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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Kathrin Schrader</title>
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		<title>Biopolitischer Rassismus der b&#252;rgerlichen Mitte im Hamburger Stadtteil St. Georg</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Apr 2011 19:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Schrader</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[Unter der &#220;berschrift Chronik einer Woche fordert die Hansaplatz Initiative ein lebenswertes Umfeld f&#252;r Familien mit Kindern im Stadtteil Hamburg St. Georg. Der traditionell ans&#228;ssige Stra&#223;enstrich soll in ein abgelegenes Gewerbegebiet im haupts&#228;chlich f&#252;r seine industrielle Nutzung bekannten Stadtteil Rothenburgsort verlagert werden, um endlich „menschenw&#252;rdige Verh&#228;ltnisse f&#252;r alle, (…) den Schutz der Kinder“, sowie die Ansiedlung einer bunten Vielfalt von Kunst und Kultur, Einzelhandel und Gastronomie am und um den Hansaplatz zu erm&#246;glichen. Unter dem Deckmantel der bunten Vielfalt kommt hier ein biopolitischer Rassismus der b&#252;rgerlichen Mitte zum Tragen, wie er aus vielen europ&#228;ischen Gro&#223;st&#228;dten und ihrer Gentrifizierungslogik bekannt ist. Zur Durchsetzung ihrer individuellen Ziele ist der Initiative offensichtlich jede Argumentation – und sei sie noch so haltlos – recht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Unter der &#220;berschrift Chronik einer Woche (<a href="http://initiative-hansaplatz.de/index.html">http://initiative-hansaplatz.de/index.html</a>) fordert die Hansaplatz Initiative ein lebenswertes Umfeld f&#252;r Familien mit Kindern im Stadtteil Hamburg St. Georg. Der traditionell ans&#228;ssige Stra&#223;enstrich soll in ein abgelegenes Gewerbegebiet im haupts&#228;chlich f&#252;r seine industrielle Nutzung bekannten Stadtteil Rothenburgsort verlagert werden, um endlich „menschenw&#252;rdige Verh&#228;ltnisse f&#252;r alle, (…) den Schutz der Kinder“, sowie die Ansiedlung einer bunten Vielfalt von Kunst und Kultur, Einzelhandel und Gastronomie am und um den Hansaplatz zu erm&#246;glichen. Unter dem Deckmantel der bunten Vielfalt kommt hier ein biopolitischer Rassismus der b&#252;rgerlichen Mitte zum Tragen, wie er aus vielen europ&#228;ischen Gro&#223;st&#228;dten und ihrer Gentrifizierungslogik bekannt ist. Zur Durchsetzung ihrer individuellen Ziele ist der Initiative offensichtlich jede Argumentation – und sei sie noch so haltlos – recht.</strong></p>
<p>So wird in dem Artikel der Hansaplatz Initiative eine soziale Einrichtung zur Betreuung drogengebrauchender, sich prostituierender Frauen als semikriminelle Vereinigung diffamiert, die Menschenh&#228;ndlerInnen und deren ProfiteurInnen gewissenlos in die H&#228;nde spiele. „Prostitution in Verbindung mit Menschenhandel ist jedoch eine Tatsache (…). Eine bewusste Negierung dieser Tatsache gleicht einer unverantwortlichen Verschleierungstaktik. (…) Wer da wegschaut, wie es nun ragazza e.V. fordert und Teile von Politik und Gesellschaft eh praktizieren, f&#246;rdert diesen Menschenhandel.“ Die Argumentation basiert auf einer v&#246;llig falschen Interpretation der berechtigten Forderung von ExpertInnen und Professionellen, Sexarbeit nicht permanent mit dem Thema Menschenhandel zu vermischen, und st&#252;tzt sich auf Zitate, die bewusst entstellend aus dem Kontext gerissen wurden. Menschenhandel ist selbstredend ein Verbrechen. Aber der hegemoniale Menschenhandelsdiskurs, der Sexarbeit vereinnahmt, ist gef&#228;hrlich, da Sexarbeiterinnen darin immer nur als Opfer verhandelt werden und ihnen keine eigenst&#228;ndige Handlungsf&#228;higkeit zugewiesen wird. W&#252;rden die AgitatorInnen dieser Initiative genauer die Konzepte der sozialen Einrichtungen lesen, dann w&#252;ssten sie, dass es in erster Linie um Empowermentans&#228;tze f&#252;r Sexarbeiterinnen geht, um Handlungsstrategien gegen Ausbeutung und Abh&#228;ngigkeit zu entwickeln. Menschen werden nicht handlungsf&#228;hig, indem sie aus dem st&#228;dtischen Raum in Vororte oder Industriegebiete verdr&#228;ngt werden. Das ist eine Logik, die nur denen etwas bringt, die ihre sch&#246;ne neue, saubere und City-nahe Welt durch die Anwesenheit der Marginalisierten nicht gest&#246;rt wissen wollen. Die sozialen Einrichtungen weisen immer wieder darauf hin, dass das Leben von Sexarbeiterinnen hart und gef&#228;hrlich ist, weil sie in Folge der Sperrgebietsverordnung kriminalisiert werden und Repressionen ausgesetzt sind. Durch solche Ma&#223;nahmen liefert die Exekutive die Sexarbeiterinnen dem Missbrauch durch Zuh&#228;lterInnen und Freiern aus.</p>
<p>Viele Sexarbeiterinnen aber w&#252;rden ihre Arbeit gern verlassen, denn es ist, wie viele andere T&#228;tigkeiten im Kapitalismus auch, eine Form entfremdeter Arbeit; aber es existieren keine Alternativen (Ward 2007). Speziell f&#252;r Menschen, die am Existenzminimum leben, ist Sexarbeit oft die einzige M&#246;glichkeit ihr &#220;berleben zu sichern. Die &#252;bernehmen Arbeiten, die die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft als inakzeptabel ablehnen, deren Nutznie&#223;er sie aber oft sind. Deshalb verwahren sich Sexarbeiterinnen und soziale Einrichtungen gegen die Gleichsetzung von Frauenhandel und Sexarbeit. Sexarbeit ist Arbeit und eine Dienstleistung. Sie darf niemals mit einem Verbrechen und einer Menschenrechtsverletzung wie Frauenhandel gleichgesetzt werden. „Die begriffliche Vermischung verst&#228;rkt die Stigmatisierung, die dem Bereich Prostitution eingeschrieben ist; sie assoziiert Sexarbeit mit Gewalt und setzt Prostitution und Migration mit Frauenhandel gleich. Dabei wird auch vermittelt, dass einer Gruppe von Frauen zugestanden wird, in der Sexarbeit freiwillig t&#228;tig zu sein und der anderen Gruppe &#8211; Migrantinnen &#8211; nicht. Einer Migrantin wird grunds&#228;tzlich weniger Entscheidungsautonomie zugestanden (El-Nagashi 2007).“ Gleiches gilt nat&#252;rlich auch f&#252;r die Gruppe der Drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen, ihnen wird jegliche Entscheidungsautonomie abgesprochen. Gerade weil die Prostitution zwar vom b&#252;rgerlichen Milieu nachgefragt, aber nicht als legale Dienstleistung akzeptiert wird, entstehen die Bedingungen f&#252;r Ausbeutung und Menschenhandel.</p>
