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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Anelis Kaiser</title>
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		<title>Feminismus, Geschlechterforschung und die Neurowissenschaft</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 19:09:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anelis Kaiser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feministische Theorien]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben gegenw&#228;rtig in einer Neurozeit; manche setzen die Erforschung des Gehirns mit der Erforschung des Menschen gleich. Wie positionieren sich FeministInnen und GeschlechterforscherInnen zur immer wichtiger werdenden Rolle des Gehirns und der Neurowissenschaft in der Gesellschaft? Wie wollen wir, theoretisch und praktisch, Geschlechter&#228;hnlichkeit und -differenz im Gehirn handhaben? Gerade weil eine ganze Generation von feministischen NeurowissenschaftlerInnen fehlt, lautet das Pl&#228;doyer hier f&#252;r mehr neurowissenschaftliche Forschung - und zwar f&#252;r eine kritisch-feministische, die auf die neurobiologische Ver&#228;nderbarkeit von Differenzen und &#196;hnlichkeiten zielt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Wir leben gegenw&#228;rtig in einer Neurozeit; manche setzen die Erforschung des Gehirns mit der Erforschung des Menschen gleich. Wie positionieren sich FeministInnen und GeschlechterforscherInnen zur immer wichtiger werdenden Rolle des Gehirns und der Neurowissenschaft in der Gesellschaft? Wie wollen wir, theoretisch und praktisch, Geschlechter&#228;hnlichkeit und -differenz im Gehirn handhaben? Gerade weil eine ganze Generation von feministischen NeurowissenschaftlerInnen fehlt, lautet das Pl&#228;doyer hier f&#252;r mehr neurowissenschaftliche Forschung &#8211; und zwar f&#252;r eine kritisch-feministische, die auf die neurobiologische Ver&#228;nderbarkeit von Differenzen und &#196;hnlichkeiten zielt.</strong></p>
<p>Die zwischen 1990-2000 unter anderem vom US-Bundesministerium f&#252;r Gesundheit ausgerufene &#8220;Dekade des Gehirns&#8221; sowie die unz&#228;hligen privat und staatlich unterst&#252;tzten Ma&#223;nahmen zur F&#246;rderung neurowissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und -verbreitung haben zweifelsohne ihr Ziel erreicht. Heute ist die Hirnforschung aus der Gesellschaft und Wissenschaft fast nicht mehr wegzudenken. <a href="http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/852357&amp;_z=798884">Ein Manifest</a>,  herausgegeben von leitenden Figuren aus den Neurowissenschaften, kursierte im deutschen Sprachraum, mehrere regelm&#228;&#223;ig erscheinende <a href="http://www.gehirn-und-geist.de/">popul&#228;rwissenschaftliche Zeitschriften</a> machen das Thema allzeit gegenw&#228;rtig und zeitgen&#246;ssische Denkerinnen aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften belassen den von manchen Neurowissenschaftlerinnen unternommenen Versuch, den Menschen als biologisch determiniertes Hirnwesen zu betrachten, berechtigterweise nicht ohne Kritik.</p>
