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Arbeit

Zur Situation von Arbeitsmigrantinnen in Südspanien. Am Beispiel marokkanischer Frauen in der Erdbeerernte in Huelva.

12.05.2014, Laura-Solmaz Litschel

Es ist kein Novum, dass die Situation der Arbeitsmigrantinnen in der Gemüseproduktion Südspaniens katastrophal ist. Die in den letzten Jahren betriebene Politik der Legalisierung hat die Situation zwar verändert, jedoch nicht zum Guten. Die Erdbeerernte in Huelva ist ein Beispiel für das von der EU geförderte Konzept der kontrollierten ‘zirkulären’ Frauenarbeitsmigration in dem die Rückreise schon im Vertrag mit inbegriffen ist. Wer das ganze Jahr über billige Erdbeeren im Supermarkt kauft, sollte sich im Klaren sein, welche sexistischen Bedingungen mit der Produktion einhergehen. Ein Bericht zur Situation in Huelva.

Jedes Jahr arbeiten während der Erbeerernte in Huelva ca. 50.000 Frauen mit sehr strikten temporären Arbeitsverträgen. Es sind Frauen aus Osteuropa sowie den Maghreb-Staaten, allen voran Marokko. Die Arbeitsmigration ist mittlerweile überwiegend vertraglich reglementiert. Die angeworbenen Frauen müssen selbst für ihren Arbeitsaufenthalt zahlen, wodurch die Bedingungen der Unterbringung, des Visum und der Hin- und Rückreise bereits im Vorfeld geklärt werden. Die sogenannten ‘Ursprungsverträge’ bieten rechtlich jedoch kaum eine Verbesserung zur Illegalität: Durch die Verträge können die Frauen vermeintlich ‘legal’ kommen. Von ihrer ‘neuen’ Legalität profitieren sie allerdings kaum – die Vorteile liegen vor allem bei der Europäische Union und dem spanischen Staat. So müssen die Frauen u.a. hohe Abgaben an die spanische Rentenversicherung zahlen. Da sie ausreisepflichtig sind, werden sie von dieser aber später nie profitieren. Es ist ein Arbeitsverhältnis der ‘Produktiven Deslokalisation’ wie es spanische Migrationsforscherinnen nennen: Mobilität von weiblicher Arbeitskraft zu Gunsten der europäischen Wirtschaft.
Den Frauen keine Chance zu geben Spanisch zu lernen und sie weit weg von Städten unterzubringen, ist Teil einer arbeitgeberfreundlichen Strategie, sie möglichst sprachlos zu halten. Denn wer sich nicht auszudrücken weiß, kann sich auch nicht organisieren oder die zustehenden Arbeitsrechte einfordern. Eine Besonderheit Andalusiens im Gegensatz zu anderen Schwerpunktregionen der Arbeitsmigration ist der starke Landwirtschaftssektor. Die Arbeitsbedingungen in der Gemüseproduktion sind besonders hart und gewerkschaftliche Organisation wird aufgrund der Entfernung zwischen Feldern und Städten sowie der saisonalen Beschränkung der Arbeit, massiv erschwert.

Externalisierte Selektion der Arbeiterinnen
Noch in den Herkunftsländern wird selektiert, welche Frauen in Europa arbeiten dürfen und welche nicht. Im Zuge des von der EU-Kommission entwickelten Projektes AENEAS, das die Zusammenarbeit mit Drittländern im Bereich Migration und Asyl fördern soll, erhält die marokkanische Arbeitsagentur ANAPEG (zu fr.: Agence nationale de promotion de l’emploi et des compétences) die Zuständigkeit für den spanischen Staat geeignete Frauen anzuwerben. Schon im Herkunftsland werden gezielt Frauen ausgesucht, die maximale Arbeitskraft garantieren und deren Rückehrwahrscheinlichkeit am höchsten ist. Denn Ehe, Kinderanzahl und Gesundheitszustand der Frauen spielen hier eine bedeutende Rolle, da davon ausgegangen wird, dass Frauen mit Familie eher an einer schnellen Rückkehr ins Herkunftsland interessiert sind. Frauen, die sich entscheiden unverheiratet und kinderlos zu bleiben, können also auf dem Arbeitsmarkt wesentlich schwerer bestehen, da sie durch die Kriterien der EU Migrationspolitik explizit benachteiligt werden. Somit werden heteronormative und sexistische Strukturen nicht nur stabilisiert, sondern zur Profitgrundlage gemacht. Selbstständige Frauen werden zugleich in ihrer Bewegungsfreiheit restringiert.