<p>Um ihr Ziel durchzusetzen, greift die Hansaplatz Initiative die sozialen Einrichtungen an, die erst daf&#252;r gesorgt haben, dass St. Georg ein so lebenswerter Stadtteil geworden ist, dass sich selbst die Mitglieder dieser Initiative vorstellen konnten hier zu wohnen. Die sozialen Einrichtungen und Projekte haben seit Jahren Kontakt zu den Menschen, die jetzt vertrieben werden sollen. Um diesen Vorsprung aufzuholen, m&#252;ssen die AkteurInnen der Hansaplatz Initiative das Wohl von Kindern instrumentalisieren, um die zu beschimpfen und zu vertreiben, deren Eltern oft nicht &#252;ber das finanzielle, soziale und kulturelle Kapital verf&#252;gten, ihnen Schutz und ein abgesichertes Leben zukommen zu lassen. Offensichtlich wollen sie nur ihre eigenen Kinder vor Armut, schmutzigen Jobs, Krankheiten, Deklassierung, Ausgrenzung und anderen Zumutungen des Lebens sch&#252;tzen. Ihre Kinder sollen nicht sehen, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft &#252;berfl&#252;ssig zu sein. Ihre Welt soll anders aussehen: kulturvoll, bunt und mit einer in jeder Hinsicht perspektivreichen Zukunft. Allerdings sollte das f&#252;r alle Kinder und Menschen zutreffen. Die L&#246;sung kann nicht darin bestehen, dass die, deren Schicksal an die gesellschaftliche Verantwortung erinnert, aus dem Blickfeld entfernt werden und dann so getan wird, als sei das Problem damit erledigt. Die AutorInnen des Hansaplatz-Artikels wissen offensichtlich nicht, dass sich auch diese Menschen nichts anderes w&#252;nschen, als ein normales Leben f&#252;hren zu k&#246;nnen. Sie haben nicht die M&#246;glichkeit im Internet auf ihre Situation oder die ihrer Kinder aufmerksam zu machen. Sie k&#246;nnen froh sein, wenn ihre Kinder und sie selbst &#252;berleben. Da sie keine Stimme in dieser Gesellschaft haben, sind soziale Einrichtungen oft ihr einziges Sprachrohr.</p>
<p>Jedoch will die Hansaplatz Initiative nicht h&#246;ren, was diese Menschen zu sagen haben, und soziale Einrichtungen sollen das „Elend“ unsichtbar und im Sinne der b&#252;rgerlichen Mitte verwalten. Diese rabiate und alle Formen der Fairness verletzende Vorgehensweise der Hansaplatz Initiative ist nur durch biopolitischen Rassismus zu erkl&#228;ren. Dieser hat sich mit dem Aufkommen der Bio-Macht im 19. Jahrhundert als grundlegender Mechanismus der Macht in modernen Staaten etabliert, es ist die Macht „leben zu machen oder in den Tod zu sto&#223;en (Foucault 1995: 165/ebd. 1999: 301).“ Rassismus sei ein Mittel im Bereich des Lebens, eine Z&#228;sur einzuf&#252;hren zwischen dem was Leben darf und dem was sterben muss. Schon die Unterteilung der „Rassen“ und Hierarchien festzuschreiben und bestimmte „Rassen“ abzuwerten, zeige die Macht, die dieses Feld besetzt. Die erste Funktion des Rassismus liege darin, zu fragmentieren. Es sei eine Art und Weise bestimmte Gruppen im Inneren der Bev&#246;lkerung gegeneinander auszuspielen (ebd. 1999: 301). Rassismus habe noch eine zweite Funktion, die positive Konnotation zum T&#246;ten aufzustellen: „je mehr du sterben l&#228;&#223;t, um so mehr wirst du eben deswegen leben (ebd.).“ Nach Foucault ist das keine Erfindung des Rassismus oder der modernen Staaten, sondern eine kriegerische Beziehung: Wenn Du leben willst, musst du t&#246;ten. Rassismus l&#228;sst diesen kriegerischen Typ funktionieren. „Der Tod des anderen bedeutet nicht einfach mein &#220;berleben in der Weise, da&#223; meine pers&#246;nliche Sicherheit erh&#246;ht; der Tod des Anderen, der Tod der b&#246;sen Rasse, der niederen (der degenerierten oder anormalen) Rasse wird das Leben im allgemeinen ges&#252;nder machen; ges&#252;nder und reiner. (…) Rasse, Rassismus ist die Bedingung f&#252;r die Akzeptanz des T&#246;tens in einer Normalisierungsgesellschaft (ebd., 302).“ Es handele sich nicht um eine milit&#228;rische oder politische Beziehung, sondern um eine biologische: Die zu unterdr&#252;ckenden Feinde sind nicht politische Gegner, sie sind &#228;u&#223;ere und innere Gefahren f&#252;r die Bev&#246;lkerung (ebd.).</p>
<p>Unter T&#246;tung wird nicht direkter Mord verstanden, so Foucault, „sondern auch alle Formen des indirekten Mordes: jemanden der Gefahr des Todes ausliefern, f&#252;r bestimmte Leute das Todesrisiko oder ganz einfach den politischen Tod, die Vertreibung, Abschiebung usw. zu erh&#246;hen (ebd., 302).“</p>
<p>Was tut die Hansaplatz Initiative anderes? Ihre ApologetInnen fordern die Vertreibung, Inhaftierung und Abschiebung von Menschen, die angetrieben von existentieller Not seit Jahrzehnten im Stadtteil um ihr &#220;berleben k&#228;mpfen. Die MitarbeiterInnen der sozialen Projekte wissen, wie fragil der physische und psychische Zustand dieser Menschen ist und welche existenzbedrohenden Konsequenzen derartig einschneidende Ver&#228;nderungen in der Szene nach sich ziehen. Deshalb rufen sie zu Demonstrationen auf und nehmen nicht billigend das Elend und den Tod von Mitmenschen in Kauf, nur um Kindern, deren Eltern in angesagten Stadteilen wohnen wollen, eine heile Welt vorzuspielen (siehe Plakat <a href="http://initiative-hansaplatz.de/index.html">http://initiative-hansaplatz.de/index.html</a>).</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<ul>
<li> El-Nagashi, Faika Anna (2007): Interview f&#252;r die Zeitschrift &#8220;malmoe&#8221;<br />
<a href="http://no-racism.net/article/2077">http://no-racism.net/article/2077</a></li>
<li> Foucault, Michel (1995): Der Wille zum Wissen, Frankfurt am Main.<br />
ebd.(1999): Vorlesung vom 17. M&#228;rz 1976. In ebd.: In Verteidigung einer Gesellschaft. Vorlesung am Collège de France 1975 – 76, Frankfurt am Main, 291.</li>
<li> Helen Ward (2007): Marxismus versus Moralismus.<br />
<a href="http://www.trend.infopartisan.net/trd7807/t407807.html">http://www.trend.infopartisan.net/trd7807/t407807.html</a></li>