<p>Und wir? Was machen wir Feministinnen und Geschlechterforscherinnen mit dem neurowissenschaftlichen Diskurs? So lautet eine meiner Fragen. Zu diesem Thema haben bereits einige aus geistes- sowie kulturwissenschaftlicher (Purtschert 2008), wissenschaftskritischer (Schmitz 2006, Fausto-Sterling 2000) oder historischer Sicht (Imboden u.a. 2007) geforscht. Diese Arbeiten untersuchen unter anderem die Vorstellungen von K&#246;rper und Geschlecht in den Neurowissenschaften (Purtschert), die Verwobenheit zwischen neurowissenschaftlicher Theorie, Methode und geschlechterrelevanten Ergebnissen (Schmitz, Fausto-Sterling) oder die historische Reise des Geschlechts durch den K&#246;rper und wie diese im Gehirn ihr Ende nahm (Imboden u.a.).</p>
<p>Ein andere Frage betrifft den neurowissenschaftlichen Diskurs auf eine direktere Art und lautet: Wie kann eine feministische Sicht direkt in den neurowissenschaftlich-empirischen Diskurs integriert werden? Meines Erachtens sollten wir hierbei an die in Vergessenheit geratenen feministischen Empirikerinnen der 1970er und 1980er Jahre, wie Ruth Bleier oder Susan Leih Star, ankn&#252;pfen. Es gab sie also auch in den Neurowissenschaften. Die feministische Deutlichkeit, mit der sie sich damals durchaus auch in ihren neurowissenschaftlichen Publikationen &#228;u&#223;erten, haben wir nicht mehr &#8211; oder: wir nehmen sie uns nicht. 1979 scheute sich Star nicht, in ihrem Artikel &#8220;Sex Differences and the Dichotomization of the Brain &#8230;&#8221;, von &#8220;pro-patriarchalen politics&#8221; gerade auch im Zusammenhang mit geschlechtlichen Morphologien des Gehirns zu sprechen. Heute hingegen fehlen mir die Bezeichnungen, wenn ich bei renommierten interdisziplin&#228;ren Veranstaltungen, wie zum Beispiel den <a title="PDF-Datei: Flyer Neurocultures" href="http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/PDF/NeuroculturesFlyer.pdf">Neurocultures</a>,                   auch nur auf das fehlende Thema Geschlecht hinweisen m&#246;chte.</p>
<p>Sicherlich muss in diesem Zusammenhang ein allgemeines Interdisziplinarit&#228;tsproblem ins Feld gef&#252;hrt werden: Die Neurowissenschaften und die Geschlechterforschung haben keine gemeinsame Sprache. Intuitiv stehen wir den Naturwissenschaften mit gro&#223;er Skepsis gegen&#252;ber. Seit sp&#228;testens Anfang der neunziger Jahre haben wir in der Geschlechterforschung gelernt, den biologischen Neurowissenschaften mit einer per se abwehrenden Grundhaltung gegen&#252;ber zu treten, zu sehr sitzen uns noch deterministische Aussagen dar&#252;ber, wie Frauen- und M&#228;nnergehirne funktionieren und wie sich daraus weibliches und m&#228;nnliches Verhalten ableiten l&#228;sst, in den Knochen. Und weil nach wie vor essentialistische Deklarationen in diesen Forschungsfeldern aufgestellt werden, sollten wir uns eine gesunde Portion dieser Skepsis bewahren. Und dennoch &#8230;</p>
<h3>Zwei neue Fragestellungen</h3>
<p>Was heute in demjenigen Bereich der Geschlechter- und der feministischen Forschung, der sich mit den Neurowissenschaften besch&#228;ftigt, dringlich ansteht, ist meiner Ansicht nach die Bearbeitung von zwei Aspekten. Der erste betrifft eine exakte Untersuchung dessen, was im neurowissenschaftlichen Experimentallabor vor sich geht. Diese Ebene ist n&#228;mlich diejenige, in der die das Gehirn abbildende Methode samt der Statistik, die biologischen Grunds&#228;tze des Gehirns und die gesellschaftlichen Vorstellungen aufeinander treffen und materialisierte Faktizit&#228;ten mit geschlechtlichen Auspr&#228;gungen (re-)produzieren. Der zweite Aspekt zielt auf einen neuen Umgang mit geschlechtsbezogenen Resultaten aus den Neurowissenschaften ab. Die Frage hierbei ist: Wie k&#246;nnen wir, ausgehend von dem durch unsere Vorg&#228;ngerinnen in den 1970er und 1980er Jahren aufgestellten geschlechtsrelevanten Wissen, die heutzutage hervorgebrachten Ergebnisse deuten und vor allem feministisch nutzen?</p>
