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„Nach meinem Studium möchte ich Au-pair werden“: Zur Bedeutung des Au-pair Aufenthalts in der Biographie junger Russinnen

16.12.2010, Caterina Rohde

Au-pair Programme richten sich in Westeuropa an junge Frauen, die nach dem Ende ihrer Schulzeit einige Monate in ein anderes Land reisen wollen, um die Kultur kennenzulernen, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern oder sich eine Auszeit zu nehmen, bevor sie ein Studium oder eine Ausbildung beginnen. Blickt man aber auf Au-pairs aus Russland, ist auffällig, dass ihr Au-pair Aufenthalt oft in eine ganz andere Phase des Lebenslaufs fällt. Viele studieren oder haben ihr Studium sogar abgeschlossen und erste Berufserfahrungen gesammelt. In der Wissenschaft wird aktuell der „Au-pair Austausch“ von Ost- nach Westeuropa hauptsächlich in Hinblick auf die schlecht entlohnten oder gar ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnisse im Privathaushalt diskutiert (vgl. Rerrich 2006, Anderson 2006, Lutz 2008). Bisher ist wenig bekannt über die jungen Frauen, die sich entscheiden als Au-pair zu arbeiten (vgl. Hess 2009, Orthofer 2009). Dieser Artikel möchte daher einen kleinen Einblick in die Bedeutung des Au-pair Aufenthalts in den Lebensläufen junger Russinnen geben und dabei vor allem Augenmerk auf den Faktor „Geschlecht“ legen.

Daria sagt von sich, sie sei das älteste Au-pair, das je nach Deutschland gekommen ist. Sie beantragte ihr Au-pair Visum gerade noch rechtzeitig, bevor sie mit ihrem 25. Geburtstag die Altersgrenze des deutschen Au-pair Programms überschritt. Als Daria nach Deutschland kommt, bringt sie einen Studienabschluss der Germanistik, ein Aufbaustudium in Personalmanagement und eine mehrjährige Berufserfahrung als Angestellte im Amt für internationale Beziehungen mit. Mit diesem Lebenslauf stellt sie zumindest in der Untersuchungsgruppe meines Dissertationsprojektes, die aus 20 jungen Russinnen besteht, absolut keine Ausnahme dar. Wie kommt eine junge Frau mit solch einer Ausbildung dazu, sich für einen Au-pair Aufenthalt in Deutschland zu bewerben?

Als ich Daria zum Interview treffe, lebt sie bereits wieder seit 2 Jahren in Moskau und arbeitet in einem großen Unternehmen als gutverdienende Sales Managerin für das deutschsprachige Ausland. In Darias Geschichte spielt Bildung eine große Rolle. Sie erzählt, dass sie von ihren Eltern und besonders ihrer Mutter bereits als kleines Kind gefördert wurde, denn Bildung gilt in ihrer Familie als wichtiges persönliches Gut. Bildung verspricht aber auch eine gute Positionierung am neu entstehenden post-sowjetischen Arbeitsmarkt. Obwohl die Familie kein großes Einkommen hat, besucht Daria ein Internat, in dem eine spezielle Förderung der deutschen Sprache angeboten wird. Dieser Schulabschluss ermöglicht ihr die Aufnahme an einer angesehenen Moskauer Universität und den Berufseinstieg beim Amt für internationale Beziehungen. Schnell stellt sie fest, dass ihr im Berufsalltag praktische Sprachkenntnisse fürs Dolmetschen fehlen. Daria, ehrgeizig und hoch motiviert, möchte sich weiterbilden und sieht in dem Au-pair Programm die einzige leistbare Möglichkeit, die ihr noch fehlende Sprachpraxis zu erwerben.

Qualifizierung, Orientierung und Abenteuer
Osteuropäischen Au-pairs wird in der Öffentlichkeit oft die Vorstellung entgegengebracht, sie missbrauchten ihren Au-pair Aufenthalt als Zuwanderungsmöglichkeit und würden für dieses Ziel notfalls auch eine „Scheinheirat“ in Kauf nehmen. Meine Untersuchungsgruppe hingegen zeigte ganz andere Motive für die Teilnahme am Au-pair Programm. Wie Daria nutzen einige den Au-pair Aufenthalt zur sprachpraktischen Weiterqualifizierung. Dies ist vor allem für Germanistinnen wichtig, für die es bisher kaum internationale Förderprogramme gibt. Aber auch Studentinnen anderer Fachbereiche wissen um die große Bedeutung von guten Sprachkenntnissen für ihre Berufsplanung.

