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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Do. Gerbig</title>
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		<title>Prozessual-strategische Subjektivit&#228;t: Handlungsf&#228;higkeit, politische B&#252;ndnisse und Widerstand aus queer-feministischer Sicht</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 12:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Do. Gerbig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Feminismus nach Butler, wie ist das noch m&#246;glich?

Meines Erachtens brachte gerade die, durch Judith Butler (1990) ausgel&#246;ste Infragestellung einer vermeintlich angeborenen Weiblichkeit und die Dekonstruktion von k&#246;rperlichem Geschlecht neue und politisch wichtige Denkans&#228;tze f&#252;r Feminismen hervor. Um Subjekte dennoch und auch jenseits der Figur der „Unternehmerin ihrer Selbst“ handlungsf&#228;hig und widerst&#228;ndig erscheinen lassen zu k&#246;nnen, habe ich in meiner Diplomarbeit den Begriff „prozessual-strategische Subjektivit&#228;t“ entwickelt. Dabei war f&#252;r meine Konzeption von Subjektivit&#228;t und Politik zentral, Widerstand sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene zu formulieren und dabei weder auf subjektive Autonomie zu referieren, noch Herrschaftsverh&#228;ltnisse unbeachtet zu lassen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Feminismus nach Butler, wie ist das noch m&#246;glich? Meines Erachtens brachte gerade die, durch Judith Butler (1990) ausgel&#246;ste Infragestellung einer vermeintlich angeborenen Weiblichkeit und die Dekonstruktion von k&#246;rperlichem Geschlecht neue und politisch wichtige Denkans&#228;tze f&#252;r Feminismen hervor. Um Subjekte dennoch und auch jenseits der Figur der „Unternehmerin ihrer Selbst“ handlungsf&#228;hig und widerst&#228;ndig erscheinen lassen zu k&#246;nnen, habe ich in meiner Diplomarbeit den Begriff „prozessual-strategische Subjektivit&#228;t“ entwickelt. Dabei war f&#252;r meine Konzeption von Subjektivit&#228;t und Politik zentral, Widerstand sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene zu formulieren und dabei weder auf subjektive Autonomie zu referieren, noch Herrschaftsverh&#228;ltnisse unbeachtet zu lassen.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Was das Subjekt ist und wie es handlungsm&#228;chtig wird, war und bleibt Kristallationspunkt verschiedener wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Gerade vor dem Hintergrund einer neoliberalen Gouvernementalisierung der Gesellschaft muss m. E. angezweifelt werden, dass die M&#246;glichkeit Widerstand zu leisten, haupts&#228;chlich eine Frage der Ausbildung eines „freien Willens“ ist. Durch die Auseinandersetzung mit poststrukturalistischer, feministischer und queerer Theoriebildung wurden mir die Werkzeuge in die Hand gelegt, um Subjektivit&#228;t und <em>agency</em> (Handlungsf&#228;higkeit) nicht l&#228;nger als angeborene anthropologische Eigenschaften (Engel 2002: 61) zu entpolitisieren, sondern sie in ihrer historischen Kontingenz und Verankerung in sozio-diskursiven Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen wahrzunehmen. Aus dem Zusammendenken der Arbeiten von Jacques Derrida, Michel Foucault und Judith Butler ergibt sich eine bestimmte M&#246;glichkeit, subjektive und politische Handlungsf&#228;higkeit zu denken, die ich<em> prozessual-strategisch</em> bezeichne.</p>
<p><strong>Subjektpositionen: prozessual und strategisch</strong></p>
