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Interventionen

Auf die Freundschaft!

10.04.2014, Tina Habermann

Welchen Beitrag können Freundschaften für eine unsere Alltage und somit Gesellschaft verändernde Praxis bringen? Ich möchte einige Gedanken zu Freundschaft gerne in den Kontext der guten alten Erkenntnis „das Private ist politisch“ setzen und mir bestimmte Felder des Lebens in Bezug auf die Frage anschauen, wie darin eine gelingende kollektive Beziehungsform gestaltet sein könnte.

Mir persönlich ist eine Form von engeren, in gewisser Weise verbindlichen – das meint für mich miteinander in Absprachen, Austausch und Nähe stehenden – Beziehungen mit Menschen wichtig. Zudem gibt es bestimmte Felder im Leben, die ich nicht alleine leben will und kann. Oftmals gibt es für die Bündelung der unten ausgeführten Felder eine kleine Auswahl an Paketangeboten gegen Vereinzelung und das individuelle Scheitern in einem Alltag zwischen Produktion und Reproduktion: die Herkunftsfamilie, die Kleinfamilie und die Paarbeziehung. Diese Angebote tragen allesamt schwer an ihren Normvorstellungen. Ich würde es begrüßen, wenn wir die Freundschaften wieder ernster nehmen, ihnen einen gewichtigen Platz beim Treffen von Entscheidungen, für unser Wohlbefinden und unsere ökonomische Sicherheit einräumen würden. Wenn wir Freundschaften stärken, ihren Wert ernster nehmen und nicht alle Wünsche in das Paar-Paket verfrachten. Die Idee von Freundschaft bietet die Chance auf einen gleichberechtigten Umgang mit Geschlechterrollen, da ihr – im Gegensatz zur Paarbeziehung – eine weniger starke heterosexuelle, im kapitalistischen Reproduktionssystem verortete Logik eingeschrieben ist.
Mir erscheint es sinnvoll das Thema von der Frage her anzugehen, welche Bereiche sich als verknüpfend zwischen Alltag, politischem Kontext und Beziehungen darstellen. Welche Felder wollen in vieler Menschen Leben abgedeckt werden und wie kann Freundschaft als Beziehungsangebot dafür fungieren. Die Felder sind hier mit – durchaus sehr subjektiven – Beispielen gefüllt, da ein Praxisbezug leeren Worthülsen begegnen soll. Bestenfalls vermag dieser Text eine kollektive Diskussion anzustoßen.

Freude und Zuneigung
Tatsächlich ist Freude teilen eine der großartigsten Erfahrungen – right? Wenn politische Teilkämpfe glücken, wenn Dinge positiv zusammenkommen, Sinn ergeben, wenn Unerwartetes passiert, wenn Herzlichkeit einen Moment bereichert hat, dann macht die Freude über all diese Situationen viel mehr Spaß, wenn sie geteilt wird. Sich miteinander freuen ist ein Ausdruck von Wertschätzung der anderen Person und von Zuneigung. Diese Momente – ob kürzer und spontan oder länger und verankert – bilden eine Perspektive gegen Gleichgültigkeit, Feindschaft, Isolation, Desinteresse, Vereinsamung und Entsolidarisierung.

Sorge um- und füreinander
Kapitalistische Anforderungen zur individuellen Akkumulation und Reproduktion, von Verachtung geprägte Strukturen wie Rassismus sowie die eigene Zerbrechlichkeit verweisen uns darauf, dass wir auf kollektive Strukturen angewiesen sind, wenn wir nicht von Privilegien und Reichtümern überschüttet sind. Wenn ich in finanzieller Sorge oder krank bin, dann stresst das. Wenn ich weiß: ich bin damit nicht allein, dann ist das Gold wert und gibt Kraft. Wenn ich bemerke, was bei den Lieben um mich herum gerade Wichtiges passiert und ich Fragen, die sie sich stellen, gemeinsam mit ihnen erörtern darf, dann ist das füreinander Sorge tragen. Diese Sorge füreinander setzt der Konfrontation alleine gegenüber dem Jobcenter Termin eine Stärke entgegen. Viele Menschen um mich herum führen Freundschaften, in denen sie einander versichern, einander gern anrufen zu können, wenn eine Person krank ist und etwas benötigt. Meist ist damit Medizin oder ein Tee gemeint. Einfach nicht allein im Bett herumliegen wollen ist Freund_innen oft so viel schwieriger mitzuteilen. Das ließe sich ändern.

