsdichter June Jordan schreibt: “It is against such sorrow, and against such suicide, and it is against such deliberated strangulation of the possible lives of women, of my sisters, and of powerless peoples – men and children – everywhere, that I work and live, now, as a feminist…” Diese Sichtweise hat auch Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem Gastvortrag zu “Situating Feminism“ an der UC Berkeley betont.(2) Es geht darum, dass Feminismus nicht ausschlie&#223;lich f&#252;r Frauen gemacht wird, sondern dass Feminismus auch f&#252;r M&#228;nner gemacht werden muss.</p>
<p>Diese kleine subjektive Darstellung und keinesfalls repr&#228;sentative Darstellung US-amerikanischer Debatten zeigt ansatzweise, wie die geschlechtertheoretischen Ans&#228;tze im US-amerikanischen Alltag pr&#228;sent sind. Im abschlie&#223;enden Videointerview mit Aina Aasland werden die geschlechtertheoretischen Diskurse, welche an der Universit&#228;t Berkeley gelehrt werden, reflektiert.<br />
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<p><strong>Fu&#223;noten</strong></p>
<p>(1) Hierf&#252;r danke ich ganz herzlich:</p>
<p>Emma Shaw Crane (24), Mitglied des “June Jordan&#8217;s Poetry for the People” des African American Studies Department der UC Berkeley. Emma arbeitet f&#252;r ein Gef&#228;ngnisradio, welches politischen Gefangenen eine Stimme nach drau&#223;en gibt.</p>
<p>Nancy Tripathi, (23), Mitglied  des BNOW – (Berkeley National Organization for Woman), siehe www.now.berkeley.edu</p>
<p>Amiko, Mitglied der International Communist League<strong> </strong></p>
<p>Lorin K. Jackson (24), African American woman, queer sexuality orientation (Selbstbeschreibung)</p>
<p>Aina Aasland (22), Austauschstudentin der Soziologie aus Norwegen, welche sich freundlicherweise bereiterkl&#228;rt hat das unten Angef&#252;hrte Videointerview zu machen.</p>
<p>(2) Gayatri Chakravorty Spivak on Situating Feminism, online verf&#252;gbar:</p>
<p><a href="http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&amp;p=1&amp;ipp=15&amp;category=" target="_blank">http://webcast.berkeley.edu/event_details.php?seriesid=d0133b8e-1de2-4adc-8072-6dac5ffe016e&amp;p=1&amp;ipp=15&amp;category=</a></p>
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		<title>Ohne Reproduktion keine Produktion. &#220;ber die Notwendigkeit die Reproduktionssph&#228;re zu bestreiken!</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jan 2009 11:23:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die kollektive Arbeitsniederlegung, der Streik, ist einerseits ein Mittel zur Durchsetzung von besseren Arbeitsbedingungen und h&#246;heren L&#246;hnen. Andererseits gilt der Streik aus einer anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Perspektive als Hebel zur Einleitung der sozialen Revolution. Aus einer feministischen oder (post)strukturalistischen Perspektive stellen sich noch andere Grundlagen zur radikalen Ver&#228;nderung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse dar. Im Folgenden m&#246;chte ich eben auf diese "anderen" Grundlagen, die sich vor allem im Reproduktionsbereich finden, eingehen. In diesem Zusammenhang soll verdeutlicht werden, was eine Bestreikung bzw. Verweigerung der zugewiesenen Rolle der Individuen f&#252;r den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsformation bedeuten kann...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die kollektive Arbeitsniederlegung, der Streik, ist einerseits ein Mittel zur Durchsetzung von besseren Arbeitsbedingungen und h&#246;heren L&#246;hnen. Andererseits gilt der Streik aus einer anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Perspektive als Hebel zur Einleitung der sozialen Revolution. Aus einer feministischen oder (post)strukturalistischen Perspektive stellen sich noch andere Grundlagen zur radikalen Ver&#228;nderung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse dar. Im Folgenden m&#246;chte ich eben auf diese &#8220;anderen&#8221; Grundlagen, die sich vor allem im Reproduktionsbereich finden, eingehen. In diesem Zusammenhang soll verdeutlicht werden, was eine Bestreikung bzw. Verweigerung der zugewiesenen Rolle der Individuen f&#252;r den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsformation bedeuten kann.[1]</strong></p>
<h3>Ohne Reproduktion keine Produktion</h3>