<p><em>Warum wir das neurowissenschaftliche Experiment ins Auge fassen sollten </em></p>
<p>Die gezielte Analyse des neurowissenschaftlichen Experimentes erlaubt neue Sichtweisen auf das Gehirn. Neue Fragen resultieren daraus, wie diejenige, die untersucht, warum bestimmte Hirnregionen, zum Beispiel solche auf der kortikalen Rinde, sich als flexibler hinsichtlich von Geschlechterunterschieden zeigen, w&#228;hrend subkortikale Areale standfesten geschlechtlichen Dichotomien unterliegen. Somit wird auch die grunds&#228;tzliche Notwendigkeit deutlich, um zu verstehen, was im Gehirn &#252;berhaupt eine &#8220;Geschlechterdifferenz&#8221; ist, wie diese gemessen wird, wie diese mit statistischen Methoden variieren kann und ob diese &#252;berhaupt im Stande ist, etwas Endg&#252;ltiges &#252;ber das &#8220;Geschlecht des Gehirns&#8221; auszusagen. Ferner m&#252;ssen wir in diesem Zusammenhang die Bedingtheiten eines neurowissenschaftlichen Experiments samt den Operationalisierungseinschr&#228;nkungen eines jeden empirischen Aktes anerkennen, damit wir auch tats&#228;chlich nachvollziehen k&#246;nnen, was denn gemeint ist, wenn ein Geschlechtsunterschied oder eine Geschlechter&#228;hnlichkeit im Gehirn gefunden wird.</p>
<p>Es ist aus feministischer Sicht relevant zu verstehen, warum die statistisch-methodische Bedingung besteht, die zu folgendem Beispiel f&#252;hrt: Eine Forscherin, die sich mit funktioneller Magnetresonanztomographie besch&#228;ftigt, geht in einem <a href="https://www.jiscmail.ac.uk/cgi-bin/webadmin?A2=ind02&amp;L=SPM&amp;T=0&amp;F=&amp;S=&amp;P=1371995">online Datenanalyse-Forum</a> der bilateralen (beidseitigen) weiblichen Aktivierung im weiblichen Gehirn und deren statistisch korrekter Auswertung nach. In diesem Zusammenhang schl&#228;gt sie vor, ob die Tatsache des bilateralen Musters &#8211; M&#228;nner weisen meist ein laterales Muster auf &#8211; nicht etwa ein valider Grund w&#228;re, die Frauenkohorte aus ihrer Studie g&#228;nzlich auszuschlie&#223;en, was wiederum bedeuten w&#252;rde, anschlie&#223;end eine rein m&#228;nnliche Gruppe als Untersuchungsobjekt vor sich zu haben. Es reicht nicht, dieses Beispiel als solches anzuf&#252;hren, wir m&#252;ssen die statistischen Bedingungen und die neurobiologischen Grunds&#228;tze des Gehirns erkl&#228;ren k&#246;nnen, damit wir solchen und &#228;hnlichen Ausschlussgedanken, die Frauen betreffen, mit neuen statistischen und methodischen Logiken entgegen treten k&#246;nnen.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus m&#252;ssen wir auch wieder anfangen, feministisch-neurowissenschaftlich zu experimentieren. Das dekonstruierte Geschlecht dominiert gro&#223;e Teile der Geschlechterforschung. Bez&#252;glich der Neurowissenschaften hat das dekonstruierte Geschlecht es, salopp formuliert, bis an die empirische Grenze des neurowissenschaftlichen Labors geschafft, das hei&#223;t, es gibt Forschung &#252;ber den Konstruktionsgehalt des Geschlechts in den Neurowissenschaften aber keine Forschung mit dem dekonstruierten Geschlecht im neurowissenschaftlichen Experiment. Was machen wir also mit diesem Ansatz jenseits der Grenze? Scheuen wir diese bestimmte empirische Transgression? Hat das dekonstruierte Geschlecht einen Platz im neurowissenschaftlichen Experiment? Im Jahre 2009, fast schon 20 Jahre nach dem ersten Unbehagen mit der zwingenden Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, gilt es die These zu pr&#252;fen, ob sich das Verst&#228;ndnis, sex sei gender auch neurowissenschaftlich experimentell beweisen l&#228;sst. Eine simple Formulierung von enormem feministischem Gewicht.</p>