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		<title>Das Grauen vor der Prostitution, den Drogen … den Anderen</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 12:57:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Schrader</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der deutsche Sozialstaat versuchte fr&#252;her den „Bed&#252;rftigen“ neben der Grundabsicherung ihres Lebensstandards durch Resozialisierungs- und Reintegrationsma&#223;nahmen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Mehrheit zu erm&#246;glichen. Dieser Ansatz wird heute mit dem Hinweis auf die „leeren Kassen“ und die angebliche Ineffizienz nicht mehr verfolgt und durch die &#252;bergeordnete Strategie des Gefahren- und Risikomanagements ersetzt. Im Zentrum der Aktivit&#228;ten steht jetzt die Gef&#228;hrlichkeit des Individuums. Erkennbar sind diese Tendenzen in Deutschland unter anderem an der Erh&#246;hung des Strafrahmens, der Absenkung der Strafm&#252;ndigkeit, den vereinfachten Voraussetzungen f&#252;r die U-Haft, der konsequenten Abschiebungspraxis und der Video&#252;berwachung &#246;ffentlicher Pl&#228;tze. ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Der deutsche Sozialstaat versuchte fr&#252;her den „Bed&#252;rftigen“ neben der Grundabsicherung ihres Lebensstandards durch Resozialisierungs- und Reintegrationsma&#223;nahmen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Mehrheit zu erm&#246;glichen. Dieser Ansatz wird heute mit dem Hinweis auf die „leeren Kassen“ und die angebliche Ineffizienz nicht mehr verfolgt und durch die &#252;bergeordnete Strategie des Gefahren- und Risikomanagements ersetzt. Im Zentrum der Aktivit&#228;ten steht jetzt die Gef&#228;hrlichkeit des Individuums. Erkennbar sind diese Tendenzen in Deutschland unter anderem an der Erh&#246;hung des Strafrahmens, der Absenkung der Strafm&#252;ndigkeit, den vereinfachten Voraussetzungen f&#252;r die U-Haft, der konsequenten Abschiebungspraxis und der Video&#252;berwachung &#246;ffentlicher Pl&#228;tze.</strong></p>
<p>Eine Gruppe, die im Fokus dieser Sicherheitsdispositive steht, das sind Menschen, die illegalisierte Drogen konsumieren. Drogenkonsum gilt in Deutschland nicht mehr grunds&#228;tzlich als moralisch verwerflich, da er zunehmend in der Mehrheitsgesellschaft und dort auch durch ihre Eliten praktiziert wird. Allerdings werden die Teile der Gesellschaft, die nicht verantwortlich, also nicht kontrolliert mit dem Konsum umgehen k&#246;nnen oder wollen, zu einer Risikopopulation erkl&#228;rt. Die Regulation der Risiken, welche dieser Gruppe zugeordnet werden &#8211; kombiniert mit einer dann doch oft moralisch unterf&#252;tterten Bewertung des Konsums &#8211; entscheidet &#252;ber den Zugang zu bestimmten R&#228;umen. So wurden zum Einen &#246;ffentliche R&#228;ume in Hamburg f&#252;r die Risikogruppe „der S&#252;chtigen“ geschlossen (Innenstadt, Hautbahnhof, Schanzenviertel) und zum Anderen klar umgrenzte Zug&#228;nge f&#252;r diese Gruppe (Drob Inn) oder f&#252;r spezifische Untergruppen (Frauen &#8211; ragazza e.V., minderj&#228;hrige M&#228;dchen – Cafè Sperrgebiet, Stricher &#8211; BASIS-Projekt, Stra&#223;enkinder &#8211; KIDS) er&#246;ffnet. Hier treffen die Betroffenen nur noch mit Angeh&#246;rigen der gleichen Risikogruppe zusammen. Fr&#252;her ging es in der akzeptierenden Drogenarbeit haupts&#228;chlich darum, einen weniger gesundheitssch&#228;dlichen Konsum zu erm&#246;glichen. Dieses Anliegen hat sich ge&#228;ndert, jetzt geht es in erster Linie um die Entlastung des &#246;ffentlichen Raumes durch die Schaffung eines Ortes des „Anderssein“, in dem aber gleichzeitig „die Anderen“ effizienter kontrolliert werden k&#246;nnen. Das ist &#252;brigens nicht neu, sondern erinnert an die gesellschaftliche Funktion von Bordellen. Dort kann „das Andere“ ungest&#246;rt „das Andere“ sein, aber es unterliegt in diesem Raum auch immer der Kontrolle (Schmidt-Semisch, Henning: Selber schuld. In: Krasmann, Susanne u.a. (Hg.), Gouvernementalit&#228;t der Gegenwart, 181). Der sichtbare Teil des Problems verschwindet aus der Wahrnehmung und kann so von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert und damit akzeptiert werden. Die Tr&#228;ger sozialer Einrichtungen passen sich oft gezwungenerma&#223;en, manchmal aber leider auch im Glauben an die gerade moderne Wettbewerbstheorie dieser Entwicklung, an. Die neuen Spielregeln bestimmen, dass sich nur die sozialen Einrichtungen behaupten k&#246;nnen, welche effizient die Entlastung des &#246;ffentlichen Raumes und die Kontrolle der Risikogruppe gew&#228;hrleisten.</p>
<p><strong>Wer sind „die Anderen“?</strong></p>
<p>Identit&#228;t konstruiert sich, so Stuart Hall, nur auf der Grundlage der Differenz, nur &#252;ber die Beziehung zum Anderen, in Beziehung zu dem, was sie nicht ist, zu gerade dem, was von ihr ausgelassen ist (Hall, Stuart 2004: Ideologie, Identit&#228;t, Repr&#228;sentation, Hamburg, 171). In Hamburg St. Georg sind „die Anderen“, die Nicht Gewollten, die &#220;berfl&#252;ssigen, die Anormalen – u. a. drogenkonsumierende Sexarbeiterinnen. Nach Angabe drogenkonsumierender Sexarbeiterinnen (Besucherinnen von ragazza e.V. Hamburg) belaufen sich die Kosten f&#252;r harte Drogen bei t&#228;glichem Konsum auf sch&#228;tzungsweise 100 bis 300 in Einzelf&#228;llen auch auf 500 EUR pro Tag. Wegen der hohen Kosten werden riskante Konsumformen (intraven&#246;s oder Crack) bevorzugt, um auch bei kleineren Mengen eine h&#246;here Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig entsteht ein enormer finanzieller Beschaffungsdruck. Die meisten drogengebrauchenden Frauen arbeiten im Hamburger Stadtteil St. Georg. Der Drogenstrich liegt im Sperrgebiet. Das bedeutet, dass die Frauen illegal arbeiten und ordnungswidrig handeln. Durch die Sperrgebietsverordnung werden die „Beschaffungsprostituierten“ zus&#228;tzlich kriminalisiert, da ihnen die lukrativen legalen Pl&#228;tze, die von „Profi“- Frauen genutzt werden, nicht zur Verf&#252;gung stehen. Drogengebrauchende Frauen versto&#223;en au&#223;erdem st&#228;ndig gegen das Bet&#228;ubungsmittelgesetz (BtMG) und begehen oft auch andere Straftaten (u.a. durch Dealen, das Bunkern von Drogen, Ladendiebstahl, nicht erf&#252;llte Auflagen der Staatsanwaltschaft, Erschleichung von Bef&#246;rderungsleistungen etc.).</p>