<p>Die Akkumulation von Kapital &#8211; die ja darin besteht, dass Arbeitskr&#228;fte Waren immer mehr Wert zusetzen als sie selber Wert sind &#8211; ist nicht auf ein bestimmtes Geschlecht angewiesen. Der Zweck der kapitalistischen Produktionsweise, einen immer gr&#246;&#223;eren Mehrwert unter Beibehaltung des urspr&#252;nglichen Kapitals zu produzieren, wird erreicht, wenn letztlich der Prozess der Herstellung und Verkauf einer Ware und der dadurch erzielte Wert wieder zum Ausgangspunkt eines neuen Produktionszyklus wird. Wichtig ist hierbei nur, welches auch immer die gesellschaftliche Form des Produktionsprozesses ist, dass dieser Prozess kontinuierlich ist oder periodisch stets von neuem dieselben Stadien durchl&#228;uft. Dieser Mechanismus zur Selbstverwertung des Werts, um die Reproduktion des Kapitalverh&#228;ltnisses aufrechtzuerhalten, &#8220;zwingt&#8221; das Kapital lediglich dazu, sich die Produktivkraft der Arbeit nutzbar zu machen und sie zu entwickeln: &#8220;Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln&#8221;[2]. Allerdings reicht es nicht aus, nur die Lebensmittel zu produzieren oder zu ernten, sondern sie m&#252;ssen auch gekocht werden, es reicht auch nicht aus Kleidung herzustellen, sondern sie muss auch gewaschen werden. Da der Kapitalismus auch nicht in der Lage ist, ohne Arbeitskr&#228;fte auszukommen oder Arbeitskr&#228;fte massenhaft im Reagenzglas zu z&#252;chten, ist dieser auf weibliche Reproduktionst&#228;tigkeiten und staatliche Institutionen angewiesen, um neue Generationen von Arbeitskr&#228;ften herzustellen und ihnen Regeln beizubringen: Regeln des guten Anstands, Regeln der Moral, Regeln der zweigeschlechtlichten Norm, Regeln des staatsb&#252;rgerlichen und beruflichen Pflichtbewusstseins. Um bestimmte Formen der Moral und Beziehungen zu kultivieren, sind ideologische Mittel n&#246;tig, damit nicht repressive Regulationsapparate wie Gerichte, Polizei, Gef&#228;ngnis oder Milit&#228;r die Betten und Schulen kontrollieren bzw. f&#252;r die Reproduktion sozialer Beziehungen eingesetzt werden. Die ideologischen Staatsapparate (Familie, Kindergarten, Schule etc.) statten sozusagen ihre Staatsb&#252;rgerInnen mit der jeweiligen herrschenden Ideologie (heteronormativ, konservativ etc.) aus, indem die jeweiligen Apparate die ideologischen Praxisformen vorgeben. Jedes Individuum, das aus einem dieser Apparate ausscheidet bzw. eins dieser Einschlussmilieus durchlaufen hat, ist mit einer zweckm&#228;&#223;igen Ideologie ausgestattet, welche der Rolle als Arbeiter, Chef, Mutter oder Hausfrau usw. entspricht. Daraus l&#228;sst sich folgern, dass erst durch die Reproduktion &#8211; auch im w&#246;rtlichen Sinn &#8211; von Arbeitskr&#228;ften der Produktionsprozess zirkulieren kann und zu einer Kapitalakkumulation f&#252;hrt. Demnach l&#228;sst sich festhalten, dass &#8220;keine Produktion m&#246;glich ist, ohne dass die Reproduktion der Produktionsbedingungen erfolgt&#8221; [3].</p>
<p>Einfach gesagt bedarf es ausreichender Geburtenraten, kosteng&#252;nstiger Reproduktionst&#228;tigkeiten und funktionaler Identit&#228;ten um die stetige Profitmacherei zu erm&#246;glichen. Der Kapitalismus und Widerstandsformen gegen diesen k&#246;nnen gerade durch diese &#8220;au&#223;er&#246;konomischen&#8221; Faktoren nicht unmittelbar auf die Akkumulation von Kapital oder auf ein Produktionsparadigma reduziert werden. Das hei&#223;t, dass die Trennung von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Reproduktionsarbeit die beiden Standbeine des Kapitalismus sind. Der Doppelcharakter kapitalistisch ben&#246;tigter Arbeit stellt sich somit auch als Widerspruch zwischen direkt und indirekt Lohnabh&#228;ngigen dar. Zudem ist Vollzeitlohnarbeit eindeutig m&#228;nnlich besetzt: Frauen leisten 31 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, M&#228;nner hingegen nur 19,5 Stunden. Frauen bekommen 12 Stunden Erwerbsarbeit bezahlt, M&#228;nner dagegen 22,5 Stunden [4]. Die weibliche Reproduktionsarbeit wird zum erg&#228;nzenden Arbeitsverh&#228;ltnis der m&#228;nnlichen Lohnarbeit und ist letztlich indirekte Lohnarbeit.</p>
<h3>Streiks in der Reproduktionssph&#228;re</h3>
<p>Auf dieses Verh&#228;ltnis bzw. auf diese Problematik haben 1975 isl&#228;ndische Frauen hingewiesen. Ca. 90% aller Isl&#228;nderinnen traten sowohl in einen Erwerbs- als auch Haus- und Familienarbeitsstreik und legten f&#252;r einen Tag Industrie-, Dienstleistungs- und Hausarbeitsbereiche lahm. V&#228;ter mussten ihre Kinder mit zur Arbeitstelle nehmen, die dann &#252;berall herumliefen und ein produktives Arbeiten erschwerten. Andere blieben direkt zu Hause. Durch die Verweigerung der Hausarbeit sollte sichtbar gemacht werden, was Hausarbeit ist: gesellschaftliche Arbeit! [5]</p>
