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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Christiane Wehr</title>
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		<title>Mehr queere Kunst!</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Oct 2009 09:16:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christiane Wehr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interventionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Gibt es &#252;berhaupt queere Kunst? Meine Antwort ist: „ja“. Damit werfe ich eine Reihe weiterer Fragen auf – unter anderem die sehr gro&#223;e Frage „Was ist &#252;berhaupt Kunst?“, die f&#252;r meinen Geschmack zu umfassend ist. Statt einer Antwort wird sich Leser_in mit einer Behauptung arrangieren m&#252;ssen: Kunst ist das, was zwischen dem Werk und den Betrachtenden entstehen kann. Mich interessieren an dieser Aussage die vielseitigen Formen des Dazwischen und nicht etwa, ob eine derart erweiterte Sichtweise auf Kunst akzeptabel ist oder nicht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/e8bc2e7966084abab20d54bb0a896a9e" width="1" height="1" alt=""><br />
Gibt es &#252;berhaupt queere Kunst? Meine Antwort ist: <em>„ja“</em>. Damit werfe ich eine Reihe weiterer Fragen auf – unter anderem die sehr gro&#223;e Frage <em>„Was ist &#252;berhaupt Kunst?“,</em> die f&#252;r meinen Geschmack zu umfassend ist. Statt einer Antwort wird sich Leser_in mit einer Behauptung arrangieren m&#252;ssen: Kunst ist das, was <em>zwischen</em> dem Werk und den Betrachtenden entstehen kann. Mich interessieren an dieser Aussage die vielseitigen Formen des Dazwischen und nicht etwa, ob eine derart erweiterte Sichtweise auf Kunst akzeptabel ist oder nicht.</p>
<p>In queeren Zusammenh&#228;ngen hat das Dazwischen sein Heimspiel. Denn die St&#228;rken von queer liegen in einem &#220;berschuss, einem nicht eindeutigen <em>„Mehr, als das, was gemeint und benannt ist“</em>. Es ist ein kluger Versuch, das Mehr, was zwischen den etablierten Zuschreibungen und Sinnzusammenh&#228;ngen liegt, zu denken und es darzustellen. Sp&#228;testens hier wird f&#252;r manche die zweite, nicht weniger ausufernde Frage wichtig:<em> „Was verstehst du unter queer?“</em>. Das werde ich hier ebenfalls nicht direkt beantworten. Nur soviel: Eine Eigenschaft von queer scheint darin zu bestehen, gleichzeitig die unterschiedlichsten Bedeutungen zu erm&#246;glichen und mit einzubeziehen. Queeres Denken und Leben wird deshalb mit Vielfalt, Gerechtigkeit und mit der &#220;berschreitung und Aufl&#246;sung von Grenzen in Verbindung gebracht. Ich will zeigen, dass viele Ans&#228;tze dazu f&#252;hren, etwas als queere Kunst aufzufassen. Oder, als Frage formuliert: Was macht denn Kunst queer?</p>
<p><strong>Anspr&#252;che</strong></p>
<p><em>„Wir haben einen aktivistischen Ansatz, keinen kunsthistorischen.“</em></p>
<p><em>Gran Fury</em></p>
