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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Kathrin Ganz</title>
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		<title>Netzpolitik und soziale Gerechtigkeit. Ein queer-feministisch-intersektional inspirierter Blick auf die Themen der digitalen B&#252;rgerrechtsbewegung</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 21:02:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Ganz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Technologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Netzpolitische Themen wie die Vorratsdatenspeicherung oder Internetsperren haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Mobilisierungsf&#228;higkeit bewiesen. Dies hat nicht zuletzt der Achtungserfolg der Piratenpartei bei der letzten Bundestagswahl gezeigt. Die Debatten um staatliche und privatwirtschaftliche Eingriffe in das Internet und den Schutz der Privatsph&#228;re im digitalen Zeitalter werden in der &#214;ffentlichkeit als Themen wahrgenommen, mit denen sich vor allem technisch versierte und meist m&#228;nnliche Internetnutzer_innen besch&#228;ftigen. Anhand des Themas Netzneutralit&#228;t und zwei Beispielen aus dem Bereich Datenschutz m&#246;chte ich zeigen, was Netzpolitik aus einer queer-feministisch-intersektionalen Sicht bedeutet, die vielf&#228;ltigen sozialen Positionierungen entlang komplexer Verh&#228;ltnisse sozialer Ungleichheit Rechnung tr&#228;gt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Netzpolitische Themen wie die Vorratsdatenspeicherung oder Internetsperren haben in den letzten Jahren eine erstaunliche Mobilisierungsf&#228;higkeit bewiesen. Dies hat nicht zuletzt der Achtungserfolg der Piratenpartei bei der letzten Bundestagswahl gezeigt. Die Debatten um staatliche und privatwirtschaftliche Eingriffe in das Internet und den Schutz der Privatsph&#228;re im digitalen Zeitalter werden in der &#214;ffentlichkeit als Themen wahrgenommen, mit denen sich vor allem technisch versierte und meist m&#228;nnliche Internetnutzer_innen besch&#228;ftigen. Anhand des Themas Netzneutralit&#228;t und zwei Beispielen aus dem Bereich Datenschutz m&#246;chte ich zeigen, was Netzpolitik aus einer queer-feministisch-intersektionalen Sicht bedeutet, die vielf&#228;ltigen sozialen Positionierungen entlang komplexer Verh&#228;ltnisse sozialer Ungleichheit Rechnung tr&#228;gt.</strong></p>
<p>Mit dem Begriff Netzpolitik bezeichne ich das Politikfeld der Regulierung digitaler Kommunikation. Drei wichtige Themen in diesem Zusammenhang sind derzeit die Vorratsdatenspeicherung, das Zugangserschwerungsgesetz und Netzneutralit&#228;t. Die Verfassungsm&#228;&#223;igkeit der Vorratsdatenspeicherung wird derzeit in Karlsruhe vom Bundesverfassungsgericht &#252;berpr&#252;ft. Das Urteil Aufzeichnung und Auswertung von Verbindungsdaten elektronischer Kommunikation via Internet und Mobilfunk wird f&#252;r den 2. M&#228;rz 2010 mit Spannung erwartet. Das Zugangserschwerungsgesetz, mit dem Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten per Stoppschild unsichtbar gemacht werden sollten, wurde zum Ende der letzten Legislaturperiode vom Bundestag verabschiedet. Obschon seine Umsetzung von der schwarz-gelben Regierungskoalition zun&#228;chst ausgesetzt wurde, trat es am 23. Februar 2010 in Kraft. Bei der Anh&#246;rung &#252;ber die Petition gegen das Gesetz zur Zugangserschwerung vor dem Petitionsausschuss des Bundestages zeigte sich jedoch erneut, dass diesem nicht nur die 135 000 Unterzeichner_innen der Petition, vertreten durch die Initiatorin der Petition, Franziska Heine, sondern auch alle im Bundestag vertretenen Parteien