<p>In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob ein R&#252;ckgang der Geburtenrate oder eine Ver&#228;nderung oder Bestreikung funktionaler Geschlechterverh&#228;ltnisse zu einer fundamentalen Krise des Kapitalismus f&#252;hren kann. Zumindest kann die Verwerfung oder Verweigerung einer weiblichen Lebensidentit&#228;t, die damit verbundene produktive Sexualit&#228;t und die Abspaltung &#8220;des weiblichen Lebenszusammenhangs, der f&#252;r die wertf&#246;rmig nicht erfassbare Seite des menschlichen Lebens ‚zust&#228;ndig&#8217; ist&#8221; [6] zu einem Krisenmoment der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung werden, sofern sich Frauen von der ihnen zugewiesenen Rolle distanzieren. Diesen Hintergrund hatten auch Teile der ersten Frauenbewegung. Sie wehrten sich gegen den staatlich verordneten Geb&#228;rzwang aufgrund des Paragraphen 218 und den damit verbundenen gesellschaftlichen Muttermythos in der Weimarer Zeit. Mittels des Geb&#228;rstreiks wollten die Arbeiterinnen den Nachschub an Menschenmaterial f&#252;r die deutsche Kriegsmaschinerie und Fabriken untergraben. Vor allem in anarchistisch-syndikalistischen Kreisen stie&#223; die Debatte um Geb&#228;rstreiks und Verh&#252;tungsmittel auf lebhafte Resonanz.[7] In dieser Debatte ging es nicht grunds&#228;tzlich um die Entscheidung f&#252;r oder gegen die Mutterschaft, sondern um die Selbstbestimmung des K&#246;rpers, der Reproduktionsf&#228;higkeit und der Identit&#228;t.[8] Das bedeutet, dass Widerstandsstrategien gegen kapitalistische Verh&#228;ltnisse und gegen Formen der Ausbeutung nicht nur auf der strukturellen Ebene gef&#252;hrt werden m&#252;ssen, sondern es m&#252;ssen auch K&#228;mpfe gegen funktionale Identit&#228;ten und ideologische Unterwerfung gef&#252;hrt werden.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>Ob Forderungen nach der Entlohnung f&#252;r alle Pflege- und Hausarbeiten &#8211; durch L&#246;hne, Renten, Land oder andere Mittel &#8211; sinnvoll ist, wie z.B. durch das &#8220;Global Woman Strike Network&#8221; [9] gefordert, sei an dieser Stelle dahingestellt. Dazu m&#252;sste erstmal ein erweiteter Arbeitsbegriff innerhalb der Gewerkschaften durchgesetzt werden, welcher Reproduktionsarbeit als gesellschaftliche Arbeit einschlie&#223;t. Vor allem m&#252;ssten auch die Ausschlie&#223;ungsmechanismen der b&#252;rgerlichen Gewerkschaften aufgehoben werden, damit HausarbeiterInnen sich kollektiv organisieren k&#246;nnen. Diese Erweiterung w&#252;rde auch folglich eine Ver&#228;nderung des bisher gebr&#228;uchlichen Streikbegriffs nach sich ziehen. Denn nicht nur eine generale Bestreikung der materiellen Bedingungen der Produktion erm&#246;glicht eine radikale Ver&#228;nderung der Gesellschaftsformation, sondern auch eine Verweigerung der Regeln der Einhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, der Arbeitsteilung, der Qualifikation und der Reproduktion kann zu einer fundamentalen Krise von Produktionsverh&#228;ltnissen f&#252;hren. Denn ohne die hegemonialen Werteorientierungen und die &#8220;nicht&#8221; warenf&#246;rmigen sozialen Beziehungen der &#8220;au&#223;erhalb&#8221; des direkten Kapitalverh&#228;ltnisses stehenden Arbeitsformen sind weder die Herstellung von Arbeitskr&#228;ften, noch der Bestand und die Stabilit&#228;t der Gesellschaft gew&#228;hrleistet. Wenn der Streik ein Mittel ist, direkt unsere Lebensverh&#228;ltnisse zu verbessern, m&#252;ssen neue Streikformen daher vor allem auf &#8220;au&#223;er&#246;konomische&#8221; Verh&#228;ltnisse, Institutionen und Identit&#228;tszuschreibungen verweisen, denn das Leben findet nicht nur in der Fabrik statt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<ol>
<li>Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Buchbeitrages: Von der Reproduktion her denken &#8211; Geschlechterverh&#228;ltnisse, Geb&#228;rstreiks, Hausarbeitsstreiks und Identit&#228;tsstreiks. F&#252;r einen erweiterten Streikbegriff. In: Thorsten Bewernitz (Hrsg.): Die neuen Streiks. M&#252;nster, 2008, S. 175-188 [<a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,293,7.html">http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,293,7.html</a>]</li>
<li>MEW 23; Marx, Karl 1975: Das Kapital &#8211; Kritik der politischen &#214;konomie, Bd.1, Berlin (1867), S. 185</li>
<li>Althusser, Louis 1977: Ideologie und ideologische Staatsapparate, Hamburg/Berlin, S.109</li>