<p><em> </em>Queere Autor_innenschaft und queere Denk- und Lebensweise f&#252;hren nicht zwangsl&#228;ufig zu einer queeren Kunstproduktion. Kunst wird nicht allein dadurch queer, dass queere Leute sie gemacht haben. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass Queersein f&#252;r viele, die sich dieses Label inzwischen angeeignet haben, nicht automatisch Politischsein bedeutet. Queer kann auch kein Ersatzbegriff f&#252;r lesbisch und schwul sein, denn sonst w&#228;re der Begriff wieder auf dem Weg, etwas zu vereindeutigen. Mein Bedauern verweist auf einen Anspruch an queer: Die Geschichte des Begriffs hat ihn zu einem nachweislich starken, politischen gemacht. Er transportiert daher neben Spa&#223; auch Verantwortung und kritische Handlungsweisen. Queerer Aktivismus f&#252;r Anerkennung von Differenz und Pluralit&#228;t hat sich aus eigenen Unterdr&#252;ckungserfahrungen der Aktivist_innen entwickelt. Deshalb pl&#228;diere ich daf&#252;r, dass Kunst, die das Adjektiv queer tr&#228;gt, gesellschaftskritisch, also politisch sein sollte. Ein gutes Beispiel f&#252;r queere Kunst sind die Flugbl&#228;tter, die Claude Cahun und Marcel Moore gestaltet haben. Einerseits wirken die Flugbl&#228;tter wie konkrete Poesie, andererseits wird mit ihnen gegen die Besetzung der Insel Jersey durch deutsche Soldaten im Jahre 1940 protestiert. Kunst muss nicht immer so offensichtlich zum Mittel f&#252;r Propaganda und Information werden. Sie kann ihre Kritik an Normen der Heterosexualit&#228;t, an Zweigeschlechtlichkeit, an Zuschreibungen, an Zw&#228;ngen zur Vereindeutigung und an Machtverh&#228;ltnissen auch auf subtile Weise transportieren. Ideal w&#228;re dar&#252;ber hinaus, wenn queere Kunst das, was im Allgemeinen unter Kunst verstanden wird, beeinflussen k&#246;nnte.</p>
<p><strong>Soziale Praxis &#8211; Sichtbarkeit beeinflussen</strong></p>
<p><em>„Der grundlegende Charakter sozialer Probleme ist, dass man sie teilt.“</em></p>
<p><em>Videokollektiv Testing The Limits</em></p>
<p><em> </em>Obwohl etwas zu sehen nicht hei&#223;t, zu wissen, <em>wie</em> etwas ist, wird Sichtbarkeit oft als wesentliche Absicht queerer Aktivist_innen genannt. Mehr Sichtbarkeit kann allerdings nicht nur mehr Akzeptanz hervorbringen, sondern auch bedeuten, st&#228;rker in die Normen der Gesellschaft eingebunden zu sein. Hieraus erw&#228;chst das neuere Bed&#252;rfnis doch lieber wieder unsichtbar zu werden. Es gibt zum Gegensatzpaar Sichtbarkeit &#8211; Unsichtbarkeit durchaus Alternativen. Gerade Kunst erm&#246;glicht, etwas jenseits vorhandener Kategorien – etwas das vorher nicht da war – vorstellbar zu machen. Ich denke dabei nicht an Irritation, das hei&#223;t die Abweichung von einer Norm, sondern an einen ganz neuen Sinnzusammenhang. Das erfordert jedoch von den K&#252;nstler_innen, nicht einfach die Wirklichkeit abzubilden, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen f&#252;rs Sichtbar- beziehungsweise Unsichtbarwerden zu ber&#252;cksichtigen. Mit k&#252;nstlerischen Mitteln kann zum Beispiel vorstellbar werden, was als sch&#246;n und als &#228;sthetisch aufgefasst wird und welche Rolle dabei Geschlecht, <em>race, </em>Ability und Sexualit&#228;t spielen. Ein Kunstwerk kann &#252;ber seine eigenen Bedingungen Auskunft geben. Es kann zeigen, wer wen unter welchen Voraussetzungen anschaut beziehungsweise wer von wem angeschaut wird.  Es kann zeigen, wie Macht und Begehren des Blickens im Dazwischen funktionieren. Wird Kunst, wie oben beschrieben, als ein gemeinsames soziales T&#228;tigsein aufgefasst, das Bedingungen sichtbar macht, muss sie st&#228;ndig in Bewegung sein und sich stets aufs Neue verwirklichen. K&#252;nstler_innen – wollen sie an der Gesellschaft teilhaben und gleichzeitig Einfluss nehmen – erweitern ihr Repertoire st&#228;ndig, auch auf bisher so genannte kunstferne Bereiche. Wie weit geht die Einflussnahme der K&#252;nstler_innen? Wird ihre soziale Intervention &#252;ber die Werke deutlich?</p>