<p>Nach Sch&#228;tzungen der Polizei gehen in St. Georg ca. 450 Frauen der Stra&#223;enprostitution nach, viele von ihnen gebrauchen Drogen. Nach Angaben der Beratungs- und &#220;bernachtungsstellen in St. Georg arbeiten etwa 800 bis 1000 Frauen in der Prostitution. Sch&#228;tzungsweise 80% dieser Frauen sind Konsumentinnen von Drogen. Die Zahlen sind jedoch spekulativ, da es kein repr&#228;sentatives Zahlenmaterial gibt. Aus der Kombination von illegalisierter Prostitution und Drogenkonsum resultieren massive Folgesch&#228;den und eine psychosoziale Verelendung, was zur Folge hat, dass sich die Mehrzahl der Frauen nicht mit dieser Erwerbst&#228;tigkeit identifizieren kann. Sie profitieren nicht von den medizinischen Vorsorgeuntersuchungen und sind daher oft durch Krankheiten geschw&#228;cht. Da sie auch den Selbstschutz nicht wie die hauptberuflichen Sexarbeiterinnen organisieren k&#246;nnen, sind sie vielfach Misshandlungen und Vergewaltigungen ausgeliefert (Zurhold, Heike 1993: Drogenkarrieren von Frauen im Spiegel ihrer Lebensgeschichten, Berlin, 30/31). Drogenkonsumierende Sexarbeiterinnen sind zwar „die Anderen“, aber nicht die Einzigen, die dem Gefahren-, Risiko- oder Sicherheitsmanagement unterliegen!</p>
<p><strong>Die Rechte „Marginalisierter“ im b&#252;rgerlichen Staat, ein Widerspruch an sich?</strong></p>
<p>Junge dynamische leistungsf&#228;hige Menschen erobern „angesagte“ Stadtteile, wie St. Georg, kaufen Eigentumswohnungen und werben f&#252;r einen bunten Strau&#223; unterschiedlicher Kulturen, sexueller Orientierungen und Lebensformen. Die angepriesene Vielfalt entpuppt sich jedoch bei genauerer Analyse als ein Trugschluss. Der locker daher kommende Slogan von der Vielf&#228;ltigkeit im Stadtteil ist ein hegemonialer Diskurs der wei&#223;en finanziell potenten Mehrheitsdeutschen. So werden zwar nach jahrzehntelangen K&#228;mpfen endlich auch homosexuelle Lebensformen akzeptiert, aber umso st&#228;rker der „gewaltt&#228;tige Migrant“ zu einem neuen Feindbild stilisiert. Auch die Frauen, die seit Jahrzehnten in St. Georg arbeiten und ihre Existenz durch Sexarbeit sichern, passen nicht zu dieser scheinbaren Diversit&#228;t. Im Fokus der gesellschaftlichen &#196;chtung stehen zwar immer noch die „Junkiehuren“, jedoch f&#252;hlen sich die neuen b&#252;rgerlichen St. GeorgianerInnen eher durch die „Huren“ aus Bulgarien und Rum&#228;nien gest&#246;rt. Vor allem die m&#228;nnlichen Anwohner f&#252;hlen sich durch deren angeblich kulturell spezifisch aggressive Freieransprache bel&#228;stigt. So berichtet das PK 11, dass es bereits zu t&#228;tlichen &#220;bergriffen durch die Frauen gegen&#252;ber potentiellen Kunden gekommen sei, was aber eher in den Bereich einer modernen Stadteilsage geh&#246;rt. Um die AnwohnerInnen zu beruhigen, werden gouvernementale Regierungstechniken etabliert, die sich einen demokratischen Anstrich verleihen, indem sie vorgeben, die Stimmen aller Beteiligten aufzunehmen. F&#252;r Hamburg ist der „Runde Tisch“ mit seinen verschiedenen Arbeitsgruppen solch eine typisch gouvernementale Regierungstechnik. Hier sitzen Polizei, Wirtschaft und soziale Projekte an einem Tisch und debattieren &#252;ber die Steuerung und Regulierung der Prostitution. Obwohl die Ergebnisse noch nicht ver&#246;ffentlicht sind, kann jetzt bereits gesagt werden, dass die erarbeiteten Modelle keinesfalls den Bedarfen der betroffenen Frauen entsprechen. Es wird im Gegenteil in den meisten Bereichen zu einer Versch&#228;rfung der Situation durch weitere Repressionen gegen die Sexarbeiterinnen kommen. Das ist ein sehr trauriges Ergebnis, da Hamburg einst, verglichen mit anderen Bundesl&#228;ndern, eher eine  progressive innovative Politik auch f&#252;r „die Anderen“ unterst&#252;tzt hat. Es stellt sich ein ungutes Gef&#252;hl ein, wenn frau sich vorstellt, wo eine solche Politik endet. Wer geh&#246;rt zu einem Stadtteil, zu einer Stadt, zu einer Gesellschaft und wer nicht? Wer verf&#252;gt &#252;ber Mitsprache und wer erreicht nie die Position einer SprecherIn? Eine funktionierende Gesellschaft muss immer auch „das Andere“ tolerieren, denn heute sind „die Anderen“ in Hamburg St. Georg die „Drogenprostituierten“, die „Bulgarinnen und Rum&#228;ninnen“, oder die „gewaltt&#228;tigen Migranten“ und morgen k&#246;nnten es die „Alten“, die nicht Leistungsf&#228;higen oder erneut die nicht Heteronormativen sein.</p>
<p>Ich m&#246;chte mit einem Zitat von Jean Amèry aus dem Buch „Jenseits von Schuld und S&#252;hne“ enden, das zu denken geben sollte: „Ich war mein K&#246;rper und nichts sonst: im Hunger, im Schlag, den ich erlitt, den ich zuf&#252;gte. Mein K&#246;rper war ausgemergelt und schmutzverkrustet, war meine Misere. Mein K&#246;rper, wenn er sich zum Hieb anspannte, war meine physisch–metaphysische W&#252;rde. Die k&#246;rperliche Gewaltt&#228;tigkeit ist in Situationen wie der meinigen das einzige Mittel zur Wiederherstellung einer dislozierten Pers&#246;nlichkeit. Ich war ich als ein Schlag – f&#252;r mich selbst und f&#252;r den Gegner. Was ich sp&#228;ter in dem Buch von Frantz Fanon ‚Les damnès de la terre’ in einer Analyse des Verhaltens der Kolonialv&#246;lker theoretisch ausgef&#252;hrt gelesen hatte, nahm ich damals vorweg, als ich meine W&#252;rde sozial durch einen Faustschlage in ein Menschenantlitz verwirklichte.“</p>
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		<item>
		<title>Arbeitende Frauen vereinigt Euch!</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/solidaritaet/</link>
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		<pubDate>Sat, 21 Nov 2009 15:19:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Schrader</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Der franz&#246;sische Soziologe Michel Foucault pl&#228;diert in unterschiedlichen Texten und Gespr&#228;chen – u.a. in „Von der Freundschaft als Lebensweise“ mit Renè de Cecatty, Jean Danet und Jean Le Bitoux sowie in „Geschichte und Homosexualit&#228;t“, welches er mit J.P. Joecker, M. Querd, A. Sanzio f&#252;hrte – daf&#252;r, schwul zu werden bzw. daraufhin zu arbeiten. Es geht ihm dabei nicht darum, dass man homosexuell sein muss, sondern „ sich in eine Dimension zu versetzen, in der die sexuellen Entscheidungen, die man f&#228;llt, immer gegenw&#228;rtig sind und unser ganzes Leben beeinflussen.“ Mit diesen sexuellen Entscheidungen sollen nicht normative Lebensweisen geschaffen werden. Schwul zu sein durchdringt das gesamte Leben. Es geht ihm darum, vorgefertigte Lebensweisen abzulehnen und die Sexualit&#228;t daf&#252;r zu verwenden, neue Beziehungsformen zu erfinden. „Schwul zu sein hei&#223;t im Werden zu sein.“...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Der franz&#246;sische Soziologe Michel Foucault pl&#228;diert in unterschiedlichen Texten und Gespr&#228;chen – u.a. in „<em>Von der Freundschaft als Lebensweise</em>“ mit Renè de Cecatty, Jean Danet und Jean Le Bitoux sowie in „<em>Geschichte und Homosexualit&#228;t</em>“, welches er mit J.P. Joecker, M. Querd, A. Sanzio f&#252;hrte – daf&#252;r, schwul zu werden bzw. daraufhin zu arbeiten. Es geht ihm dabei nicht darum, dass man homosexuell sein muss, sondern „ sich in eine Dimension zu versetzen, in der die sexuellen Entscheidungen, die man f&#228;llt, immer gegenw&#228;rtig sind und unser ganzes Leben beeinflussen.“ Mit diesen sexuellen Entscheidungen sollen nicht normative Lebensweisen geschaffen werden. Schwul zu sein durchdringt das gesamte Leben. Es geht ihm darum, vorgefertigte Lebensweisen abzulehnen und die Sexualit&#228;t daf&#252;r zu verwenden, neue Beziehungsformen zu erfinden. „Schwul zu sein hei&#223;t im Werden zu sein.“</strong></p>