<li>Vgl. Statistisches Bundesamt 2003: Wo bleibt die Zeit. Die Zeitverwendung der Bev&#246;lkerung in Deutschland 2001/02. Bundesministerium f&#252;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Berlin, S. 9</li>
<li>Vgl. Notz, Gisela 1994: Den Aufstand wagen. In: Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis. Nr. 36, S. 23-33</li>
<li>Kurz, Robert 1992: Geschlechterfetischismus. In: Krisis Nr. 12. Beitr&#228;ge zur Warengesellschaft, Bad Honnef, S. 124</li>
<li>Vgl. Nelles, Dieter 2000: Anarchosyndikalismus und Sexualreformbewegung in der Weimarer Republik. Online verf&#252;gbar unter [<a href="http://www.iisg.nl/%7Ewomhist/nellesde.pdf">http://www.iisg.nl/~womhist/nellesde.pdf</a>]</li>
<li>Ob der R&#252;ckgang der Geburtenrate aufgrund dieser Debatte nach Ende des ersten Weltkrieges um etwa die H&#228;lfte zur&#252;ckging, l&#228;sst sich empirisch nicht schl&#252;ssig bewerten.</li>
<li>Vgl. die Streikforderungen zum weltweiten Frauenstreik 2007 unter <a href="http://www.globalwomenstrike.net/German2007/GermanStrikeCall07.htm">http://www.globalwomenstrike.net/German2007/GermanStrikeCall07.htm</a></li>
</ol>
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		<item>
		<title>Work-Life-Balance als Antwort auf die sch&#246;ne neue Welt?</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Feb 2008 14:06:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[…ultraflexible Arbeitsformen, dezentralisierte Arbeitspl&#228;tze, Privatisierung und Rationalisierung; das Auslagern von Funktionen und Dienstleistungen an Subunternehmen, MitarbeiterInnen, die sich selbst f&#252;r den Erfolg des Unternehmens verantwortlich f&#252;hlen sollen, die neoliberale Losung "Arbeit, Arbeit, Arbeit", das Bed&#252;rfnis einer Wirtschaftsweise f&#252;r stetigen Wachstum &#252;ber die ganze Erdkugel zu jagen und die billigsten Standorte und Arbeitskr&#228;fte zu finden... All das sind Formen einer kapitalistischen Verwertungsstrategie, die darauf abzielt Ausbeutungsbedingungen zu versch&#228;rfen und sozialstaatliche Sicherungen aufzul&#246;sen. Die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit scheint au&#223;er Kontrolle geraten zu sein. Work-Life-Balance Konzepte versprechen Abhilfe… ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>…ultraflexible Arbeitsformen, dezentralisierte Arbeitspl&#228;tze, Privatisierung und Rationalisierung; das Auslagern von Funktionen und Dienstleistungen an Subunternehmen, MitarbeiterInnen, die sich selbst f&#252;r den Erfolg des Unternehmens verantwortlich f&#252;hlen sollen, die neoliberale Losung &#8220;Arbeit, Arbeit, Arbeit&#8221;, das Bed&#252;rfnis einer Wirtschaftsweise f&#252;r stetigen Wachstum &#252;ber die ganze Erdkugel zu jagen und die billigsten Standorte und Arbeitskr&#228;fte zu finden&#8230; All das sind Formen einer kapitalistischen Verwertungsstrategie, die darauf abzielt Ausbeutungsbedingungen zu versch&#228;rfen und sozialstaatliche Sicherungen aufzul&#246;sen. Die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit scheint au&#223;er Kontrolle geraten zu sein. Work-Life-Balance Konzepte versprechen Abhilfe…</strong></p>
<p>In dieser neuen Periode geht es weniger darum, &#252;ber gewerkschaftliche Vereinbarungen den kapitalistischen Widerspruch zwischen Arbeit und Leben zu minimieren, sondern darum, das materielle &#220;berleben durch die Gegenleistung einer m&#246;glich umfassenden egoistischen Flexibilit&#228;t in Bezug auf die berufliche Qualifikation, den Arbeitsplatz, die Arbeitszeit und den Arbeitslohn zu sichern. Die Lohnabh&#228;ngigen sind mit einem komplexeren und aufw&#228;ndiger zu organisierenden Alltag konfrontiert: die sch&#246;ne neue Welt erh&#246;ht den Druck auf die Einzelnen und auf ihre sozialen Beziehungen. Infolge dessen treten in den Industriel&#228;ndern bisher weitgehend unbeachtete Folgeerscheinungen auf, wie Individualisierung, Ehen, die im Schnitt nur noch 3 Jahre halten, ein f&#252;r Industrienationen scheinbar bedrohender R&#252;ckgang der Geburtenrate, eine zunehmende Anzahl Alleinerziehender und Patch-Work-Familien, psychische Probleme wie Stress- und Burnoutsyndrome bis hin zu &#8220;Karoshi&#8221;, den Tod durch &#220;berarbeitung. .</p>