<p><em>Neuer Umgang mit geschlechtsbezogenen Resultaten aus den Neurowissenschaften </em></p>
<p>Was machen wir aus feministischer Sicht mit der Unmenge an Resultaten &#252;ber Geschlechtsdifferenzen, &#252;ber &#8220;abweichende&#8221; Gehirnaktivit&#228;ten bei Homosexuellen, &#252;ber &#8220;weibliche&#8221; und &#8220;m&#228;nnliche&#8221; Muster im Gehirn bei Experimenten zur menschlichen Sexualit&#228;t? Kurz: was machen wir ganz konkret mit der Unmenge an einzelnen &#8220;neuen&#8221; und tradierten Bausteinen der Geschlechterdifferenz im Gehirn? Ein Umgang ist es, sie zu dekonstruieren, wie bisher &#8211; und das ist schon einmal ganz gut. Ein weiterer besteht jedoch auch gemeinhin darin, darauf hinzuweisen, dass viel weniger neurowissenschaftliche Arbeiten als man denkt eindeutige deterministische Aussagen treffen. Die Perspektive, Differenzen im Gehirn eher als Resultate einer geschlechtlichen Sozialisation als Ursache von geschlechtertypischem Verhalten zu begreifen, wird n&#228;mlich auch innerhalb der Neurowissenschaften durchaus vertreten. Des Weiteren w&#228;re es interessant, einen Unterschied auch einmal als &#8220;biologische&#8221; Geschlechterdifferenz im Gehirn stehen zu lassen, um anschlie&#223;end neurowissenschaftlich-experimentell zu zeigen, wie sich dieser Unterschied aufgrund der neuronalen Plastizit&#228;t, also der F&#228;higkeit des Gehirns zur Ver&#228;nderbarkeit, im Gehirn umformen l&#228;sst. So betrachtet wurde Plastizit&#228;t n&#228;mlich bereits in den 1970er Jahren von feministischen Neurobiologinnen angedacht:</p>
<p>&#8220;Do we somatize our oppression? Rather than assuming that our bodies necessarily determine our social state, as patriarchal scientists have tried to prove, we must understand that social states can give rise to and shape many facets of our physical being. Biology is no less, and perhaps in some areas, far more, mutable than socialization &#8230; (Star, 1979, S. 116)</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul>
<li>Imboden, Gabriela, Kaiser, Anelis, Ratmoko, Christina (2007). Das &#8220;bewegte&#8221; Geschlecht. In: Grisard, Dominique / H&#228;berlein, Jana / Kaiser, Anelis / Saxer, Sibylle (Hg.): Gender in Motion. Die Konstruktion von Geschlecht in Raum und Erz&#228;hlung, Frankfurt: Campus, S. 104-127.</li>
<li>Purtschert, Patricia (2008). Naturalisierung: Dekonstruktive Anmerkungen zu einem streitbaren Begriff. In: Aus der Au, Christina (Hg.): K&#246;rper-Leib-Seele-Geist. Schl&#252;sselbegriffe einer aktuellen Debatte. Z&#252;rich: TVZ 2008, S. 51-66.</li>
<li>Schmitz, Sigrid (2006). Frauen- und M&#228;nnergehirne. Mythos oder Wirklichkeit? In: Ebeling, Smilla / Schmitz, Sigrid (Hg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einf&#252;hrung in ein komplexes Wechselspiel. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 211-234.</li>
<li>Star, Susan Leigh, (1979). Sex Differences and the Dichotomization of the Brain: Methods, Limits and Problems in Research on Consciousness. In: Hubbard, Ruth / Marian Lowe, Editors, Genes and Gender II, Gordian Press, New York.</li>