<p><em>Prozessual</em> zun&#228;chst schon deshalb, weil Subjekte mit Derrida gedacht, ebenso wie Bedeutungen, abh&#228;ngig von Differenzen und dem identifikatorischem Au&#223;en, st&#228;ndig in Bewegung sind und viele Kontexte durchlaufen und aufnehmen m&#252;ssen. Subjekte befinden sich unabl&#228;ssig im Werden und k&#246;nnen nicht als abgeschlossen gedacht werden (vgl.: Bennington/Derrida 1994 u. Derrida 1996, 2004). Zentral ist f&#252;r mich au&#223;erdem Foucaults Begriff der produktiven Macht, die neben Diskursen und Machtverh&#228;ltnissen (Disziplinartechnologien) auch Subjektpositionen (Selbsttechnologien) hervorbringt. Was seine Arbeit anbietet, ist die Verschiebung einer koh&#228;rent gedachten Subjektivit&#228;t hin zu einem Denken verschiedener, variabler Subjektpositionen, die sich entlang diskursiver Vorgaben und Machttechniken formieren (Foucault 1983, 1993, 1994). Prozessual schlie&#223;lich auch in Anlehnung an Butlers Begriff der ‚performativen Materialisierung’ von kulturell intelligiblen k&#246;rperlichen Subjekten entlang diskursiver Vorgaben. Dieser Prozess der Herstellung ist abh&#228;ngig von der Wiederholbarkeit und Zitatf&#246;rmigkeit regulativer Normen. Gleichzeitig sind durch dieses st&#228;ndige Wiederholen gewisse Instabilit&#228;ten in Form von Rissen oder Br&#252;chen bereits ‚vorprogrammiert‘ oder sogar konstitutiv f&#252;r die Subjektivierung (vgl.: Butler 1990, 1993).</p>
<p><em>Strategisch</em> handlungsf&#228;hig wird eine so verstandene Subjektivit&#228;t, indem sie sich diese prozessuelle Materialisierung in ihrer Offenheit sowie die immer vorhandene Verwobenheit in Machtverh&#228;ltnisse klar macht und die Herstellung eigener Identit&#228;t und Praxen gegen diskursive und regulative Normen wendet. Die konstitutive Beschr&#228;nkung der Subjektivierung verhindert Handlungsf&#228;higkeit also nicht, aber verortet sie als eine wiederholende, reartikulierende Praxis, welche nie au&#223;erhalb von Machtverh&#228;ltnissen stattfinden kann (vgl.: Butler 1998). Auch mit Foucault ergeben sich strategische M&#246;glichkeiten der Intervention im Spannungsfeld von Unterwerfung und Autonomie durch und bei der Subjektwerdung. Deshalb gilt es, auch nach ihm, neue Formen der Subjektivit&#228;t hervorzubringen, in denen „wir die Art von Individualit&#228;t, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zur&#252;ck[zu]weisen“ (Foucault 1994: 250). Mit Derridas bejahender Hinwendung zum absolut Anderen (vgl.: Derrida 2005) kann schlie&#223;lich ein ethischer Rahmen gezogen werden, der vor allem verlangt, jede subversive Strategie oder Politikform best&#228;ndig und immer wieder daraufhin zu fragen, was oder wer gerade ausgeschlossen wird.</p>
<p>Subjektivit&#228;t in dieser Weise als <em>prozessual</em> und in Machtverh&#228;ltnissen eingelassen zu konzipieren, kann M&#246;glichkeiten er&#246;ffnen, sie <em>strategisch</em> f&#252;r widerst&#228;ndige Praxen gegen diese einzusetzen. Damit soll aber nicht gesagt werden, dass es keine – unter so manchen Bedingungen sozialer Ungleichheit sogar &#252;berlebenswichtige – Strategie sein kann, sich den herrschenden Diskursen anzupassen. Au&#223;erdem m&#246;chte ich auch nicht behaupten, dass <em>queer-femistische</em> Theorie und Praxis nur von Menschen betrieben werden kann, die sich immer und ausschlie&#223;lich subversiv verhalten. Innerhalb der vorliegenden gesellschaftlichen Strukturen ist permanenter Widerstand ohnehin nur schwer denkbar, zumindest ohne den Partizipationsanspruch v&#246;llig aufs Spiel zu setzen. Vielmehr ist es mein Eindruck, dass Subjekte zwischen den beiden Polen Anpassung und Subversion pendeln und so manches Mal auch scheitern m&#252;ssen, um sich erfolgreich zu konstituieren, &#252;berleben und widerst&#228;ndig sein zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Politik: Bewegung und B&#252;ndnisse </strong></p>