mittlerweile kritisch gegen&#252;ber stehen. Neben verfassungsrechtlichen Bedenken gegen&#252;ber dem Gesetz wird argumentiert, dass Internetsperren technisch leicht zu umgehen sind. Dar&#252;ber hinaus ist der Aufbau einer demokratisch nicht kontrollierbaren Zensurinfrastruktur zu bef&#252;rchten. Nun bleibt abzuwarten, ob die Regierungskoalition wie angek&#252;ndigt ein „L&#246;schgesetz“ vorlegt und ob der Bundestag das Zugangserschwerungsgesetz aufheben wird. Die Vorratsdatenspeicherung und das Zugangserschwerungsgesetz zeigen deutlich, wie umk&#228;mpft netzpolitische Themen in Deutschland zurzeit sind und welche Handlungsmacht die „digitale B&#252;rgerrechtsbewegung“ hat. Die geplante &#196;nderung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages wird voraussichtlich das n&#228;chste Konfliktfeld dieser Art.</p>
<p>W&#228;hrend sich diese Debatten jeweils an bundesdeutschen Gesetzesinitiativen entsponnen haben, ist Netzneutralit&#228;t ein Thema, dass in den letzten Monaten vor allem auf EU-Ebene verhandelt worden ist. Netzneutralit&#228;t bedeutet, dass Internetprovider Datenpakete unabh&#228;ngig davon, woher diese stammen, welche Anwendungen sie generiert haben und welche Inhalte sie transportieren unver&#228;ndert und gleichberechtigt &#252;bertragen. Vergleichbar mit der Briefpost, bei der alle Briefe mit der gleichen Geschwindigkeit bei der Empf&#228;ngerin ankommen sollten, bedeutet Netzneutralit&#228;t also, dass Internetprovider beim &#220;bermitteln von Daten neutral bleiben. Im Sinne der Profitmaximierung haben Telekommunikationsunternehmen jedoch ein wirtschaftliches Interesse daran bestimmten Daten bevorzugte &#220;bertragung zu gew&#228;hren und die &#220;bertragung von Daten zu verhindern, obwohl dies technisch ohne weiteres m&#246;glich ist. Beispielsweise schlie&#223;en viele Mobilfunkprovider es aus, mit internetf&#228;higen Handys &#252;ber Dienste wie Skype zu telefonieren, um die Telefongeb&#252;hren zu umgehen. Provider k&#246;nnten aber auch bestimmten Serviceanbietern vertraglich zusichern, deren Inhalte zuk&#252;nftig schneller oder gar exklusiv ihren Kund_innen zur Verf&#252;gung zu stellen, w&#228;hrend andere Seiten nicht mehr oder langsamer erreichbar sind. So lie&#223;en sich differenziertere Angebote zusammenstellen. Denkbar w&#228;re beispielsweise ein Internetzugang &#8220;basic&#8221;, der f&#252;r wenig Geld nur ausgew&#228;hlte Services wie Shoppingportale und die Seiten gro&#223;er Medienkonzerne bietet, w&#228;hrend f&#252;r das ganze Internet und die Nutzung von Protokollen aller Art monatlich viel Geld hingebl&#228;ttert werden muss. Im vergangenen Jahr wurde auf EU-Ebene das Telekom-Paket zur Schaffung einer europ&#228;ischen Telekommunikationsrahmengesetzgebung verabschiedet. In der ersten Lesung hatte sich das EU-Parlament noch f&#252;r klare Regeln zur Netzneutralit&#228;t ausgesprochen. In der schlie&#223;lich verabschiedeten Version jedoch einigte man sich darauf, Netzneutralit&#228;t hier nicht normativ festzuschreiben.</p>
<p>Wenn sich Provider zunehmend nicht mehr als Mittler_innen, sondern Gestalter_innen des Internets sehen, die aus kommerziellen oder politischen Interessen in die Inhalte eingreifen, hat das weitreichende Konsequenzen die freie Meinungs&#228;u&#223;erung im Netz. Es gibt unz&#228;hlige Seiten, Weblogs, Foren, Mailinglisten und Podcasts, die von Menschen aus unterschiedlichen marginalisierten Positionen heraus betrieben werden. Diese Tools dienen zur Vernetzung und politischen Organisation im Kampf gegen Unterdr&#252;ckung und Ausgrenzung und werden durch Eingriffe in die Netzneutralit&#228;t gef&#228;hrdet. Denn wer garantiert, dass ein &#8220;basic&#8221; Angebot auch das rassismuskritsche Weblog oder den feministischen Podcast beinhaltet? Wer kann sich in diesem Szenario einen Internetzugang leisten, der nicht nur zahlungskr&#228;ftige Mainstreammedien und Shoppingportale umfasst?</p>