Wohnsituation und Krise
Die Frauen, die es nach Spanien schaffen, leben dort oft zu sechst in Containern:
„Es gab viele Unterkünfte die sehr schlecht waren, viele Unterkünfte der europäischen Union und es gibt keine Heizungen, Klimaanlagen, so ist es dort sehr heiß und sehr kalt. Und die Frauen, die flippen aus. Und viele leben auch im Wald. Schlimm ist, dass alle es wissen: Die Polizei, die weiß, dass viele Leute aus dem Maghreb im Wald leben. Die Wahrheit ist, dass ich tausend Leute dort im Wald gesehen habe, ohne Wohnung und alle Welt weiß, dass sie da waren, weißt du? Tausend Leute kann man nicht verstecken. Aber sie können sie auch nicht abschieben, weil sie Arbeiter_innen brauchen [Eine spanische Migrationsforscherin].“

Für die Lebensbedingungen der angeworbenen Frauen entzieht sich der spanische Staat mehr und mehr der Verantwortung. Dies zeigt sich sowohlan der miserablen Wohnsituation als auch jüngst an der Abschaffung der ‘Tarjeta Sanitaria’ (zu dt: Gesundheitskarte) für nicht-spanische Staatsbürger_innen. Ohne Papiere gibt es seit September 2012 keinen Zugang mehr zum staatlichen Gesundheitssystem. Das ist gerade bei schwerer körperlicher Arbeit eine Katastrophe und betrifft die Frauen, die über ihre Vertragslaufzeiten hinaus im Land bleiben.
Durch die Krise verschärft sich die Situation weiter. Viele der Illegalisierten, aber auch viele der eigens angeworbenen Arbeitsmigrant_innen finden keine Arbeit mehr. Vielen Frauen sind die Verträge gekündigt worden und so gibt es eine große Rückmigration, auch nach Marokko. Gerade in Huelva gibt es seit 2000/2001 auch viele Frauen aus Osteuropa auf dem Arbeitsmarkt, die den Druck auf alle potentiellen Arbeitnehmer_innen noch erhöhen sollen.

Rolle von Großproduzent_innen
Die Politik der rechts-konservativen ‘Partido Popular’ führt zu einer Prekarisierung der Arbeitsmigrant_innen. Doch diese bestand auch schon vor deren Regierungsantritt, da die strukturelle Ausbeutung migrantischer Arbeitskraft im Interesse der Wirtschaft liegt und die Politik in der Krise vor allem eine Politik der Ökonomie ist.
In der Situation auf den Feldern Andalusiens zeigt sich eine durch und durch kapitalisierte Form der Landwirtschaft: Chemie-Industrie, Lebensmittelproduzenten wie ‚Carrefour‘ und Gen-Samenhersteller wie ‚Monsanto‘ bilden ein gruseliges Konglomerat, deren Hauptinteresse die absolute Wertschöpfung und Ausbeutung der vorhandenen menschlichen und natürlichen Ressourcen zu sein scheint. So kommt es zu undurchsichtigen Verflechtungen von ökonomischen, rassistischen, (post)-kolonialialistischen und sexistischen Strukturen, die eine maximale Ausbeutungen der ökonomischen Peripherie Spaniens, marokkanischer und osteuropäischer Arbeiterinnen und der Ressourcen der Region ermöglichen.
70% bis 80 % der geernteten Erdbeeren in Huelva werden an Großunternehmen verkauft und landen bei Supermärkten wie Lidl oder EDEKA im Regal. Die Farmbesitzer_innen haben keinerlei Einfluss mehr auf den Preis, da der Verkauf über Zwischenhändler abgewickelt wird und diese den Preis beinahe beliebig drücken können. So verdienen die Landbesitzer_innen zwar besser, sind aber auch in ein Netz von ökonomischen Abhängigkeiten verstrickt. Kleinbauern halten das meist nicht aus und gehen nach der ersten schlechten Ernte ein.
In Europas Süden werden Obst und Gemüse für die Konsument_innen aus dem Norden produziert. Aber Konsumkritik wird von vielen feministisch-denkenden Personen bisher nicht als akutes Problemfeld wahrgenommen. Die Entscheidung was im Supermarkt gekauft wird, ist inhaltlich nicht verknüpft mit der Stabilisierung von sexistischen Ausbeutungsstrukturen, wie sie im europäischen Nachbarland Spanien der Fall sind. Ein Bewusstsein dafür, dass Frauen durch dieses System in prekäre Lebenssituationen gedrängt werden, in denen ihnen ein selbstermächtigtes Handeln massiv erschwert wird sollte geschaffen werden. Die Entscheidung preiswerte Erdbeeren zu jeder Jahreszeit zu kaufen ist immer auch eine politische. Denn die Erdbeeren kosten oft mehr als gedacht: Rechte von Frauen und deren Bewegungsfreiheit.

Quellen
Andalusien: ‘Das rote Goldfieber’. Archipel [Ausgabe: 127 (05/2005)
Juana Moreno Nieto: ‘Mujeres Marroquíes en la agricultura onubense: Vivencias migratorias a través de la contratación en origen.’
Xavier Montagut y Esther Vivas (Hrsg.) 2007: “Supermercados, no gracias” Icaria editorial.


1 Kommentar »

  1. [...] kommen die billigen Erdbeeren im Supermarkt, die es ganzjährig zu kaufen gibt, und auf Kosten von wem? Hier eine Auswertung [...]

    Pingback by Mädchenmannschaft » Blog Archive » Intrigen zum Muttertag, perfide Willkommenspolitik und billige Erdbeeren- kurz velinkt — 15.05.2014 um 15:01

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