<p>Was meint Foucault damit? Nach meinem Verst&#228;ndnis geht es ihm darum, gegen die gesellschaftliche Normierung von Lebensstilen anzutreten. Die Aufforderung „Schwul zu werden“ soll ein Leben jenseits der hegemonialen heteronormativen Zumutungen des Alltags vorstellbar machen. Das Foucaultsche Pl&#228;doyer enth&#228;lt nicht nur einen emanzipativen Gedanken, sondern auch den Ansatz zur Solidarit&#228;t mit einer Gruppe von Menschen, die au&#223;erhalb der Mehrheitsgesellschaft steht.</p>
<p>Die Aufforderung Foucaults, solche Lebensweisen zu bevorzugen, die sich gegen den Duktus der Mehrheit wenden und Minorit&#228;ten ein-, statt ausschlie&#223;en, m&#246;chte ich erweitern und so die Arbeit und den Beruf der Prostituierten betrachten.</p>
<p>Das Gewerbe selbst wird von der Mehrheitsgesellschaft nach wie vor moralisch ge&#228;chtet und die dort T&#228;tigen sind bestenfalls als Abh&#228;ngige und Opfer oder als unmoralische Nymphomaninnen stigmatisiert, die keine Lust haben, einen anst&#228;ndigen Beruf auszu&#252;ben.</p>
<p>Prostituierte oder Sexarbeiterinnen widersetzen sich den gesellschaftlichen Normen von Treue, romantischer Liebe und Monogamie, denn allein durch ihren Beruf passen sie nicht in die Vorgaben normierter Sexualit&#228;t. Deshalb unterliegen ihr Beruf und auch ihre Sexualit&#228;t der staatlichen &#220;berwachung und der moralischen &#196;chtung.</p>
<p>Ausgehend von dem Foucaultschen Denkansatz m&#246;chte ich die oft vergessene feministische Idee der Frauensolidarit&#228;t aufgreifen und explizit die Prostituierten mit einbeziehen. Ich bin mir des essentiellen Diktums dieser Forderung durchaus bewusst und argumentiere hier f&#252;r einen strategisch emanzipativen Essentialismus und spreche deshalb von den Frauen.</p>
<p>Stellen wir uns vor, es existiere eine gesellschaftliche, ethische Vision, die es erm&#246;glicht, Frau zu sein und sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen, ohne mit Restriktionen konfrontiert oder durch normative und moralische Vorgaben geg&#228;ngelt zu werden, dann k&#246;nnten neue Beziehungsformen und Lebensweisen entdeckt und der Entsolidarisierung unter Frauen entgegengewirkt werden.</p>
<h2><strong>Warum ist Arbeit nicht gleich Arbeit?</strong></h2>
<p>Ausgehend von einer moralisch determinierten gesellschaftlichen Rangfolge in der Bewertung von Arbeit m&#246;chte ich dem konstruierten Schlusslicht der Prostituierten die ganz oben stehende, verheiratete, maximal halbtags erwerbst&#228;tige Mutter gegen&#252;berstellen.</p>
<p>Warum erscheint uns die finanziell abh&#228;ngige Mutter in ihrer Rolle per se als gl&#252;cklich und selbstbestimmt und wir stilisieren sie gar zu einem gesellschaftlichem Vorbild, w&#228;hrend uns f&#252;r Sexarbeiterinnen auf Grund ihrer Abh&#228;ngigkeit positive Leitbilder unvorstellbar erscheinen? Wenn wir Sexarbeit nicht mehr als sittenwidrig betrachten, dann ist die Abh&#228;ngigkeit von Zuh&#228;ltern, Freiern oder BordellbesitzerInnen nicht schlimmer als die von einem allein verdienenden Ehemann. Sexarbeiterinnen h&#228;tten, wenn die gesetzlichen Regelungen durchgesetzt w&#252;rden, sogar die M&#246;glichkeit einen ausreichenden Lohn f&#252;r ihre Dienstleistungen einzuklagen, w&#228;hrend die angeblich gesellschaftlich so hoch gesch&#228;tzte Arbeit einer verheirateten Mutter nur indirekt &#252;ber den Ehemann bzw. Vater ihrer Kinder entlohnt wird. Folgt sie bei der Partnerwahl den Theorien mancher neoliberaler &#214;konomen und hat sich f&#252;r einen Mann mit &#252;ppigem Gehaltszettel oder wenigstens Karrierechancen entschieden, so werden sich ihre finanziellen Abh&#228;ngigkeiten in Grenzen halten und ihre Geb&#228;rleistung wird sich mit den Jahren amortisieren. War sie aber blind vor Liebe oder hatte einfach nur Pech, dann kann ihre Abh&#228;ngigkeit, an der ja auch noch das Los der Kinder h&#228;ngt, um ein Vielfaches gr&#246;&#223;er werden als das einer Prostituierten.</p>
<p>Betroffen ob der unertr&#228;glichen Abh&#228;ngigkeit werden Ausstiegsszenarien f&#252;r Prostituierte entworfen und organisiert, um sie aus ihren „Zwangslagen“ zu befreien, damit sie dann ein „selbstbestimmtes“ Leben f&#252;hren k&#246;nnen.</p>
<p>M&#252;ssten nicht auch f&#252;r abh&#228;ngige M&#252;tter und Ehefrauen Ausstiegsprogramme geschaffen werden, statt den Ausstieg aus ihren Abh&#228;ngigkeiten ihrem Selbstmanagement und ihrer eigenen Risikobereitschaft zu &#252;berlassen?</p>
<p>Bei aller Euphorie f&#252;r die Alpham&#228;dchen oder die F-Klasse (siehe in Kritik auch <a href="http://www.feministisches-institut.de/feminismus_winker" target="_blank">Winker, Gabriele, 2007</a>, auf den Seiten des FI): M&#252;tter sind nach wie vor in den schlecht bezahlten Jobs zu finden, erledigen ein Gro&#223;teil der unbezahlten nicht gesehenen Reproduktionsarbeit und sind in den F&#252;hrungsetagen kaum pr&#228;sent. Alleinerziehende M&#252;tter sind in besonderer Weise von Armut betroffen und stellen einen signifikanten Anteil der Hartz IV-Empf&#228;ngerInnen.</p>