Bereits zu Zeiten der Sowjetunion war der russische Arbeitsmarkt durch eine starke Konzentration von Frauen in „typisch weiblichen“ Berufssparten wie dem Lehramt, der Kommunikation, dem Gesundheits- und Dienstleistungsbereich gekennzeichnet. Auch heute im post-sowjetischen Russland hat sich daran kaum etwas geändert. Sogar die neu entstehende Privatwirtschaft ist stark geschlechtsspezifisch segregiert, so dass junge Frauen häufig als Office Managerinnen, Assistentinnen oder Dolmetscherinnen in international agierenden Unternehmen arbeiten. Meine Interviewpartnerin Anastasia formulierte auf die Frage, wie junge russische Männer ihre Sprachkenntnisse verbesserten, dass sie solche gar nicht bräuchten, denn sie hätten ja eine Assistentin, die übersetzen kann.

Der Au-pair Austausch ist somit zweiseitig durch die Geschlechtszugehörigkeit als Strukturfaktor gerahmt. Junge Russinnen haben einen größeren Bedarf als gleichaltrige Männer Sprachkenntnisse zu erwerben, um sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Aber erst die ihnen zugeschriebenen spezifisch „weiblichen“ Kompetenzen der Haushaltsführung und Kinderbetreuung ermöglichen es, ihre Sprachkenntnisse als Au-pair im Ausland zu verbessern. Der Au-pair Aufenthalt zeigt sich in diesem Hinblick als „weibliche“ Qualifizierungsstrategie für eine wiederum „weibliche“ Beschäftigung auf dem russischen Arbeitsmarkt.

Es wäre allerdings zu stark vereinfachend, von der sprachlichen Qualifizierung als einziges oder hauptsächliches Motiv meiner Untersuchungsgruppe zu sprechen. So erklärten viele meiner Interviewpartnerinnen, dass sie durch den Au-pair Aufenthalt ein Visum für den „Schengener Raum“ erhielten und so wesentlich einfacher durch Europa reisen könnten als von Russland aus. Mal in einem anderen Land gelebt zu haben, bevor sie endgültig in das Erwerbsleben einsteigen, ist für sie von hoher Bedeutung. Hinzu kommt, dass viele Russinnen während ihres Studiums aufgrund des teuren Wohnraums noch bei ihren Eltern wohnen. Erst durch den Au-pair Aufenthalt haben sie eine Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen und Orientierungen für ihren weiteren Lebensweg auszubilden. In vieler Hinsicht ähnelt die russische Nutzung des Au-pair Programms dem europäischen Studentenaustausch „Erasmus“ und es kann angenommen werden, dass mit zunehmender Förderung der internationalen Mobilität von russischen StudentInnen deren Interesse am Au-pair Austausch zurückgehen wird.

Was kommt nach dem Au-pair?
Da der Au-pair Aufenthalt auf max. 12 Monate begrenzt ist, befassen sich die meisten Au-pairs schon frühzeitig damit, wie ihr Leben weitergehen soll. Einige entscheiden sich dafür, ihre Zeit in Deutschland um ein weiteres Jahr durch die Teilnahme am so genannten „Freiwilligen Sozialen Jahr“ zu verlängern. Andere immatrikulieren sich an einer deutschen Universität. Nur wenige heiraten, um in Deutschland bleiben zu können, und eine arrangierte Heirat scheint in der Realität überhaupt nicht vorzukommen.

Daria begann während ihres Aufenthaltes in Deutschland eine Beziehung zu einem deutschen Mann. Zum Ende ihres Freiwilligen Sozialen Jahres bat er sie, in Deutschland zu bleiben. Daria informierte sich und fand heraus, dass sie hier vermutlich ein weiteres Studium beginnen müsste, da ihre russischen Qualifikationen entweder nicht anerkannt würden oder zumindest nicht auf dem deutschen Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig seien. Sie entschied, dass ihre Liebe zu ihrem damaligen Partner nicht ausreiche, um einerseits auf Dauer so weit weg von ihrer Familie und ihren russischen FreundInnen zu leben und andererseits ein weiteres Studium auf sich zu nehmen. Ähnlich wie bei Daria sind es auch für Anna und Viktoria die engen Bindungen an ihre Eltern und der Wunsch „in ihrem Heimatland zu leben“, die es für sie unvorstellbar machen, in Deutschland zu bleiben.

Ein Leben „zwischen“ Russland und Deutschland
Es gibt aber auch eine Gruppe junger Russinnen, die nach dem Au-pair Aufenthalt vorerst nicht nach Russland zurückkehren will. So verliebte sich Elena in einen Deutschen russischer Herkunft und blieb wegen ihm. Wie auch Nina und Marina promoviert Elena heute an einer deutschen Universität – nur wenige Jahre nach dem Au-pair Aufenthalt. Die drei jungen Frauen leben alle in festen Partnerschaften und planen ihre Zukunft in Deutschland, halten aber auch beständigen Kontakt zu ihren in Russland lebenden Familien und FreundInnen.