</ul>
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		<title>Feminismus, Geschlechterforschung und die Neurowissenschaft</title>
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		<pubDate>Fri, 15 May 2009 11:21:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anelis Kaiser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Technologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben gegenw&#228;rtig in einer Neurozeit; manche setzen die Erforschung des Gehirns mit der Erforschung des Menschen gleich. Wie positionieren sich FeministInnen und GeschlechterforscherInnen zur immer wichtiger werdenden Rolle des Gehirns und der Neurowissenschaft in der Gesellschaft? Wie wollen wir, theoretisch und praktisch, Geschlechter&#228;hnlichkeit und -differenz im Gehirn handhaben? Gerade weil eine ganze Generation von feministischen NeurowissenschaftlerInnen fehlt, lautet das Pl&#228;doyer hier f&#252;r mehr neurowissenschaftliche Forschung - und zwar f&#252;r eine kritisch-feministische, die auf die neurobiologische Ver&#228;nderbarkeit von Differenzen und &#196;hnlichkeiten zielt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Wir leben gegenw&#228;rtig in einer Neurozeit; manche setzen die Erforschung des Gehirns mit der Erforschung des Menschen gleich. Wie positionieren sich FeministInnen und GeschlechterforscherInnen zur immer wichtiger werdenden Rolle des Gehirns und der Neurowissenschaft in der Gesellschaft? Wie wollen wir, theoretisch und praktisch, Geschlechter&#228;hnlichkeit und -differenz im Gehirn handhaben? Gerade weil eine ganze Generation von feministischen NeurowissenschaftlerInnen fehlt, lautet das Pl&#228;doyer hier f&#252;r mehr neurowissenschaftliche Forschung &#8211; und zwar f&#252;r eine kritisch-feministische, die auf die neurobiologische Ver&#228;nderbarkeit von Differenzen und &#196;hnlichkeiten zielt.</strong></p>
<p>Die zwischen 1990-2000 unter anderem vom US-Bundesministerium f&#252;r Gesundheit ausgerufene &#8220;Dekade des Gehirns&#8221; sowie die unz&#228;hligen privat und staatlich unterst&#252;tzten Ma&#223;nahmen zur F&#246;rderung neurowissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und -verbreitung haben zweifelsohne ihr Ziel erreicht. Heute ist die Hirnforschung aus der Gesellschaft und Wissenschaft fast nicht mehr wegzudenken. <a href="http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/852357&amp;_z=798884">Ein Manifest</a>, herausgegeben von leitenden Figuren aus den Neurowissenschaften, kursierte im deutschen Sprachraum, mehrere regelm&#228;&#223;ig erscheinende <a href="http://www.gehirn-und-geist.de/">popul&#228;rwissenschaftliche Zeitschriften</a> machen das Thema allzeit gegenw&#228;rtig und zeitgen&#246;ssische Denkerinnen aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften belassen den von manchen Neurowissenschaftlerinnen unternommenen Versuch, den Menschen als biologisch determiniertes Hirnwesen zu betrachten, berechtigterweise nicht ohne Kritik.</p>
<p>Und wir? Was machen wir Feministinnen und Geschlechterforscherinnen mit dem neurowissenschaftlichen Diskurs? So lautet eine meiner Fragen. Zu diesem Thema haben bereits einige aus geistes- sowie kulturwissenschaftlicher (Purtschert 2008), wissenschaftskritischer (Schmitz 2006, Fausto-Sterling 2000) oder historischer Sicht (Imboden u.a. 2007) geforscht. Diese Arbeiten untersuchen unter anderem die Vorstellungen von K&#246;rper und Geschlecht in den Neurowissenschaften (Purtschert), die Verwobenheit zwischen neurowissenschaftlicher Theorie, Methode und geschlechterrelevanten Ergebnissen (Schmitz, Fausto-Sterling) oder die historische Reise des Geschlechts durch den K&#246;rper und wie diese im Gehirn ihr Ende nahm (Imboden u.a.).</p>