<p><strong>Queer Lesen – der Kontext als Kompliz_in</strong></p>
<p><em>„Je konservativer das Publikum, desto queerer das Bild.“</em></p>
<p><em>Bemerkung einer Teilnehmer_in auf dem Workshop „Queere Kunst“, der 2006 an der HfbK Hamburg stattfand.</em></p>
<p>Ging es bisher vor allem um die Produzent_innen, kommen nun die Konsument_innen st&#228;rker ins Spiel. Denn ein Bild, ein Film oder eine Performance sind so queer, wie sie f&#252;r das Publikum queer lesbar sind. Queere Kunst stellt sich immer im Zusammenhang – im Kontext – her. Kunst-Konsument_innen k&#246;nnen, in Form sozialer Praxis, in ein queerendes Ereignis verwickelt werden. Damit &#246;ffnet sich ein gro&#223;er Pool von Sinnzusammenh&#228;ngen und Bedeutung. Im Zusammenspiel der Bedingungen zwischen Betrachter_in und Kunstwerk h&#228;ngt die Lesart beziehungsweise die Wirkung eines Werkes vom Vorwissen, den mitgebrachten Sehgewohnheiten und Erwartungen ab. Auch Begehren und Affekte beim Betrachten sind wichtig. Nehmen sich die Betrachtenden wahr als die, die betrachten oder als die, die betrachtet werden? Bedeutsam ist dar&#252;ber hinaus das jeweilige Umfeld, in dem etwas gezeigt wird. Eine queere Absicht kann schief gehen. Ein Bild, eine Performance, ein Film, ein Projekt, k&#246;nnen queer gemeint sein, in einem anderen Kontext aber nicht als solches erkannt werden. Genauso ist es m&#246;glich, ein Kunstwerk queer zu lesen, wenn die Absicht der K&#252;nstler_in eine ganz andere war. Gibt es dennoch Kunst, die sich eher f&#252;r eine queere Lesart anbietet als andere?</p>
<p>Die Bedeutung eines Kunstwerks ist nicht abgeschlossen sondern entsteht durch bestimmte gesellschaftliche &#220;bereink&#252;nfte. Innerhalb dieses sozialen Kontexts liegen einige Bedeutungen eher nahe, andere werden in den Hintergrund gedr&#228;ngt. Je nach &#220;bereinkunft ist aber die (Um-)Deutung zum queeren Kunstwerk denkbar. Queeres Lesen ist die Suche nach L&#252;cken und Widerspr&#252;chen, also das Aufsp&#252;ren der von gesellschaftlichen &#220;bereink&#252;nften abweichenden M&#246;glichkeiten. Eine kritische Frage an ein Kunstwerk ist zum Beispiel, welche Aussagen darin gemacht und welche weggelassen werden. Nun kommt das erfreuliche Ereignis: Betrachter_innen k&#246;nnen – mindestens w&#228;hrend des Kunstkonsums – ihre gesellschaftliche Situation selbst herstellen, wenn sie die nahe gelegten Bedeutungen aber auch die L&#252;cken und Widerspr&#252;che ausnutzen und f&#252;r sich umbauen. Das Betrachten von Kunst wird so beweglich und das Festlegen von Bedeutung kurzfristig. Das (Kunst-)Werk wird zum Vexierbild: Eben noch als Werbung oder als Mainstream durchgegangen, k&#246;nnen ein Bild, ein Film, eine Performance, eine Installation, ein Projekt kurz darauf als queere Kunst genossen werden. Die Vielfalt der Lesarten verdeutlicht nochmals, dass Bedeutung nicht allein durch die Absicht der K&#252;nstler_innen in eine von ihnen gew&#252;nschte Richtung gesteuert werden kann. Es wird auch vorstellbar wie sich immer neue Lesarten entwickeln k&#246;nnen. Risiken der &#220;berinterpretation, der Austauschbarkeit und der Wirkungslosigkeit m&#252;ssen in Kauf genommen werden.</p>