<p>Der den Kapitalismus antreibende Mechanismus zur Selbstverwertung des Werts &#8211; aus Geld mehr Geld zu machen &#8211; &#8220;zwingt&#8221; Unternehmen und staatliche Institutionen immer wieder dazu, sich die Produktivit&#228;t der Arbeitkraft nutzbar zu machen, sie zu entwickeln, sie zu reproduzieren. Die Arbeitskr&#228;fte, welche in Rente gehen, durch Unf&#228;lle, Krankheiten ausfallen oder sterben, m&#252;ssen durch neue Arbeitskr&#228;fte ersetzt und angelernt werden, damit die Profitmaximierung nicht ins erliegen kommt. Anders als in Huxleys dystopischer Vorstellung der &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_neue_Welt">sch&#246;nen neuen Welt</a>&#8221; ist die kapitalistische Gesellschaft bislang noch nicht in der Lage, massenhaft Arbeitskr&#228;fte in vitro zu z&#252;chten und sie durch &#8220;hypnop&#228;dia&#8221; gef&#252;gig zu machen. Daher ist unsere Gesellschaft noch auf unbezahlte Reproduktionsarbeiten (Geb&#228;ren, Verpflegen etc.), staatliche Institutionen (Erziehung, Ausbildung etc.) und Ideologien (Nation, Familie etc.) angewiesen, um eine neue Generationen von Arbeitskr&#228;ften herzustellen.</p>
<p>Das Problem des Nachwuchsmangels und die Frage danach, wie die Geburtenrate gesteigert werden kann, wird nun seit einiger Zeit &#8211; erstmals nach 1945 &#8211; wieder &#246;ffentlich diskutiert. Die &#220;berlegungen zu Regulierung von Bev&#246;lkerungsentwicklungen sind keine Eugenik-Ma&#223;nahmen mehr, sondern nennen sich Work-Life-Balance.</p>
<h3>Work-Life-Balance</h3>
<p>Work-Life-Balance Konzepte zielen auf eine grundlegende Modernisierung der Arbeitsorganisation vor dem Hintergrund der ver&#228;nderten Geschlechterverh&#228;ltnisse, Sie lassen sich als eine Verzahnung von betrieblicher Personalpolitik und Regierungsma&#223;nahmen verstehen, mit der eine Steigerung der Geburtenrate, der Binnennachfrage und der Senkungen der Lohnnebenkosten erreicht werden sollen.</p>
<p>Um dieses Ziel zu erreichen hat sich die Initiative &#8220;Work-Life-Balance als Motor f&#252;r wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilit&#228;t&#8221; (<a href="http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=17096.html">BMFSJ Pressemitteilung</a>) unter der Schirmherrschaft des BDI zusammen mit b&#246;rsennotierten Konzernen, dem BMFSFJ sowie dem BMWA gebildet.</p>
<p>Aus der Sichtweise der Herrschenden bieten Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen (<a href="http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Work-Life-Balance,property=pdf.pdf">BMFSJ-Brosch&#252;re PDF</a>) als &#8220;Investitionen in das Humanverm&#246;gen&#8221; der Unternehmen die Chance die Produktivit&#228;t der Besch&#228;ftigten zu steigern, indem sie die Arbeitsmotivation erh&#246;hen, Fehlzeiten verringern und die Belegschaft st&#228;rker an das Unternehmen binden. Au&#223;erdem sollen Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen den Standort Deutschland durch eine Erh&#246;hung der Frauenerwerbsquote, sowie durch eine Steigerung der Geburtenrate sichern. Zunehmend wird hervorgehoben, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur unter dem Gesichtspunkt der &#8220;Humanisierung der Arbeitswelt&#8221; oder dem der Chancengleichheit zu sehen ist, sondern dass diesbez&#252;gliche Investitionen f&#252;r die Betriebe auch unter dem Gesichtspunkt der Kosten lohnend sein sollen, weil sich durch familienfreundliche Ma&#223;nahmen am Arbeitsplatz ein betriebswirtschaftlicher Nutzen ergibt (vgl. <a href="http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/PRM-24912-Broschure-Betriebswirtschaftli,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf">BMBFSJ-Brosch&#252;re PDF</a>).</p>
<p>Um Profit, Gesundheit, Vereinbarkeit und Geburtenrate zu steigern gibt es bis zu &#252;ber 150 unterschiedliche Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen. Sie reichen von Teilzeitarbeit, Gleitzeitangeboten, Telearbeit, Job-Sharing, Teamarbeit &#252;ber Mentoring, Sensibilisierungsstrategien f&#252;r F&#252;hrungskr&#228;fte, haushaltsnahe Dienstleistungen, Sozialberatung, betriebliche Kinderbetreuung bis hin zu Ma&#223;nahmen die auf Gesundheitspr&#228;vention durch Stressvermeidung und psychologische Beratung setzten.</p>
