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Interventionen

Gruppenübergreifendes Handeln für eine Care Revolution

31.07.2013, Gabriele Winker

Selbstsorge ebenso wie die Sorge um andere sind für die Verwirklichung menschlicher Lebensbedürfnisse von grundlegender Bedeutung. Das kapitalistische System beschränkt jedoch mit entgrenzter und prekärer Lohnarbeit die zeitlichen und finanziellen Ressourcen für die existenziell wichtige Care-Arbeit. Gleichzeitig entsteht durch Privatisierungen im Pflege- und Gesundheitsbereich, Ökonomisierung der Bildungslandschaft, Reduktion sozialstaatlicher Leistungen ein Mehr an weitgehender unsichtbarer Haus- und Sorgearbeit in den Familien. In neoliberalen Zeiten, in denen die Erwerbstätigkeit aller erwartet wird, führt diese Situation insbesondere für Menschen mit Sorgeverpflichtungen für Kinder oder Pflegebedürftige zu enormen zeitlichen und körperlichen Überlastungen und/oder finanziell bedingten Existenzunsicherheiten. Deswegen sprechen im Care-Bereich Aktive von einer Krise sozialer Reproduktion. Aus diesem Grund hat das Feministische Institut einen Arbeitskreis Reproduktion gegründet, der zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und 19 Kooperationspartner_innen jetzt zu einer Aktionskonferenz Care Revolution aufruft, die vom 14. bis 16. März 2014 in Berlin stattfinden wird. Dort wird es um einen vielfältigen Erfahrungsaustausch gehen zwischen berufstätigen Pflegekräften und Erzieher_innen, die für angemessene Arbeitsbedingungen kämpfen, pflegenden Angehörigen und Eltern, die nicht weiter am Rande ihrer Kräfte auf sich alleine gestellt wertvolle und kaum anerkannte Arbeit leisten wollen, und jungen Aktivist_innen, die sich immer neuen Leistungsanforderungen widersetzen und in sozialen Auseinandersetzungen für ihre ureigensten Lebensinteressen eintreten. Im Folgenden dokumentieren wir den Aufruf zu dieser Aktionskonferenz Care Revolution (Weitere Kooperationspartner_innen sind willkommen; bei Interesse wenden Sie sich gerne an die Autorin).

Aktionskonferenz Care Revolution am 14. bis 16. März 2014 in Berlin

Her mit dem guten Leben – für alle weltweit!

Veranstalter: AK Reproduktion des Feministischen Instituts Hamburg und Rosa-Luxemburg-Stiftung
In Kooperation mit folgenden Initiativen, Netzwerken und Organisationen: Ver.di Betriebsgruppe Charité Berlin, Industrial Workers of the World/Ortsgruppe Köln, Basisgruppe Antifa Bremen – …ums Ganze!, Arbeitskreis Care der Unabhängigen Frauen Freiburg, Redaktion der Zeitschrift Widersprüche, AK Feminismus der Naturfreundejugend Berlin, Ver.di-Pflegenetzwerk der Medizinischen Hochschule Hannover, Nicos Farm e.V. Hamburg, 4in1-Initiative Hannover, Initiative Armut durch Pflege, Frauengruppe Zumutung Tübingen, Tagespflege Lossetal, QueerFem AG Interventionistische Linke (iL) Tübingen, BasisGruppe Emanzipation Aschaffenburg, Denknetz Schweiz, QueerFeminismus AG der Interventionistischen Linken Berlin, Wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e.V., Women in Exile Potsdam, Kotti & Co Berlin

Krise sozialer Reproduktion

Um für uns und andere zu sorgen, brauchen wir Zeit und Ressourcen aller Art. Dies ist grundlegend für die Verwirklichung unserer Bedürfnisse und Interessen – für ein gutes Leben. In einem kapitalistischen System spielen menschliche Bedürfnisse jedoch nur insofern eine Rolle, als sie für die Herstellung einer flexiblen, kompetenten, leistungsstarken, gut einsetzbaren Arbeitskraft von Bedeutung sind. Sorgearbeit wird gering geschätzt und finanziell kaum unterstützt. Dies gilt insbesondere in der derzeitigen Krise sozialer Reproduktion, die wir als einen zugespitzten Widerspruch zwischen Profitmaximierung und Reproduktion der Arbeitskraft verstehen. Diese soziale Reproduktionskrise hat viele Facetten:

  • Staatliche Dienstleistungen decken nicht den steigenden gesellschaftlichen Bedarf an Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege: An Kinderbetreuung und schulischer Bildung wird gespart; alte und kranke Menschen werden nicht mehr ausreichend versorgt; Menschen mit Beeinträchtigungen erhalten zu wenig Assistenz. Für die staatliche Subventionierung profitabler Güterproduktion, wie der Automobilindustrie, stehen in der Krise Milliarden zur Verfügung, ebenso wie für die Rettung von Privatbanken. In Kindergärten, Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen, Krankenhäusern und Pflegeheimen wird nur ein Bruchteil dessen investiert.
  • Trotz Fachkräftemangel stagnieren die Löhne von Erzieherinnen, Pflegekräften und anderen sozialen Berufen; sie sichern oft nicht die eigene Existenz, zumal die Kosten für Wohnraum und die allgemeine Lebensführung permanent steigen. Pflege- und Sorgearbeiten unterliegen einem Rationalisierungsdruck, der zu Überforderung und Erschöpfung führt und zu Lasten der Qualität der geleisteten Arbeit geht.
  • Auch in anderen Berufen nehmen Arbeitsverdichtung und Belastungen ständig zu, steigende Stresserkrankungen wie Depression und Burn-Out zeugen davon.
  • Außerdem wachsen die Anforderungen der nicht entlohnten Haus- und Sorgearbeit in Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt. Für viele Frauen bedeutet das eine enorme Doppelbelastung – zugespitzt gilt dies für Alleinerziehende. Vielen bleibt kaum Zeit zur Selbstsorge. Menschen mit höheren Einkommen können diese Belastungen teils dadurch reduzieren, dass sie Haushalts- und Pflegehilfen für sich und ihre Angehörigen bezahlen. Oft sind es Migrantinnen, die völlig unabgesichert und zu Niedriglöhnen in privaten Haushalten arbeiten und hier extrem ausgebeutet werden. Solche Care-Migrationsketten setzen globale Ungleichheiten nicht nur voraus, sondern auch fort.
  • Menschen, die wegen der Erziehung von Kindern, der Pflege von Angehörigen oder aus anderen Gründen, den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht entsprechen können oder wollen, sind nach kurzer Zeit den rigiden Bestimmungen von Hartz-IV unterworfen.

Care Revolution als soziale Bewegungen

Ausgehend von diesen alltäglichen Krisenphänomenen setzen wir uns für einen Perspektivenwechsel ein: Menschliche Bedürfnisse und Interessen müssen im Zentrum der Krisendiskussion stehen. Mit einem Aufruf zur Care Revolution geht es außerdem darum, Reproduktionsarbeit neu zu bewerten und umzugestalten. Aus feministischer Perspektive plädieren wir dafür, die für alle Menschen wichtigen Aufgaben in Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, aber auch Ernährung und Wohnraum zum Ausgangspunkt unseres politischen Handelns zu nehmen. Hier liegen die Grundlagen menschlichen Lebens. Ein polit-ökonomisches System muss in der Lage sein, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn dies wie derzeit nicht geschieht, muss es erneuert bzw. transformiert werden.

Aufgabe der Aktionskonferenz

Wir laden hiermit vor allem regional und kommunal agierende Gruppen in den Bereichen Bildung und Erziehung, Gesundheit und Pflege, Soziale Arbeit, Ernährung und Wohnraum zu einem Wochenende des Austauschs, der Reflexion und der politischen Aktion ein. Wir sehen vielfältige Aktivitäten, die an konkreten alltäglichen Lebensbedürfnissen ansetzen: Vom Erzieherinnenstreik 2009 zu den oft regional ausgerichteten Warnstreiks von Pflegekräften, den Ansätzen einer Organisierung von Haushaltsarbeiterinnen und den kommunalen Auseinandersetzungen um Kinderbetreuung; von den vielfältigen politischen Auseinandersetzungen einer breiten Bewegung „Recht auf Stadt“, den kraftvollen Proteste gegen Zwangsräumungen, migrantischen Kämpfen um Bewegungsfreiheit bis zum Zusammenschluss selbstorganisierter Hausprojekte im Miethäuser Syndikat und einer Commons-Bewegung, die im Bereich der Daseinsvorsorge alternative Lebensformen erprobt. Aber auch kleinere Initiativen, die sich mit der Aufwertung und Umgestaltung von Sorgearbeit beschäftigen oder sich als Patient_innen zusammengeschlossen haben, sind von Bedeutung.

Mit dieser Aktionskonferenz Care Revolution verfolgen wir folgende Ziele:

  • Es gibt regional und je nach Themenbereich sehr unterschiedliche Initiativen. Diese können, so unsere Hoffnung, auf einer Konferenz, in der Austausch im Zentrum steht, viel voneinander lernen.
  • Dabei ist es uns wichtig, gerade im Bereich Kindererziehung sowie Pflege die Sichtweisen und Probleme beruflicher Care Worker wie Erzieher_innen und Pflegekräfte mit den Erfahrungen von Menschen mit hohen familiären Sorgeverpflichtungen zusammenbringen. Wir versprechen uns dadurch eine neue Stärke von unten für die weiteren politischen Auseinandersetzungen um den Ausbau öffentlicher Dienstleistungen in KiTas, Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen sowie um eine bessere Entlohnung und humane Arbeitsbedingungen für die dort Beschäftigten.
  • Uns ist ebenfalls wichtig, Aktivist_innen aus unterschiedlichen sozialen Auseinander-setzungen um die Daseinsvorsorge miteinander ins Gespräch zu bringen. So können Elterninitiativen eventuell von Mietauseinandersetzungen, Zusammenschlüsse von Patient_innen von selbstorganisierten Hausprojekten, Erzieher_innen von den Pflegestreiks lernen und andersherum.
  • Es geht in der Aktionskonferenz also primär um den Austausch von Perspektiven und Erfahrungen und Vernetzung. Gleichzeitig wollen wir damit all diese für das menschliche Leben so notwendigen Bereiche sichtbar machen. Eine Erhöhung der Sichtbarkeit von Reproduktionsarbeit sowie eine Verknüpfung der politischen Aktivitäten im Care-Bereich können zur Stärkung der bereits bestehenden sozialen Kämpfe beitragen.