<p>Der Traum von einem globalen virtuellen Raum, in dem Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse keine Rolle spielen, ist wahrscheinlich unerreichbar. Im Sinne der von Jacques Derrida formulierten Demokratie &#8220;à venir&#8221;, die stets im Kommen ist, w&#228;re es trotzdem ein Fehler, diese mit dem Internet verbundenen Hoffnungen zu verwerfen und den Profitinteressen der Telekommunikationsindustrie nachzugeben. Netzpolitik ist mit ihren verschiedenen nationalen und internationalen Ebenen und Akteur_innen ein sehr vielschichtiger und manchmal un&#252;bersichtlicher Politikbereich. Aus queer-feministisch-intersektionaler Perspektive halte ich es f&#252;r n&#246;tig, die meist technisch oder aber abstrakt-b&#252;rgerrechtlich formulierten Problemstellungen der Netzpolitik auf Fragen sozialer Gerechtigkeit hin zu untersuchen und sich nicht dem Gef&#252;hl der Paranoia gegen&#252;ber technischer &#220;berwachung und Machtlosigkeit hinzugeben. Das bedeutet, sich immer wieder zu fragen, was technische und politische Entwicklungen rund um das Internet f&#252;r Menschen bedeuten, die gesellschaftlich marginalisiert sind und vor diesem Hintergrund zum Teil spezifische Erfahrungen und soziale Praxen entwickeln. Zwei weitere Beispiele aus dem Bereich Datenschutz sollen dies verdeutlichen.</p>
<p>Die Website Netzpolitik.org machte vor einiger Zeit auf ein <a href="http://www.netzpolitik.org/2009/datenleck-bei-der-berliner-online-gewerbeauskunft/">Datenleck in Berlin</a> aufmerksam. Das online einsehbare Handelsregister der Stadt konnte nach Branchen sortiert ausgegeben werden. Dies wirkt auf den ersten Blick unproblematisch, doch dadurch konnten Interessierte mit grundlegenden Datenbankkenntnissen eine Liste mit allen als Gewerbe angemeldeten Sexarbeiter_innen generieren. Sexarbeit ist gesellschaftlich noch immer tabuisiert, so dass in diesem Bereich vermutlich von einem gr&#246;&#223;eren Bed&#252;rfnis nach Datenschutz ausgegangen werden muss als beispielsweise bei Handwerksbetrieben. Entsprechend m&#252;ssen solche eGovernmentprojekte mit Blick Diskriminierung und gesellschaftliche Machtverh&#228;ltnisse kritisch beobachtet werden.</p>
<p>Ein viel diskutiertes Thema ist der Schutz der Privatsph&#228;re auf Sozialen Netzwerken wie StudiVZ, „Wer kennt wen?“ oder Facebook. F&#252;r gew&#246;hnlich haben Nutzer_innen auf diesen Seiten die M&#246;glichkeit, innerhalb des von den Seitenbetreiber_innen vorgegeben Rahmen einzustellen, f&#252;r wen welche Daten und Fotos sichtbar sein sollen. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch, welche Einstellungen von Betreiber_innen voreingestellt sind. Was passiert also, wenn ich mich um nichts k&#252;mmere? Eine <a href="http://blogs.law.harvard.edu/niftyc/archives/192">Studie</a> &#252;ber die Umgangsweisen von Nutzer_innen mit den Voreinstellungen von Routern zeigt, dass wohlhabende, gut ausgebildete und &#252;ber Zeit bzw. die M&#246;glichkeit, sich professionelle Hilfe zu leisten verf&#252;gende Menschen h&#228;ufiger von der M&#246;glichkeit profitieren, die Einstellungen an ihren Ger&#228;ten zugunsten eines verbesserten Schutzes ihrer Privatsph&#228;re zu ver&#228;ndern. Enger gefasste Privacy(vor)einstellungen, wie von Datensch&#252;tzer_innen gefordert, vorzuschreiben, w&#252;rde es auch Nutzer_innen ohne entsprechende Ressourcen erm&#246;glichen, ihre Daten vor ungewollten Zugriffen durch andere Nutzer_innen oder Unternehmen zu sch&#252;tzen.</p>