<p>Konkret geht die Initiative auf Grund von Berechnungen und den aktuellen Entwicklungen in den Unternehmen davon aus, dass in den n&#228;chsten 12 Jahren rund 30 % der Lohnabh&#228;ngigen an Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen teilnehmen. Bis 2020 erhofft sich die Initiative durch Kundenzufriedenheit und MitarbeiterInnenmotivation eine St&#228;rkung des Wirtschaftswachstums und ein zus&#228;tzliches Bruttoinlandsprodukt von 248 Mrd. €. Weiter wird sich eine St&#228;rkung der Wettbewerbsf&#228;higkeit durch weniger Fehlzeiten eine 1,6%ige h&#246;here Produktivit&#228;t pro Arbeitsstunde versprochen. Mehr Geburten sollen durch ein familienfreundliches Betriebklima erreicht werden. Die Geburtenrate soll auf 1,56 Geburten pro Frau steigen &#8211; fast 1 Million zus&#228;tzliche Geburten in den n&#228;chsten 12 Jahren. &#8211; Allerdings m&#252;ssen jetzt schon proportional mehr Kinder in den Folgejahren zur Welt kommen, da es im ersten Quartal 2007 nur 600 zus&#228;tzliche Geburten gab. Bedingt durch die steigende Erwerbst&#228;tigkeit und die skizzierte Bev&#246;lkerungsentwicklung soll der private Konsum einen zus&#228;tzlichen Profit von 191 Mrd. € einbringen. Mehr Konsum f&#252;hrt in dieser Logik wiederum zu mehr Arbeit. 221.000 neue Stellen sollen in den Unternehmen entstehen und die Gesundheitspr&#228;ventionen sollen wiederum die Lohnnebenkosten senken und gleichzeitig die Arbeitsproduktivit&#228;t steigern. Ziel und Zweck dieser Ma&#223;nahmen sind erh&#246;hte Einsatzbereitschaft, weniger Fehlzeiten und letztlich eine erh&#246;hte Produktivit&#228;t.</p>
<p>Zusammenfassend lassen sich Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen als wettbewerbsstrategische Antwort auf ver&#228;nderte gesellschaftliche Beziehungen lesen, die darauf abzielen die prek&#228;ren Geschlechterverh&#228;ltnisse wieder in den Griff zu kriegen. Im Prinzip sind diese Ma&#223;nahmen letztendlich der Versuch die Profitraten zu erh&#246;hen. Arbeite, Konsumiere, krieg Kinder und sei gl&#252;cklich ist die Devise. Die geschlechterdemokratische Rhetorik der Work-Life-Balance Konzepte verschleiert aber die immer noch existenten geschlechtshierarchischen Arbeitsteilungen, die Doppelbelastung von M&#252;ttern und dient letztlich dazu, eine offensive Bev&#246;lkerungspolitik salonf&#228;hig zu machen. Klar ist auch, dass Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen nicht f&#252;r ALG II Empf&#228;ngerInnen oder prek&#228;r Besch&#228;ftigte ausgedacht wurden, sondern f&#252;r Besserverdienende und Hochqualifizierte des Mittelstandes. Unter Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird hier nicht verstanden, dass Lohnabh&#228;ngige mehr Freizeit erhalten, um sich Freunden und Freundinnen, Sport oder Spiel oder sogar zivilgesellschaftlichen Engagement zu widmen. Es geht hierbei vielmehr darum Arbeit und Leben so zu verzahnen, dass es rentabeler und produktiver wird. Pointiert l&#228;sst sich sagen, dass Staat und Kapital sich die Bev&#246;lkerungsentwicklung als Zielscheibe ausgesucht haben, um die Verwertungsbedingungen der Arbeitskraft zu optimieren und eine m&#246;glichst kosteng&#252;nstige Reproduktion einer neuen Generation von Arbeitskr&#228;ften zu gew&#228;hrleisten. Work-Life-Balance ist keine Antwort auf die sch&#246;ne neue Welt, sondern ein Teil von ihr.</p>
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		<title>Work-Life-Balance als Antwort auf die sch&#246;ne neue Welt?</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Feb 2008 10:54:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Paulus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[…ultraflexible Arbeitsformen, dezentralisierte Arbeitspl&#228;tze, Privatisierung und Rationalisierung; das Auslagern von Funktionen und Dienstleistungen an Subunternehmen, MitarbeiterInnen, die sich selbst f&#252;r den Erfolg des Unternehmens verantwortlich f&#252;hlen sollen, die neoliberale Losung "Arbeit, Arbeit, Arbeit", das Bed&#252;rfnis einer Wirtschaftsweise f&#252;r stetigen Wachstum &#252;ber die ganze Erdkugel zu jagen und die billigsten Standorte und Arbeitskr&#228;fte zu finden... All das sind Formen einer kapitalistischen Verwertungsstrategie, die darauf abzielt Ausbeutungsbedingungen zu versch&#228;rfen und sozialstaatliche Sicherungen aufzul&#246;sen. Die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit scheint au&#223;er Kontrolle geraten zu sein. Work-Life-Balance Konzepte versprechen Abhilfe…]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>…ultraflexible Arbeitsformen, dezentralisierte Arbeitspl&#228;tze, Privatisierung und Rationalisierung; das Auslagern von Funktionen und Dienstleistungen an Subunternehmen, MitarbeiterInnen, die sich selbst f&#252;r den Erfolg des Unternehmens verantwortlich f&#252;hlen sollen, die neoliberale Losung &#8220;Arbeit, Arbeit, Arbeit&#8221;, das Bed&#252;rfnis einer Wirtschaftsweise f&#252;r stetigen Wachstum &#252;ber die ganze Erdkugel zu jagen und die billigsten Standorte und Arbeitskr&#228;fte zu finden&#8230; All das sind Formen einer kapitalistischen Verwertungsstrategie, die darauf abzielt Ausbeutungsbedingungen zu versch&#228;rfen und sozialstaatliche Sicherungen aufzul&#246;sen. Die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit scheint au&#223;er Kontrolle geraten zu sein. Work-Life-Balance Konzepte versprechen Abhilfe…</strong></p>