<p>Ein andere Frage betrifft den neurowissenschaftlichen Diskurs auf eine direktere Art und lautet: Wie kann eine feministische Sicht direkt in den neurowissenschaftlich-empirischen Diskurs integriert werden? Meines Erachtens sollten wir hierbei an die in Vergessenheit geratenen feministischen Empirikerinnen der 1970er und 1980er Jahre, wie Ruth Bleier oder Susan Leih Star, ankn&#252;pfen. Es gab sie also auch in den Neurowissenschaften. Die feministische Deutlichkeit, mit der sie sich damals durchaus auch in ihren neurowissenschaftlichen Publikationen &#228;u&#223;erten, haben wir nicht mehr &#8211; oder: wir nehmen sie uns nicht. 1979 scheute sich Star nicht, in ihrem Artikel &#8220;Sex Differences and the Dichotomization of the Brain &#8230;&#8221;, von &#8220;pro-patriarchalen politics&#8221; gerade auch im Zusammenhang mit geschlechtlichen Morphologien des Gehirns zu sprechen. Heute hingegen fehlen mir die Bezeichnungen, wenn ich bei renommierten interdisziplin&#228;ren Veranstaltungen, wie zum Beispiel den <a title="PDF-Datei: Flyer Neurocultures" href="http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/PDF/NeuroculturesFlyer.pdf">Neurocultures</a>,                   auch nur auf das fehlende Thema Geschlecht hinweisen m&#246;chte.</p>
<p>Sicherlich muss in diesem Zusammenhang ein allgemeines Interdisziplinarit&#228;tsproblem ins Feld gef&#252;hrt werden: Die Neurowissenschaften und die Geschlechterforschung haben keine gemeinsame Sprache. Intuitiv stehen wir den Naturwissenschaften mit gro&#223;er Skepsis gegen&#252;ber. Seit sp&#228;testens Anfang der neunziger Jahre haben wir in der Geschlechterforschung gelernt, den biologischen Neurowissenschaften mit einer per se abwehrenden Grundhaltung gegen&#252;ber zu treten, zu sehr sitzen uns noch deterministische Aussagen dar&#252;ber, wie Frauen- und M&#228;nnergehirne funktionieren und wie sich daraus weibliches und m&#228;nnliches Verhalten ableiten l&#228;sst, in den Knochen. Und weil nach wie vor essentialistische Deklarationen in diesen Forschungsfeldern aufgestellt werden, sollten wir uns eine gesunde Portion dieser Skepsis bewahren. Und dennoch &#8230;</p>
<h3>Zwei neue Fragestellungen</h3>
<p>Was heute in demjenigen Bereich der Geschlechter- und der feministischen Forschung, der sich mit den Neurowissenschaften besch&#228;ftigt, dringlich ansteht, ist meiner Ansicht nach die Bearbeitung von zwei Aspekten. Der erste betrifft eine exakte Untersuchung dessen, was im neurowissenschaftlichen Experimentallabor vor sich geht. Diese Ebene ist n&#228;mlich diejenige, in der die das Gehirn abbildende Methode samt der Statistik, die biologischen Grunds&#228;tze des Gehirns und die gesellschaftlichen Vorstellungen aufeinander treffen und materialisierte Faktizit&#228;ten mit geschlechtlichen Auspr&#228;gungen (re-)produzieren. Der zweite Aspekt zielt auf einen neuen Umgang mit geschlechtsbezogenen Resultaten aus den Neurowissenschaften ab. Die Frage hierbei ist: Wie k&#246;nnen wir, ausgehend von dem durch unsere Vorg&#228;ngerinnen in den 1970er und 1980er Jahren aufgestellten geschlechtsrelevanten Wissen, die heutzutage hervorgebrachten Ergebnisse deuten und vor allem feministisch nutzen?</p>