<p>Das Internet ist Gegenstand sozialer und politisch umk&#228;mpfter Gestaltungsprozesse, in den sich zunehmend Menschen einmischen, die das Netz in seiner heutigen Form als Teil ihres Lebensraums verstehen. Die Netzbewegung interveniert gegen staatliche Regulationen, hinter denen sicherheitspolitische &#220;berlegungen ebenso wie privatwirtschaftliche Interessen stehen. Als im September 2009 in Berlin rund 20 000 Menschen unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ demonstrierten, zeigte sich, wie heterogen diese Bewegung ist. Selbstverst&#228;ndlich waren Gruppen wie der Chaos Computer Club und die Arbeitskreise Vorratsdatenspeicherung und Zensur vertreten. Neben unz&#228;hliger Pirat_innen reichte das parteipolitische Spektrum von der Linken &#252;ber die Gr&#252;nen bis hin zur Liberalen Jugend, die mit ihren Polohemden nur wenige Demonstrationsbl&#246;cke hinter den in Schwarz gekleideten antikapitalistischen, autonomen Gruppen liefen. Berufsverb&#228;nde und Gewerkschaften hatten ebenso zum Protest gegen die Beschneidung von B&#252;rgerrechten im Zuge von staatlichen und privatwirtschaftlichen Sicherheitspolitiken aufgefordert wie PRO ASYL, der Berliner Fl&#252;chtlingsrat, der LSVD und die Deutsche AIDS Hilfe. Auch Trotz Allem e.V., eine Beratungsstelle f&#252;r Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, findet sich auf der Liste der Unterst&#252;tzer_innen. Sie hatte bereits in der Auseinandersetzung um Internetsperren Position gegen den Aufbau einer Zensurinfrastruktur eingenommen. In den aktuellen netz- und sicherheitspolitischen Diskursen verbindet bereits eine Reihe von Organisationen die b&#252;rgerrechtliche Perspektive mit den Interessen spezifisch positionierter, gesellschaftlich minorisierter Gruppen. Aus queer-feministisch-intersektionaler Perspektive halte ich es f&#252;r entscheidend, dass gesellschaftliche Herrschaftsverh&#228;ltnisse, wie sie sich beispielsweise entlang von Rassialisierung, der Kategorie K&#246;rper, Klassen und der heterosexuellen Geschlechterordnung reproduzieren, nicht v&#246;llig hinter der Figur des um „seine“ Rechte k&#228;mpfenden „B&#252;rgers“ verschwinden, damit Fragen sozialer Gerechtigkeit in netzpolitischen Debatten verhandelt werden k&#246;nnen.</p>
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		<title>Familienpolitik: Welche Formen von Elternschaft sind erw&#252;nscht?</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jan 2009 19:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kathrin Ganz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die deutsche Familienpolitik und die ihr zugrunde liegenden Konzepte von Mutterschaft und Vaterschaft galten lange Zeit als besonders der Tradition verschrieben und r&#252;ckst&#228;ndig. &#220;berraschenderweise brachte ausgerechnet die Familienpolitik der Gro&#223;en Koalition eine familienpolitische Wende. Sie wird nicht nur in der medialen &#214;ffentlichkeit als Erfolg verbucht, sondern gilt trotz berechtigter Kritik auch aus feministischer Sicht als Schritt in die richtige Richtung. W&#228;hrend auf gleichstellungspolitischer Ebene Erfolge zu verzeichnen sind, bildet der familienpolitische Diskurs jedoch ein Konzept von normativ erw&#252;nschter Elternschaft aus, das Familienformen jenseits der Zwei-Erwerbst&#228;tigen-Elternschaft zunehmend stigmatisiert...