<p>Das haben sich die Frauen mit ihrer Entscheidung f&#252;r die Familie sicher nicht freiwillig ausgesucht. Da die Gesellschaft kaum alternative Lebensentw&#252;rfe zur b&#252;rgerlichen Kleinfamilie akzeptiert und wir nach wie vor dem heteronormativen Herren-Signifikanten unterworfen sind, entscheiden sich viele Frauen daf&#252;r, dem traditionellen Weg zu folgen, was nat&#252;rlich auch seine Vorteile hat. Geht alles gut, sind sie finanziell und damit materiell abgesichert und ihnen wird ein Teil der Sorgearbeit abgenommen. Was passiert aber, wenn das Modell nicht tr&#228;gt, die Liebe vorbei ist, der Mann doch lieber lohnarbeitet oder seine Interessen auslebt, statt sich dem M&#252;hsal der Reproduktionsarbeit zu widmen, sich um den Haushalt und die Kinder zu k&#252;mmern? Dann existieren in dieser Konstellation auf einmal sehr existentielle Zw&#228;nge f&#252;r die Mutter, die die Selbstbestimmung bis zur Unfreiheit einschr&#228;nken.</p>
<h2><strong>Arbeit aus Liebe ist ungesehene, unbezahlte Reproduktionsarbeit</strong></h2>
<p>Festzuhalten bleibt, dass sich eine Frau, wenn sie sich f&#252;r Kinder entscheidet, in vielf&#228;ltige und umfassende Abh&#228;ngigkeiten entweder vom Ehemann, vom Arbeitgeber oder von staatlicher F&#252;rsorge begibt.</p>
<p>Auch Sexarbeiterinnen befinden sich noch viel zu oft in qualitativ unterschiedlichen Abh&#228;ngigkeiten von Zuh&#228;ltern und Bordellbesitzern bzw. von den Forderungen der Freier. Damit ist ihre Situation, l&#228;sst man mal die moralische Betrachtung au&#223;en vor und vergisst die Klischees, trotzdem nicht ausbeuterischer und weniger selbstbestimmt, als das Leben einer abh&#228;ngigen Mutter. Sexarbeit ist nach dem Gesetz immerhin eine zu verg&#252;tende Dienstleistung.</p>
<p>F&#252;r Sexarbeiterinnen wird eine sozialp&#228;dagogische Maschinerie angeworfen (und das ja auch nur im Sinne einer Symbolpolitik), um sie von dieser Arbeit zu „erl&#246;sen“. Was ja auch richtig ist, wenn Sexarbeit unter Zwangs- und Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen stattfindet. Aber m&#252;sste es nicht viel eher ein gesellschaftliches Ziel sein, menschenunw&#252;rdige Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse zu beseitigen? So halten wir es ganz gut aus, dass alleinerziehende M&#252;tter mittlerweile staatlicherseits und finanziell in Arbeiten gezwungen werden, die weder ihren Qualifikationen noch ansatzweise ihren Lebensentw&#252;rfen entsprechen.</p>
<p>Wir sollten es wagen, radikale Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft zu stellen, die Verantwortung f&#252;r alle ihre Mitglieder, dazu z&#228;hlen auch die nicht intelligiblen, verworfenen, gef&#228;hrdeten und deklassierten Leben zu &#252;bernehmen, ohne dabei Entscheidungen &#252;ber die K&#246;pfe der „Anderen“ hinweg zu treffen, nur weil deren Lebensstile aktuell nicht passen oder nicht en vogue sind.</p>
<p>Verantwortung hie&#223;e dann auch, akzeptable Qualifikationsangebote f&#252;r M&#252;tter, Sexarbeiterinnen, Reinigungskr&#228;fte etc. zu schaffen und nicht Scheinqualifikationen in N&#228;h- oder Computerkursen anzubieten, f&#252;r die es innerhalb eines von kapitalistischen Paradigmen durchoptimierten Marktes keine Nachfrage gibt.</p>
<p>Die Ehefrau eines gut verdienenden, toleranten Gatten hat die M&#246;glichkeit ihren oft durch moralische und b&#252;rgerliche Zw&#228;nge gepr&#228;gten Alltag aufzulockern, indem sie Mal-, Schreib-, Yoga-, Tanz- und Ayurvedakurse besucht. Oft kann sie ihre finanziell gesicherte Situation auch nutzen, um zu studieren und gesellschaftlich anerkannte Abschl&#252;sse und Qualifikationen zu erlangen. Ihr ist es dann freigestellt, ob sie die neuen F&#228;higkeiten nutzt, um ein Taschengeld hinzuzuverdienen. Sie kann sich auch mit Leib und Seele in die Waldorf- oder Privatschule ihrer Kinder einbringen und hier in unserer Gesellschaft ein anerkanntes Ehrenamt &#252;bernehmen. Aber ist das nicht auch ein St&#252;ck erkaufte Freiheit? Kann es nicht auch als erarbeitete Autonomie betrachtet werden, wenn sich Prostituierte von ihrem Lohn ihren Urlaubs-, Auto-, Ausbildungswunsch erf&#252;llen oder mit dem Verdienst ihre Familie ern&#228;hren oder sich Drogen kaufen, um ihren sonst tristen Alltag ertr&#228;glicher zu gestalten? Warum avanciert eine solche Frau nicht viel eher zu einer starken selbstbestimmten Figur, sondern bleibt in den gesellschaftlichen Bildern immer ein armes, abh&#228;ngiges, ausgebeutetes und moralisch verwerfliches Opfer?</p>
<p>Allerdings m&#246;chte ich nicht so verstanden werden, dass ich davon ausgehe, dass es in der Prostitution keine massive Ausbeutung g&#228;be. Es gibt sie – oft auch in extremer Form – und sie muss thematisiert und bek&#228;mpft werden. Nur darf dabei nie vergessen werden, dass Ausbeutungs- und Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse nicht durch moralische Positionen bez&#252;glich der T&#228;tigkeit zu beseitigen sind. Wir bek&#228;mpfen ja auch nicht das Berufsbild einer Hausarbeiterin oder eines Kinderm&#228;dchens, nur weil gerade in diesem Bereich oft Ausbeutungs- und Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse herrschen, die den schlechten Arbeitsbedingungen von Prostituierten oft in nichts nachstehen. Durch die Bresche, die mit moralischen Argumenten in die Mauer der Autonomie geschlagen wird, dringt der Gesetzgeber im vermeintlichen Auftrag der schweigenden Mehrheit ein und erzeugt in diesem moralisch legitimierten Kampf oft erst die Probleme, die er zu beseitigen vorgibt. So ist zum Beispiel die Rechtlosigkeit von Prostituierten ein Kollateralschaden moralisch legitimierter Verbote und Bestimmungen. Ausbeutungs- und Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse finden wir aber auch in vielen Partnerschaften und Ehen.</p>
<p>K&#228;mpfen gegen schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen hei&#223;t in erster Linie, Menschen das Handwerkszeug, die M&#246;glichkeit zu liefern, um sich aus Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnissen zu befreien und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Das setzt aber eine umfassende gesellschaftliche Solidarit&#228;t voraus und erfordert die Bereitschaft situative partielle Affinit&#228;ten zu bilden, die immer auch das Andere, das Ausgeschlossene mitdenken. Deshalb sollten sich arbeitende Frauen, egal welcher Profession, ob Altenpflegerin, Mutter, Sexarbeiterin, Professorin, Verk&#228;uferin … vereinigen und sich gegen jegliche Ausbeutungsverh&#228;ltnisse solidarisieren oder anders gesagt &#8211; durch eine symbolische Aneignung im Sinne von Foucault &#8211; Prostituierte werden!</p>