<p><em>Warum wir das neurowissenschaftliche Experiment ins Auge fassen sollten </em></p>
<p>Die gezielte Analyse des neurowissenschaftlichen Experimentes erlaubt neue Sichtweisen auf das Gehirn. Neue Fragen resultieren daraus, wie diejenige, die untersucht, warum bestimmte Hirnregionen, zum Beispiel solche auf der kortikalen Rinde, sich als flexibler hinsichtlich von Geschlechterunterschieden zeigen, w&#228;hrend subkortikale Areale standfesten geschlechtlichen Dichotomien unterliegen. Somit wird auch die grunds&#228;tzliche Notwendigkeit deutlich, um zu verstehen, was im Gehirn &#252;berhaupt eine &#8220;Geschlechterdifferenz&#8221; ist, wie diese gemessen wird, wie diese mit statistischen Methoden variieren kann und ob diese &#252;berhaupt im Stande ist, etwas Endg&#252;ltiges &#252;ber das &#8220;Geschlecht des Gehirns&#8221; auszusagen. Ferner m&#252;ssen wir in diesem Zusammenhang die Bedingtheiten eines neurowissenschaftlichen Experiments samt den Operationalisierungseinschr&#228;nkungen eines jeden empirischen Aktes anerkennen, damit wir auch tats&#228;chlich nachvollziehen k&#246;nnen, was denn gemeint ist, wenn ein Geschlechtsunterschied oder eine Geschlechter&#228;hnlichkeit im Gehirn gefunden wird.</p>
<p>Es ist aus feministischer Sicht relevant zu verstehen, warum die statistisch-methodische Bedingung besteht, die zu folgendem Beispiel f&#252;hrt: Eine Forscherin, die sich mit funktioneller Magnetresonanztomographie besch&#228;ftigt, geht in einem <a href="https://www.jiscmail.ac.uk/cgi-bin/webadmin?A2=ind02&amp;L=SPM&amp;T=0&amp;F=&amp;S=&amp;P=1371995">online Datenanalyse-Forum</a> der bilateralen (beidseitigen) weiblichen Aktivierung im weiblichen Gehirn und deren statistisch korrekter Auswertung nach. In diesem Zusammenhang schl&#228;gt sie vor, ob die Tatsache des bilateralen Musters &#8211; M&#228;nner weisen meist ein laterales Muster auf &#8211; nicht etwa ein valider Grund w&#228;re, die Frauenkohorte aus ihrer Studie g&#228;nzlich auszuschlie&#223;en, was wiederum bedeuten w&#252;rde, anschlie&#223;end eine rein m&#228;nnliche Gruppe als Untersuchungsobjekt vor sich zu haben. Es reicht nicht, dieses Beispiel als solches anzuf&#252;hren, wir m&#252;ssen die statistischen Bedingungen und die neurobiologischen Grunds&#228;tze des Gehirns erkl&#228;ren k&#246;nnen, damit wir solchen und &#228;hnlichen Ausschlussgedanken, die Frauen betreffen, mit neuen statistischen und methodischen Logiken entgegen treten k&#246;nnen.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus m&#252;ssen wir auch wieder anfangen, feministisch-neurowissenschaftlich zu experimentieren. Das dekonstruierte Geschlecht dominiert gro&#223;e Teile der Geschlechterforschung. Bez&#252;glich der Neurowissenschaften hat das dekonstruierte Geschlecht es, salopp formuliert, bis an die empirische Grenze des neurowissenschaftlichen Labors geschafft, das hei&#223;t, es gibt Forschung &#252;ber den Konstruktionsgehalt des Geschlechts in den Neurowissenschaften aber keine Forschung mit dem dekonstruierten Geschlecht im neurowissenschaftlichen Experiment. Was machen wir also mit diesem Ansatz jenseits der Grenze? Scheuen wir diese bestimmte empirische Transgression? Hat das dekonstruierte Geschlecht einen Platz im neurowissenschaftlichen Experiment? Im Jahre 2009, fast schon 20 Jahre nach dem ersten Unbehagen mit der zwingenden Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, gilt es die These zu pr&#252;fen, ob sich das Verst&#228;ndnis, sex sei gender auch neurowissenschaftlich experimentell beweisen l&#228;sst. Eine simple Formulierung von enormem feministischem Gewicht.</p>