<p><img title="Werbung" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/1_werbung.jpg" alt="Bild Werbung" width="400" height="300" /><img title="Plakat" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/2_plakat.jpg" alt="Bild Plakat" width="400" height="301" /><img title="Tafelbild" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/3_tafelbild.jpg" alt="Bild Tafelbild" width="400" height="261" /><img title="Zine" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/4_zine.jpg" alt="Bild Zine" width="400" height="288" /><img title="Performance" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/5_performance.jpg" alt="Bild Performance" width="400" height="527" /><img title="Film" src="http://www.feministisches-institut.de/wp-content/uploads/2009/10/6_film.jpg" alt="Bild Film" width="400" height="300" /></p>
<p><strong>Immer mehr als das, was gemeint ist</strong></p>
<p>Queere Kunst tritt in unterschiedlicher Weise in Erscheinung: als eine Ansammlung miteinander verwobener Bedingungen, Bedeutungen, Handlungsweisen und als eine an sich selbst gerichtete Fragestellung. &#220;ber das komplizierte Verh&#228;ltnis, das alle diese Sinnvarianten miteinander eingehen, habe ich die Selbstverst&#228;ndlichkeit, mit der nach dem <em>„Was ist?“</em> gefragt wird, aus dem Blickfeld ger&#252;ckt zugunsten eines breiter angelegten <em>„Wie geschieht das?“</em>. Diese Frage wird meines Erachtens eher dem Sinn queerer Kunst gerecht. Es ist demnach nicht wichtig, was queere Kunst ist, sondern es ist wichtig, sich die Wege anzusehen, die dazu f&#252;hren, sich ein Bild oder eine Vorstellung von etwas zu machen und sich dazu zu positionieren. Erst dann l&#228;sst sich normierendes Verhalten erkennen, st&#246;ren und beeinflussen. Queere Kunst ist nur in dem Ma&#223;e interessant, wie sie sich mit Bruch- und Konfliktpotenzial ihrer eigenen Kategorien, &#252;berschnitten mit weiteren gesellschaftlichen Kategorien – vor allem mit denen, die zu diskriminierenden Unterscheidungen f&#252;hren – auseinandersetzt.</p>
<p>Queere Kunst ist nichts Festes, sondern ein Mittel, um Sinnvarianten und den damit verkn&#252;pften Bedingungen nachzusp&#252;ren, ohne dabei dauerhaft in festen Kategorien haften zu bleiben. Die neuen Sinnzusammenh&#228;nge und Kategorien, die dabei entstehen, bleiben als Orientierungshilfe ma&#223;geblich und bilden mehr oder weniger hilfreiche Abh&#228;ngigkeiten. Ein wichtiger Punkt ist, &#252;ber queeres Lesen die st&#228;ndig ver&#228;nderbare Perspektive auf das, was als das jeweils Andere bezeichnet wird, zu erkennen. Queeres Lesen wirkt hier zun&#228;chst sehr befreiend, hat aber auch seine T&#252;cken. Mit der Umdeutung geschehen anstelle der alten Ausschl&#252;sse viel zu oft neue. Auch in queeren- und/oder Kunstszenen ist dies der Fall, wenn neue Abgrenzungen, wie zum Beispiel Aussehens-, Verhaltens- oder Deutungs&#252;bereink&#252;nfte Zw&#228;nge und Unwohlsein schaffen &#8211; was gerade vermieden werden soll. Das Prinzip aller Ausschl&#252;sse muss noch viel konsequenter unterlaufen, es muss noch viel mehr <em>verqueert</em> werden. Denn das Andere ist immer mehr als das, was gerade gemeint ist.</p>
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