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		<title>Ein Pl&#228;doyer f&#252;r die Achtung von Alterit&#228;t und Destigmatisierung in der Sexarbeit</title>
		<link>http://www.feministisches-institut.de/sexarbeit/</link>
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		<pubDate>Wed, 04 Apr 2007 10:45:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Schrader</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Prostitution ist in Deutschland - trotz gesellschaftlicher Umbr&#252;che - auch weiterhin mit Stigmata behaftet. Diese klandestine Welt scheint reizvoll und hinterfragt gleichzeitig die Tabus im Umgang mit Sexualit&#228;t und K&#246;rper. Die Einf&#252;hrung des Prostitutionsgesetzes im Januar 2002 sollte die Situation der SexarbeiterInnen verbessern. Bislang wurden jedoch keine gro&#223;en Erfolge verzeichnet, weil einerseits die dichotomen Gegen&#252;berstellungen von Selbstbestimmung, Freiwilligkeit, positiver und negativer Freiheit versus Abh&#228;ngigkeit, Zwang und sexuelle Ausbeutung der Komplexit&#228;t von Prostitution nicht gerecht werden und andererseits die Verschr&#228;nkungen verschiedener Gesetzgebungen zu neuer Marginalisierung f&#252;hrt. Es ist erforderlich die Heterogenit&#228;t der Sexarbeit aufzuzeigen und auch die Marginalisierten entlang der Achse des Prostitutionsgesetzes sichtbar zu machen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Prostitution ist in Deutschland &#8211; trotz gesellschaftlicher Umbr&#252;che &#8211; auch weiterhin mit Stigmata behaftet. Diese klandestine Welt scheint reizvoll und hinterfragt gleichzeitig die Tabus im Umgang mit Sexualit&#228;t und K&#246;rper. Die Einf&#252;hrung des Prostitutionsgesetzes im Januar 2002 sollte die Situation der SexarbeiterInnen verbessern. Bislang wurden jedoch keine gro&#223;en Erfolge verzeichnet, weil einerseits die dichotomen Gegen&#252;berstellungen von Selbstbestimmung, Freiwilligkeit, positiver und negativer Freiheit versus Abh&#228;ngigkeit, Zwang und sexuelle Ausbeutung der Komplexit&#228;t von Prostitution nicht gerecht werden und andererseits die Verschr&#228;nkungen verschiedener Gesetzgebungen zu neuer Marginalisierung f&#252;hrt. Es ist erforderlich die Heterogenit&#228;t der Sexarbeit aufzuzeigen und auch die Marginalisierten entlang der Achse des Prostitutionsgesetzes sichtbar zu machen.</strong></p>
<p>&#8220;Das Stigma der Hure trennt uns Frauen in gute und schlechte Frauen. Dieses Stigma ist eine S&#228;ule der patriarchalen              Ideologie. Es ist notwendig, das Konzept der Prostitution &#8211; in dem dieses Stigma bereits festgeschrieben ist &#8211; zu              dekonstruieren.&#8221; Maria Cristina Boidi, Philosophin, Koordinatorin LEF&#214;, &#214;sterreich</p>
<p>Seit dem 1. Januar 2002 gibt es in Deutschland ein Gesetz zur Regelung der Rechtsverh&#228;ltnisse der Prostituierten (<a title="ProstitutionsGesetzt als PDF" href="http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/prostg/gesamt.pdf">ProstG</a>). Prostitution ist danach nicht mehr sittenwidrig. Ein Ziel dieses Gesetzes ist es, durch rechtlich abgesicherte Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse den Prostituierten einen Zugang zu den Sozialversicherungssystemen zu erm&#246;glichen und die Lebenssituation von Prostituierten generell zu verbessern.</p>
<p>Das Gesetz  wurde bereits evaluiert und die <a title="Bericht &#252;ber die Auswirkungen als PDF" href="http://www.auswirkungen-prostitutionsgesetz.de/Bericht_Auswirkungen_ProstG_Jan07.pdf">Ergebnisse</a> zeigen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen f&#252;r die Einf&#252;hrung sozialversicherungspflichtiger T&#228;tigkeit kaum genutzt werden. Eine Verbesserung der  Arbeitsbedingungen konnte ebenfalls nicht beobachtet werden.</p>
<p>Diese Sachlage ist u.a. auf die fehlenden Durchf&#252;hrungsbestimmungen zum ProstG zur&#252;ckzuf&#252;hren. Daraus resultiert eine Rechtsunsicherheit auf Seiten der SexarbeiterInnen, der BordellbetreiberInnen und der Beh&#246;rden, in deren Folge es z.B. zu Willk&#252;rakten mancher Finanz&#228;mter, bei der H&#246;he der steuerlichen Nachveranlagung kommt. In einigen Bundesl&#228;ndern m&#252;ssen SexarbeiterInnen, die ihr Gewerbe anmelden wollen, mit einer r&#252;ckwirkenden &#220;berpr&#252;fung ihrer Angaben und einer Anklage wegen Steuerhinterziehung rechnen. Au&#223;erdem gibt es bereits erste Forderungen an BordellbetreiberInnen eine Vorsteuer pro SexarbeiterIn in H&#246;he von 25€ pro Tag einzutreiben.</p>
<p>Gleichzeitig wird ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit im sogenannten &#8220;illegalen&#8221; Bereich durch SexarbeiterInnen ohne g&#252;ltige Aufenthaltserlaubnis oder Beschaffungsprostituierte geleistet, deren Lebenssituation viel st&#228;rker durch andere, nicht ge&#228;nderte Gesetze bestimmt wird.</p>
<p>So ist zum Beispiel die Sperrgebietsverordnung in vielen deutschen St&#228;dten noch immer eine g&#228;ngige Praxis. Diese beruht auf dem besonders eklatanten Widerspruch, dass mit dem ProstG die Sittenwidrigkeit der Prostitution abgeschafft wurde, gleichzeitig jedoch im Einf&#252;hrungsgesetz zum Strafgesetzbuch (EGStGB) der Artikel 297 &#8220;Verbot der Prostitution&#8221; g&#252;ltig bleibt, der besagt: &#8220;Die Landesregierung kann zum Schutz der Jugend oder des &#246;ffentlichen Anstandes &#8230; durch Rechtsverordnung verbieten, der Prostitution nachzugehen&#8221; (<a href="http://www.buzer.de/gesetz/5387/a74190.htm">http://www.buzer.de/gesetz/5387/a74190.htm</a>).</p>
<p>Hier wird also den Landesregierungen erlaubt, das Aus&#252;ben einer &#8211; aus Sicht der Bundesregierung &#8211; legalen, nicht sittenwidrigen Besch&#228;ftigung, mit Verweis auf den Anstand, zu verbieten und die Prostitution so wieder zu illegalisieren.</p>
<p>Real dient ein Sperrgebiet nur denen, die Arbeitspl&#228;tze im Sperrgebiet oder in den Toleranzzonen anbieten und ist somit ein Instrument, das  Abh&#228;ngigkeiten schafft.</p>
<p>Von den Strafverfolgungsbeh&#246;rden wird die Sperrgebietsverordnung au&#223;erdem benutzt, um diese Gebiete zu kontrollieren und mit Razzien gegen das &#8220;organisierte Verbrechen&#8221; vorzugehen.</p>