<p><em>Neuer Umgang mit geschlechtsbezogenen Resultaten aus den Neurowissenschaften </em></p>
<p>Was machen wir aus feministischer Sicht mit der Unmenge an Resultaten &#252;ber Geschlechtsdifferenzen, &#252;ber &#8220;abweichende&#8221; Gehirnaktivit&#228;ten bei Homosexuellen, &#252;ber &#8220;weibliche&#8221; und &#8220;m&#228;nnliche&#8221; Muster im Gehirn bei Experimenten zur menschlichen Sexualit&#228;t? Kurz: was machen wir ganz konkret mit der Unmenge an einzelnen &#8220;neuen&#8221; und tradierten Bausteinen der Geschlechterdifferenz im Gehirn? Ein Umgang ist es, sie zu dekonstruieren, wie bisher &#8211; und das ist schon einmal ganz gut. Ein weiterer besteht jedoch auch gemeinhin darin, darauf hinzuweisen, dass viel weniger neurowissenschaftliche Arbeiten als man denkt eindeutige deterministische Aussagen treffen. Die Perspektive, Differenzen im Gehirn eher als Resultate einer geschlechtlichen Sozialisation als Ursache von geschlechtertypischem Verhalten zu begreifen, wird n&#228;mlich auch innerhalb der Neurowissenschaften durchaus vertreten. Des Weiteren w&#228;re es interessant, einen Unterschied auch einmal als &#8220;biologische&#8221; Geschlechterdifferenz im Gehirn stehen zu lassen, um anschlie&#223;end neurowissenschaftlich-experimentell zu zeigen, wie sich dieser Unterschied aufgrund der neuronalen Plastizit&#228;t, also der F&#228;higkeit des Gehirns zur Ver&#228;nderbarkeit, im Gehirn umformen l&#228;sst. So betrachtet wurde Plastizit&#228;t n&#228;mlich bereits in den 1970er Jahren von feministischen Neurobiologinnen angedacht:</p>
<p>&#8220;Do we somatize our oppression? Rather than assuming that our bodies necessarily determine our social state, as patriarchal scientists have tried to prove, we must understand that social states can give rise to and shape many facets of our physical being. Biology is no less, and perhaps in some areas, far more, mutable than socialization &#8230; (Star, 1979, S. 116)</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul>
<li>Imboden, Gabriela, Kaiser, Anelis, Ratmoko, Christina (2007). Das &#8220;bewegte&#8221; Geschlecht. In: Grisard, Dominique / H&#228;berlein, Jana / Kaiser, Anelis / Saxer, Sibylle (Hg.): Gender in Motion. Die Konstruktion von Geschlecht in Raum und Erz&#228;hlung, Frankfurt: Campus, S. 104-127.</li>
<li>Purtschert, Patricia (2008). Naturalisierung: Dekonstruktive Anmerkungen zu einem streitbaren Begriff. In: Aus der Au, Christina (Hg.): K&#246;rper-Leib-Seele-Geist. Schl&#252;sselbegriffe einer aktuellen Debatte. Z&#252;rich: TVZ 2008, S. 51-66.</li>
<li>Schmitz, Sigrid (2006). Frauen- und M&#228;nnergehirne. Mythos oder Wirklichkeit? In: Ebeling, Smilla / Schmitz, Sigrid (Hg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einf&#252;hrung in ein komplexes Wechselspiel. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 211-234.</li>
<li>Star, Susan Leigh, (1979). Sex Differences and the Dichotomization of the Brain: Methods, Limits and Problems in Research on Consciousness. In: Hubbard, Ruth / Marian Lowe, Editors, Genes and Gender II, Gordian Press, New York.</li>
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