<p>Was bedeutet dieses Konzept von Subjektivit&#228;t und Handlungsf&#228;higkeit f&#252;r gegenw&#228;rtige und queere oder feministische Bewegungen und Politikformen? Wie wird nach Ablehnung von politischen Strategien, die auf einer geteilten – vermeintlich koh&#228;renten, angeborenen und damit auf nationalistischen Prinzipien beruhenden – Identit&#228;t fu&#223;en, gemeinsames politisches Handeln denkbar, vor allem aber umsetzbar?<strong> </strong></p>
<p>Aus der Fragmentierung und dem Br&#252;chig-Werden von Identit&#228;t, welche „sich als widerspr&#252;chlich, partiell und strategisch“ (Haraway 1995: 40) erweist, kann ein neues Verst&#228;ndnis von Verbindung und eine „andere m&#246;gliche Strategie der Koalitionsbildung“ (ebd: 41) entstehen: „Affinit&#228;t statt Identit&#228;t“ (ebd.). Damit geht es auch bei feministischer Politik darum, einen Raum zu konstruieren, „der nicht mit Handlungen auf der Grundlage nat&#252;rlicher Identifikation gef&#252;llt werden kann, sondern nur aufgrund bewusster Koalition, Affinit&#228;t und politischer Verwandtschaft“ (ebd.: 42). Innerhalb dieser R&#228;ume kann durch das Zusammentreffen von „virgin, whore, mother, etc.“ die Freiheit einer kollektiven Unsicherheit, „a groundless solidarity“ (Elam 1994: 84) entstehen. Differenzen sind immer da und vermehren sich st&#228;ndig, deshalb ist ein respektvoller Umgang mit ihnen notwendig, der aber nicht impliziert, dass das „Andere“ durch den richtigen Umgang zum Identischen gemacht werden kann. Politik sollte jedoch nicht in der Kl&#228;rung dessen, was oder wer die „Anderen“ sind, zum Erliegen kommen oder versuchen zu (er)kl&#228;ren, was deren Andersheit hei&#223;t.</p>
<p>Aus einer <em>queer-</em>feministischen Perspektive auf widerst&#228;ndige Praxen und im Hinblick auf die zentrale Frage nach Gestaltungsmacht ist es notwendig, nicht nur Diskriminierungen und Gewalt, sondern auch gesellschaftliche Systeme und Institutionen zu bek&#228;mpfen, welche die ungleiche Verteilung &#246;konomischer, sozialer und symbolischer Ressourcen sicherstellen. Politiken, die Rechte einfordern, sollten dementsprechend nicht verworfen werden, aber auch nicht l&#228;nger darauf abzielen, „sexuellen Minderheiten einen Platz im Recht zu sichern und sie vor Diskriminierung zu sch&#252;tzen“ (quaestio 2000: 24), sondern vielmehr darauf, die „Bedingungen gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung und Praxis zu ver&#228;ndern“ (ebd.: 25). Vor jeder Frage nach den passenden politischen Strategien steht damit unbedingt die &#220;berlegung, wie die heteronormative, androzentristische und rassistische Verfasstheit gesellschaftlicher Institutionen immer zugleich die Bedingungen f&#252;r politische Praxis und Gestaltungsmacht definiert (Engel 2002: 59).</p>
<p><strong>Praxen: Widerstand und Scheitern</strong></p>
<p>In meiner bisherigen Arbeit zu Subjektivit&#228;t, <em>agency</em> und Widerstand schien ein wenig geliebtes und theoretisch kaum bearbeitetes Ph&#228;nomen, n&#228;mlich das Scheitern, immer wieder auf. Entgegen der beinahe durchgehend negativen Konnotation, gehe ich davon aus, dass dem Scheitern, sowohl in Verbindung mit Subjektkonstituierung als auch mit <em>agency </em>und Entw&#252;rfen widerst&#228;ndigen Handelns eine produktive Kraft innewohnt – und dies auf vielerlei Weise. Zun&#228;chst, Judith Butler folgend, schon in der Subjektwerdung, denn wir alle m&#252;ssen uns zwar dem regulativen Ideal verk&#246;rperter und vergeschlechtlichter Subjektivit&#228;t ann&#228;hern, ohne dies aber jemals erreichen zu k&#246;nnen. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Exklusionserfahrungen oder das Nicht-Erf&#252;llen-K&#246;nnen oder Wollen normativer Vorgaben uns dazu antreiben, alternative Subjektpositionen, Handlungsm&#246;glichkeiten oder politische Strategien zu entwickeln und anzustreben. Au&#223;erdem nicht zu vernachl&#228;ssigen ist die Tatsache, dass das Scheitern gewisser Protest- und Widerstandsformen Alternativen hervorgebracht hat und somit auch als bewegendes Moment f&#252;r neue widerst&#228;ndige Handlungskonzepte lesbar wird. Dies kann gut am Beispiel des Feminismus nachvollzogen werden. Die berechtigten Aufschreie schwarzer Frauen, die sich durch einen nach innen geschlossenen wei&#223;en Mittelstands-Feminismus (der nicht auf seine Wei&#223;heits-Privilegien reflektierte) nicht repr&#228;sentiert f&#252;hlten und nicht repr&#228;sentieren lassen wollten, f&#252;hrte zur Entstehung des <em>Black Feminism</em>. Durch die aufkommende Queer Theory und queeren Aktivismus, wurden noch weitere Ausschl&#252;sse durch Identit&#228;tspolitiken in Frage gestellt und neue Formen widerst&#228;ndiger Praxen und B&#252;ndnisse ins Leben gerufen.</p>
<p>Widerstand verstehe ich dabei nicht, als einzig in Revolutionen und radikalen Umst&#252;rzen sichtbar oder denkbar. Subversion kann sich oft nur in kleinen Unterscheidungen zum Hegemonialen ausdr&#252;cken und sollte deshalb in ihrer Vielfalt anerkannt werden. Auch zu stark vereinfachend w&#228;re, Widerstand in der Opposition oder Verweigerung der Anpassung zu begreifen, denn h&#228;ufig scheint im Hinblick auf Teilhabem&#246;glichkeiten eine Menge Anpassung n&#246;tig, um &#252;berhaupt subversiv handlungsf&#228;hig werden zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<ul>
<li>Bennington, Geoffrey /Derrida, Jacques (1994): Jacques Derrida. Ein Portr&#228;t, Frankfurt am Main.</li>
<li>Butler, Judith (1990): Gender Trouble, New York, London.</li>
<li>Butler, Judith (1993): Bodies that matter: on the discursive limits of &#8220;sex&#8221;, New York.</li>
<li>Butler, Judith (1998): Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin.</li>
<li>Derrida, Jacques (1996): Grammatologie, Frankfurt am Main.</li>
<li>Derrida, Jacques (2004): Die Différance, in: <em>Engelmann, Peter</em> 2004,76-113.</li>
<li>Derrida, Jacques (2005): Gesetzeskraft. Der &#8220;mystische Grund der Autorit&#228;t&#8221;, in: <em>Wetzel, Stefan Moebius; Dietmar</em><strong> </strong>140-153.</li>
<li>Elam, Diane (1994): Towards a Groundless Solidarity, in: <em>(dies.)</em> 1994,<strong> </strong>64-88.</li>
<li>Engel, Antke (2002): Wider die Eindeutigkeit. Sexualit&#228;t und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repr&#228;sentation Frankfurt am Main.</li>
<li>Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualit&#228;t und Wahrheit 1, Frankfurt am Main.</li>
<li>Foucault, Michel (1993): „Leben machen und Sterben lassen“, <em>Lettre international </em> (63), 62-67.</li>
<li>Foucault, Michel (1994): Warum ich Macht untersuche: Die Frage nach dem Subjekt, in: <em>Dreyfus, Hubert L. and Rabinow, Paul</em> 1994,<strong> </strong>243-261.</li>
<li>Haraway, Donna (1995): Ein Manifest f&#252;r Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften, in: <em>dies.</em> 1995,33-72.</li>
<li>quaestio (Hrsg): Nico J. Berger, Sabine Hark, Antke Engel, Corinna Genschel, Eva Sch&#228;fer (2000): Queering Demokratie. Sexuelle Politiken, Berlin.</li>
</ul>
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