Ökonomische Absicherung
Miete wird teurer, krank sein auch und Bahnfahren auch. Mein Lohn wird aber nicht mehr. Lohnarbeiten und nicht-lohnarbeiten sollte in einem guten Verhältnis stehen. Dagegen könnte ich mich mit meinen Freund_innen anders organisieren und dabei mitdenken, dass Menschen unterschiedliche Möglichkeiten haben, ihr Einkommen oder ihre Transferleistungen zu steigern – weil Jobzugangschancen und Durchsetzungsmacht mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen unterschiedlich verteilt sind. Freundschaften könnten die Basis für eine ökonomische Solidargemeinschaft bilden. Wenn ich aktuell keine Kohle habe, dann möchte ich wissen, dass meine Freund_innen mir finanziellen Rückhalt geben. Das heißt, dass sie mit mir Wege für die Mietzahlung suchen, mir mein Brot und Bier mitbezahlen – wenn das denn geht und dass wir gemeinsam Formen von Wegfahren erörtern, die finanziell für alle hinhauen. Weil mir Leute wichtig sind, macht es mir mehr Spaß zu wissen, wir können von dem vorhandenen Geld alle das Fahrtticket oder den Eintritt irgendwo gemeinsam finanzieren als dass ich mit meinem Einkommen allein konsumieren gehe.

Romantik
Dieser Absatz ist besonders schwierig, weil schon der Begriff mit bestimmten Vorstellungen und Diskurse überfrachtet ist. Dennoch soll hier stark gemacht werden, dass Freude bringende, kitschige, irrationale Momente ihren Sinn im Leben haben. Ich will sie hier sogar als revolutionär verstehen, da sie Kraft zum Kämpfen geben gegenüber vernichtenden Verhältnissen und ihrem Ausdruck in Lohnarbeit, Ausländerbehörden, Arbeitsämtern und Mietenspiegel. Ich setze den Begriff hier bewusst gegen eine Romantikidee, die Verschmelzung, Kleinfamilie oder eine eurozentrische Kultur der Bourgeoisie meint. Ich spreche von einer Durchromantisierung unseres Alltags als einer Idee, Momenten von Freude durch Aufmerksamkeit und Liebe füreinander einen Kraft gebenden Raum zuzugestehen. Wenn diese Romantik uns Freude verspricht, dann sollten wir ihr doch trotz all unserer Gewohnheit, uns beständig Rationalität und Unabhängigkeit beweisen, Raum geben. Bini Adamczak schreibt, es gäbe eine „Hidden story der Freundschaft“, die tragisch ist, aber erzählt werden könnte „wären nicht zu viele romantische Energien in der (hetero) Lovestory gebunden“ (Bini Adamczak – Freundinnen werden). Ich spreche von Situationen, die etwas mit Aufmerksamkeit, Respekt, Liebe zu tun haben. Gesten wider einen durchkalkulierten Alltag. Gesten, die einander zeigen, wie toll man die andere Person mit ihren Gedanken, Handlungen und Eigenschaften findet. Oder Aufmerksamkeit zeigt für einen wichtigen Termin des Gegenübers bei einer Ärztin oder dem Jobcenter. In diesem Sinne möchte ich den Begriff Romantik besetzen als Liebe und Respekt füreinander. Als solchen möchte ich ihn bewerben und verstehen: Ein gemeinsames Einstehen gegen Repressionen auf dem Amt oder im Gericht. Romantisch ist auch der für eine_n mitgekochte Kaffee am Morgen oder eine nette Notiz. Oder das Lesen eines solchen Textes, weil eine Diskussion darüber lohnt.

