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	<title>Feministisches Institut Hamburg &#187; Adelheid Biesecker</title>
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		<title>Vorsorgendes Wirtschaften – Zukunftsf&#228;higkeit jenseits der Krisen&#246;konomie</title>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 21:01:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Adelheid Biesecker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Ma&#223;losigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen l&#228;sst sich die vorherrschende &#246;konomische Rationalit&#228;t, kennzeichnen. Ma&#223;losigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das m&#246;glichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Ma&#223;. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalit&#228;t k&#252;mmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und &#246;kologische Produktivit&#228;t –, sondern nutzen sie r&#252;cksichtslos aus. Das wirkt zerst&#246;rerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.
Dieses &#246;konomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerst&#246;rung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsf&#228;hig. Zukunftsf&#228;hig ist nur eine &#214;konomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalit&#228;t geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einleitung"><strong>Ma&#223;losigkeit und Sorglosigkeit – mit diesen beiden Begriffen l&#228;sst sich die vorherrschende &#246;konomische Rationalit&#228;t, kennzeichnen. Ma&#223;losigkeit – denn aus Geld soll immer mehr Geld werden, und das m&#246;glichst ohne Bezug zur realen Produktion, ohne irgendein stoffliches oder soziales Ma&#223;. Und Sorglosigkeit – denn Menschen mit dieser Maximierungsrationalit&#228;t k&#252;mmern sich nicht um den Erhalt der lebendigen Grundlagen – sozial-weibliche Care-Arbeit und &#246;kologische Produktivit&#228;t –, sondern nutzen sie r&#252;cksichtslos aus. Das wirkt zerst&#246;rerisch auf dieses sog. Reproduktive – die Krise wird zur „Krise des „Reproduktiven““.<br />
Dieses &#246;konomische System schafft seinen „Reichtum“ somit durch Zerst&#246;rung der Reichtumsgrundlagen. Es ist nicht zukunftsf&#228;hig. Zukunftsf&#228;hig ist nur eine &#214;konomie, die durch ihre eigene Praxis des Produzierens und Konsumierens den langfristigen Erhalt der lebendigen Grundlagen garantiert. Erhalten im Gestalten, um diese neue Rationalit&#228;t geht es – um Vorsorgendes Wirtschaften eben.</strong></p>
<p>Das &#214;konomische muss also, wenn es als Grundlage f&#252;r ein dauerhaftes menschliches Leben auf der Erde dienen soll, neu gedacht und gestaltet werden. Und dazu m&#252;ssen keine Fantasien herhalten, sondern ein Blick in die allt&#228;gliche Praxis zeigt, dass vielf&#228;ltig schon sorgend gewirtschaftet wird: dazu geh&#246;ren z. B. die ganze Care-Arbeit in Familien und Nachbarschaften, Projekte solidarischer &#214;konomie auf lokaler oder regionaler Ebene, kooperative Stadtgartenprojekte, Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften in Form von Kommunen, Genossenschaften, Rekultivierungsprojekte und vieles mehr. Das Problem ist jedoch, dass all diese wirtschaftlichen T&#228;tigkeiten aus dem offiziellen Bild von &#214;konomie ausgegrenzt sind – sie produzieren nicht f&#252;r den Markt, der als &#246;konomisches Zentrum gilt. &#214;konomie ist in diesem Bild ausschlie&#223;lich Markt&#246;konomie – und Arbeit ist nur solche Arbeit, die Waren und Dienstleistungen f&#252;r M&#228;rkte herstellt. Dass &#214;konomie viel mehr ist als der Markt und dass Arbeit vielmehr ist als Erwerbsarbeit, kann infolge dieser Ein&#228;ugigkeit nicht gesehen werden.</p>