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Die deutsche Familienpolitik und die ihr zugrunde liegenden Konzepte von Mutterschaft und Vaterschaft galten lange Zeit als besonders der Tradition verschrieben und r&#252;ckst&#228;ndig. &#220;berraschenderweise brachte ausgerechnet die Familienpolitik der Gro&#223;en Koalition eine familienpolitische Wende. Sie wird nicht nur in der medialen &#214;ffentlichkeit als Erfolg verbucht, sondern gilt trotz berechtigter Kritik auch aus feministischer Sicht als Schritt in die richtige Richtung. W&#228;hrend auf gleichstellungspolitischer Ebene Erfolge zu verzeichnen sind, bildet der familienpolitische Diskurs jedoch ein Konzept von normativ erw&#252;nschter Elternschaft aus, das Familienformen jenseits der Zwei-Erwerbst&#228;tigen-Elternschaft zunehmend stigmatisiert.</strong></p>
<h3>Erwerbsarbeit und Elternschaft</h3>
<p>Die Erwerbst&#228;tigkeit von M&#252;ttern ist ein wiederkehrendes Thema des deutschen familienpolitischen Diskurses der Nachkriegszeit. W&#228;hrend Frauenerwerbsarbeit in der DDR vorrangiges Ziel der Familienpolitik war, wurde M&#252;ttererwerbsarbeit in der Bundesrepublik als Gefahr f&#252;r das Kindeswohl und seit den 1970er Jahren als arbeitsmarktpolitisches Problem behandelt. In diesen Jahren tauchte zudem die Frage der Vereinbarkeit auf, die als ein ausschlie&#223;lich Frauen betreffendes Problem behandelt wurde. Eine Familienpolitik, die einem weiteren Sinken der Geburtenrate entgegenwirken will, hatte entsprechend der damals geltenden Meinung daf&#252;r Sorge zu tragen, dass M&#252;tter nicht berufst&#228;tig sein m&#252;ssen. Familienpolitische Leistungen f&#246;rderten im Zuge dessen das Drei-Phasen-Modell weiblicher Erwerbsarbeit. Nach einer Berufseinstiegsphase wird die Erwerbst&#228;tigkeit durch eine Familienphase unterbrochen, um sp&#228;ter als Teilzeiterwerbsarbeit wieder aufgenommen zu werden. Das vorherrschende und erw&#252;nschte Familienmodell in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit war die Familienern&#228;hrerehe.</p>
<p>Seit der Ver&#246;ffentlichung der Studie &#8220;Nachhaltige Familienpolitik&#8221; von Bert R&#252;rup und Sandra Gruescu im Jahr 2003 wird der Zusammenhang zwischen Frauenerwerbsarbeit und Geburtenraten von der deutschen Politik v&#246;llig neu eingesch&#228;tzt. Jetzt gilt: Nur die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf kann Frauen dazu bringen, (mehr) Kinder zu bekommen. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf das vorherrschende Bild von Mutterschaft, Vaterschaft und Elternschaft.</p>
<p>Potentielle M&#252;tter und V&#228;ter werden heute im familienpolitischen Diskurs als rational handelnde Individuen behandelt, die alle Kosten der Familiengr&#252;ndung kalkulieren. Der Anspruch auf Elterngeld wird nicht auf Grundlage des Familieneinkommens berechnet, denn das Elterngeld richtet sich an kinderbetreuende Elternteile als Individuen, soll einen Verdienstausfall zeitweise ausgleichen und einer schnellen R&#252;ckkehr ins Berufsleben nicht im Weg stehen. Die im Vergleich zum Erziehungsgeld verk&#252;rzte Bezugszeit von 12 plus 2 Monaten ist ein Anreiz, fr&#252;her in die Erwerbsarbeit zur&#252;ck zu kehren. Damit funktioniert das Elterngeld frei nach dem Motto &#8220;weniger ist mehr&#8221;.</p>
<p>Das Elterngeld, der Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten (siehe Artikel von Gabriele Winker <a href="http://www.feministisches-institut.de/krippen.html">Freiheit oder Planwirtschaft</a>), aber auch Reformen im Unterhaltsrecht markieren eine Abkehr von der Familienern&#228;hrerehe: Frauen und M&#252;tter sollen selbst f&#252;r ihren Lebensunterhalt sorgen. Dazu tr&#228;gt ein m&#246;glichst l&#252;ckenloser Lebenslauf ebenso bei wie eine gleichm&#228;&#223;igere Verteilung des &#8220;Risikos&#8221; Elternzeit auf V&#228;ter. Der feministischen