<p>Die Konsequenzen dieser Vereinfachung polizeilicher Ermittlungsarbeit haben die SexarbeiterInnen ohne regul&#228;ren Aufenthaltsstatus zu tragen. Werden sie w&#228;hrend einer Razzia aufgegriffen, droht ihnen zwangsl&#228;ufig eine schnelle Abschiebung, wenn ihre Aussage nicht in einem Prozess ben&#246;tigt wird.</p>
<p>Der gegenw&#228;rtige Diskurs um Frauenhandel in Deutschland hat die finnische Rechtssprechung zum Vorbild und diskutiert auch die M&#246;glichkeit einer Umsetzung in Deutschland. Nach diesem Modell sollen auch die Freier von gehandelten und unter Zwang arbeitenden Frauen bestraft werden.</p>
<p>Die rechtliche Definition von &#8220;Zwang&#8221; und &#8220;Freiwilligkeit&#8221; f&#252;hrt jedoch automatisch zur Viktimisierung von MigrantInnen in der Sexarbeit. Au&#223;erdem setzen sich zwangsl&#228;ufig alle Freier von MigrantInnen dem Verdacht aus, eine Straftat zu begehen, was wiederum Rassismus reproduziert.</p>
<p>MigrantInnen, die ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland als SexarbeiterInnen arbeiten wollen, geraten automatisch in Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse, weil sie generell Strukturen vorfinden, die ihnen keinerlei rechtlichen Schutz bieten.</p>
<p>Dies gilt in etwas anderen Formen auch f&#252;r Beschaffungsprostituierte, sie arbeiten ebenfalls h&#228;ufig im Sperrgebiet und versto&#223;en durch ihren Drogenkonsum obendrein gegen das Bet&#228;ubungsmittelgesetz (BtMG). Diese Kriminalisierung verhindert, dass sie ihre Arbeitssituation auf Grundlage des ProstG verbessern k&#246;nnen. Gleichzeitig fehlen ihnen wichtige Stimmen in der gesellschaftlichen Diskussion, weil sie von vielen WissenschaftlerInnen und Sozialp&#228;dagogInnen nicht als Prostituierte gesehen werden, da f&#252;r sie die Finanzierung ihrer Sucht im Vordergrund st&#252;nde und sie es nur selten schafften, eine professionelle Distanz zu ihrer prostitutiven T&#228;tigkeit aufzubauen (Vgl. Br&#252;ckner/Oppenheimer, 2006, S. 12, 24).</p>
<p>Die Beispiele zeigen, wie komplex der Bereich der Prostitution ist.</p>
<p>Das ProstG inkludiert nur diejenigen, die &#252;ber das n&#246;tige soziale, &#246;konomische und kulturelle Kapital verf&#252;gen, um an der geschaffenen Rechtslage zu partizipieren. Damit wird ein wichtiger Teil des Sexmarktes durch die angestrebten Verbesserungen gar nicht erreicht.</p>
<p>Die schrittweise Umsetzung der Gesetzgebung wird von der  Forderung nach &#8220;Ausstieg&#8221; begleitet, da viele gesellschaftliche Vertreter meinen, dass Prostitution kein Beruf wie jeder andere sei (<a href="http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=93274.html">BMFSJ Pressemitteilung</a>).</p>
<p>Angesichts restriktiver HARTZ IV &#8211; Gesetzgebungen, der Diskussion um Mindestl&#246;hne und der Zunahme prek&#228;rer Arbeitsverh&#228;ltnisse stellt sich die Frage, wohin der Ausstieg erfolgen soll und welche Perspektiven sich denn &#8220;AussteigerInnen&#8221; bieten? Die Realit&#228;t in der Prostitution sieht au&#223;erdem v&#246;llig anders aus. Statt auszusteigen, dr&#228;ngen immer mehr Menschen aus Armuts- und &#220;berlebensgr&#252;nden in den Sexmarkt. Es zeigt sich, dass auch in prek&#228;ren Lebenssituationen die Abgrenzung zwischen &#8220;Freiwilligkeit&#8221; und &#8220;Zwang&#8221; in der Sexarbeit mehr als ein Definitionsproblem ist.</p>
<p>Viele Menschen haben in bestimmten Situationen nur noch eingeschr&#228;nkte Wahlm&#246;glichkeiten und entscheiden sich unter diesen Umst&#228;nden f&#252;r eine &#220;berlebensstrategie, die sie in anderen Situationen nicht w&#228;hlen w&#252;rden. Eine davon kann eben auch Sexarbeit sein. Statt die &#8220;Hilfsaktivit&#228;ten&#8221; immer nur auf den &#8220;Ausstieg&#8221; zu fokussieren, sollten rechtliche, soziale und &#246;konomische Strukturen geschaffen werden, die die Menschen st&#228;rken, ihnen Handlungsm&#246;glichkeiten geben und somit Abh&#228;ngigkeiten vermindern.</p>
<p>Es ist sehr schwer, den Opferdiskursen entgegen zu wirken und differenzierte Bilder zu vermitteln. F&#252;r sichtbares menschliches Leid werden bereitwillig Gelder gespendet, f&#252;r selbstbewusst handelnde Subjekte nicht. Mit medialen Bildern k&#246;nnen starke Identifizierungen hervorgerufen werden. Wenn Betroffene es schaffen, durch medienwirksame Bilder eine &#214;ffentlichkeit f&#252;r sich herzustellen, so wird ihnen der Status des Mitmenschen zugestanden. In der Folge k&#246;nnten sie Rechte einklagen, die nicht nur individuell g&#252;ltig sind, sondern die Gruppe betreffen.</p>
<p>Die Selbstorganisation von SexarbeiterInnen in Deutschland hat schon sehr viel erreicht, aber es ist schwierig, Strategien des Empowerment in den marginalisierten Bereichen der Sexarbeit zu etablieren, denn dort ist die Situation aufgrund der Gesetzgebung im Ausl&#228;nderrecht und im Strafrecht sowie aufgrund des strukturellen Rassismus bei &#196;mtern und Beh&#246;rden sehr kompliziert. SexarbeiterInnen sind nicht per se Opfer, sie sind in ihrer spezifischen Arbeitssituation nur vulnerabler als andere. Dies gilt insbesondere f&#252;r Beschaffungsprostituierte und SexarbeiterInnen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus. Auf Basis eines gesellschaftlichen Konsens muss gegen die Stigmatisierung von Sexarbeit angek&#228;mpft werden, indem die Bedingungen, die Menschen verletzbarer machen, aufgezeigt, hinterfragt und gegeben falls abgelehnt werden (vgl. Butler, 2005, S. 47).</p>
<p>Deshalb reicht eine Legalisierung und Regulierung der Prostitution allein nicht aus. Sie muss von erg&#228;nzenden &#196;nderungen im Ausl&#228;nderrecht, sowie im Strafrecht bez&#252;glich der Sperrgebietsverordnung und des BtMG flankiert werden.</p>
<p>Gleichzeitig sollte auch in der gesellschaftlichen Diskussion &#252;ber die scheinbare Gewissheit der eigenen Identit&#228;t und den daraus resultierenden Zuweisungen an &#8220;die Anderen&#8221; nachgedacht werden, was eben auch bedeutet, sich die patriarchalen Strukturen, die dem Konzept der Prostitution zu Grunde liegen, bewusst zu machen.</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul>
<li>Br&#252;ckner; Margit/Oppenheimer, Christa: Lebenssituation Prostitution. Ulrike Helmer Verlag, K&#246;nigstein/Taunus, 2006.</li>
<li>Butler, Judith: Gef&#228;hrdetes Leben. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.</li>
</ul>
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