<p>In dieser neuen Periode geht es weniger darum, &#252;ber gewerkschaftliche Vereinbarungen den kapitalistischen Widerspruch zwischen Arbeit und Leben zu minimieren, sondern darum, das materielle &#220;berleben durch die Gegenleistung einer m&#246;glich umfassenden egoistischen Flexibilit&#228;t in Bezug auf die berufliche Qualifikation, den Arbeitsplatz, die Arbeitszeit und den Arbeitslohn zu sichern. Die Lohnabh&#228;ngigen sind mit einem komplexeren und aufw&#228;ndiger zu organisierenden Alltag konfrontiert: die sch&#246;ne neue Welt erh&#246;ht den Druck auf die Einzelnen und auf ihre sozialen Beziehungen. Infolge dessen treten in den Industriel&#228;ndern bisher weitgehend unbeachtete Folgeerscheinungen auf, wie Individualisierung, Ehen, die im Schnitt nur noch 3 Jahre halten, ein f&#252;r Industrienationen scheinbar bedrohender R&#252;ckgang der Geburtenrate, eine zunehmende Anzahl Alleinerziehender und Patch-Work-Familien, psychische Probleme wie Stress- und Burnoutsyndrome bis hin zu &#8220;Karoshi&#8221;, den Tod durch &#220;berarbeitung. .</p>
<p>Der den Kapitalismus antreibende Mechanismus zur Selbstverwertung des Werts &#8211; aus Geld mehr Geld zu machen &#8211; &#8220;zwingt&#8221; Unternehmen und staatliche Institutionen immer wieder dazu, sich die Produktivit&#228;t der Arbeitkraft nutzbar zu machen, sie zu entwickeln, sie zu reproduzieren. Die Arbeitskr&#228;fte, welche in Rente gehen, durch Unf&#228;lle, Krankheiten ausfallen oder sterben, m&#252;ssen durch neue Arbeitskr&#228;fte ersetzt und angelernt werden, damit die Profitmaximierung nicht ins erliegen kommt. Anders als in Huxleys dystopischer Vorstellung der &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_neue_Welt">sch&#246;nen neuen Welt</a>&#8221; ist die kapitalistische Gesellschaft bislang noch nicht in der Lage, massenhaft Arbeitskr&#228;fte in vitro zu z&#252;chten und sie durch &#8220;hypnop&#228;dia&#8221; gef&#252;gig zu machen. Daher ist unsere Gesellschaft noch auf unbezahlte Reproduktionsarbeiten (Geb&#228;ren, Verpflegen etc.), staatliche Institutionen (Erziehung, Ausbildung etc.) und Ideologien (Nation, Familie etc.) angewiesen, um eine neue Generationen von Arbeitskr&#228;ften herzustellen.</p>
<p>Das Problem des Nachwuchsmangels und die Frage danach, wie die Geburtenrate gesteigert werden kann, wird nun seit einiger Zeit &#8211; erstmals nach 1945 &#8211; wieder &#246;ffentlich diskutiert. Die &#220;berlegungen zu Regulierung von Bev&#246;lkerungsentwicklungen sind keine Eugenik-Ma&#223;nahmen mehr, sondern nennen sich Work-Life-Balance.</p>
<h3>Work-Life-Balance</h3>
<p>Work-Life-Balance Konzepte zielen auf eine grundlegende Modernisierung der Arbeitsorganisation vor dem Hintergrund der ver&#228;nderten Geschlechterverh&#228;ltnisse, Sie lassen sich als eine Verzahnung von betrieblicher Personalpolitik und Regierungsma&#223;nahmen verstehen, mit der eine Steigerung der Geburtenrate, der Binnennachfrage und der Senkungen der Lohnnebenkosten erreicht werden sollen.</p>
<p>Um dieses Ziel zu erreichen hat sich die Initiative &#8220;Work-Life-Balance als Motor f&#252;r wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilit&#228;t&#8221; (<a href="http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=17096.html">BMFSJ Pressemitteilung</a>) unter der Schirmherrschaft des BDI zusammen mit b&#246;rsennotierten Konzernen, dem BMFSFJ sowie dem BMWA gebildet.</p>
<p>Aus der Sichtweise der Herrschenden bieten Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen (<a href="http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Work-Life-Balance,property=pdf.pdf">BMFSJ-Brosch&#252;re PDF</a>) als &#8220;Investitionen in das Humanverm&#246;gen&#8221; der Unternehmen die Chance die Produktivit&#228;t der Besch&#228;ftigten zu steigern, indem sie die Arbeitsmotivation erh&#246;hen, Fehlzeiten verringern und die Belegschaft st&#228;rker an das Unternehmen binden. Au&#223;erdem sollen Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen den Standort Deutschland durch eine Erh&#246;hung der Frauenerwerbsquote, sowie durch eine Steigerung der Geburtenrate sichern. Zunehmend wird hervorgehoben, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur unter dem Gesichtspunkt der &#8220;Humanisierung der Arbeitswelt&#8221; oder dem der Chancengleichheit zu sehen ist, sondern dass diesbez&#252;gliche Investitionen f&#252;r die Betriebe auch unter dem Gesichtspunkt der Kosten lohnend sein sollen, weil sich durch familienfreundliche Ma&#223;nahmen am Arbeitsplatz ein betriebswirtschaftlicher Nutzen ergibt (vgl. <a href="http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/PRM-24912-Broschure-Betriebswirtschaftli,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf">BMBFSJ-Brosch&#252;re PDF</a>).</p>