Forderung nach wirtschaftlicher Selbstst&#228;ndigkeit von Frauen wird durch die familienpolitischen Reformen der Gro&#223;en Koalition Rechnung getragen. Erste Zahlen zum Elterngeld lassen jedoch darauf schlie&#223;en, dass ein Gro&#223;teil der Frauen vor der Geburt eines Kindes nicht &#252;ber ein existenzsicherndes Erwerbseinkommen verf&#252;gt (vgl. R&#252;ling 2008). Diese erschreckende Erkenntnis sollte f&#252;r das Bundesministerium f&#252;r Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Anlass sein, die Forderung nach Lohngleichheit und gleichen Aufstiegschancen von Frauen im Beruf mit viel mehr Elan anzugehen.</p>
<p>Zurzeit wird auf einen Mentalit&#228;tswandel bei Arbeitgebern gesetzt: Wenn M&#252;tter nicht mehr so lange und V&#228;ter ebenfalls Elternzeit nehmen, wird das Elterngeld zu einem Risikofaktor f&#252;r diejenigen Unternehmen, die bei Einstellungen und Bef&#246;rderungen M&#228;nner bevorzugen (vgl. Nulsch/Dannenberg 2008). Mit den sogenannten V&#228;termonaten ruft Familienministerin von der Leyen aber auch junge M&#228;nner dazu auf, ihre Vaterrolle jenseits des &#8220;Ern&#228;hrers&#8221; zu erf&#252;llen. Die familienpolitischen Rahmenbedingungen sollen nicht mehr als Ausrede f&#252;r eine unzeitgem&#228;&#223;e Rollenverteilung herhalten. Diese Taktik scheint aufzugehen, denn seit der Einf&#252;hrung des Elterngeldes sind nicht nur die Geburtenzahlen angestiegen, sondern auch der Anteil von V&#228;tern, die Elternzeit in Anspruch nehmen und Elterngeld beantragen, hat sich deutlich erh&#246;ht (siehe Artikel <a href="http://www.feministisches-institut.de/vaetermonate.html">V&#228;termonate</a> von Sonja Nielbock und Tanja Carstensen).</p>
<h3>Erw&#252;nschte und abweichende Elternschaft</h3>
<p>Der Familienpolitik von der Leyens liegt die Annahme zugrunde, dass die meisten jungen Menschen sowohl ein erfolgreiches Berufsleben als auch eine Familiengr&#252;ndung w&#252;nschen, die bisherigen Rahmenbedingungen der Erf&#252;llung dieser W&#252;nsche jedoch im Wege stehen. Durch das Elterngeld und eine verbesserte Kinderbetreuung ver&#228;ndern sich die Rahmenbedingungen, und es wird m&#246;glich, das gleichstellungspolitische Anliegen mit Familienf&#246;rderung und dem Ziel der Geburtensteigerung zu verbinden. Diese Logik kann allerdings nur funktionieren, wenn die unterschiedlichen Existenzbedingungen von Familien ausgeblendet werden.</p>
<p>Bei Familien, in denen zwei Erwachsene &#252;ber ein mindestens durchschnittliches Einkommen verf&#252;gen, wirken die neuen familienpolitischen Ma&#223;nahmen am besten. Die finanziellen Risiken des Kinderkriegens werden durch das Elterngeld minimiert und es stehen Betreuungspl&#228;tze zur Verf&#252;gung, die eine schnelle R&#252;ckkehr ins Berufsleben erm&#246;glichen. Die spezifischen Probleme von &#246;konomisch weniger privilegierten Familien werden durch die familienpolitischen Reformen der Gro&#223;en Koalition jedoch nicht im gleichen Ma&#223;e aufgegriffen. Familien, die dem normativen Idealbild der Zwei-Erwerbst&#228;tigen-Familie nicht entsprechen, kommen in diesem Diskurs zum einen in Form der klassischen Familienern&#228;hrerehe bestehend aus m&#228;nnlichem Ern&#228;hrer und weiblicher Hausfrau vor. Konservative PolitikerInnen, die dieses Modell verteidigen, tun dabei so, als sei die Familienern&#228;hrerehe heute schon eine alternative Lebensform einer kaum noch tolerierten und darum sch&#252;tzenswerten Minderheit. Dieser Gestus blendet aus, dass wir es bei diesem Modell mit einem relativ privilegierten und immer noch staatlich subventionierten &#8220;Au&#223;enseiter&#8221; zu tun haben. Das Ehegattensplitting, welches AlleinverdienerInnen- bzw. ZuverdienerInnenehen steuerlich bevorzugt, wirkt heute wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten und stellt ein Zugest&#228;ndnis an konservative Teile der Unionsparteien dar.</p>