<p>Hier setzt das Konzept <a title="Link zur Website Vorsorgendes Wirtschaften" href="http://www.vorsorgendeswirtschaften.de">„Vorsorgendes Wirtschaften“</a> an. Es beginnt mit einem Perspektivenwechsel, es blickt von den bisher als „reproduktiv“ aus dem &#214;konomischen ausgegrenzten Bereichen auf die Markt&#246;konomie. So kommen nicht nur „das Ganze des Wirtschaftens“ und “das Ganze der Arbeit“ in den Blick, sondern auch deren geschlechtshierarchische (M&#228;nner managen oben, Frauen sorgen unten) und naturfeindliche Konstruktionen. Diese k&#246;nnen jetzt kritisiert und ver&#228;ndert werden. Und M&#228;rkte sind, so gesehen, nicht Selbstzweck, sondern Mittel f&#252;r Lebenszwecke. Welche M&#228;rkte (auch: welche Finanzm&#228;rkte?) tun den Menschen und der Natur gut? Diese Fragen k&#246;nnen jetzt gestellt und bearbeitet, aus (spekulierenden) Herren k&#246;nnen (sorgende und vorsorgende) Diener gemacht werden.</p>
<p>Gegen&#252;ber der bisherigen Trennung von Produktion und sog. Reproduktion wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ deren Einheit betont. Diese Einheit wird ausgedr&#252;ckt in einer neuen Kategorie – der Kategorie (Re)Produktivit&#228;t. Sie umfasst die Produktivit&#228;ten aller Arbeitsprozesse einschlie&#223;lich der Care-Arbeit sowie die Produktivit&#228;t der &#246;kologischen Natur und damit alle produktiven Prozesse des Herstellens und Wiederherstellens. Dieses (Re)Produktive muss bewusst gestaltet werden, wenn wir zukunftsf&#228;hig wirtschaften wollen, lautet eine Kernaussage im Rahmen dieses Konzeptes. Und deutlich wird: Menschliche Produktion als Prozess zwischen Mensch und Natur ver&#228;ndert auch die Natur selbst, stellt ein „gesellschaftliches Naturprodukt“ mit her (z. B. ver&#228;ndertes Klima, vergifteten Boden, Kulturw&#228;lder), welches jetzt bewusst erhaltend gestaltet werden kann.</p>
<p>Die theoretische Ausformulierung und die praktische Ausgestaltung von Vorsorgendem Wirtschaften st&#252;tzen sich auf drei Handlungsprinzipien: Vorsorge, Kooperation und Orientierung am f&#252;r ein gutes Leben Notwendigen:</p>
<p>Vorsorge: Die Menschen werden als in sozialen Beziehungen lebend betrachtet (anders als in der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft, die nur den isoliert seinen Nutzen maximierenden homo oeconomicus kennt), als f&#252;r sich und andere sorgend, wobei in dieses Sorgen die nat&#252;rliche Mitwelt und zuk&#252;nftige Generationen eingeschlossen sind. Vorsicht, Voraussicht, Umsicht, &#220;bersicht und R&#252;cksicht sind Charakteristika dieses Prinzips. Sorgen nimmt die Bed&#252;rfnisse aller Beteiligten zum Ausgangspunkt, es ist ein Prinzip, das auch asymmetrische Beziehungen in die &#214;konomie integriert. Solche Asymmetrien bestehen h&#228;ufig in Sorgebeziehungen, in denen die Umsorgten abh&#228;ngig sind von den sorgenden Menschen. Aus dem Sorgen um die Zukunft entsteht die Vorsorge in der Gegenwart. Dabei sind Schonung und Nicht-Handeln M&#246;glichkeiten effizienten &#246;konomischen Handelns. Dagegen ist heute Nachsorge vorherrschend, wie wir z. B. beim Umgang mit Atomm&#252;ll sehen oder bei der CCS-Technik (Carbon Capture and Storage), der Technik, CO2 in Kohlekraftwerken abzuscheiden und in der Erde zu speichern. Anstatt von vornherein auf riskante und die Umwelt zerst&#246;rende Techniken zu verzichten, wird auf technische L&#246;sungen beim Umgang mit den „Abf&#228;llen“ gehofft. Wie das systematisch misslingt, erfahren wir gerade bei der &#214;lkatastrophe im Golf von Mexiko.</p>
<p>Kooperation: Kooperieren ist ein altes Prinzip der Care-&#214;konomie und wird im Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ im Sinne einer vorsorgend-verantwortlichen Kooperation weiterentwickelt. Gemeint ist damit ein kooperatives Wirtschaften, in dem im gemeinsamen Verst&#228;ndigungsprozess nach lebensfreundlichen und naturvertr&#228;glichen wirtschaftlichen Formen gesucht wird. Weil in diesem Verst&#228;ndigungsprozess als sprachlose KooperationspartnerInnen die nat&#252;rliche Mitwelt und zuk&#252;nftige Generationen einbezogen sind, kommt der Begriff „Verantwortung“ mit herein. Verantwortung bedeutet eben, diese KooperationspartnerInnen gleicherma&#223;en einzubeziehen. Diese Kooperation ist prozess-, nicht nur zielorientiert. Dagegen wird heute vor allem auf Konkurrenz gesetzt. Konkurrenzf&#228;hig zu sein wird zum Selbstzweck, dem Soziales und &#214;kologisches untergeordnet wird. Mit dem Hinweis auf die Gef&#228;hrdung der Konkurrenzf&#228;higkeit wird z. B. der Mindestlohn bek&#228;mpft und werden &#246;kologische Sch&#228;den f&#252;r industrielle Gro&#223;projekte wie das Vertiefen von Elbe und Ems in Kauf genommen.</p>