Ablauf der Aktionskonferenz – von Freitag 17 Uhr bis Sonntag 13 Uhr

Freitag: Kaleidoskop der politischen Care Aktivitäten

  • Vorstellung der beteiligten Gruppen
  • Verbindung sozialer Interessen und Aktivitäten

Samstag: Workshop-Tag mit Theorie und Praxis

Inhaltliche Arbeitsphase in Workshops (mögliche Themen der Workshops: Selbstsorge, Kindererziehung, Schulische Bildung, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Ernährung, Arbeitsbedingungen in Care Berufen, Commons), möglichst mit Verknüpfung von nicht entlohnter und entlohnter Care Work und/ oder Verschränkung verschiedener Thematiken
Am späten Nachmittag: Care wird sichtbar: Gemeinsame Aktionen auf einem Berliner Platz
Abends: Die Konferenz tanzt!

Sonntag: Nächste Schritte der Care Revolution

  • Arbeit an konkreten Vorschlägen und Vereinbarungen aus den Workshops
  • Bündeln der Ergebnisse aus den Workshops
  • Wie weiter? Vernetzung

Begleitende Basic-Workshops

Am Freitag werden am frühen Nachmittag von 13 bis 16 Uhr vier parallel laufende Workshops angeboten, in denen es um Wissensvermittlung und Diskussion relevanter Erfahrungen geht.

Themen der Workshops:

  • Politische Aktivitäten im Care Bereich – auch international
  • Zur Krise sozialer Reproduktion
  • Bedeutung der Care Ökonomie
  • Kritik des neoliberalen Zeitregimes

Die Aktionskonferenz sowie die Basic-Workshops werden in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin, Franz-Mehring-Platz 1 stattfinden.


6 Kommentare »

  1. Hallo,
    ich arbeite bei Attac in der “Genug für Alle” AG und hätte Interesse, an eurer Konferenz im März teilzunehmen.
    Viele Grüße
    Dagmar paternoga
    Attac-Ratsmitglied

    Comment by Dagmar Paternoga — 10.10.2013 um 10:37

  2. Wie kann ich mich anmelden?
    Ich bin eine der Sprecherinnen LINKE Frauen Brandenburg.
    Solidarische Grüße

    Comment by Gabriele Brandt — 13.10.2013 um 17:18

  3. hallo,

    wir möchten gerne die geplante Care- Konferenz unterstützen. Auch die Überparteiliche Fraueninitiative (ÜPFI) in Berlin und der BFN (BerlinerFrauenNetzwerk) möchten eingezogen werden.
    Herzliche Grüße aus Berlin von:

    Astrid LAndero

    Comment by Astrid Landero — 17.10.2013 um 14:19

  4. [...] wäre sie gut beraten, sich solchen Diskursen gegenüber zu öffnen. Es ist zu hoffen, dass die für Mitte März 2014 in Berlin geplante Konferenz zur Care-Revolution Gelegenheit für entsprechende „interkulturelle“ Gespräche bieten [...]

    Pingback by beziehungsweise – weiterdenken : Care statt Crash — 04.11.2013 um 19:29

  5. [...] und in vielen Aktionen vor Ort bereits erfolgt ist. In einem weiteren Schritt lassen sich auf der Aktionskonferenz Care Revolution am 14. bis 16. März 2014 in Berlin Erfahrungen, die in sozialen Auseinandersetzungen um [...]

    Pingback by Feministisches Institut Hamburg / Arbeit / Unterstützung für Care-Arbeitende – Fehlanzeige im CDU/SPD-Koalitionsvertrag — 14.12.2013 um 10:45

  6. Hallo zusammen, wie großartig, diese Veranstaltung ist mehr als nötig und ich möchte unbedingt teilnehmen! Wie kann ich mich anmelden? Ich arbeite- unter anderem- mit Menchen mit Behinderungen im Bereich Kultur (Theater). Der Bereich Kultur gehört meiner Meinung noch unbedingt mit auf die Veranstaltung.
    Ich freue mich ueber eine Rueckmeldung!
    Mit solidarischen Grueßen
    Frieda aus Luebeck

    Comment by Frieda Stahmer — 04.02.2014 um 10:26

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