<p>Dem normativen Idealbild der Zwei-Erwerbst&#228;tigen-Familie wird aber auch eine defizit&#228;re Konstruktion der &#8220;Familie mit sozialen Risiken&#8221; gegen&#252;bergestellt. Gemeint sind Familien von Erwerbslosen, GeringverdienerInnen, Alleinerziehende und MigrantInnen. In Bezug auf diese Familien wird nicht diskutiert, welche Rahmenbedingungen zu mehr Gleichstellung, besserer finanzieller Ausstattung und der Erm&#246;glichung von Kinderw&#252;nschen f&#252;hren k&#246;nnten. Im Gegenteil werden &#220;berlegungen angestellt, wie Kindern au&#223;erhalb der Familien zus&#228;tzliche Sozialisations- und Bildungsangebote gemacht werden k&#246;nnen, um ihre &#8220;Herkunft&#8221; auszugleichen. Dabei ist es augenf&#228;llig, dass das Kindeswohl im familienpolitischen Diskurs mit der F&#246;rderung von &#8220;Humanverm&#246;gen&#8221; gleichsetzt wird. Das Bild der &#8220;Familie mit sozialen Risiken&#8221; hat die erwerbst&#228;tige &#8220;Rabenmutter&#8221; als zentrales Sozialisationsrisiko abgel&#246;st.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>Mit der &#246;konomischen Neubestimmung der Familienpolitik durch das Konzept der &#8220;Nachhaltigen Familienpolitik&#8221; wurden die &#220;berlegungen von berufst&#228;tigen jungen Menschen in den Mittelpunkt ger&#252;ckt, ohne jedoch auf die Tatsache zu verweisen, dass das Alleinverdienermodell schon aufgrund sinkender Reall&#246;hne und der Unsicherheit von Arbeitspl&#228;tzen ausgedient hat. Familien, die &#252;ber weniger &#8220;&#246;konomischen Charme&#8221; (Renate Schmidt) verf&#252;gen, werden am Rand des familienpolitischen Diskurses platziert. Das ist die Kehrseite dieser aus gleichstellungspolitischen Erw&#228;gungen begr&#252;&#223;enswerten Entwicklung.</p>
<p>Familienpolitik hat die Aufgabe, alle Familien zu f&#246;rdern, und sollte es vermeiden, Familien, die nicht dem Modell der Zwei-Erwerbst&#228;tigen-Familie entsprechen, zu stigmatisieren und vom Ziel der Familienf&#246;rderung auszuschlie&#223;en. Diese Forderung kann sich jedoch nicht nur an das BMFSFJ richten, sondern erfordert ein Zusammenwirken verschiedener Politikbereiche. Wenn beispielsweise Familien, die von ALG-II leben, die am 1. Januar 2009 anstehende Kindergelderh&#246;hung im Portemonnaie &#252;berhaupt nicht sp&#252;ren, da das Kindergeld voll auf ALG-II angerechnet wird, muss dies durch eine Erh&#246;hung des ALG-II Satzes ausgeglichen werden. Bei aller Freude &#252;ber V&#228;ter in Elternzeit und bessere Kinderbetreuung d&#252;rfen die Probleme besonders benachteiligter Familien nicht aus dem Blick verloren werden.</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul>
<li>Nulsch, Nicole/Dannenberg, Henry (2008): Elterngeld &#8211; Neuer Risikofaktor f&#252;r Unternehmen, in: Wirtschaft im Wandel, 7/2008, 14. Jg, S. 289-296 (<a href="http://www.iwh-halle.de/d/publik/wiwa/7-08.pdf">http://www.iwh-halle.de/d/publik/wiwa/7-08.pdf (PDF)</a>).</li>
<li> R&#252;ling, Anneli (2008): Ein Jahr Elterngeld &#8211; Geschlechterrevolution oder Leistung f&#252;r Besserverdienende?, in: femina politica 01/2008, S. 115-118.</li>
<li>R&#252;rup, Bert/Gruescu, Sandra (2003): Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bev&#246;lkerungsentwicklung. Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums f&#252;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin.</li>
</ul>
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