<p>Orientierung am f&#252;r das gute Leben Notwendigen: Vorsorgendes Wirtschaften orientiert sich nicht an der Maximierung individueller Profite und nicht an maximalen Wachstumsraten, sondern an der Gestaltung eines guten Lebens f&#252;r alle Beteiligten. Was dieses gute Leben ist, muss im gemeinsamen Diskurs immer wieder neu festgestellt und durch gesellschaftliche Regelungen erm&#246;glicht werden. Gesellschaftliche Wohlfahrt ist so nicht allein monet&#228;r bestimmt, ist nicht ein-dimensional kalkulierbar, sondern kann nur viel-dimensional und vielf&#228;ltig entwickelt werden. Dagegen wird heute auf das Sozialprodukt, die Summe aller f&#252;r den Markt hergestellten und in Geld bewerteten G&#252;ter und Dienstleistungen, gestarrt – dessen Wachstum gilt als Ausdruck von Wohlfahrt. Z&#246;ge man dagegen von diesem Wachstum dessen soziale und &#246;kologische Kosten ab (z. B. Kinderarmut, Versch&#228;rfung der Ungleichheit, Verkehrsunf&#228;lle, &#246;kologische Sch&#228;den), so w&#252;rde deutlich werden: Unsere Wirtschaft w&#228;chst schon lange nicht mehr, der durch die Wachstumsrate des Sozialprodukts ausgedr&#252;ckte Wohlstand ist ein Schein-Wohlstand!</p>
<p>Das Konzept „Vorsorgendes Wirtschaften“ setzt f&#252;r die notwendige Ver&#228;nderung sowohl auf Verhaltens&#228;nderungen der einzelnen Menschen (Konsumkritik und neue Lebensstile), auf die gesellschaftliche Gestaltung neuer Institutionen (wie z. B. das bedingungslose Grundeinkommen) sowie auf den Staat. Es entwirft kein Wolkenkuckucksheim, keine Sozialutopie, sondern eine Wirtschaftsweise, die im Hier und Heute schon entsteht. Aus der Perspektive dieses Konzepts gilt es, diese Prozesse zu st&#228;rken und so eine sozial-&#246;kologische Transformation des &#214;konomischen hin zu einer zukunftsf&#228;higen Wirtschaftsweise zu st&#252;tzen und zu f&#246;rdern. Konkrete Forderungen sind z. B.:</p>
<ul>
<li>Der Ausbau der &#246;kologischen Land-, Fisch- und Forstwirtschaft</li>
<li>Die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare, insbesondere auf Solarenergie</li>
<li>Die Erm&#246;glichung &#246;konomischer Projekte jenseits des Marktes</li>
<li>Die Aufwertung von Care-Arbeit, z. B. &#252;ber fl&#228;chendeckende soziale Infrastrukturen wie Kinderkrippen und – g&#228;rten</li>
<li>Die Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern – M&#228;nner hinein in die Care-Arbeit, Frauen hinein in gute Erwerbsarbeit</li>
<li>Die radikale Verk&#252;rzung der Erwerbsarbeitszeit f&#252;r alle</li>
<li>Einkommensumverteilung von oben nach unten</li>
</ul>
<p>„Vorsorgendes Wirtschaften“ ist ein integrierendes Konzept, alle werden gebraucht, niemand ausgeschlossen. Und es ist ein geschlechtergerechtes Konzept. Niemand wei&#223; genau, wie eine zukunftsf&#228;hige Wirtschaftsweise einmal aussehen wird. F&#252;r den unbekannten Weg dorthin, f&#252;r den notwendigen Suchprozess sind gesellschaftliche Beratungen n&#246;tig. Daf&#252;r werden Gesellschaftsmitglieder ben&#246;tigt – Frauen und M&#228;nner –, die in allen Bereichen des Arbeitens und Wirtschaftens eigene Erfahrungen gesammelt haben. Wie sollen sie sich sonst verst&#228;ndigen? Nur auf der Basis gleicher Erfahrungen lassen sich gemeinsam neue Wirtschaftswege beschreiten. Geschlechtergerechtigkeit ist im Konzept des Vorsorgenden Wirtschaftens daher nicht nur ein moralisches Anliegen, sondern unmittelbar &#246;konomisches Interesse. Zugespitzt formuliert: Geschlechtergerechtigkeit wird zur Basisressource einer zukunftsf&#228;higen &#214;konomie – und damit zum Indikator des Neuen.</p>
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