<p>Um Profit, Gesundheit, Vereinbarkeit und Geburtenrate zu steigern gibt es bis zu &#252;ber 150 unterschiedliche Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen. Sie reichen von Teilzeitarbeit, Gleitzeitangeboten, Telearbeit, Job-Sharing, Teamarbeit &#252;ber Mentoring, Sensibilisierungsstrategien f&#252;r F&#252;hrungskr&#228;fte, haushaltsnahe Dienstleistungen, Sozialberatung, betriebliche Kinderbetreuung bis hin zu Ma&#223;nahmen die auf Gesundheitspr&#228;vention durch Stressvermeidung und psychologische Beratung setzten.</p>
<p>Konkret geht die Initiative auf Grund von Berechnungen und den aktuellen Entwicklungen in den Unternehmen davon aus, dass in den n&#228;chsten 12 Jahren rund 30 % der Lohnabh&#228;ngigen an Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen teilnehmen. Bis 2020 erhofft sich die Initiative durch Kundenzufriedenheit und MitarbeiterInnenmotivation eine St&#228;rkung des Wirtschaftswachstums und ein zus&#228;tzliches Bruttoinlandsprodukt von 248 Mrd. €. Weiter wird sich eine St&#228;rkung der Wettbewerbsf&#228;higkeit durch weniger Fehlzeiten eine 1,6%ige h&#246;here Produktivit&#228;t pro Arbeitsstunde versprochen. Mehr Geburten sollen durch ein familienfreundliches Betriebklima erreicht werden. Die Geburtenrate soll auf 1,56 Geburten pro Frau steigen &#8211; fast 1 Million zus&#228;tzliche Geburten in den n&#228;chsten 12 Jahren. &#8211; Allerdings m&#252;ssen jetzt schon proportional mehr Kinder in den Folgejahren zur Welt kommen, da es im ersten Quartal 2007 nur 600 zus&#228;tzliche Geburten gab. Bedingt durch die steigende Erwerbst&#228;tigkeit und die skizzierte Bev&#246;lkerungsentwicklung soll der private Konsum einen zus&#228;tzlichen Profit von 191 Mrd. € einbringen. Mehr Konsum f&#252;hrt in dieser Logik wiederum zu mehr Arbeit. 221.000 neue Stellen sollen in den Unternehmen entstehen und die Gesundheitspr&#228;ventionen sollen wiederum die Lohnnebenkosten senken und gleichzeitig die Arbeitsproduktivit&#228;t steigern. Ziel und Zweck dieser Ma&#223;nahmen sind erh&#246;hte Einsatzbereitschaft, weniger Fehlzeiten und letztlich eine erh&#246;hte Produktivit&#228;t.</p>
<p>Zusammenfassend lassen sich Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen als wettbewerbsstrategische Antwort auf ver&#228;nderte gesellschaftliche Beziehungen lesen, die darauf abzielen die prek&#228;ren Geschlechterverh&#228;ltnisse wieder in den Griff zu kriegen. Im Prinzip sind diese Ma&#223;nahmen letztendlich der Versuch die Profitraten zu erh&#246;hen. Arbeite, Konsumiere, krieg Kinder und sei gl&#252;cklich ist die Devise. Die geschlechterdemokratische Rhetorik der Work-Life-Balance Konzepte verschleiert aber die immer noch existenten geschlechtshierarchischen Arbeitsteilungen, die Doppelbelastung von M&#252;ttern und dient letztlich dazu, eine offensive Bev&#246;lkerungspolitik salonf&#228;hig zu machen. Klar ist auch, dass Work-Life-Balance Ma&#223;nahmen nicht f&#252;r ALG II Empf&#228;ngerInnen oder prek&#228;r Besch&#228;ftigte ausgedacht wurden, sondern f&#252;r Besserverdienende und Hochqualifizierte des Mittelstandes. Unter Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird hier nicht verstanden, dass Lohnabh&#228;ngige mehr Freizeit erhalten, um sich Freunden und Freundinnen, Sport oder Spiel oder sogar zivilgesellschaftlichen Engagement zu widmen. Es geht hierbei vielmehr darum Arbeit und Leben so zu verzahnen, dass es rentabeler und produktiver wird. Pointiert l&#228;sst sich sagen, dass Staat und Kapital sich die Bev&#246;lkerungsentwicklung als Zielscheibe ausgesucht haben, um die Verwertungsbedingungen der Arbeitskraft zu optimieren und eine m&#246;glichst kosteng&#252;nstige Reproduktion einer neuen Generation von Arbeitskr&#228;ften zu gew&#228;hrleisten. Work-Life-Balance ist keine Antwort auf die sch&#246;ne neue Welt, sondern ein Teil von ihr.</p>
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