Leidenschaft
Manchmal ist es gut, zu wissen, dass der Ort der Freundschaft einer ist, der die Sicherheit bietet, dort nicht offen sexualisiert betrachtet zu werden. Das kann in Krisenzeiten oder auch für ein generelles „Sich Einlassen“ sehr wichtig sein. Die Vertrautheit einer Freundschaft kann aber die Basis für Leidenschaft bieten. Manchmal spricht etwas für spontane Leidenschaft – sofern sie offen und abgesprochen ist. Für manche mag Leidenschaft und Sex im Rahmen einer Freundschaft einen sichereren Rahmen darstellen als die Leidenschaft mit einer gerade erst kennengelernten Person auf einer Party. Sich innerhalb der Freundschaft über das Verhältnis von Nähe und Distanz vertrauensvoll auszutauschen stellt eine Herausforderung dar. Eine gute Praxis darin jedoch durchaus einen Gewinn. Die These ‘Leidenschaft zerstört Freundschaft’ weise ich zurück. Schlechte Kommunikation zerstört Freundschaft – sei der Gegenstand der Auseinandersetzung nun Leidenschaft, Verbindlichkeit oder die Bewertung einer politischen Analyse der kapitalistischen Krise.

Austausch
Um sich politisch nicht fest zu fahren, bedarf es eines Austauschs. Das kann mit Personen sein, die eine konträre Position innerhalb eines Themas vertreten oder mit Menschen aus anderen Orten oder Generationen. Die Erfahrung in einer Freundschaft, sich vertrauensvoll auf eine auch selbstkritische politische Analyse einzulassen, ist eine wertvolle Praxis. Freundschaft kann den Rahmen darstellen, in dem eine Infragestellung von Themen und der eigenen Verwobenheit darin ohne eine Angst vor Wertschätzungsverlust möglich wird.

Fazit
Die eine oder andere mag den Punkt Liebe vermissen. Ich plädiere dafür, diese als Querschnitt der Themen zu sehen, sie überall hinein zu packen, wo sie zu passen scheint und sie darüber hinaus frei zu definieren. Möge sich mit Erfüllung der genannten Punkte doch ein Beziehungspaket ergeben, das ein gutes ist und sich den Namen selbst geben kann. Aus einer feministischen Perspektive lohnt es, den Wert von Freundschaft unter Frauen als sich stärkend, stützend und verbunden in Abgrenzung zu den Bildern von Neid und Missgunst unter Frauen zu betonen.
Darüber hinaus lässt sich erkennen, dass Freundschaften und Netzwerke sich auch recht gut als Auffangnetz in die Anforderungen eines individualisierten Alltags einpassen können. Wollen wir die Freundschaften nicht als Teil neoliberaler Vereinnahmung, sondern als Bestandteil einer revolutionären Perspektive sowie eines guten Lebens im Hier und Jetzt sehen, lohnt es sich, für verbindliche Beziehungen und freudvolle Momente zu kämpfen und der Praxis der Nähe in unserem Alltag einen Meilenstein zu setzen. Denn Freundschaft vermag nach Bini Adamczak durchaus „den Loyalitätsanspruch der Institution“ zu bedrohen (ebd.). Eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse stellt die notwendige oder aber mindestens die bessere Basis für eine grundlegend gleichberechtigt gestaltete Verantwortungsbeziehung zu anderen Menschen in verschiedenen Lebenspositionen dar. An dieser Grundlage gilt es zu arbeiten. Freundschaft kann Segregation etwas entgegensetzen. Insofern möchte ich zu guter Letzt darauf eingehen, dass all unsere so genannt solidarisch-politische Praxis herzlich wenig wert ist, wenn wir nicht bereit sind, aus ihr Freundschaften anstatt nur pragmatische Strukturen zur Unterstützung der „Anderen“ entstehen zu lassen. Wenn wir etwa als Aktivist_innen Mieter_innenkämpfe unterstützen, gestaltet sich diese Praxis häufig nach ähnlichen „Regeln“ wie ein Kundenverhältnis. Private Kaffeeverabredungen scheinen allzu oft „unangemessen“. Eine Freundschaft in solidarischen Unterstützungsarbeiten als Option von vornherein auszuschließen, da ein aktivistisches Verhältnis doch innerhalb seiner abgesteckten Grenzen zu verbleiben habe, bedeutet in der Konsequenz eine Entsolidarisierung von den „unterstützten“ Personen als Menschen! Ich ende damit, dafür zu werben, sich in solidarischen Praxen auf das Entstehen von Freundschaften einzulassen.


1 Kommentar »

  1. [...] … Freund_innenschaft: FreundInnenschaft: reaktionär. antiprivat., Auf die Freundschaft! [...]

    Pingback by Feministisches ABC. Erster Streich | umstandslos. — 09.07.2014 um 08:20

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