Viele ehemalige Au-pairs wirken bei ihrer Berufsplanung besonders ehrgeizig und engagiert. In Erzählungen über die Familie wird deutlich, dass sie wie Daria schon in der Kindheit von ihren Eltern gefördert wurden, die aufgrund der eigenen Erfahrungen in der russischen Transformation ihren Kindern „ein besseres Leben“ wünschen und die Immigration ihrer Kinder in Deutschland als Lebenschance akzeptieren. Für die jungen Frauen ist Immigration aber meist erst dann ein Thema, wenn sie enge Beziehungen zu in Deutschland lebenden Personen entwickeln. Nur in wenigen Fällen werden Lebenschancen in der russischen Herkunftsstadt als so negativ bewertet, dass ehemalige Au-pairs auch ohne soziale Einbettung ein Leben in Deutschland vorziehen.

So hat Olga – aus einer russischen Provinzstadt mit hoher Arbeitslosigkeit und einer sehr geringen Lebensqualität stammend – mit der Unterstützung ihrer Mutter alles daran gesetzt, ein Studium in Deutschland beginnen zu können. Sie hofften beide, ein deutscher Studienabschluss würde Olga bei ihrer Rückkehr nach Russland zu einem sicheren Job verhelfen. Olga, die stark unter der räumlichen Trennung von ihrer Mutter leidet und sich einsam fühlt, hält daran fest, ihr Studium in Deutschland zu beenden. Sie sagt „mit meinem Kopf, da weiß ich doch, dass da [Russland] wird es nicht besser, aber mit meinem Herzen möchte ich doch nach Hause.“ Nachdem sie nun seit 5 Jahren in Deutschland lebt, hat sich der russische Arbeitsmarkt so stark verändert, dass heute im Ausland erworbene Qualifikationen zunehmend an Wert verlieren. Olga erklärt mir, dass sie sich langsam damit abfände, nicht mehr dauerhaft nach Russland zurückkehren zu können, denn ihr deutscher Studienabschluss würde vermutlich am ehesten auf dem deutschen Arbeitsmarkt einsetzbar sein. Müsse sie nun aber in Deutschland bleiben, so werde sie alles tun, um ihre Mutter nachholen zu können.

Olgas Fall zeigt, dass internationale Mobilität junger Erwachsener Lebenschancen eröffnen kann, aber auch neue Zwänge mit sich bringt.

Literatur
Anderson, Bridget (2006): Doing the Dirty Work? Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit in Europa. Assoziation A: Berlin, Hamburg.

Hess, Sabine (2009): Globalisierte Hausarbeit. Au-pair als Migrationsstrategie von Frauen aus Osteuropa. 2.Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

Lutz, Helma (2008): Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung. 2. überarbeitete Auflage. Verlag Barbara Budrich: Opladen, Farmington Hills.

Orthofer, Maria (2009): Au-pair. Von der Kulturträgerin zum Dienstmädchen. Die moderne Kleinfamilie als Bildungsbörse und Arbeitsplatz. Böhlau Verlag: Wien, Köln, Weimar.

Rerrich, Maria S. (2006): Die ganze Welt zu Hause. Cosmobile Putzfrauen in privaten Haushalten. Hamburger Edition: Hamburg.


2 Kommentare »

  1. Schreiben Sie doch auch ueber die Erfahrungen, die wir in Ihrem Deutschland als Au-pairs oder als Freiwillige gesammelt haben. Ich war mal selbst Germanistikstudentin und dann Au-pair, ich kenne eine Menge von Au-pairs, die eine schreckliche Erfahrung in Deutschland gesammelt hatten. Wir wurden meistens als billige Arbeitskraft angesehen. Und die Behandlung war auch so, wie zu einer billigen Arbeitskraft. Ich kenne viele Maedchen, die Gastfamilie gewechselt hatten. Ich kenne die vielen schrecklichen Erfahrungen. Und das kommt NICHT auf die Mentalitaetsunterschiede an, sondern darauf an, das man in uns meistens in der Gastfamilien keinen Menschen sah, sondern eine billige Arbeitskraft.

    Comment by Spielt keine Rolle — 02.03.2013 um 08:32

  2. Ich finde den Artikel sehr interessant, die zu Grunde liegende Forschung hoch relevant.

    Ist der Artikel aus einer größeren arbeit hervorgegangen?

    Helga Kotthoff

    Comment by Helga Kotthoff — 15.10.2013 um 18:24

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